


Seit einigen Monaten setzt die BVG bei der Reinigung Luftverbesserer ein. Nun ist die Meinung der Fahrgäste gefragt.
Berlin. Die Hauptstadt soll besser riechen. Nicht nur in öffentlichen Verkehrsmitteln wird mit Duftzusätzen experimentiert, auch manche Kaufhäuser und Geschäfte erwägen Geruchsstrategien.
„Heute ist es mal wieder besonders schlimm“, sagt Adrian Specht und schwingt seinen Wischmob in der Ecke neben dem Kiosk im U-Bahnhof Jannowitzbrücke. Aber Wasser und Reinigungsmittel allein reichen da nicht mehr, um den fleckigen Steinboden und die Kacheln an der Wand zu säubern. Ein Schuss Bio Breeze, fruchtig-mild, kommt dazu, um auch den durchdringenden Uringeruch zu vertreiben. Kollege Michael Storl rümpft die Nase. Beide arbeiten für die Firma Sasse, die im Auftrag der Berliner Verkehrsbetriebe BVG bei der Reinigung der U-Bahnhöfe auch Duftmittel testet.
Fünf bis sechs Bahnhöfe täglich schaffen die zwei als eingespieltes Team, mehr ist nicht drin. Besonders extrem ist es an großen Umsteigebahnhöfen, sagt Specht. Ob Bahnhof Jannowitzbrücke, Hermannplatz oder Wuhletal, die Sasse-Saubermänner müssen sich mit „sämtlichen Körperflüssigkeiten“ auseinandersetzen, von Erbrochenem bis zu Fäkalien. „Am schlimmsten“, da sind sie sich einig, „ist es am U-Bahnhof Kottbusser Tor.“
Der Urin sitzt zum Teil schon tief im Mauerwerk der Bahnhöfe, weiß auch BVG-Sprecherin Petra Reetz. Der Großangriff mit dem Duftzusatz läuft „ungiftig und biologisch abbaubar“, betont sie. Der Einsatz, so Reetz, müsse sehr dosiert sein. „Das Beste wäre, wenn gar nichts mehr zu riechen ist. Auf jeden Fall soll es unaufdringlich sein.“ Wie der Versuch bei den Kunden ankommt, soll eine Befragung klären. „Eine Entscheidung, wie wir weitermachen, gibt es nach der Sommerpause“, sagt Reetz.
Erfolgreiche Mischung
Eins zu 40 verdünnen Specht und Storl das Bio Breeze. Ihrer Erfahrung nach ist die Mischung ganz erfolgreich: „Wir haben auch schon mal Duftöl-Konzentrat genommen, aber das war viel zu intensiv.“ Unbeachtet von den Passanten werfen sie die Reinigungsmaschine wieder an, und die Bürste rotiert. Laut, aber effektiv. Es riecht wieder „normal“. Hin und wieder wird das Bio Breeze auch mal abgesetzt. „Das machen wir, um zu testen, ob es dann mehr Kundenbeschwerden gibt“, erklärt Specht.
Zwar hat die Berliner S-Bahn gerade ganz andere Sorgen, trotzdem ist das Thema „Düfte“ auch dort präsent. „Wir haben Vorschläge von Mitarbeitern zur Verbesserung des Raumklimas vorliegen“, bestätigt Sprecher Ingo Priegnitz. Noch haben die Fahrzeugprobleme Priorität, aber „eine Testphase wird es bestimmt auch bei der S-Bahn mal geben“. Bei einem solchen Test werde genau abgewogen, ob es der Mehrheit der Kunden etwas bringe.
Der differenzierte Umgang mit Duftzusätzen ergebe sich schon aus eventuellen Wirkungen auf Allergiker. Nur schöne Düfte versprühen, sei nicht gefragt. Das sagt auch Jens Wieseke vom Fahrgastverband Igeb: „Öffentliche Verkehrsräume sollten ein möglichst geruchsneutraler Raum sein.“ Sprühdüfte lehne er ab. In Geschäften wie Parfümerien sei das dagegen etwas ganz anderes.
Tatsächlich duftet es oft nicht nur in Parfümabteilungen stark. „Neulich hat es bei den Teppichen bei Ikea gerochen, als ob da irgendwo Duftkerzen brennen“, erzählt Programmiererin Gudrun Schnartz aus Schöneberg. Sie habe sich noch umgesehen, aber keine Kerzen entdeckt. Der Lehrerin Sabine Rühn aus Charlottenburg wehte bei einem Konzert in der Max-Schmeling-Halle der Geruch von frischem Gebäck um die Nase. „Das war vielleicht komisch. Da wurde so was doch gar nicht verkauft.“ „Unterstützende Gerüche“ vermutet Kai Wüge besonders bei Seifen und Parfüm in Kaufhäusern: „Eine Zeit lang, so zur Wende, war das bei Karstadt an der Müllerstraße extrem“, erinnert sich der Rentner. Student Klaus Krüger nimmt es gelassen: „Manchmal nervt mich ein Geruch, aber zum Beispiel beim Bäcker ist es angenehm, auch wenn er künstlich sein sollte.“
Ob die Luftverbesserer von den Kunden nur „gefühlt“ wahrgenommen oder tatsächlich eingesetzt werden, ist schwer zu sagen. So hat Galeria Kaufhof vor mehr als drei Jahren deutschlandweit in sieben Filialen „Duftmarketing“ betrieben. „Das war nicht um zum Kauf zu animieren, sondern zur Geruchsüberlagerung bei Lebensmitteln, an der Fischtheke und in Umkleidekabinen“, betont Sonja Kittel von der Kaufhof-Unternehmenskommunikation. Der Dufteinsatz sei dabei auch nur minimal gewesen.
Gutes Verkaufsklima
Jetzt, so Kittel, entscheiden die Filialen, ob sie Düfte anwenden. Neue Konzepte und Ideen werden seit einem Jahr im Real-Future-Store der Metro-Group in Nordrhein-Westfalen getestet. Für gute Kaufstimmung sorgt dort beim Fischmarkt Meeresrauschen, außerdem werden ätherische Öle versprüht. Eine Auswertung dazu gibt es aber noch nicht. „Wenn die Kunden es gut finden, ist das natürlich in jedem Real-Geschäft möglich“, so ein Unternehmenssprecher.
Eine Mitarbeiterin der Marketingabteilung vom Kaufhaus des Westens betont, dass in dem Traditionshaus keine Raumdüfte verwendet werden. „Zum Beispiel wird oft zu Weihnachten gedacht, dass wir Zimtduft benutzen, aber das stimmt nicht.“ Ob Ikea, Galeries Lafayette, Alexa oder Gropius-Passagen – es wird auf eine gute Klimaanlage und Pflanzendeko gesetzt. „Wenn bei uns was gemacht wird, dann höchstens vom Handel in den Geschäften. Das Center beschränkt sich auf die Klimaanlage und kann im Sommer auch für frische Luft die Glasdächer auffahren“, erklärt André Rückert, Centermanager der Gropius Passagen. Er ist sich aber „ziemlich sicher“, dass in einigen Kaufhäusern Duftzusätze zum Beispiel bei Mode-Nobelmarken im Einsatz sind. „Nur wird das keiner zugeben, warum auch immer.“
Sicher ist, dass Düfte immer häufiger zur Verkaufsstrategie gehören. Ganze Duft-Marketing-Unternehmen kümmern sich inzwischen professionell um die Umsetzung. Ihre Angebote: In Autohäusern wird der Gummigeruch durch frischen Lederduft übertüncht, im Modebereich steigt die Kauflust in bedufteten Räumen, schlechte Büroluft wird durch die richtige Duftkomposition optimiert, Eigengerüche fabrikneuer Möbel nach Klebstoff in Möbelhäusern können neutralisiert werden, Wohlgerüche in Hotels sorgen für Geborgenheit, und Dufteinsatz in Arztpraxen baut Patientenängste ab – alles ist möglich.
Gabi Zylla
| Bakterien neutralisieren Gestank |
| Der Reinigungszusatz Bio Breeze basiert nicht auf chemischer, sondern auf biologischer Wirkungsweise. Eingesetzt wird er als Raumluftneutralisator, weil er besonders effektiv gegen Uringerüche und Urinstein wirkt. Die Flüssigkeit enthält neben einem leichten Duftzusatz lebende Bakterienkulturen, deren Ausscheidungen geruchlos sind. Diese fressen dann die Bakterien, die sich vom Urin ernähren und dabei das übel riechende Ammoniak freisetzen. Der Zusatz wird im Wasser verdünnt angewandt. Bio Breeze gibt es auch in Sprayflaschen zu kaufen. Verbraucherschützer kritisieren, dass das Produkt aus den Vereinigten Staaten potenziell gesundheitsschädlich sein und Allergien auslösen könnte. zy |
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