Tara und Ronja (beide 13) macht es Spaß, in sogenannten Lernbüros zu arbeiten und Zertifikate zu erwerben. Die Schulleiterin der Evangelischen Schule, Margret Rasfeld, ist extra nach Berlin gezogen, um am Modellprojekt Gemeinschaftsschule dabei zu sein.  Foto: Eckert
Tara und Ronja (beide 13) macht es Spaß, in sogenannten Lernbüros zu arbeiten und Zertifikate zu erwerben. Die Schulleiterin der Evangelischen Schule, Margret Rasfeld, ist extra nach Berlin gezogen, um am Modellprojekt Gemeinschaftsschule dabei zu sein. Foto: Eckert

Eine Schule für alle

Am 1. September starten 16 Berliner Bildungseinrichtungen einen Modellversuch als Gemeinschaftsschulen. Das Projekt ist umstritten.

Berlin. Dem Pisa-Debakel und der Perspektivlosigkeit an Hauptschulen will der rot-rote Senat ein Modellversuch mit Gemeinschaftsschulen entgegensetzen. Kinder sollen von der ersten Klasse bis zum Schulabschluss gemeinsam lernen – ohne „Sitzenbleiben“ und ohne Differenzierung zwischen Haupt- und Realschülern oder Gymnasiasten.

Taras Wangen sind vor Eifer gerötet. Begeistert zeigt die zierliche Siebtklässlerin der Evangelischen Schule Berlin Zentrum den Ordner zum Fach Deutsch: „Wir haben zum Beispiel das Gedicht ‚Der Zauberlehrling’ analysiert, es auswendig gelernt und vor den anderen vorgetragen. Dann habe ich einen Test geschrieben“, erklärt die dunkelblonde Dreizehnjährige stolz die Aufgaben, die sie im sogenannten Lernbüro schon gemeistert hat.

Seit Anfang Februar erarbeitet die evangelische Schule Berlin Zentrum die Hauptfächer Deutsch, Englisch und Mathematik mit solchen Lernbüros. Allein, zu zweit oder in kleinen Gruppen erarbeiten die Kinder den Lehrstoff in freier Zeiteinteilung. Lehrer stehen für Fragen bereit und achten darauf, dass das Pensum erfüllt wird.

Das Projekt ist ein Vorgeschmack auf den Modellversuch einer Gemeinschaftsschule, von der sich Bildungspolitiker eine individuelle Förderung der Kinder versprechen. Die freie Schule an der Wallstraße ist eine von 16 Berliner Schulen an elf Standorten (siehe Infokasten), die in einer ersten Versuchsphase die „Schule für alle“ vom 1. September an testen werden.

Eigenverantwortlich lernen

In einer Zeit, in der es auf lebenslanges Lernen ankomme, müsse die Schule die Kinder zu Eigenverantwortung erziehen und ihnen mit Erfolgserlebnissen Selbstbewusstsein geben, ist Margret Rasfeld, Leiterin der Evangelischen Gesamtschule, überzeugt. Die 56-Jährige steht voll und ganz hinter der Gemeinschaftsschule. Nach 30 Jahren im Schuldienst hat die dunkelhaarige Frau vor einem Jahr ihre Position als Leiterin einer Essener Gesamtschule aufgegeben, um an der freien Schule in Mitte noch einmal eine Herausforderung anzunehmen. Die braunen Augen funkeln empört, wenn die Pädagogin vom deutschen Bildungswesen spricht: „Ein Drittel der Jugendlichen scheitert in unserem Schulsystem. Das zu ändern, ist eine große Zukunftsaufgabe.“

In Gruppen von 25 Schülern sollen die Kinder neben Lernbüros auch Projektunterricht und Lernwerkstätten für Pflichtkurse und Kurse nach persönlichem Interesse besuchen – von der dritten Fremdsprache bis zur Sport. Zertifikate belegen den Lernerfolg. „Die Schüler sind ganz wild auf die Zertifikate“, hat Rektorin Rasfeld festgestellt.

Auch Tara und ihre Mitschülerin Ronja (13) zeigen voller Stolz ihre Bescheinigungen über den Lernbaustein deutsche Literatur. Für Ronja ist es jedoch noch schwer, sich die Zeit richtig einzuteilen. Zu groß sei die Ablenkung in den Gruppenräumen. Dabei gibt es strenge Regeln: „Ich bleibe an meinem Platz“ oder „Ich führe keine Privatgespräche“ steht auf der langen Liste für das richtige Verhalten im Lernbüro.

Das Konzept der Evangelischen Schule ist jedoch nur ein Beispiel für die Arbeit in den neuen Gemeinschaftsschulen. In der Modellphase wird jede Berliner Gemeinschaftsschule nach eigenen Unterrichtsmethoden arbeiten. Jahrgangsübergreifender Unterricht ist möglich, aber nicht zwingend. Im Unterschied zur Gesamtschule, mit der die Gemeinschaftsschule oft verglichen wird, soll es keine nach Leistung differenzierten Gruppen mehr geben. Ein Probehalbjahr ist nicht mehr vorgesehen.

In der siebten und achten Klasse können die Schulen auch auf Zeugnisse verzichten. „Wir geben den Lehrern eine Kiste voll Werkzeug. Welche sie benutzen, ist ihnen überlassen“, beschreibt Bildungssenator Jürgen Zöllners (SPD) das Konzept.

Rund 1000 Anmeldungen

Die Evangelische Schule Berlin Zentrum hatte mit rund 200 Anmeldungen für die 75 Plätze die meisten Interessenten unter den künftigen Gemeinschaftsschulen. Rund 1000 Kinder sind bisher nach Angaben der Senatsschulverwaltung für die siebten Klassen der neun weiterführenden Schulen angemeldet, die sich an dem Testlauf beteiligen. Welche Eltern die entsprechenden Schulen nur wegen der Wohnortnähe ausgewählt haben und welche gezielt für ihr Kind eine Gemeinschaftsschule wollten, gibt die Statistik nicht her. Nur die Evangelische Schule Berlin Zentrum und die Anna-Seghers-Oberschule in Treptow- Köpenick hatten mehr Neuanmeldungen als im vorangegangenen Schuljahr.

In der freien Schule Berlin Zentrum hatte mehr als ein Drittel eine Gymnasialempfehlung – wichtige Voraussetzung, um die Idee einer Schule für alle zu realisieren. Wie viele der Kinder mit Haupt-, Realschul- oder Gymnasialempfehlung an die anderen Berliner Gemeinschaftsschulen kommen, sei noch nicht ausgewertet, so Bernhard Kempf, Sprecher von Bildungssenator Zöllner. Die etwa 1000 Anmeldungen bezeichnet Kempf aber „als sehr großen Erfolg“.

Die Opposition ist weniger begeistert. Die CDU betrachtet die Berliner Gemeinschaftsschule schon als gescheitert, bevor der Modellversuch überhaupt begonnen hat. Dass sich keine Gymnasien an dem Schulversuch beteiligen und auch nicht alle Oberschulen Grundschulen als Partner gefunden hätten, zeige, dass das Vorhaben Gemeinschaftsschule bei Schülern, Eltern und Lehrern „kaum positive Resonanz“ finde, so der bildungspolitische Sprecher der CDU-Fraktion im Abgeordnetenhaus, Sascha Heuer. Auch der Landeselternrat findet, dass die Gemeinschaftsschulen keinen guten Start haben, weil zu wenige Bildungseinrichtungen beteiligt sind.

Am „Runden Tisch Gemeinschaftsschulen“, den rund 30 Lehrer, Verbandsvertreter, Bildungspolitiker und Gewerkschafter gegründet haben, um die Idee der Gemeinschaftsschule so weit voranzubringen, haben bisher keine Elternvertreter Platz genommen. „Es ist noch nicht ausreichend gelungen, die Eltern einzubeziehen“, räumt Sprecherin Marliese Seiler-Beck ein. Schulleiterin Margret Rasfeld überrascht die Zurückhaltung der Eltern nicht. Die Gemeinschaftsschule müsse sich erst beweisen, sagt sie und sprüht dabei vor Tatendrang.

Helga Labenski


Gemeinsam von der ersten Klasse bis zum Abschluss
In Gemeinschaftsschulen sollen nach finnischem Vorbild alle Kinder von der ersten Klasse bis zum Schulabschluss ganztags gemeinsam lernen. Ziel ist ein durchlässiges Bildungssystem, das alle Kinder fördert.
Im Berliner Pilotprojekt sollen mit dem Beginn des Schuljahres 2008/2009 16 Bildungseinrichtungen in sieben Bezirken das neue eingliedrige Schulsystem einführen. Grund- und Oberschulen gehen dabei Partnerschaften ein. Unter diesen künftigen Gemeinschaftsschulen sind allerdings mit der Neuköllner Fritz-Karsen-Gesamtschule und der Anna-Seghers-Gesamtschule in Treptow-Köpenick nur zwei, die zum Abitur führen. 22 Millionen Euro stellt das Land Berlin für den Aufbau erster Gemeinschaftsschulen bis 2011 bereit. Das meiste Geld wird für Umbauten, etwa von Mensen, ausgegeben. Allen Gemeinschaftsschulen wird eine halbe Lehrerstelle zusätzlich zugebilligt. Vergleichbare Versuche gibt es bereits in Schleswig-Holstein und Sachsen. Auch in Hamburg war ein Volksentscheid zur Einführung von Gemeinschaftsschulen erfolgreich.
Folgende staatliche Schulen beteiligen sich an dem Berliner Modellversuch Gemeinschaftsschule: Hermann-Gmeiner-Realschule in Lichtenberg, Wolfgang-Amadeus-Mozart Grundschule in Marzahn-Hellersdorf, Heinrich-von-Stephan-Schule (integrierte Haupt- und Realschule), Moses-Mendelssohn-Gesamtschule und die James-Krüss-Grundschule in Mitte, die Fritz-Karsen-Gesamtschule, die Heinrich-Heine-Realschule, Rütli-Hauptschule und Franz-Schubert-Grundschule in Neukölln, B.-Traven-Gesamtschule in Spandau, Anna-Seghers-Oberschule, Sophie-Brahe-Gesamtschule und die Grundschule am Heidekampgraben in Treptow-Köpenick.
Pankow gründet eine neue Grundschule für den Versuch. Als einzige freie Schule wird die weiterführende Evangelische Gesamtschule Berlin Zentrum im Verbund mit der Evangelischen Grundschule Mitte an der Modellphase teilnehmen.

 

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