Fast zehn Jahre im Amt: Seit Juni 2001 ist Klaus Wowereit (SPD) Regierender Bürgermeister von Berlin.
Fast zehn Jahre im Amt: Seit Juni 2001 ist Klaus Wowereit (SPD) Regierender Bürgermeister von Berlin.
Renate Künast ist seit 2005 Chefin der grünen Bundestagsfraktion. Fotos: Augen-Blick
Renate Künast ist seit 2005 Chefin der grünen Bundestagsfraktion. Fotos: Augen-Blick

Duell um den Bürgermeisterposten

Ein spannender Wahlkampf steht bevor: Grünen-Fraktionschefin Renate Künast fordert Berlins Regierenden Klaus Wowereit heraus.

Berlin. Die Meinungsforscher geben den Grünen in Berlin 30 Prozent, der SPD 22. Es ist ein offenes Rennen um das Amt des Regierenden Bürgermeisters. Während Künast von einem Stimmungshoch getragen wird, zeigt Wowereit Anwandlungen politischer Unlust.

Wer eine Wahl gewinnen möchte, muss früh aufstehen. Und so tritt der Regierende Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit (SPD), an diesem regnerischen Herbstmorgen um 8.26 Uhr ins Foyer der Neuköllner Sonnen-Schule und macht schon einmal etwas Konversation mit der Direktorin, bevor auch Neuköllns Bürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD) eintrifft, die dritte Klasse Wowereit mit ihrem Wissen über Wind beglückt und das Lehrerkollegium ihn mit Klagen über Integrationsprobleme der Schüler überschüttet.

Klagen über Klagen, dieses ewige Berliner Lamento, wird er den langen Tag lang noch fast im Stundentakt ertragen müssen. Am Ende der Bezirksvisite gewinnt man den Eindruck, dass er es wohl nicht mehr hören möchte. Die politische Auseinandersetzung und Schaumschlägerei überlässt er jedenfalls ganz Heinz Buschkowsky. Ihm selbst gelingt es auffallend gut, sein politisches Engagement, seine Lust am Regieren, an der Einmischung nahezu geheim zu halten.

Reise durch die Bezirke

Die Reise ist der Abschluss einer Serie von Expeditionen, die Wowereit in alle zwölf Bezirke geführt hat. Eine perfekte Dramaturgie hat diesen politischen Schlussakkord so terminiert, dass er geradewegs wenige Tage nach den Krönungsfestlichkeiten seiner Herausforderin erklingt und furios durch die Medien hallt. Dies allemal stemmt er noch mit links. Chapeau! Man soll, sagen altgediente Beobachter, den Wahlkämpfer Wowereit nicht unterschätzen. Dazu allerdings besteht auch wenig Anlass. Und dennoch ist da auch eine Gelangweiltheit zu spüren, ein Überdruss am oftmals kleinkarierten politischen Räsonnement, an der Routine, die sein Amt zwangsläufig mit sich bringt. Will er in die Bundespolitik? Dazu wird er sich wohlweislich bis zur Wahl des neuen Abgeordnetenhauses nicht äußern.

Ziemlich klare Wünsche hat hingegen Renate Künast. „Ich bin bereit, ich kandidiere für das Amt der Regierenden Bürgermeisterin von Berlin!“, ruft sie in das hohe, gründerzeitliche Rund des Museums für Kommunikation. Es ist der Satz, auf den das politische Berlin seit Monaten gewartet hat. Es ist ein nationales Ereignis. Es ist die perfekte Inszenierung. Jubel vor der Ansprache, Jubel nach der Ansprache. Sichtlich genießt das Parteipublikum die Kandidatin und die Kandidatin die Begeisterung. Es ist ein wenig wie eine Erweckungsfeier.

Künast schmeichelt dem Selbstbehauptungswillen und der Energie der Stadt („Berlin ist Verheißung“), polemisiert gegen „Blockade“, „Stillstand“, „Nichtstun“ des Senats, sagt, „Arbeitslosigkeit ist das Gegenteil von sexy“, und propagiert ein erstaunlich wirtschaftsfreundliches Programm. Die „grüne Industrie“ und die schicken, innovativen Dienstleistungsbranchen sollen 100.000 neue Arbeitsplätze bringen.

Es ist die Blaupause von unzähligen Reden, wie sie die grüne Fraktionsvorsitzende im Bundestag schon gehalten hat, gelegentlich etwas mühsam „heruntergebrochen“ auf Berlin. Und manchmal, wie etwa bei den Anmerkungen zur Schulpolitik, auch etwas neben der Spur der hauptstädtischen Wirklichkeit. Aber egal: In den Gängen des Museums wird die Hauptbotschaft der Bewerbungsrede enthusiastisch aufgenommen: „Eine Stadt für alle“.

Ein harter Weg

Auf dem zwei Tage später folgenden Landesparteitag der Grünen geht die Wahl zur Herausforderin ganz schnell. Eine 23-minütige Bewerbungsrede („Ich setze auf Sieg, und ich setze nur auf Sieg“), keine Wortmeldungen, keine Aussprache, keine Gegenstimme: eine Delegiertenversammlung als Kandidatenwahlverein. Das muss ein harter Weg gewesen sein für die Partei, aber er war erfolgreich.

Der Redner klagt, über der Stadt liege eine Art Mehltau, – aber es ist nicht mehr Renate Künast, die hier spricht. Klaus Wowereit erinnert auf dem Parteitag der Berliner SPD an das Jahr 2001, als sich die Ära Diepgen qualvoll dem Ende entgegenschleppte. Er zählt auf, was er erreicht hat, was für ihn politisch zählt, was er künftig anpacken will: die Fertigstellung des BBI, eine funktionierende Infrastruktur („und dazu gehört manchmal auch ein Teilstück Autobahn“), die Schließung von Tempelhof („riesige Erfolgsgeschichte“), „Ökoindustrie“ und „Kreativwirtschaft“, Multikulti („ist Realität“). Unter seiner Führung sei Berlin „reicher“ geworden – an Arbeitsplätzen, Unternehmen, Attraktivität. „Und sexy bleiben wir ohnehin.“ Er fordert „Stolz“ statt der vermaledeiten „Meckerei“. Er will sich die Butter nicht vom Brot nehmen lassen.

Schon gar nicht in Sachen „Fluglärm“. „Wenn Sie wollen, kann ich auch wieder gehen“, blafft er auf dem Bahnhofsparkplatz in Lichtenrade die buhenden und pfeifenden Protestierenden an, die sich zu ihrer schon traditionellen „Montagsdemo“ versammelt haben. Wowereit will die aktuelle Planung der Flugrouten nicht akzeptieren, er fordert Änderungen, aber er streut den Betroffenen auch keinen Sand in die Augen. Er argumentiert – nicht nur hier – erstaunlich differenziert. Wenn BBI in vollem Betrieb sei, erklärt er der aufgebrachten Menge, werde der Lärm im Süden trotz allem größer werden – und er hoffe auf Hochbetrieb. Da bleibt er standhaft. Nur so schaffe der neue Flughafen viele Arbeitsplätze. Wieder Pfiffe, wieder Geschrei. Da ist es wieder, dieses Nörgeln, diese Uneinsichtigkeit – und Wowereits Abneigung dagegen. Er kann sehr deutlich zeigen, wenn ihn eine Sache langweilt.

Zurück in Neukölln. Wowereit hat in der Aula der Otto-Hahn-Gesamtschule Platz genommen. Der Schülersprecher wünscht sich Bänke im Schulhof. „Warum baut ihr denn keine?“, fragt der Regierende. Genehmigt der TÜV nicht, erhält er zur Antwort und, wirft ein Pädagoge empört ein, eine solche Werkelei müssten er und seine Kollegen dann außerhalb des Stundenplans leisten. Wowereit gelingt es nur mit Mühe, die Contenance zu wahren. Es ist Buschkowsky, der später von einem gewissen Nachholbedarf an Engagement an einer gewissen Schule spricht. Wowereit schweigt. Staatsmännisch? Resigniert? Der Nickligkeiten überdrüssig? Und wieder fragt man sich: Will er wirklich noch? Ob er noch darf, entscheidet sich am 18. September des kommenden Jahres.

Kai Ritzmann


Künast und Wowereit
Klaus Wowereit wurde am 1. Oktober 1953 in Tempelhof geboren. Noch als Schüler engagierte er sich in der SPD, nach dem Jura-Studium stieg er zum Stadtrat auf, 1999 übernahm er den Vorsitz der SPD-Fraktion im Abgeordnetenhaus. Nach dem Sturz des Diepgen-Senats wird Wowereit am 16. Juni 2001 zum Regierenden Bürgermeister gewählt, bei zwei Wahlen wird er in diesem Amt bestätigt. Wowereit setzt in der Stadt rigorose Einsparungen durch. Seine Bemerkungen „Ich bin schwul, und das ist auch gut so“ und „Berlin ist arm, aber sexy“ werden sprichwörtlich. Seine Herausforderin Renate Künast wurde am 15. Dezember 1955 in Recklinghausen geboren. Ihre politische Karriere startete sie in Berlin. Nach dem Eintritt in die Grün-Alternative Liste war sie von 1985 bis 2000 Mitglied des Berliner Landesparlaments, unter anderem als Fraktionsvorsitzende. Nach dem Wechsel in die Bundespolitik war Künast 2001 bis 2005 Ministerin für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft. Bei der letzten Bundestagswahl trat sie in Berlin als grüne Spitzenkandidatin an und ist seitdem Fraktionsvorsitzende im Reichstagsgebäude.

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