



Sechs 20er-Jahre-Siedlungen sollen Weltkulturerbe werden. Gestaltungsspielraum der Bewohner würde dadurch stark eingeschränkt.
Britz. Die Hufeisensiedlung entstand zwischen 1925 und 1933. Weil sie seit Anfang der 90er Jahre unter Denkmalschutz steht, darf nichts mehr beliebig verändert werden. Das könnte nach Aufnahme in die Unesco-Liste noch strenger werden.
Ruhe liegt über den kleinen Reihenhäusern mit ihren schmucken Gärten, die Luft ist sauber, es gibt kaum Durchgangsverkehr. Die Bewohner grüßen sich morgens noch über den Gartenzaun. Eine durch und durch bürgerliche Nachbarschaft, die da in der Hufeisensiedlung in Britz wohnt. Mit diesem in den 90er Jahren sanierten und seither denkmalgeschützten Ensemble wurde der Architekt und Stadtplaner Bruno Taut weltbekannt. Bis ins Jahr 2000 gehörte die Siedlung aus einem zentralen Bau in Hufeisenform sowie umliegenden Reihenhäusern der Gehag. Seither verkauft die Genossenschaft die insgesamt 360 Häuser nach und nach.
Unruhe macht sich breit
Nun kommt Unruhe in das beschauliche Leben. Denn der Senat möchte diese und weitere Mustersiedlungen der Moderne von der Unesco zum Weltkulturerbe erklären lassen. Die Folge könnten sein: Die Bewohner dürften ihre Autos nicht mehr vor ihren Häusern parken, müssten Außenjalousien abbauen und nach eigenem Gusto eingebaute Fenster wieder herausreißen. Erste „Rückbauverfügungen“ vom Denkmalschutz gibt es bereits. Erste Klagen dagegen sind auch schon eingereicht. Sollte es die Hufeisensiedlung auf die Unesco-Liste schaffen, fürchten die Bewohner, würde ihr Gestaltungsspielraum nochmals stark eingeschränkt. Diese Bedenken wurden zumindest jüngst auf einem Krisentreffen laut.
Diese Versammlung offenbarte aber auch, dass ein Riss quer durch die Anwohnerschaft geht. Denn mindestens die Hälfte der immerhin rund 250 Anwesenden hat mit dem Denkmalschutz seinen Frieden gemacht.
Intakte Nachbarschaft
„Natürlich gibt es einige Härten für uns Eigentümer, aber man darf nicht vergessen, dass wir vom Denkmalschutz auch profitieren“, sagt Angela Schwenzer, die mit ihrer Familie in der Straße Hüsung im Schatten des Hufeisens lebt. Der materielle Wert der Häuser sei wegen des Rufs und der Schönheit der Siedlung wesentlich höher als in der Umgebung, und auch der Wohnwert profitiere von einer intakten Nachbarschaft. Weil ihr das geschlossene Erscheinungsbild des Ensembles wichtig ist, zahlt sie gerne mehr für original nachgebaute Holzfenster oder Biberschwänze auf dem Dach.
Für die Innenräume hatten die Schwenzers sowieso freie Hand. Die beim Einzug vor wenigen Jahren vorgefundene originale Farbgebung der Wände – bunt und kontrastreich, wie Taut es liebte – wurde durch eine wärmere ersetzt, eine Heizung eingebaut und die Wohnfläche mittels Dachausbau von 100 auf 115 Quadratmeter vergrößert. Mehr Licht im Obergeschoss durch ein größeres Dachausstiegsfenster sollte möglich sein – trotz Denkmalschutz oder Weltkulturerbe. Das hofft sie zumindest. Aber die Toleranz gegenüber dem Denkmalschutz hat auch Grenzen: „Es ist nicht nachvollziehbar, wenn bautechnisch sinnvolle Lüftungsziegel, die von außen gar nicht sichtbar sind, verboten werden.“
Gutes hat in jedem Fall seinen Preis. Eine Wahrheit, der sich auch der Senat mit seiner Weltkulturerbe-Initiative stellen muss. Lohnt sich der Aufwand für die Stadt überhaupt? Immerhin werden der Weltorganisation en bloc sechs Siedlungen angedient. Neben der Hufeisensiedlung soll im Juni von der Unesco im kanadischen Quebec auch über die Wohnstadt Carl Legien (Prenzlauer Berg), die Weiße Stadt (Reinickendorf), die Gartenstadt Falkenberg (Treptow), die Siedlung Schillerpark (Wedding) und die Siemensstädter Ringsiedlung entschieden werden.
„Der Welterbestatus hätte nur Vorteile für Berlin“, ist sich Landeskonservator Jörg Haspel sicher. Einem „sehr geringen“, vom Abgeordnetenhaus bewilligten Betrag stünden erhebliche materielle und ideelle Gewinne gegenüber. „Berlin bekommt dadurch die Möglichkeit, sich in der Welt nach den Weltkulturerben Preußische Schlösser und Gärten sowie Museumsinsel mit einer völlig neuen Facette zu präsentieren.“ Dies bringe Vorteile beim Ansehen und im Tourismus – für den allerdings noch eine bessere Infrastruktur in den Siedlungen geschaffen werden müsse.
Konflikte mit der Unesco
Haspel vertritt als Leiter der Berliner Denkmalpflege seine Position überzeugend, doch gab es in anderen Städten durchaus Konflikte zwischen Kulturerbe und örtlicher Planung. Sowohl in Dresden als auch in Prag und Köln war oder ist das Siegel weltweit einzigartigen Kulturgutes durch Neubauten in Gefahr: Denn was die Unesco gegeben hat, kann sie auch wieder nehmen.
Keineswegs sicher ist außerdem, ob die Delegierten der Unesco das Bauen der 20er Jahre als bedeutungsvoll ansehen. „Beispiel einer bestimmten architektonischen oder stilistischen Strömung zu sein, reicht nicht aus“, sagt der Berliner Unesco-Mitarbeiter Stephan Doempke. Die Siedlungen müssten vielmehr als „Ausdruck weltweit bedeutender geistig-kultureller Tendenzen“ anerkannt werden. Dabei stehe Berlin in Konkurrenz zu außereuropäischen Ländern, die bisher auf der Unesco-Liste dramatisch unterrepräsentiert seien.
Moderne weiterentwickeln
Der ehemalige Senatsbaudirektor Hans Stimmann hat noch ganz andere Einwände. Man müsse die Moderne nicht unter Schutz stellen, sondern „weiterentwickeln“, damit sie die Chance erhalte, einiges von dem wiedergutzumachen, „was in ihrem Namen an Erinnerungen zerstört wurde“. Stimmann, der in seiner Berliner Zeit keineswegs traditionalistische Architektur gefördert hat, kann sich des Eindrucks nicht erwehren, „dass es bei solchen Debatten weniger um Denkmalpflege und mehr um persönliche Architekturideologie geht.“
Solche theoretischen Erörterungen berühren die Bewohner der Hufeisensiedlung kaum. Für Angela Schwenzer liegt die gerade eintreffende Nachricht sehr viel näher, dass der erst kürzlich abgeschlossene Dachumbau unsachgemäß ausgeführt wurde und nun die Generalsanierung droht. Das wird teuer.
Viele Bewohner hoffen, dass im Zuge der Kulturerbebewerbung auch die Außen- und Grünanlagen wieder in den ursprünglichen Zustand versetzt werden. Die Wohnungsgesellschaft Gehag als Haupteigentümer plant, damit noch in diesem Jahr zu beginnen. Aus dem verwilderten Teich im Zentrum des Hufeisens würde wieder der schmucke Pfuhl von damals, und Obstbäume würden die hohen Kiefern ersetzen. Sogar die große Freitreppe zum Hufeisen würde repariert. Seit Langem ist sie wegen Baufälligkeit gesperrt. Und vielleicht finden sich sogar Pächter für die derzeit leer stehenden Läden und Lokale.
Rainer Stache
| Architektur nach dem Motto „Licht, Luft und Sonne“ |
| Bruno Taut gehört zu den bedeutendsten Architekten der Moderne. Allein an vier der sechs wichtigsten Berliner Reformsiedlungen der 20er Jahre war er federführend beteiligt: Gartenstadt Falkenberg, Siedlung Schillerpark, Hufeisensiedlung und Wohnstadt Carl Legien. An der Weißen Stadt bauten Berühmtheiten wie Otto Salvisberg und Bruno Ahrend. Die Ringsiedlung hat Hans Scharoun und Walter Gropius als geistige Erzeuger. Die Architekturreformer hielten sich damals an das Motto „Licht, Luft und Sonne“ und stellten sich gegen die Mietskasernenbebauung des kaiserlichen Berlin. Sie ersetzten Blockrandbebauung und Hinterhöfe durch lockere Zeilenbauten und alleinstehende Hochhäuser. Die bauliche Konzentration sollte Freiflächen bringen, Einsparungen an Materialqualität und Dekor zielten auf Wohnraum für viele Menschen trotz knapper Mittel. Auch Ideologie spielte eine wichtige Rolle. Dem verschnörkelten Wilhelminismus sollten spröde, funktionale Fassaden und Flachdächer entgegengesetzt werden. „Ornament ist Verbrechen“ lautete der Wahlspruch, dem später auch stadtweit der Stuck der Gründerzeithäuser zum Opfer fiel. rast |