

16 Jahre nach ihrer Gründung sind die Lebensmittelspenden der Berliner Tafel gefragter denn je.
Berlin. Sie sammeln ein, was die einen zu viel haben, und verteilen es an die, die zu wenig haben. Ganz unsentimental, sehr professionell – und dennoch mit Leib und Seele engagiert.
Da ist zum Beispiel Brian. Brian ist an diesem nass-kalten Morgen gegen halb sieben aufgestanden, hat seine Rastalocken geordnet, die dunkle Wollmütze aufgesetzt. Jetzt, rund anderthalb Stunden später, windet er sich mit seinem Laster durch die Stadt wie ein Panther durch den Dschungel. Wenn auf seiner langen Route am nordöstlichen Rand Berlins an den Lieferanteneingängen der Supermärkte die Tore hochruckeln, die Verkäuferinnen sich blicken lassen und die mehr oder minder vollen Kisten zum Verladen freigeben und dabei morgendlich muffelig sind, dann bringt er ihnen ein freundliches „Guten Morgen, die Tafel!“ entgegen.
Brian kam 1975 aus London nach Deutschland, der Liebe wegen, seine Eltern stammen aus Jamaika. Lange hat er sich als Fahrer durchgeschlagen. Seit drei Jahren sammelt der 52-Jährige für die Berliner Tafel Lebensmittel ein und verteilt sie wieder, mal ehrenamtlich, mal, wie im Augenblick, auf Basis eines 1,50-Euro-Jobs. Er steht in Staus, er kämpft gegen die Radarfallen der Polizei und versperrten Zufahrten, er ist ein kleines Rad in einem mittlerweile großen Betrieb, aber auch der Botschafter einer wunderbaren Idee. Er hat, selbst im grauen Berliner Straßenverkehr, noch den Reggae im Blut. Und er weiß, dass er Gutes tut.
Da ist auch Utz. Utz ist 42 und ein Mann, den scheinbar nichts umhauen kann. Er ist der Chef des Lagers und seit 7 Uhr in der Halle auf dem Großmarktgelände an der Beusselstraße. Rund 30 Hilfskräfte sortieren die eingehende Ware aus Supermärkten, Bäckereien oder Großküchen nach Sorten und Haltbarkeit. Es wird nicht viel gesprochen, manchmal flucht jemand, wenn ein anderer im Weg steht. Verderbliches wandert in die Kühlung, Konserven in die Regale, Verschimmeltes in den Abfall. Weitergeleitet zum Verteilen wird nur – das ist die Regel – was die Tafelleute auch selber noch essen würden. Die Lagerhalle ist das in zwei Arbeitsschichten schlagende Herz der Tafel. Sie ist auch ein bisschen das Herz der Stadt.
Zu viel vom immer Gleichen
Zumeist fällt zu viel vom immer Gleichen an. An diesem Mittag sind es erhebliche Mengen von Bananen, Äpfeln, Kohl, Klementinen, Radieschen, Paprikaschoten und Backwaren. Fleisch, Käse, Molkereiprodukte und Aufschnitt finden sich eher selten. Aber die Tafel hat auch nicht den Anspruch, für die Grundversorgung der Empfänger zu sorgen. Ihre Angebote sollen, so definiert man es vorsichtig selbst, eine ergänzende Versorgung sein. Eine Ergänzung allerdings, die bei vielen Empfängern einen breiten, nicht mehr wegzudenkenden Platz einnimmt. Ohne die Tafel kämen viele Familien, Arme und Alte nicht über die Runden. Die Tafel ist für sie ein Segen.
Utz schaut nicht auf die Uhr, er ist noch hier, wenn es später Nachmittag wird. Auch er ist vom Arbeitsamt vermittelt, und wenn er Überstunden macht, dann ehrenamtlich. So sieht er das, das ist sein persönlicher Anteil an der karitativen Sache. Man kann Utz nicht viel vormachen, er habe in der Halle, sagt er, „die Mütze auf“. Ihn durchdringe, sagt er, wenn er morgens aufsteht, um zur Tafel zu gehen, „ein gutes Gefühl“.
Reisender Samariter
Und da ist Jörg. Jörg bekommt manchmal Streicheleinheiten. Auch er ist ein stämmiger Mann, einer, der nicht viele Worte macht. Aber wenn dem 41-Jährigen auf seiner Verteiltour eine Kindergärtnerin sanft über die Wange streicht, weil er für sie und ihre Kleinen ein reisender Samariter ist, dann rutscht ihm doch schon mal ein Satz heraus. Dann gibt er den Tipp, sich in der Zentrale rechtzeitig nach einer Extraration zu erkundigen – für die Weihnachtsfeier mit den Kindern.
Ohne die Lebensmittel von der Tafel könnten auf dem Abenteuerspielplatz an der Marienburger Straße in Prenzlauer Berg die vielen hungrigen Mäuler gar nicht gestopft werden, – und das wundert doch sehr in dieser Gegend mit ihren schicken Cafés und teuren Boutiquen. Ob Kinder- und Jugendbetreuung, Trebegänger-Hilfe, Altentagesstätte, wer mit Jörg unterwegs ist, bekommt schnell einen Blick für die Bedürftigen inmitten des Wohlstands, für den Rand der Gesellschaft in der reichen Mitte Berlins.
Brian, Utz und Jörg – drei Mitarbeiter der Berliner Tafel. Drei Teile eines großen Ganzen. Drei Männer, ohne die die Lebensmittel nicht von denen, die zu viel haben, zu denen, die zu wenig haben, gelangen würden. Drei gute Seelen und drei harte Arbeiter, ohne die unsere Welt, unsere Stadt, unsere Nachbarschaft ärmer wäre. Drei von mehr als 600 Helfern. Die meisten von ihnen sind ehrenamtlich tätig, verstärkt wird die Mannschaft von 14 Festangestellten und 14 Mitarbeitern, die im Rahmen der Hartz-IV-Maßnahmen diese öffentlich geförderte Beschäftigung angenommen haben. Was 1993 mit einem Ein-Frau-Projekt begonnen hat, ist zu einem professionellen Großunternehmen geworden. Keine Frage: Die Tafel ist erwachsen geworden. Dies sei, sagt Tafel-Gründerin Sabine Werth, ein logischer und ein zwingender Weg gewesen.
Wenn Brian und sein Beifahrer Chris die Supermärkte abklappern, bekommen sie kaum die Vorderansicht der schönen Warenwelt zu sehen. Sie sehen die Rückseite. Die Verladerampen, die Abfallcontainer, den Müll. Wer aufliest, was von der großen Sause des täglichen Verkaufs übrig bleibt, wird zum rückwärtigen Bereich geleitet. Es ist nicht immer schön dort, es ist der Hinterhof der Konsumwelt. Gelegentlich findet sich unter den feinen Gaben auch faules Obst. Chris zieht beim Einpacken lieber Schutzhandschuhe an. Aber einem geschenkten Gaul schaut man nun einmal nicht ins Maul.
Die guten Geister
In der Altentagesstätte „Herbstlaube“ in Prenzlauer Berg bekommen Jörg und seine Helferin Svenja immer heißen Kaffee spendiert. Die Leiterin hält für die Tafel höchste Anerkennung bereit. Und sie erinnert ihre betagten, vom Ruhestand nicht gerade verwöhnten Rentner immer wieder daran, „dass Lebensmittel nicht vom Himmel fallen“. Das nicht, aber jeden Werktag schaut die Tafel vorbei. Erscheinen Brian, Jörg und all die anderen guten Geister. Und dies kommt einem himmlischen Geschenk schon ziemlich nahe.
Kai Ritzmann
| Die Tafel ist eine Marke geworden |
| Mit City Harvest in New York gab es zwar ein fernes Vorbild, doch in Deutschland musste die Tafel erst einmal Pionierarbeit leisten. Die Idee aber zündete. Heute stehen 300 soziale Einrichtungen auf der Liste der Belieferten, 45 kirchliche Ausgabestellen holen sich Lebensmittel ab, um sie in ihrer Gemeinde zu verteilen (Aktion „Laib und Seele“), zudem werden Kinder- und Jugendrestaurants versorgt. Zusammen kommen im Monat über 125.000 Menschen in den Genuss der Tafel-Dienste: ein immenses logistisches Unterfangen, finanziert von Spenden und Vereinsmitgliedern. Aufrufe zum ehrenamtlichen Mittun hat man schon lange eingestellt. Durch den guten Ruf regelt sich der Zulauf praktisch von selbst. „Die Tafel“, sagt Gründerin Sabine Werth, „ist eine Marke geworden.“ Informationen zur Berliner Tafel gibt es unter Tel. 782 74 14. |
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