Schneechaos auf allen Straßen in der Hauptstadt: Autos und Fußgänger kommen nur mühsam voran, eingeschneite Wagen sind kaum aus den Parklücken zu bewegen. Fotos: Kässner
Schneechaos auf allen Straßen in der Hauptstadt: Autos und Fußgänger kommen nur mühsam voran, eingeschneite Wagen sind kaum aus den Parklücken zu bewegen. Fotos: Kässner
Eis und Schnee machen den Zügen der S-Bahn schwer zu schaffen.
Eis und Schnee machen den Zügen der S-Bahn schwer zu schaffen.

Dieser Winter nervt gewaltig

Alle stöhnen – ganz gleich ob Fußgänger, Autofahrer oder Fahrgäste in öffentlichen Verkehrsmitteln.

Wettlauf mit den Autos

Wenn du es eilig hast, mache einen Umweg, heißt es in China. Ich sage mir, besser schlecht gelaufen, als gut gefahren. Also los! Die Straßenbahn bleibt aus, ich mache mich, gemeinsam mit ein paar anderen, auf den Weg Richtung Alexanderplatz. Am Königstor an der Greifswalder Straße überholen wir die ersten Autos, das macht Mut. Und irgendwie, denke ich, ist zu Fuß doch gar nicht mal so schlecht. Langsam werden die Beine warm, und das Laufen im Schnee fördert Konzentration und Gleichgewichtssinn. So gesehen sind die Berliner Verkehrsbetriebe BVG doch ein sehr gesundes Unternehmen.

„Mensch, watt machst du denn hier!“, ruft plötzlich einer. „Ick loofe, und du?“, fragt der Entgegenkommende. Die beiden, offenbar alte Freunde, scheren aus der Schlange aus und verdrücken sich ins nächste Café. Auch eine Lösung. Am Alex will ich mir am Kiosk eine Zeitung holen, aber der Laden ist dicht. Es klebt ein Zettel an der Scheibe: „Wegen Winter geschlossen.“ Auch die U-Bahn warnt: „Witterungsbedingt kann es zu Unregelmäßigkeiten kommen…“ Darauf will ich mich gar nicht erst einlassen. Ich stapfe weiter durchs Nikolaiviertel, laufe über die verschneite Spreebrücke und den Spittelmarkt. Die Stadt ist, dem Schnee sei Dank, nicht so laut und schnell wie sonst. Nach 80 Minuten bin ich am Ziel. Das Leben meistert man lächelnd oder überhaupt nicht, heißt eine andere chinesische Weisheit.

Lotterie in der S3

Nie waren wir uns so nah wie in diesem Winter! Der S-Bahn sei Dank. Schon das morgendliche Warten auf die S3 in Hirschgarten wird zum Gruppenerlebnis. Denn wer schlau ist und Zeit hat, fährt, um ins Zentrum zu kommen, von Köpenick erst einmal eine Station entgegengesetzt. Das erhöht deutlich die Chance, in den Wagen zu kommen. Vorausgesetzt natürlich, die Bahn lässt einen nicht komplett im Stich. Und dann zuckelt die Sardinenbüchse stadteinwärts. Köpenick und Karlshorst muss man überstehen, denn dort wird es erst richtig eng. Luftholen am Ostkreuz, hier steigen erstmals mehr Leute aus als ein. Zwei Stationen später wird es schon wieder drängelig. Laut Fahrplan endet jede zweite Bahn am Ostbahnhof. Mindestens. Also: Umsteigen – und neu sortieren.

Abends das Gleiche rückwärts – mit lustiger Lotterie am Ostbahnhof. Fährt die Bahn Richtung Erkner? Wenn ja, von welchem Bahnsteig, gehen die Türen auf, ist der Wagen geheizt? Irgendwann dieser Tage lief alles verdächtig reibungslos. Dann aber die Ansage vom Lokführer. In Hirschgarten, so teilt er mit, sei die Bahnsteigbeleuchtung komplett ausgefallen. Auf die S-Bahn ist eben einfach Verlass.

Der Regio ist vereist

„Das ist hier wie Sibirien“, flucht ein Mitleidender, der ungeschützt im Wind an Gleis 2 steht. „Quatsch“, entgegnet ein anderer, „dort rollen Züge noch bei ganz anderen Temperaturen.“ Pendler wissen schon lange: Die Bahn hat andere Sorgen als wir, die wir im Speckgürtel nur wenige Kilometer von der Stadtgrenze entfernt wohnen. Dazu braucht es keinen Winter.

Wenn es aber, wie nun etwa am Bahnhof Falkensee, Minusgrade und Schnee gibt, ist die Bahn fein raus. Dann erweitert sich die Palette der Ausflüchte, warum Regionalexpress und Regionalbahn später oder gar nicht kommen. Dieses Mal ein Novum: Der Zug kommt, hält aber nicht, zum Ärger der verdutzten Bahnkunden. Eine vereiste Weiche, sagt die Frauenstimme aus dem Lautsprecher, sei der Grund, warum Züge nicht am Bahnsteig halten. Auch Schüler, die in die nur wenige Kilometer entfernte Hauptstadt wollen, haben das Nachsehen. Die Information, doch besser einen anderen Bahnhof aufzusuchen, klingt wie Hohn. „Man weiß nicht, was schlimmer ist, das Wetter oder die Informationen, die fast immer zu spät und ungenau kommen“, sagt ein Pendler mit Aktentasche, der telefonisch einen Termin verschiebt und wie wir alle die Erfahrung macht, dass das nahe Berlin unerreichbar weit weg sein kann.

Zwischendrin und draußen

„Die nächste Bahn folgt unmittelbar!“ Mehrmals ertönt aus dem Lautsprecher der verheißungsvolle Hinweis, nur glauben will es niemand. An den Türen drängeln und schieben jene, die unbedingt noch in den Wagen wollen, auch wenn keine Handbreit Platz mehr ist.

Der Interessenkonflikt in Zügen der U-Bahnlinie 6 ist greifbar. Die drinnen wollen sich nicht noch mehr quetschen lassen, die draußen glauben, da geht noch was. Ich bin dazwischen. Weder drinnen noch draußen. Gefangen im Durcheinander des abendlichen Berufsverkehrs. „Machen Sie bitte die Türen frei!“, mahnt die unsichtbare Aufsicht. Vergebens! In zehn Minuten fährt meine S-Bahn am Bahnhof Friedrichstraße ab. Hoffentlich hat sie Verspätung.

Autos unter Schneemassen

Ich bekenne, ich fahre gern Auto, auch wenn das Öko-Gewissen ab und an mahnend den Finger hebt. Und was ist mit der Umweltbilanz?, fragt es nörglerisch. Meistens gelingt es mir, den mahnenden Finger zu ignorieren, aber im Winter schlägt die Stunde des Gewissens. Es fängt damit an, dass ich versuche, in mein Auto hineinzukommen – bei festgefrorenen Türen eine Herkulesaufgabe. Dann fegen, kratzen, im Extremfall ausgraben. Wenigstens ist mir dann schön warm, was, wer ewig auf die S-Bahn wartet, nicht von sich sagen kann.

Endlich im Auto – schon sind die Scheiben beschlagen. Das Gebläse tut, was es kann. Der Blick durch die Windschutzscheibe richtet sich schließlich auf ein schönes winterliches Berlin, zum Fahren sind die Verhältnisse weniger geeignet. Ich habe gelesen, dass in kleineren Straßen der Schnee nicht mehr geräumt werden soll, was ich erstaunlich fand, denn ich konnte bisher nicht erkennen, dass da überhaupt schon mal geräumt wurde.

Neulich Abend hatte ich einen Friseurtermin, natürlich in einer kleinen Straße. Ich fräste mich durch die Schneehaufen, links und rechts die parkenden Autos, die, begraben unter Schneemassen, aussahen, als seien sie für die Ewigkeit dort abgestellt. Nur für mein Auto war kein Platz mehr. Ich musste dann bis zum Friseur ziemlich weit zu Fuß gehen. Ich finde, mein Öko-Gewissen hatte jetzt seine Genugtuung.

Balanceakt auf dem Rad

Man sieht sie noch, auch wenn Schnee und Eis ihre Zahl deutlich schrumpfen lassen: Fahrradfahrer auf dem Weg von oder zur Arbeit, in die Uni oder zum Sport. Mit Sturmhauben unter ihren Helmen und Windbrillen sehen manche aus wie Krieger von einem fernen Planeten. Ich habe mein Fahrrad im Keller gelassen. Sicher ist sicher. Die Wege sind kaum geräumt. Und wenn sich doch das eine oder andere Räumfahrzeug dorthin verirrt hat, hinterlässt es glatte Pisten.

Fahrradfahren wird so zur Herausforderung für die Pedaleure, die ihre Balancierkunst unter Beweis stellen können. Die Hasardeure fahren auf den meist besser geräumten Straßen – und ziehen nicht selten eine Karawane von Autos hinter sich her, deren Fahrer sich nicht trauen, den Radler zu überholen. Er könnte ja vor das Auto rutschen.

Ich werde wieder aufs Rad steigen, wenn Straßen und Wege eisfrei sind. Bis dahin reihe ich mich ein ins Volk der U- und S-Bahnfahrer und widerstehe – versprochen! – der Versuchung, mit dem Auto zu fahren.

Warten auf die Metrolinie

An den Haltestellen der Metrolinie 29 scharen sich die Fahrgäste – oder besser: die Möchtegern-Fahrgäste. Und was heißt überhaupt Gäste? Behandelt man seine Gäste so? Aber wer dort steht, hat zumeist nicht viele Alternativen. Irgendwann, nach endlosem Warten, kommt der Große Gelbe doch. Etwa zwei dutzend Menschen schieben sich an der Haltestelle Richtung Straßenrand. Der Bus ist schon voll. Und der Fahrer? Der schämt sich regelrecht für sein Unternehmen gegenüber dem Fahrgast, der sein Geld hinlegt: „Eine Schande ist das, dass man für so einen Service auch noch bezahlen soll.“ Betretene Gesichter im Gedrängel auf dem Gang. Man kann sich leicht vorstellen, wie oft der Mann an diesem Tag schon beschimpft worden ist. In diesem Bus bleibt es ganz ruhig.

Birgit Warnhold
Torsten Wendlandt
Michael Link
Manfred Pantförder
Frank Kässner
Oliver de Weert



Die öffentlichen Verkehrsmittel in Berlin
Die Berliner S-Bahn befördert nach eigenen Angaben pro Werktag etwa 1,3 Millionen Fahrgäste auf 15 Linien. Das Streckennetz umfasst 331,5 Kilometer und 166 Bahnhöfe. Hotline Tel. 29743333. Die BVG transportiert in ihren Bussen, U- und Straßenbahnen täglich etwa 2,5 Millionen Fahrgäste, im Winter sind es laut eines Unternehmenssprechers witterungsbedingt 300.000 Fahrgäste mehr. Die Busflotte besteht aus 1300 Fahrzeugen, die auf 147 Linien täglich 300.000 Kilometer zurücklegen. Das U-Bahnnetz ist 146 Kilometer lang, betrieben werden zehn Linien, es gibt 173 Bahnhöfe. Das Gleisnetz der Straßenbahn erstreckt sich über fast 190 Kilometer. Alle 22 Linien kommen auf eine Gesamtlänge von 430 Kilometern. BVG-Callcenter Tel. 19449. Bei den Regionalbahnen umfasst das Streckennetz etwa 3000 Kilometer in Berlin und Brandenburg. Jährlich nutzen 45,7 Millionen Fahrgäste die Regionalbahnen. Über die Hotline Tel. 08000996633 ist zu erfahren, ob die Züge pünktlich sind.

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