Heute erster Amtssitz des Bundespräsidenten: das Schloss Bellevue. Erbaut wurde es 1785 im Auftrag von Prinz August Ferdinand von Preußen, dem jüngsten Bruder Friedrichs des Großen. Foto: Augen-Blick
Heute erster Amtssitz des Bundespräsidenten: das Schloss Bellevue. Erbaut wurde es 1785 im Auftrag von Prinz August Ferdinand von Preußen, dem jüngsten Bruder Friedrichs des Großen. Foto: Augen-Blick

Ein Schloss für die Republik

Roman Herzog nannte das Bellevue eine Bruchbude, Horst Köhler zog abrupt aus: Geschichte einer besonderen Unterkunft.

Berlin. Es ist nicht groß, es ist nicht pompös. Mancher ausländische Staatsgast mag insgeheim mitleidig lächeln, aber in seiner Bescheidenheit passt es zu dieser Stadt, zu diesem Land. An dem vor wenigen Jahren endlich in Schuss gebrachten Schloss Bellevue kann es nicht gelegen haben, dass Horst Köhler zurückgetreten ist. Seine Vorgänger hatten da schon eher Grund, ihren Amtssitz zu verfluchen.

Eigentlich war Berlin schon eine ganz passable Hauptstadt. Der Neubau des Kanzleramts – kurz vor der Fertigstellung. Der Reichstag – neu, mit eindrucksvoller Kuppel. An nichts hatte man gespart, um nach dem Umzug von Bonn nach Berlin alles nett herzurichten. Bloß beim Präsidenten, da ging es um die Jahrtausendwende noch zu wie in einem Notquartier.

Unschöne Gerüche


Als etwa das belgische Königspaar Paola und Albert II. sich im Herbst 2000 auf einen Höflichkeitsbesuch beim Ehepaar Rau angesagt hatte, herrschte im Bellevue die höchste Schnüffelstufe. Bedienstete wurden ausgesandt, um in der Behausung unschöne Gerüche zu erriechen. Nicht allein in den Toiletten, auch in anderen Räumen stieg dem Hausherrn und seinen Gästen aus durchgerosteten Rohren bisweilen ein beißender Duft in die Nase.

Doch es müffelte nicht nur hochherrschaftlich: Gelegentlich verabschiedete sich in dem feinen Haus auch die Beleuchtung. So musste der Besuch des norwegischen Königspaars plötzlich bei Kerzenschein fortgesetzt werden, ein Kurzschluss hatte die Elektrik schachmatt gesetzt, ein Notstromaggregat war gar nicht erst vorhanden. Dem Gastgeber war es hochnotpeinlich, der anwesende Adel ertrug es mit hochgezogenen Augenbrauen. Nein, das Schloss Bellevue war bis zu seiner zwischen 2004 und 2006 durchgeführten Generalsanierung nur protokollarisch die erste Adresse. Es gab Unzulänglichkeiten allerorten, von erheblichen Baumängeln bis zu ästhetischen Entgleisungen, von gravierenden Sicherheitslücken bis teuflischen Kriegshinterlassenschaften.

Ständig lösten dysfunktional arbeitende Brandmeldeanlagen Fehlalarme aus, die Heizung war marode, im Winter verflüchtigte sich die Wärme durchs poröse Dach, im Sommer schwitzten geladene Gäste, da es an einer Klimaanlage mangelte. Wenn es stark regnete, soff der Keller ab, als Fundament dienten im Grunde nur ein paar Feldsteine.

Im Garten wurden im Sommer 1997 binnen weniger Tage gleich zwei Fliegerbomben gefunden. Das Haus musste stets evakuiert werden. Nicht einmal einen festen Untergrund, auf den mit lautem Knall zur Begrüßung von Staatsgästen die Gewehrkolben hätten aufschlagen können, gab es. Da konnte auch der eindrucksvolle Weinvorrat im Keller nichts mehr reißen. „Eine Bruchbude“ nannte Roman Herzog, selbst dort zwischen 1994 und 1999 wohnhaft, schließlich entnervt das Schloss.

1996 fuhr, relativ ungehindert, ein ungeladener Golffahrer bis vor die Eingangstür. Ende Juli 2001 kletterte, um eine Wette einzulösen, ein türkischstämmiger Mitbürger über den Zaun, hastete durch den Garten und zertrümmerte ein Fenster, ehe er gestoppt werden konnte. Ein paar Tage später schlingerte drogenbeseelt ein Love-Parade-Besucher durch den Garten; nur Tage darauf lustwandelte ein weiterer Störenfried unter präsidialen Bäumen. So konnte es nicht weitergehen.

Doch erst mit Horst Köhler kam ein Herr ins Schloss, der sich vor derlei Verdruss einigermaßen sicher wähnen durfte. Anfang Januar 2006 wurde ihm und seiner Frau die Bundesimmobilie von Grund auf überholt übergeben. Im Überschwang der Freude lud man zur Wiedereröffnung das Volk gleich mit ein, es befand den Arbeitsplatz seines ersten Bürgers für in allerhöchstem Maße akzeptabel.

Hohn und Spott

Seinen Anfang nahm die Geschichte des Gebäudes im Jahr 1785, als Prinz August Ferdinand von Preußen, jüngster Bruder Friedrichs des Großen, auf dem Grundstück ein Schloss erbauen ließ: 72 Meter lang und 16,20 Meter tief, im Stil englisch-palladianischer Vorbilder. 1844 öffnete eine öffentliche Galerie mit Gemälden aus verschiedenen Hohenzollernschlössern, im Winter erfreute sich eine im Garten aufgestellte Eisbahn größter Beliebtheit. 1935 zog das Staatliche Museum für Deutsche Volkskunde ein, 1938 wurde das Gebäude zum Gästehaus des „Dritten Reiches“ umgewandelt. Nach dem Wiederaufbau des schwer zerstörten Baus konnte das Schloss 1959 an Theodor Heuss als Berliner Dienstsitz übergeben werden, zuvor freilich mussten noch 41 Mieter, die hier ein Notquartier bezogen hatten, und ein Goldschmied, der im Pförtnerhäuschen seinen Geschäften nachging, sanft vor die Tür gesetzt werden.

Als Ende der 1950er-Jahre das Fachblatt „Bauwelt“ das neue Interieur begutachtete, hatte es nur Hohn und Spott übrig. Die „Mitte des deutschen Seins“ sei hier wohl entstanden – und dieses Sein entpuppte sich als bizarre Melange aus reanimiertem Biedermeier und abgestandener Moderne, kurzum als „ein Kompositum von Hotelhalle, Kinofoyer und Modesalon“. Die junge Republik wollte ordentlich Staat machen – und blamierte sich enorm. Wenigstens ein benachbarter Schrottplatz, der dem Namen des Schlosses („Schöne Aussicht“) doch dramatisch Lügen strafte, konnte geräumt werden.

Richard von Weizsäcker, der erste Bundespräsident, der seinen ersten Dienstsitz im Bellevue nahm, fegte anlässlich einer gründlichen Revision des Innenausbaus den schalen Plunder hinaus. Statt Nierentisch-Anmutung nun zwei riesige monochrome „Kissenbilder“ des Düsseldorfer Künstlers Gotthard Graubner und Werke des Malerfürsten Markus Lüpertz. Plötzlich war wieder der alte, noble, fast karge Klassizismus im Schloss zu Hause, in den sich der aktuelle Zeitgeist elegant einpasste.

Mit von Weizsäcker kam Bellevue zu seiner eigentlichen Bestimmung. Nun also Feste und Empfänge, Galadiners und Großer Zapfenstreich. Bellevue ist, wie selbstverständlich, zu einem Mittelpunkt des politischen und gesellschaftlichen Berlins geworden. Kein Protz, kein Gloria, ein Baudenkmal des frühen, guten Preußens. Ein Schloss, mit dem die Republik gut leben kann.

Kai Ritzmann



Bellevue – Amtssitz von neun Präsidenten
Theodor Heuss war der erste, der das nach dem Krieg wieder aufgebaute Schloss 1959 als seinen Berliner Dienstsitz nutzen konnte. Ihm folgten Heinrich Lübke, Gustav Heinemann, Walter Scheel und Karl Carstens. Sie alle arbeiteten jedoch nur sehr sporadisch in Bellevue – politisch spielte die Musik in Bonn. Über Jahrzehnte stand das Gebäude für öffentliche Führungen offen. Erst nach der Wiedervereinigung konnte mit Richard von Weizsäcker ein Bundespräsident das Bellevue zu seinem ersten Dienstsitz machen. Für Johannes Rau, Roman Herzog und Horst Köhler war es längst Normalität, im Schloss zu residieren.

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