


Soll Religion Wahlpflichtfach an Berlins Schulen werden? Darüber streiten die Initiativen „Pro Reli“ und „Pro Ethik“.
Berlin. In Berlin tobt der Glaubenskampf. Die Kirchen wollen den Religionsunterricht zum regulären Unterrichtsfach aufwerten. Rot-Rot hält am alternativlosen Pflichtfach Ethik fest. Wer „Reli“ will, kann freiwillig hingehen. Ein Volksbegehren soll jetzt darüber entscheiden, ob Religion gleichberechtigt neben Ethik unterrichtet wird.
Nach kurzer Zeit kriecht die Kälte unter die Kleidung. Unterschriftensammler Theo Schütt weiß nicht, ob es 20 oder 100 Menschen sind, die inzwischen an ihm vorbeihasteten. Doch Theo Schütt gibt nicht auf, und kurze Zeit später unterschreibt eine Frau. „Gut, dass ich Sie sehe. Im Bürgeramt war Streik, als ich meine Stimme abgeben wollte“, sagt sie. Und schon hat Theo Schütt die Kälte vergessen.
Geht es nach Theo Schütt, soll Religionsunterricht erstmals seit Inkrafttreten des Berliner Schulgesetzes von 1948 zu einem „richtigen“ Fach werden, zu einem Wahlpflichtfach. Wenn Schüler heute den Religionsunterricht besuchen wollen, dann müssen sie in Berlin freiwillig „nachsitzen“. Dass trotzdem so viele Kinder und Jugendliche freiwillig am „Reli“ teilnehmen, erklärt die 13-jährige Henriette so: „Der Religionsunterricht ist richtig schön, weil wir da in einer kleinen Gruppe auch mal Zeit haben, andere Dinge zu machen: Wir gehen manchmal in die Stille, und wenn wir etwas besprechen, machen alle mit.“ Lucas (14) dagegen findet an Ethik gut, „dass man seine eigene Meinung entwickeln kann.“
170000 Unterschriften
Theo Schütt hat ein ganz anderes, überraschendes Argument gefunden, um die Menschen auf der Straße vom Fach Religion zu überzeugen. „Was schauen Sie sich im Urlaub an?“, fragt er. Und dann kommt meist die Antwort: „Kirchen.“ „Und wie soll jemand verstehen, was eine Kirche ist, wenn er nie Religionsunterricht gehabt hat?“, fragt Schütt dann.
170000 Unterschriften müssen bis 21. Januar gesammelt werden, und der Familienvater ist stolz, wenn er ein paar dazu beiträgt. Und er ist nicht frustriert, wenn es nur so wenige sind, wie an diesem kalten Tag. Denn der evangelische Bischof Wolfgang Huber und der katholische Kardinal Georg Sterzinsky sind ja auf seiner Seite, und sie haben alle Kirchenmitglieder angeschrieben.
Brief löst Empörung aus
Der Brief mit der Bitte zur Unterstützung hat eine Reihe von Berlinern endgültig zum Kirchenaustritt bewegt. Andere sind empört. Aber viele Tausende haben ihre Unterschrift geleistet, und wenn es eines entscheidenden Anstoßes bedurfte, dann ist er damit erfolgt. Das weiß auch der Humanistische Verband Deutschland, der die Gegenbewegung „Pro Ethik“ ins Leben gerufen hat. „Die Behauptungen von Pro Reli und seinen Unterstützern entbehren oft jeglicher sachlichen Grundlage“, teilt Gerd Eggers mit. Der Koordinator von „Pro Ethik“ verweist darauf, dass „Reli“ überhaupt nicht an den Rand gedrückt werde, wie es die Kirchen behaupten. Es sei doch jedem Schüler unbenommen, zusätzlich noch in den Religionsunterricht zu gehen.
„Wer bleibt denn noch freiwillig in der Schule, wenn alle anderen längst nach Hause gegangen sind?“, fragt Rupert von Stülpnagel. Der Schulrat ist Leiter der Abteilung Religionsunterricht im Erzbischöflichen Ordinariat und damit oberster Religionslehrer in Berlin. So unhandlich wie sein Titel ist das Zahlenwerk, das beiden Seiten Munition liefert. Schülerzahlen und Zeitreihen können so oder so interpretiert werden.
Dabei ist es im Grunde ganz einfach: Mit jedem neuen Jahrgang, der Ethik als Pflichtfach hat, geht der Besuch des freiwilligen Religionsunterrichts zurück. Je nachdem, wer es vorrechnet, ist es ein Minus von 2,8 oder 14 Prozent. Das Bild ändert sich, wenn man Jahrgangsstufen mit in die Statistik nimmt, die mit der Neuregelung nichts zu tun haben. Dann wächst die Zahl der „Reli“-Teilnehmer, weil die Werbeaktionen der Kirchen in den Grundschulen so erfolgreich sind. Doch die Zahlen sind nur ein Nebenschauplatz. In Wahrheit geht es darum, wer Einfluss auf die Kinder hat: der vorgeblich neutrale Ethiklehrer oder der Religionslehrer. Kann nicht auch das Fach Ethik Verantwortung und Verhalten so verbindlich lehren, dass die Schüler es anwenden können? Ja, sagen Rot-Rot und die Initiative „Pro Ethik“. Nicht wirklich, finden die Kirchen und verlangen die Wahlfreiheit.
Es geht ums Prinzip
Es geht ums Prinzip. Die Kirchen und einige islamische Minderheiten wollen im Wahlpflichtfach „Reli“ Werte vermitteln, die persönlich und verbindlich sind. Die Gegner halten diesen Versuch für eine Spaltung und das Auftreten der Kirchen für eine Provokation. Bruno Osuch, Berliner Landesvorsitzender des Humanistischen Verbands Deutschland, formuliert die Kernthese von „Pro Ethik“: „Was Berlin braucht, ist nicht ein Mehr an Religionen in der Schule, sondern ein Mehr an gemeinsamer Wertevermittlung.“
Und so findet sich die wahre Frage, über die alle Berliner abstimmen sollen, tief begraben unter Scheindebatten und Zahlenkriegen. Sie lautet: Was verbindet die Schüler unterschiedlicher Herkunft besser und lässt sie friedlich zusammenleben? Wenn sie gemeinsam in einem Ethik-Unterricht sitzen, der unsere Demokratie und das angemessene Verhalten in ihr erklärt? Oder wenn sie von einem Lehrer unterrichtet werden, der aus einer klaren religiösen Heimat stammt und unter staatlicher Kontrolle ebenfalls die demokratischen Werte vermittelt?
Der Katholik von Stülpnagel nimmt den islamischen Religionsunterricht als Beispiel: „Der muslimische Schüler wird etwa die Rolle von Mann und Frau in der Gesellschaft, wie sie im Ethikunterricht vermittelt wird, nicht ernst nehmen. Dann geht er in die Moschee, und was er dort hört, entzieht sich der Kontrolle durch den Staat.“ Wenn aber Islamunterricht an der Schule unter staatlicher Aufsicht und im Rahmen staatlicher Lehrpläne stattfinde, sehe das ganz anders aus. Und gewollt sei das schließlich von den Muslimen selbst. Einige muslimische Verbände unterstützen „Pro Reli“ offen, andere stehen wohlwollend am Rand.
„Pro Ethik“ dagegen argumentiert: „Nur in einem gemeinsamen Unterricht werden Toleranz und Respekt für andere Kulturen, Religionen und Weltanschauungen gefördert und erfahren.“ Außerdem sollte der Staat Religionen und Überzeugungen gleichberechtigt nebeneinander vermitteln.
„Pro Ethik“ scheint langsam zu glauben, dass die Kirchen einen weiteren Etappensieg erringen könnten und die 170000 Unterschriften zusammenkommen. Der Ton von Bruno Osuch wird scharf. Er nennt die Kampagne der Kirche jetzt „infam“ und fordert die Berliner auf, ihre Unterschrift beim Landeswahlleiter wieder zurückzunehmen. Theo Schütt ficht das nicht an. Er steht auch an diesem Wochenende auf der Straße und wirbt für den Religionsunterricht.
Ulrich Lenhard
| Das Volksbegehren |
| Bis zum 21. Januar müssten sieben Prozent der Wahlberechtigten (knapp 170000 Berliner) unterschreiben. Bis Jahresende waren es rund 135000 Unterschriften. Dann legt der Senat einen Termin für den Volksentscheid fest – oder verabschiedet das Gesetz selbst. Der Volksentscheid ist erfolgreich, wenn mindestens ein Viertel der Wahlberechtigten teilnimmt und die Mehrheit der Stimmen für das Gesetz abgegeben wird. Das Anliegen: Die rund 328000 Schüler in Berlin sollen zwischen Religionsunterricht und Ethik entscheiden können. Bislang ist Ethik Pflichtfach, Religionsunterricht freiwillig. |
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