Einbürgerungsfeier in der Kepler-Oberschule in Neukölln: Walid Akle (29) aus Palästina mit seiner Urkunde. Foto: Augen-Blick
Einbürgerungsfeier in der Kepler-Oberschule in Neukölln: Walid Akle (29) aus Palästina mit seiner Urkunde. Foto: Augen-Blick

Die zweite Geburt

Mit der Einbürgerungsfeier beginnt für viele neue Staatsbürger ein neuer Lebensabschnitt.

Berlin. Pathos ist verpönt und dennoch sind auch in Berlin öffentliche Zeremonien zur staatlichen Eingemeindung der neuen Bundesbürger für viele Beteiligte bewegende Momente.

Es ist ein schöner Tag, rein meteorologisch ganz offenkundig, für 36 Menschen sehr persönlich gesehen und sogar politisch betrachtet. Die Sonne brennt, es ist eine jener großstädtischen Wetter- und Gemütslagen, die Berlin unausstehlich und wunderbar zugleich machen. Kaiserwetter. Geburtstagswetter, jedenfalls für Shala Ganimet, deren Eltern aus dem Kosovo nach Deutschland eingewandert sind. Sie ist in Deutschland geboren, aber erst heute wird sie endgültig hier auch ankommen. Sie werde, sagt die 29-Jährige, jetzt „neu geboren“. Ihre Stimme zittert ein wenig vor innerer Bewegung. Es sind nur noch wenige Minuten, bis der Geburtsakt, der allerdings zu einer Art kleinem Staatsakt gerät, in aller Öffentlichkeit tatsächlich eingeleitet wird. Es sind nur noch wenige Minuten bis dahin, und Frau Ganimet sagt, sie habe „Schmetterlinge im Bauch“.

Festliche Stimmung

Neben ihr hat Walid Akle Platz genommen. Auch er ist 29 Jahre alt, auch er ist in festlicher Stimmung. Mit dem deutschen Pass in der Tasche erwartet sich der 1990 aus Palästina eingewanderte Sicherheitsexperte vor allem im Ausland „mehr Respekt“. Mit den staatsbürgerlichen Aufgaben, die nun auf ihn zukommen, will er es genau nehmen. Künftig zur Wahl gehen zu können, etwa sei ihm wichtig.

In der Aula der Kepler-Oberschule, die an diesem frühen Nachmittag als Ersatz für den in Renovierung befindlichen Saal des Neuköllner Rathauses dienen muss, hängen die Fahnen der Bundesrepublik und des Landes Berlin. Vor der Bühne haben ein Pianist und ein Cellist mit ihren Instrumenten Aufstellung genommen. Sie haben sich mit ihren silbernen, etwas altväterlich aussehenden Fliegen extra fein gemacht, feiner als alle anderen im Raum. Auf den Stühlen liegen Blätter mit der deutschen Nationalhymne, die aber erst einmal zum Luftzuwedeln Verwendung finden. Einige in den sich langsam füllenden Reihen fingern noch auf ihren Handys rum, andere tuscheln leise mit Familienangehörigen oder Freunden.

Es ist eine Stimmung zwischen Ausgabe von Abiturzeugnissen und Trauung auf dem Standesamt. Es ist nicht wirklich feierlich und nicht wirklich alltäglich. Es ist Neukölln, und es ist auch sehr deutsch.

1067 Einbürgerungen zählte Neukölln im Jahr 2008. Bürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD) lässt es sich nicht nehmen, zweimal im Monat bei der Ausgabe der Urkunden selbst Hand anzulegen und das „feierliche Bekenntnis“ zum neuen Staat persönlich abzunehmen. Der Politiker nennt es praktizierte „Willkommenskultur“. Es soll eine Feier sein für beide Seiten, für die neuen Deutschen und den Staat, der sich über den Zuwachs freut. Eigentlich eine Situation, bei der es nur Gewinner gibt.

Eine neue Familie

Buschkowsky hat es in seinem Bezirk mit vielen Ausländern nicht eben leicht. Er hat mit Jugendbanden zu kämpfen, mit No-go-Areas, in die sich die Polizei kaum noch unter Mannschaftsstärke traut, mit Familienclans, in denen die Kriminalität praktisch von Generation zu Generation stolz weitergegeben wird. Da ist ein Termin wie dieser geradezu ein Labsal.

Die beiden Musiker spielen ein etwas dürres Medley aus verschiedenen Nationalhymnen, nach jedem einzelnen Stück spendiert das Publikum dankbar einen kleinen Applaus. Bevor der Bürgermeister an die Neubürger aus elf Nationen die Urkunden übergibt, heißt er sie erst einmal in der „neuen Familie“ namens Deutschland willkommen. Er spricht von einem „Schutzschirm der Solidarität“, der sich nun über ihnen aufspannen werde. Hier, in ihrer „neuen Heimat“, erwarte sie Höflichkeit und „ein Lächeln“. Der Ton, den der Politiker anschlägt, bewegt sich zwischen gütiger Predigt und Fortbildungsseminar für Sozialkundelehrer. Aber man spürt, dass die Worte ehrlich gemeint sind. Erneut Beifall. Am Schluss das Deutschlandlied. Und ein Gläschen Sekt auf Kosten des Bezirks.

Gebremste Feierlichkeit

Zwei Wochen später im Saal des Kreuzberger Rathauses. Gleiche Feier, gleiche Tonlage, jedoch Kaffee und Selters statt Sekt. Aber auch hier diese eigentümliche Mischung aus Sachlichkeit, Bescheidenheit und gebremster Feierlichkeit. 902 Einbürgerungen registrierte Friedrichshain-Kreuzberg 2008. Die Zahlen für Berlin sind relativ konstant. In den vergangenen Jahren haben sie sich zwischen 6500 und 7500 eingependelt (2008: 6864). Spitzenreiter bei den Einbürgerungen sind Türken, gefolgt von Serben und Polen.

Bürgermeister Franz Schulz (Bündnis 90/Die Grünen) lobt das „Bekenntnis zu Deutschland“, versichert, nicht die „Assimilation“ der Neubürger im Sinn zu haben, wirbt für das politische Ziel der doppelten Staatsbürgerschaft und wünscht am Ende seiner kurzen Ansprache noch „viel Erfolg im weiteren Leben“. Matter Applaus. Er gehe, sagt Bülemt Acik, nach dieser Feier „nach Haus – und das war’s“. Der 38 Jahre alte Getränkelieferant sieht es nüchtern. Er ist in Deutschland geboren, zurück in die Türkei wird er nicht mehr ziehen. Er hätte den Einbürgerungsakt lieber „diskreter“ gehabt, ein Händedruck „einfach im Büro“ hätte ihm gereicht.

Alexei Krassinikov aber wird den Tag „fürs ganze Leben im Kopf behalten“. Seine russische Seele läuft schier über vor Rührung. „Schön“ sei das alles, „sehr schön“. Den meisten anderen geht es ähnlich. Und später, wenn die Feier längst der Vergangenheit angehört? Für die „neu geborene“ Shala Ganimet ist die Sache klar. Befragt man sie nach ihren Wünschen für die Zukunft, ist die Antwort schon so deutsch, deutscher könnte sie kaum sein. Beamtin zu werden, sagt sie, das sei ihr Traum. Willkommen in unserem Land.

Kai Ritzmann


Ehrgeiziges Ziel
Die Verwaltung hat sich das ehrgeizige Ziel gesetzt, das Einbürgerungsverfahren im Regelfall innerhalb von sechs Monaten abzuschließen. Der Antrag muss im jeweiligen Bezirk gestellt werden. Dort findet zunächst eine Beratung statt; geprüft wird im weiteren Verlauf unter anderem, ob der Antragsteller tatsächlich mindestens acht Jahre in Deutschland lebt und ob Vorstrafen vorliegen. Vor der Einbürgerung ist noch ein Test zu bestehen, der die Grundkenntnisse über deutsche Geschichte, Sprache, Kultur und Staatswesen abfragt. Der meist schwierigste und langwierigste Teil des Prozederes ist allerdings die Ausbürgerung aus dem Heimatland. Die Kosten für die amtlichen Bemühungen hier liegen derzeit bei 255 Euro.


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