


580 Feuerwehrleute arbeiten am Heiligen Abend in Berlin. Einsatzleiter Lars Nawrocki hat sich freiwillig zur Schicht gemeldet.
Berlin. Heiligabend unter dem Tannenbaum. Was für viele zu den schönsten Stunden am 24. Dezember zählt, erweckt beim Leiter der Weddinger Feuerwehrwache an der Reinickendorfer Straße, Lars Nawrocki, keine großen Gefühle. Im Gegenteil: Er meldet sich freiwillig zum Dienst am Heiligen Abend – eine 24-Stunden-Schicht, die bis zum ersten Weihnachtsfeiertag dauert.
„Es gibt viele Kollegen, denen es wichtig ist, am Heiligen Abend bei ihren Familien zu sein. Mir ist das hingegen egal“, sagt der zwei Meter große, ein wenig nordisch aussehende Feuerwehrmann. Damit seine Kollegen den Weihnachtsabend im Kreise ihrer Liebsten verbringen können, übernimmt er an diesem Festtag sogar freiwillig den Dienst.
Nicht das Wichtigste
Seit 20 Jahren ist er mit Leib und Seele Feuerwehrmann. So lange gehört auch der Dienst an den Weihnachtstagen bei ihm dazu. „Als Zugführer an der Wache in der Charlottenburger Rankestraße war ich während der Feiertage immer im Dienstplan eingetragen“, sagt er. Zwar nicht alle drei Tage hintereinander. Jedoch in Ruhe und Besinnlichkeit Weihnachten zu feiern, wie es in anderen Familien üblich ist, das erlebte er in den vergangenen 20 Jahren selten. Nach seiner 24-Stunden-Schicht will er erst einmal richtig ausschlafen.
Erst am zweiten Feiertag geht Lars Nawrocki dann mit seiner Frau schön essen. „Für meine Frau und mich ist Weihnachten nicht das wichtigste Fest im Jahr“, begründet Nawrocki seine Motivation für den Dienst. „Wenn ich im Dienst bin, merke ich nicht, ob es sich um einen Feiertag handelt oder nicht“, so der 40-Jährige. Klar, dass bei dieser Haltung auch sein Arbeitsplatz frei bleibt von weihnachtlichen Dekorationen … Seine Lebensgefährtin arbeitet bei der Polizei und bringt das nötige Verständnis für die ungewöhnlichen Arbeitszeiten ihres Partners mit.
Lodernde Tannenbäume oder Weihnachtsgestecke sind in Wedding eher selten. „Zwischen Sparplatz und Gerichtsstraße wohnen viele andere Nationalitäten, für die das christliche Fest keine besondere Bedeutung hat“, so Nawrocki. Und der Alltag sieht so aus: 1200-mal werden die Weddinger Feuerwehrleute durchschnittlich im Monat alarmiert. „Den größten Anteil machen mit 80 Prozent die Einsätze mit Rettungswagen aus“, so Nawrocki, also Fälle, bei denen medizinische Hilfe gebraucht wird. Echten Feueralarm gibt es im Monat etwa 80-mal. „In 20 bis 30 Fällen kommen wir dann tatsächlich zum Löschen.“ Ursachen seien vielfach brennende Zigaretten oder Kerzen, aber auch technische Defekte. Das Einsatzgebiet seiner Wache reicht von der Invalidenstraße bis nach Reinickendorf hinein.
Schnell vor Ort
Was für Angehörige oftmals schrecklich ist, gehört für den langjährigen Helfer in der Not zum Berufsalltag. „Wenn es Heiligabend schon etwas später ist, werden wir alarmiert, weil die Verwandten vor der Tür stehen und ältere Menschen nicht aufmachen. Es ist schon passiert, dass wir die Tür aufbrechen mussten und in der Wohnung einen Toten vorgefunden haben“, berichtet er. In seiner 20-jährigen Berufzeit hat der Wachleiter sehr viel erlebt: Selbstmorde, schwere Verkehrsunfälle mit Toten oder mehreren Schwerverletzten sowie gefährliche Dachstuhlbrände, bei denen alle Mieter ihre Wohnungen verlassen mussten. Erinnern kann er sich an einen tragischen Fall, in dem jede Hilfe zu spät kam. „Eine Mutter kauerte im dunklen Treppenhaus neben ihrer schwer kranken 14-jährigen Tochter, die im Sterben lag.“ Sie sei nicht in der Lage gewesen, rechtzeitig Hilfe zu holen. „Man lernt, solche Dinge nicht an sich herankommen zulassen“, so Nawrocki.
Den Heiligabend verbringt er dieses Mal in der Wache Charlottenburg-Nord am Nikolaus-Groß-Weg im Einsatzleitdienst. Schnell erreichen die Feuerwehrleute von dieser Stelle direkt an der Stadtautobahn die Orte der Stadt, wo Hilfe dringend nötig ist. So ertönt beispielsweise direkt in der Feuerwache Alarm, wenn in einem großen innerstädtischen Hotel oder bei großen Firmen Rauchmelder angehen.
Heiligabend meist ruhig
„Insgesamt sind 580 Feuerwehrmänner am Heiligabend im Dienst“, sagt der Sprecher der Feuerwehr, Jens-Peter Wilke. „Erfahrungsgemäß ist es am 24. Dezember eher ruhig, es passiert nicht sehr viel.“ An den Feiertagen sähe es schon anders aus, da käme es öfter zu Bränden. „Ich kann mich erinnert, dass am 26. Dezember 2002 die Wannseeterrassen brannten.“ Im Gegensatz zu Weihnachten ist die Feuerwehr zu Silvester dann in Alarmbereitschaft. Wilke: „Dann sind doppelt so viele Kollegen im Einsatz.“
Marianne Rittner
| Wer arbeitet an den Festtagen |
| Feuerwehr, Polizei, Justizvollzugsanstalten, Krankenhäuser, Busse und Bahnen – mehrere Tausend Beschäftigte versehen an den Feiertagen ganz regulär ihren Dienst. Der Hauptpersonalrat schätzt, dass an den Feiertagen etwa 10000 Kollegen im Einsatz sind. Bei der S-Bahn sind 1200 Kollegen im Dienst, sagt Sprecher Ingo Prignitz. |
| Dann gibt es bei den Versorgern Rund-um-die-Uhr-Dienste. „15 Mitarbeiter halten die Müllverbrennungsanlage in Gang“, sagt Bernd Müller, Sprecher der Berliner Stadtreinigung. „Sollte es Weihnachten schneien, können wir bis zu 2000 Mitarbeiter kurzfristig aktivieren, die Rufbereitschaft haben.“ |
| Keine genauen Zahlen gibt es für die Anzahl der Taxifahrer, die Gäste zu Feiern fahren. In den zahlreichen Hotels und Gaststätten geht der Betrieb ebenfalls reibungslos weiter. Darüber hinaus sind Ärzte, Apotheker oder Wachdienste im Einsatz. „Wir wissen, dass es im Dienstleitungsbereich auch viele Beschäftigte gibt, die Heiligabend arbeiten, zum Beispiel in Fitnessstudios“, sagt Andreas Splanemann von der Gewerkschaft Verdi. |
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