Roman Maria Koidl hat seine private Kunsthalle in einem ehemaligen Umspannwerk am Bahnhof Charlottenburg untergebracht. Foto: Promo
Roman Maria Koidl hat seine private Kunsthalle in einem ehemaligen Umspannwerk am Bahnhof Charlottenburg untergebracht. Foto: Promo

Ein Mekka für Sammler

Alle paar Monate öffnet in Berlin eine neue private Sammlung ihre Türen. Eine Reise durch einen schillernden Kosmos.

Berlin. Die Kunsthauptstadt Berlin boomt. Auch die Sammler zieht es in die Metropole, um hier ihre Bestände zu präsentieren und in der Szene mitzumischen. Sie sind finanzstark, leidenschaftlich, eigensinnig.

Der Hausherr und seine Frau seien noch im Urlaub, teilt freundlich der junge Mann am Eingang mit. Danach hatte man zwar nicht gefragt, aber es ist die Erklärung für die mehrwöchige Schließung der Anselm-Kiefer-Schau. Man habe sich, fügt der Mann noch hinzu, intern über diesen Zusammenhang auch etwas gewundert. Irritieren jedoch sollte es einen nicht, ist der Chef doch dafür bekannt – und gefürchtet, seine Entscheidungen autonom zu treffen. Die Auskunft an der Rezeption des „Ausstellungsraums Céline und Heiner Bastian“ klingt, auf nicht unsympathische Weise, ein bisschen wie „Der Doge ist nicht da, der Palast mit seinen Schätzen muss geschlossen bleiben.“

Keine Frage: Das Domizil am Kupfergraben ist kein öffentlich-rechtliches Haus, mit Bürokratie, Hierarchien, in Marmor gemeißelten Öffnungszeiten. Es sei, wurde zur Eröffnung erklärt, ein explizit „privates Haus“ in einer 1-a-Lage und einer 1-a-Architektur, um es bescheiden auszudrücken.

Berlin, wo sonst?

Die Botschaft ist klar: Für die Privaten ist die beste Bleibe gerade gut genug. Und: Wir Privatleute können uns was leisten, müssen uns was leisten, jetzt und hier, in dem zurzeit – nach New York – zweitwichtigsten Kunstumschlagplatz der Welt. Wenn nicht in Berlin, wo sonst? Und wenn nicht jetzt, wann dann?

Sammler haben ihren Eigensinn. Sie können kapriziös sein, launisch, sie verfolgen ihre vom eigenen Geschmack, eigenen Interessen, nicht selten auch vom Markt gelenkten Strategien, die sich nicht unbedingt mit denen der Museen und staatlichen Galerien decken müssen. Sie haben Macht und Einfluss. Sie haben ein großes Ego. Sie möchten respektiert, bewundert, vielleicht sogar geliebt werden.

Sie öffnen, wann sie wollen, sie sammeln natürlich, was sie wollen, und stellen es dann aus, wie sie es wollen. Sie sind absolut frei in ihren Entscheidungen. Die privaten Sammler und ihre öffentlich zugänglich gemachten Sammlungen sind in der verwalteten Welt so etwas wie die letzten Könige inmitten ihrer verzaubert blühenden Kunstlandschaften, Könige der Kunst in ihren künstlichen Paradiesen. Sie sind ganz Gegenwart – und zugleich wie aus der Zeit gefallen. Im Augenblick zieht es sie magisch nach Berlin.

Ob große Mitspieler wie Flick, Newton, Marx, ob das Ehepaar Bastian, ob Erika und Rolf Hoffmann, die in den Sophie-Gips-Höfen ihr nobles Quartier bezogen haben, ob Heinz Berggruen im Stülerbau, dessen Engagement nun Sohn Nicolas fortführen will, ob gegenüber die Surrealisten-Präsentation der Sammlung Scharf-Gerstenberg, ob Wilhelm Schürmann, der mit wehenden Fahnen gerade aus Aachen herüberwechselt, oder jener Christian Boros, der an der Reinhardtstraße ein Weltkriegsbunkerungetüm in einen von innen glühenden Kunstkosmos verwandelt hat. Ein Wagnis, ein Husarenstück, eine brachiale Zurichtung eines Verlieses zu einer Wunderkammer. Boros hat sein Geld als Werber gemacht, wie es aussieht viel Geld. Aufs Bunkerdach hat er sich ein Penthaus setzen lassen.
 
Anmeldung ist ein Muss

Geschützt von meterdicken Betonwänden und -decken, wird aktuelle Kunst mit hohem Coolness-Faktor gezeigt. Es überwältigt einen, rüttelt an allen Sinnen, brennt sich in den Kopf. Wie einst in der legendären Londoner Galerie der Brüder Saatchi. Ein Besuch ist nur an Wochenenden, nach Anmeldung und mit Führung möglich. Die angebotenen Termine sind auf Monate ausgebucht.

Staatliche Kulturinstitute können dagegen eigentlich nur schwach aussehen. Sie haben nicht das Kapital, nicht die punktgenau sich entfaltende Entscheidungsgewalt, nicht die Leidenschaft, nicht den notwendigen Spleen des privaten Sammlers. Sie sind keine Konkurrenz. Die Privaten können sich in Ruhe feiern lassen.

„Hier und jetzt“ hat sich auch Roman Maria Koidl gedacht. Er sammelt keine Kunst, er stellt sie aus – pointiert, konzentriert, auf hohem Niveau. Von seiner vor Kurzem eröffneten Kunsthalle – ein vom Bauhaus geprägtes, mit viel Feingefühl für den neuen Nutzen hergerichtetes ehemaliges Umspannwerk hinter dem Bahnhof Charlottenburg – sollen, so Koidl, „SMS-Botschaften“ in die Szene gesandt werden. Unangekündigt schneit der Schweizer Unternehmer in den kleinen, feinen Pavillon hinein, einnehmend, leise, neugierig, intellektuell ständig auf dem Sprung. Er sagt, er wolle mit den geplanten Wechselausstellungen für die Kunstwelt eine „Plattform“ schaffen. Und diese Kunstwelt knüpft momentan in Berlin ein immer feineres Netz. Die Künstler werden von den niedrigen Ateliermieten angelockt, und die Kunstwelt folgt den Künstlern. Ein Sog. Ein enormer Gewinn für Berlin. Koidl fasziniere, wie er sagt, das derzeit ziemlich brutale Spiel der Kräfte in der Kunst. Künstler würden regelrecht „gemacht – oder auch nicht“. An diesem großen Rad ein bisschen mitzudrehen, reizt ihn ungemein. Dafür ist Berlin jetzt ein exzellenter Standort. Axel Haubrok, Geschäftsführer der gleichnamigen Düsseldorfer Beraterfirma, gibt den Bescheidenen. „Ich stelle mich“, sagt Haubrok, „hier doch nicht ans Fenster und sage mir: Was bist du für ein toller Hecht.“ Er sagt, er liebe die Kunst, die Künstler, die Kommunikation mit ihnen. Das sei sein Antrieb. Seit 20 Jahren sammelt er, vor gut einem Jahr hat er sich im ehemaligen „Haus des Kindes“ am Strausberger Platz 270 Quadratmeter gesichert, um „mitmachen“ zu können im großen Zirkus der Kunstwelt.

Und mitmachen ist hier leicht. Viele unverbrauchte, spannende Locations. Viele Kunstproduzenten. Viel Publikum. Viele Ideen in der aufgeladenen Luft. Viel Betrieb. Haubrok sitzt in seinem fast nackten, weißen Ausstellungsraum, braun gebrannt, konzentriert, in aufgeräumter Stimmung. „Ich mache“, sagt er, „mein Ding.“

Ein Ding wird nun an vielen Ecken und Enden der Stadt gemacht, an funkelnden und dreckigen, längst hippen und bald hippen. Viele sind schon hier, viele werden noch kommen. Die Kunstmetropole Berlin wachse, sagt Haubrok, „mit atemberaubender Geschwindigkeit“. Wer nicht da ist, hat schon verloren.

Kai Ritzmann


Adressen und Öffnungszeiten
Die privaten Sammlungen und Ausstellungsräume sind, sofern sie nicht wie die Sammlungen Berggruen, Flick, Newton, Marx und Scharf-Gerstenberg unter das Dach der Staatlichen Museen geschlüpft sind, keine öffentlichen Einrichtungen. Daher haben sie besondere Öffnungszeiten: Ausstellungsraum Céline und Heiner Bastian, Am Kupfergraben 1, Di-Fr 11-18 Uhr, Sa 11-16 Uhr; Sammlung Boros, Reinhardtstraße 20, Führungen (nach Anmeldung) Sa u. So ab 10 Uhr; Sammlung Hoffmann, Sophie-Gips-Höfe, Sophienstraße 21, Führungen (nach Anmeldung) Sa ab 11 Uhr; Sammlung Haubrok, Strausberger Platz 19, Sa 12-18 Uhr; Kunsthalle Koidl, Gervinusstraße 34, Di-Fr 11-18 Uhr, Sa 11-16 Uhr.


Weitere Online-Angebote der Axel Springer AG:
AUDIO VIDEO FOTO BILD | BERLINER MORGENPOST | BILD | BILD am SONNTAG | BILD der FRAU | B.Z. | COMPUTER BILD | COMPUTER BILD SPIELE | DIE WELT | WELT am SONNTAG | €URO | EURO am SONNTAG | FAMILIE & CO | HAMBURGER ABENDBLATT | HAMBURGER WOCHENBLATT | HÖRZU | JOLIE | MÄDCHEN | METAL HAMMER | MUSIKEXPRESS | POPCORN | ROLLING STONE | SPORT BILD | STARFLASH | TV DIGITAL | YAM! | www.autobild.de | www.immonet.de | www.stepstone.de | www.arbeiten.de | www.idealo.de | www.dvd-idealo.de | www.spiele-idealo.de | buch-idealo.de | www.axel-springer-akademie.de 
www.axelspringer.de

© 2004-2010 Berliner Wochenblatt Verlag GmbH - Alle Rechte vorbehalten. Impressum Datenschutz
Berliner, wochenblatt, woche, redaktion, anzeigen, kleinanzeigen, download, beilagen, zeitung, anzeigenblatt, wochenzeitung, kostenlos, gratis, Marktführer, Nr. 1, lokalzeitung, lokal, Berlin, Hallo, Spandau, Spandauer, Volksblatt, Reichweite, Leserreisen, Leser, Reportage, Motorradtouren, Stellenmarkt, Ausgaben, Werben, Themenplan, Leseranalyse, Referenzen, Werbeprospekte, Direktverteilung, Centerzeitungen, Prospektanzeigen, Autorenwettbewerb, Durchblick, Berliner Helfen, Leseraktionen, Ostpool, Zustellqualität, Halfcover, Flying Page, Jobs, Vertriebsqualität, Einkaufscenter

 

LESERAKTIONEN



Frage der Woche

 

 

Sollte es besondere Verkehrsregeln für Radfahrer geben?


ja
nein

Vor Abstimmung bitte Zeichenfolge eingeben.
Captcha-Code



Ergebnis der Vorwoche

Halten Sie die Maßnahmen gegen Ambrosia für ausreichend?
 
ja: 17%
 
nein: 83%
 

100 Stimmen gesamt