Zugverkehr auf allen Linien: Auch der wichtige Umsteigebahnhof Alexanderplatz wird von der S-Bahn wieder im Takt bedient.  Foto: Augen-Blick
Zugverkehr auf allen Linien: Auch der wichtige Umsteigebahnhof Alexanderplatz wird von der S-Bahn wieder im Takt bedient. Foto: Augen-Blick

„Eine zweite Chance bekommen wir nicht“

S-Bahn will das Vertrauen ihrer Kunden zurückgewinnen. Dazu beitragen soll auch eine unbürokratische Entschädigung.

Berlin. Pannenserie im öffentlichen Nahverkehr: Als Entschädigung für fünf Monate S-Bahnchaos gibt es nun von der S-Bahn einen Monat freie Fahrt für Abonnenten. Und das Verkehrsunternehmen kämpft vehement darum, das Vertrauen der Berliner in ihre S-Bahn zurückzugewinnen.

„Na Gott sei Dank! Jetzt läuft es wieder“, sagt Marianne Luschke mit Blick auf die einfahrende S-Bahn Richtung Grünau. Die Ansage, dass sie in Schöneweide noch einmal umsteigen muss, um nach Spindlersfeld zu kommen, nimmt sie gelassen. „Besser als nichts – so wie im September“, meint die Laborantin und steigt lachend in den Zug. Auf dem Bahnsteig des S-Bahnhofs Tempelhof herrscht im Berufsverkehr reges Treiben. Alle drei bis fünf Minuten kommt die Ringbahn und der Bahnsteig leert sich für kurze Zeit. Auch zum Südkreuz und nach Königs Wusterhausen fahren die Züge. Ein Herr mit Hut ist noch skeptisch: „Hoffentlich passiert nicht wieder was und alles geht von vorn los.“ Aber im Moment sei er einfach nur glücklich, dass „seine“ S75 nach Spandau wieder fahre.

Auch auf dem Bahnhof Friedrichstraße ist das Gedränge groß. Dort wartet Fritz Walkaut auf den Zug nach Oranienburg. „Noch vier Minuten, wunderbar“, freut sich der Rentner. Das Chaos der vergangenen Monate sei ihm ganz schön an die Nieren gegangen, gesteht der S-Bahn-Stammkunde und lobt, dass jetzt wieder alle Linien befahren werden.

Gewaltiger Imageschaden

S-Bahn-Sprecher Ingo Priegnitz ist sich über den gewaltigen Imageschaden für das Unternehmen im Klaren: „Eine zweite Chance bekommen wir nicht“, das weiß er. Es müsse wieder volle Fahrleistung gebracht und das Vertrauen in die S-Bahn erneuert werden. Von den 1264 S-Bahnwagen sind inzwischen 680 im Einsatz. Die Radschäden und defekten Bremszylinder kommen die S-Bahn Berlin GmbH teuer zu stehen: In den Werkstätten laufen umfassende Sicherheitsüberprüfungen, der Senat kürzt seine monatlichen Zuschüsse für das Unternehmen und die Berliner Verkehrsbetriebe BVG werden die Rechnung für zusätzlich eingesetzte Fahrzeuge präsentieren.

„Allein die jetzt angelaufene Kundenentschädigung wird rund 55 Millionen Euro kosten“, rechnet Priegnitz. Insgesamt werden die zusätzlichen Ausgaben für die S-Bahn 2009 etwa 75 Millionen Euro betragen. Der Freifahrtmonat Dezember für alle Abonnenten ist nur ein Teil der angestrebten Wiedergutmachung. „Außerdem spenden wir noch Geld für soziale Zwecke“, so Priegnitz. So wie die 400000 Euro an Projekte der Stadtmission, des Kinder- und Jugendwerks Arche, der Berliner Bürgerstiftung und der Rheuma-Liga.

Der Andrang in den Kundencentern von S-Bahn und BVG hält sich in Grenzen. Irina Göhder aus Neukölln holt sich am Hermannplatz die 55,83 Euro in bar ab – ohne zu warten, gegen Vorlage ihres Dezember-Fahrscheins. „Ich habe hier im April die Jahreskarte AB gekauft“, erzählt die Friseurin. Es sei toll, für einen Monat Geld zurückzubekommen. Das könne sie gebrauchen. Irina Göhder erwartet nun von der S-Bahn, dass sie die Betriebssicherheit ihrer Wagen auch wirklich vorschriftsmäßig überprüft.

Die Forderungen der Berliner Politiker reichen vom Kauf der S-Bahn durch das Land Berlin über Mietnachlässe für die Gewerbetreibenden auf den Bahnhöfen bis zur Entlassung der Senatorin für Stadtentwicklung, Ingeborg Junge-Reyer (SPD). Außerdem forderten die Freien Demokraten im Abgeordnetenhaus, im April 2010 für alle eine kostenlose Nutzung der öffentlichen Verkehrsmittel. Dieser „Modellversuch“ solle, so FDP-Fraktionschef Christoph Meyer, vom Senat dazu genutzt werden, die Machbarkeit eines kostenlosen öffentlichen Nahverkehrs zu untersuchen.

Sieben Millionen Euro im Sommer, 15 Millionen im September und sechs Millionen im Oktober – das sind die bisherigen Kürzungen des Senats am S-Bahn-Zuschuss. Normalerweise werden rund 20 Millionen Euro monatlich vom Land überwiesen. „Nicht erbrachte Leistungen werden auch nicht bezahlt“, kommentiert die Pressesprecherin der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Petra Rohland. Das werde so lange gehen, bis der Betrieb wieder normal sei. Als Schuss vor den Bug bezeichnet Rohland die schriftliche förmliche Abmahnung des Senats an die S-Bahn. Noch laufen die Nachverhandlungen zum bis 2017 gültigen Verkehrsvertrag zwischen S-Bahn und Senat. „Die Abmahnung setzt ein Signal“, sagt Rohland. Konsequenz aus weiteren Pannen, so die Pressesprecherin, könnte zum Beispiel eine Vertragsauflösung sein.

„Werkstätten erhalten!“

Zum Fahrplanwechsel am 13. Dezember soll bei der S-Bahn alles wieder im Lot sein. „Vorausgesetzt, dass keine neuen Defekte festgestellt werden“, betont Priegnitz. Aber dafür gebe es keine hohe Wahrscheinlichkeit. „Quick-Checks“ in den Werkstätten seien an der Tagesordnung, die Arbeitspläne würden genau mit der in den Werkstätten erbrachten Leistung verglichen. In allen vier Werkstätten wird laut Priegnitz im Drei-Schicht-System gearbeitet. In Verhandlung stehe man noch über die Wiedereröffnung der vor Kurzem geschlossenen Werkstatt Friedrichsfelde. Dort stelle sich aber die Frage, ob die Einrichtung wirklich dauerhaft gebraucht werde.

Für Jens Wieseke vom Fahrgastverband Igeb ist das keine Frage: „Friedrichsfelde wird gebraucht. Aber es ist ja noch nicht mal die Hauptwerkstatt in Schöneweide gesichert.“ Für ihn ist das der falsche Kurs. „Statt wie wild Personal einzusparen, sollten Fachleute wieder eingestellt werden.“ Denn die S-Bahn sei noch lange nicht da, wo sie sein sollte. So gebe es zum Beispiel viel zu wenige Fahrzeuge, um ausfallende Wagen zu ersetzen.

Aber nicht nur die S-Bahn kämpft mit Radrissen, Bremsen- und Achsenproblemen an ihren Zügen. Inzwischen hat es auch die BVG erwischt. Bei gut der Hälfte der Doppeldecker müssen die Vorderachsen ausgetauscht werden, Beginn: Anfang November. „Reine Vorsichtsmaßnahme“ und ohne Auswirkungen auf den Betrieb, so BVG-Sprecher Klaus Wazlak. Aber auch die alten Tatra-Straßenbahnen bereiten der BVG Sorge, ist doch jetzt bei einem Achsenbruch am Hackeschen Markt eine komplette Radscheibe abgefallen. Nun wird nach den genauen Ursachen geforscht. Bei der Tram wird aber von einem Einzelfall ausgegangen, ohne weitere Folgen für den Fahrbetrieb.

Gabi Zylla



1,3 Millionen Fahrgäste pro Tag
Seit dem 19. Oktober werden wieder alle Strecken der Berliner S-Bahn bedient. Das Netz ist 332 Kilometer lang und wird im Normalfall von 15 S-Bahnlinien befahren. Es gibt in Berlin 133 S-Bahnhöfe, in Brandenburg sind es 33. An den Werktagen transportiert die Bahn etwa 1,3 Millionen Fahrgäste täglich – also fährt etwa jeder dritte Berliner täglich. Begonnen hat die S-Bahn-Krise am 1. Mai, als in Kaulsdorf ein Zug mit Fahrgästen nach einem Radbruch entgleiste. Anfang September mussten Hunderte Züge wegen defekter Bremszylinder aus dem Verkehr gezogen werden. Es fuhr nur noch ein Viertel aller Wagen. Wegen Fahrzeugmangels wurden viele Strecken nicht mehr bedient. Inzwischen fährt etwa die Hälfte aller Wagen wieder. Aktuelle Informationen zum S-Bahnverkehr gibt es beim Kundentelefon 29743333 montags bis freitags von 6 bis 23 Uhr; sonnabends und sonntags von 7 bis 21 Uhr und im Internet unter www.s-bahn-berlin.de.


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