



Kein Handy, kein Walkman, aber auch mal ohne Eltern: Das Leben als Pfadfinder kann sehr aufregend sein – sogar in der Großstadt
Berlin. In Berlin gelten die rund 700 Pfadfinder noch immer als Exoten. Nicht ganz zu Unrecht: Sie helfen älteren Damen über die Straße und graben Löcher im Grunewald.
Die Räuberhöhle liegt gut versteckt, einige Meter unter der Erde. Um sie zu finden, sollte man einer blauen Linie folgen. Man kann, auf eigenes Risiko, auch andere Wege einschlagen, aber ob man dann auch jemals das Ziel erreicht, ist zu bezweifeln. Doch auch wer die sich scheinbar endlos hinschlängelnde Markierung im Auge behält, muss auf dem Gelände auf- und absteigen und dort manch enge Biegung nehmen. Das Areal des Westend-Krankenhauses in Charlottenburg-Wilmersdorf ist eine ziemlich wilde Stadtlandschaft, erst recht bei Dunkelheit, und man braucht schon fast Pfadfinderqualitäten, um die Pfadfinder hier aufzuspüren.
In einem der Gebäude dringt aus dem Keller allerlei Getöse. Dort ist der Stamm der Normannen untergebracht. Die Normannen sind der älteste der neun Berliner Stämme vom Bund der Pfadfinderinnen und Pfadfinder. Zu ihnen zählen 80 Jungen und Mädchen, die meisten von ihnen im Alter zwischen sieben und 15 Jahren. Die Normannen sind beliebt, bei den Neuaufnahmen muss sogar eine Warteliste aufgelegt werden.
In den wohlhabenden Stadtteilen im Westen der Stadt gibt es keine Nachwuchssorgen. Im Osten dagegen und in den Bezirken mit hohem Migrantenanteil bekommen die Pfadfinder keinen Fuß auf den für sie steinigen Boden. Junge Türkinnen oder Türken etwa als Mitglieder zu gewinnen, „misslingt uns total“, gibt Julian Busch zu – eine für den 25-jährigen Landesvorsitzenden „ernüchternde“ Erkenntnis. Er weiß, dass dies eine Niederlage ist, dass dies eigentlich nicht akzeptabel ist in einer Großstadt wie Berlin. Aber es gibt für diese Schwierigkeiten handfeste Gründe.
Ein Hort für Bürgerkinder
In Berlin, so Busch, sei seine Truppe „traditionell ein Mittelschichtenphänomen“, ein Hort für Bürgerkinder. Dieser Bürgerlichkeit gebricht es weitgehend in den östlichen Stadtteilen genauso wie in Kreuzberg und Neukölln, und so tendiert der Zustrom zu den Pfadfindern dort gegen Null. Doch allen Bemühungen, daran etwas zu ändern, seien Grenzen gesetzt. Man mache eben keine Sozialarbeit, damit sei man überfordert. Immerhin aber soll nun auch in Kreuzberg eine Gruppe aufgebaut werden.
Es ist an diesem Freitagabend ordentlich was los in dem Keller. Die acht Mitglieder der Sippe der „Sturmfalken“ sitzen um einen niedrigen Tisch auf dem Boden, über den sie Decken und Teppiche gebreitet haben. In den Sippen sind die Zehn- bis 16-Jährigen untergebracht, nach Geschlechtern getrennt, was eigentlich beide Seiten als recht angenehm empfinden. Die Sturmfalken gehören, zusammen mit sechs weiteren Sippen, der Gilde „Leif Eriksson“ an. Der Isländer Eriksson gilt als der eigentliche Entdecker Nordamerikas, dessen Boden er um das Jahr 1000 betrat. Ein wahrhaft würdiges Pfadfindervorbild.
Auf den Fluren und in den Räumen sind Fahnen, blechernes Kochgeschirr, Musikinstrumente verteilt, auf dem Boden liegen alte Decken und Teppiche übereinander. Es sieht ein wenig aus wie in Wallensteins Lager. In den Gruppen werden die Aktivitäten der nächsten Wochen und Monate besprochen, etwa die Reise nach Finnland, zum althergebrachten Jamboree, zu dem Tausende Pfadfinder aus mehr als 100 Ländern zusammenkommen. Die Vorfreude ist schon erheblich.
Aber das versprochene Abenteuer kann auch ganz in der Nähe warten, im Grunewald zum Beispiel. Dort, zwischen Kiesgrube und Dünen, ließen sich herrliche Schnitzeljagden veranstalten, darin sind sich die Jungen einig. Der zwölfjährige Lars erinnert sich begeistert an Geländespiele, in denen Gruppen gegeneinander antraten. Da mussten Löcher gegraben, Posten aufgestellt, Taler verdient und Speis und Trank selbst organisiert werden. Da musste man sich beim Tauziehen bewähren. „Das war“, sagt Lars strahlend, „was anderes als Ringelpiez mit Anfassen“
.
Doch das praktische Pfadfindertum ist noch mehr. Da wird zusammen gelacht, gesungen, geredet. Da wird, betont der 14-jährige Carl-Philipp, Verantwortung füreinander übernommen und im Team gearbeitet. Pfadfinder lernen miteinander auszukommen, und sie freuen sich darüber, etwas zu beherrschen, was andere nicht können: das Knotenbinden, das Aufbauen der Jurte oder auch das Sich-in-der-Natur-Zurechfinden. Das stärkt das Selbstvertrauen, und man lernt die eigenen Kräfte kennen.
Die meisten Mitglieder der Sturmfalken wussten nicht genau, was sie erwartete, nachdem sie das Aufnahmeformular unterschrieben hatten. Für alle aber war es eine positive Entscheidung. Er sei „selbstbewusster“ geworden, berichtet Carl-Philipp in der kleinen Runde, und die anderen stimmen zu. Aber einige berichten auch davon, dass dieses Selbstbewusstsein gelegentlich auf die Probe gestellt werde. „Manchmal werden wir schief angeguckt“, sagt Enno Strudthoff, der 17-jährige Sippenführer. In der Großstadt gelten Pfadfinder als Exoten. Besonders im Osten, wo die Erinnerung an die FDJ noch wach ist, müssen sich die Träger der blauen Hemden hin und wieder musternde Blicke gefallen lassen.
Ohne iPod im Grunewald
Wer aber nicht bei den Pfadfindern sei, sagt Philipp (15), „verpasst was“, vor allem „die Begegnung mit der Natur“. Die Naturverbundenheit, sagt auch Tom (13), sei eine „tolle Erfahrung“. Dort draußen, egal ob im Grunewald oder auf großer Fahrt, sind Handy und iPod, Gameboy und Walkman verpönt. „Es gibt auch“, sagt Philip, „in der Natur Musik.“
Auf solchen Touren bleibt auch ein Stück Stadt zurück. Statt Zerstreuung, sagt der Sippenchef, locke „Verzicht“ und die „Konzentration auf sich selbst“. Keiner aus der Gruppe widerspricht.
Die Pfadfinderei in der Großstadt ist auch ein Kontrastprogramm. „Wir sind“, sagt der Vorsitzende Busch, „eine Art Gegenbewegung.“ Es ist für die Pfadfinder gut, aus der Stadt herauszukommen, und es ist gut, in der Stadt zu sein. In der Stadt kann man nur schwer biwakieren, aber man kann auch hier die Pfadfindertugenden hochhalten. Zum Beispiel älteren Damen über die Straße helfen oder Fremden den Weg erklären. Und überhaupt „hilfsbereit und freundlich sein“, wie der 14-jährige Gregor schwärmt. Jeden Tag eine gute Tat. Ist gar nicht so schwer, nicht mal in Berlin.
Kai Ritzmann
| Freizeitangebote für Kinder und Jugendliche |
| Pfadfinder sind Mitglieder einer international, religiös und politisch unabhängigen Erziehungsbewegung. Ziel ist die Förderung und Entwicklung junger Menschen. Gründer ist der britische General Robert Baden-Powell, der 1907 das erste Pfadfinderlager in England organisiert hat. Weltweit gehören heute etwa 38 Millionen Kinder und Jugendliche zur Pfadfinderbewegung, die sich in Deutschland in Stämme gliedert, die wiederum Meuten, Sippen und Gilden umfassen. In Berlin gibt es mehrere Organisationen. Der Bund der Pfadfinderinnen und Pfadfinder (BdP, Tel. 61 20 35 86, bbb@ pfadfinden.de) mit seinen rund 300 Mitgliedern ist nur ein Teil der Pfadfinderbewegung. Daneben gibt es die Deutsche Pfadfinderschaft Sankt Georg (DPSG, Tel. 75 69 03 55, post@ dpsg-dv-berlin.de), den Verband christlicher Pfadfinderinnen und Pfadfinder (VCP, Tel. 319 11 13, bbb@vcp.de) und den interkonfessionellen Deutschen Pfadfinderverband (DPV, Tel. 0221 52 40 18). Freizeitangebote machen auch der Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ, Tel. 756 90 30, info@bdkj-berlin.de) beziehungsweise die evangelische Christliche Pfadfinderschaft Deutschlands/Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend (aej, Tel. 05101 58 40 69, info@c-p-d.info) und nicht zuletzt die Falken, die Sozialistische Jugend Deutschlands (Tel. 280 51 27, info@falken-berlin.de). |