Tierpflegerin Patricia Wegener kümmert sich im Tierheim um die kranken Kaninchen, die aus einer Berliner Wohnung gerettet wurden. Foto: Augen-Blick
Tierpflegerin Patricia Wegener kümmert sich im Tierheim um die kranken Kaninchen, die aus einer Berliner Wohnung gerettet wurden. Foto: Augen-Blick

Endstation Tierheim

In Falkenberg landen immer häufiger kranke Tiere. Viele Halter können sich Futter und Arztrechnungen nicht mehr leisten.

Berlin. Alt, krank, abgeschoben: Das Tierheim muss immer mehr Hunde und Katzen aufnehmen. Viele Tiere finden erst nach mehreren Monaten ein neues Zuhause. Derzeit warten im Tierheim insgesamt 1200 Tiere auf bessere Zeiten.

Lara ist acht Jahre alt, lieb, verschmust und anhänglich. Aber Lara hat die falsche Farbe. Die Mischlingshündin von Labrador- und Schäferhundeltern ist schwarz. „Schwarze Hunde lassen sich wesentlich schwerer vermitteln“, sagt Tierheim-Sprecherin Evamarie König. Lara zählt zu den Sorgenkindern der Tierpfleger, denn sie hat auch noch Arthrose. „Die Hündin sollte daher besser keine Treppen steigen.“ Warum Hunde mit schwarzem Fell so unbeliebt sind, kann sich König nicht erklären. „Sie sind genauso anhänglich und verschmust wie Hunde mit hellem Fell.“

80 Prozent der Hunde mit Handicap

Mehr als 80 Prozent der 300 Tierheimhunde sind krank oder verhaltensauffällig. Für sie baut das Tierheim jetzt ein Hundetrainings- und Rehabilitationszentrum. Dort sollen Vierbeiner mit Handicap gezielt und kompetent auf ein neues Leben außerhalb des Tierheims vorbereitet werden. „In der Mitte ist eine große Freifläche mit Spiel- und Buddelmöglichkeiten“, beschreibt König die künftige Anlage. „Auf dieser Freifläche wird unsere Hundetrainerin dann mit den Tieren arbeiten.“

Die meisten Hunde, die im Tierheim leben, sind herrenlos aufgefunden worden. Genau wie Lara, von der man nicht weiß, ob sie Kinder mag, gern im Auto mitfährt oder allein in der Wohnung bleibt. Der Grund, warum sich jemand von der bildschönen Hündin getrennt hat, lässt sich erahnen: „Lara ist krank, und vermutlich konnte ihr Halter die Tierarztrechnungen nicht bezahlen“, so König. Seit der Einführung von Hartz IV trennen sich zunehmend Menschen von ihren Tieren, weil das Geld fürs Futter nicht mehr reicht. „Werden die Tiere krank, ist ein Gang zum Tierarzt oft unbezahlbar. Wir helfen, wo es möglich ist“, sagt König. Beispielweise werde Ratenzahlung gewährt, wenn eine teure Behandlung durch den Tierarzt nötig ist. „Wir können aber nicht dauerhaft den Unterhalt für die Tiere übernehmen.“

Anstieg bei alten und kranken Vierbeinern

Insgesamt verzeichnet das Tierheim Berlin einen deutlichen Anstieg der Zahl kranker und alter Hunde. Dabei gibt es gute Gründe, sich für einen älteren Hund zu entscheiden. „Sie haben ein ruhigeres Temperament, benötigen weniger Bewegung und sind genügsamer“, sagt Annette Trölsch, Tierpflegerin in den Hundehäusern. Kranke Tiere, die ein neues Heim finden, behandelt die Tierarztpraxis im Tierheim übrigens kostenlos weiter. Auch Tobi ist ein Sorgenkind der Pfleger. Er ist alt, krank und taub. „Es wäre so schön, wenn er noch jemand finden würde, der sich seiner annimmt, und er nicht im Tierheim sterben muss“, wünscht sich König. Mit Arthrose, Hüftdysplasie und Herzschwäche sieht die Prognose schlecht aus. Der Spitzmischling ist ein hübsches Kerlchen und liest den Pflegern jedes Wort von den Lippen ab. Wie gesagt, hören kann er nicht mehr.

Ähnlich wie bei den Hunden hat im Tierheim auch die Zahl der alten und chronisch kranken Katzen zugenommen. Derzeit betreut das Heim mehr als 300 Katzen. Jerzy Kasprzak, Tierpfleger im Katzenhaus „Samtpfötchen“, sagt: „60 bis 70 Prozent sind älter als zehn Jahre. Diagnostiziert der Tierarzt eine Krankheit, die Kosten verursacht, wird so manches Tier einfach ins Tierheim gebracht. Da endet die Liebe zum Tier plötzlich.“

Ein weiterer Grund, aus dem viele Tiere immer wieder abgegeben werden: Herrchen oder Frauchen ziehen ins Alten- oder Pflegeheim. Dort sind Tiere meist unerwünscht. „Das ist sehr traurig“, so König. „Wir versuchen, Heime zu überreden, dass sie auch Tiere erlauben. Denn es gibt durchaus Pflegeeinrichtungen, in denen Hunde oder Katzen gehalten werden. Sie bereichern das Leben der Senioren.“

Katzen in Not

Der Platz im Katzenhaus reicht schon seit Langem nicht mehr aus, sodass viele Samtpfoten durch Pflegestellen betreut werden. Ein weiteres Problem sind frei lebende Katzen. Sie sammeln sich gern auf alten Industriegeländen, in leer stehenden Fabrikgebäuden oder in der Nähe von Krankenhäusern. „Wir versuchen, diese Tiere einzufangen und wenigstens zu kastrieren, damit dieses Katzenelend nicht noch mehr zunimmt“, so König. Nach der Behandlung kommen die Tiere an den Ursprungsort zurück. Die neueste Marotte der Berliner findet König mehr als ärgerlich: „Kleingärtner nehmen ihre Katzen im Sommer mit nach draußen. Aber sie lassen sie im Herbst dort und kümmern sich nicht mehr um die Tiere. Das ist ganz schlimm.“ Kalte Winter mit Temperaturen unter zehn Grad minus überleben viele Tiere nicht, die zusätzlich mangels Futter geschwächt sind. Sie gingen elend zugrunde.

Aktuell plagt das Tierheim eine Kaninchenschwemme. 110 Tiere retteten Tierschützer aus einer Wohnung. Etliche Tiere hatten Bisswunden. Einige waren so schwer verletzt, dass sie eingeschläfert werden mussten. Die anderen suchen nun ein neues Zuhause. Vor drei Jahren gab es bereits eine Massenrettung von 1700 Wellensittichen aus einem Spandauer Rentnerhaushalt. „Diese Vögel sind inzwischen alle vermittelt“, freut sich König.

Exotenhaus gut gefüllt

Gut gefüllt ist inzwischen auch das neue Exotenhaus. Grüne Leguane, Bartagamen oder Wasserschildkröten suchen ebenfalls neue sachkundige Tierhalter. Im Januar landeten zwölf junge Kornnattern im Haus. Die Tiere waren jeweils zu viert in einem Plastikschälchen mit Deckel untergebracht, so wie sie auf Tierbörsen angeboten werden. Eine Passantin hatte die Tüte an einer Mülltonne in der Grenadierstraße in Spandau gefunden und ins Tierheim gebracht.

Weil es in Berlin so viele Tiere in Not gibt, nimmt das Tierheim keine Hunde aus südlichen Ländern auf. König: „Wir halten nicht viel davon, Hunde aus Spanien oder Ungarn nach Berlin zu holen. Aber wir unterstützen ein im Aufbau befindliches Tierheim in der Türkei.“

Wegen der vielen Tiere, die in Berlin leider kein neues Zuhause finden, geben die Berliner Tierschützer Hunde und Katzen an andere Tierheime in der Bundesrepublik ab, in der Hoffung, dass sie dort schneller vermittelt werden. „Die Verweildauer wird immer länger. Vor zwei Jahren blieben Hunde durchschnittlich drei Monate bei uns, jetzt sind es vier bis fünf Monate“, verweist König auf die aktuellen Probleme.

Marianne Rittner

 

Tierhalter in der Pflicht

Schon vor der Anschaffung des Tieres an die Kosten denken.

Berlin. Manchmal wenden sich gleich mehrere Anrufer am Tag mit einer speziellen Bitte an das Tierheim in Falkenberg. Es sind Menschen, die aus finanziellen Gründen mit der Pflege ihrer Haustiere überfordert sind.

Sie können Futter oder Arztrechnungen nicht mehr bezahlen. Derartige Hilferufe nehmen zu und provozieren bei den Tierpflegern nicht nur den Wunsch zu helfen, sondern auch eine gewisse Verstimmung. Sie fragen sich, ob die in Not geratenen Tierhalter nicht eher an die finanziellen Belastungen hätten denken können, die auf sie zukommen.

55 Prozent unserer Leser sprechen sich gegen eine staatliche Zuwendung aus: Ein deutlicher Wink, sich selbst um das Wohlbefinden der Hunde, Katzen, Wellensittiche zu kümmern. „Wir appellieren an das Verantwortungsbewusstsein der Tierhalter, schon bei der Anschaffung der Tiere an die Kosten zu denken, die für den Unterhalt und im Krankheitsfall eintreten“, sagt Tierheimsprecherin Evamarie König. Mit „Bedauern“ nehme man zur Kenntnis, dass viele den „finanziellen Aufwand nicht überblickten“.

Andererseits sind 45 Prozent der Leser für eine finanzielle Unterstützung. Sie wissen, wie wichtig ein Haustier für Menschen ist, die arm und einsam sind, weil sie nicht im Berufsleben stehen und über wenige soziale Kontakte verfügen.

Kai Ritzmann


Der Tierschutzverein
1841 wurde der Verein gegen Tierquälerei, der heutige Tierschutzverein für Berlin und Umgebung, mit dem Ziel gegründet, „Grausamkeiten gegen Tiere mit Hilfe aller zu Gebote stehenden Mittel zu verhindern“. In diesem Jahr feiert der Verein sein 170-jähriges Bestehen. Seit der Eröffnung des Tierheims am Hausvaterweg 39 in Falkenberg 2001 wurden mehr als 93.000 Tiere vermittelt. 2010 nahm das Tierheim Berlin 10.530 Tiere auf und vermittelte 10.416 von ihnen, darunter 1894 Hunde, 4152 Katzen, 2630 Kleintiere, 726 Vögel und 284 Reptilien. Am 17. April lädt das Tierheim von 11 bis 16 Uhr zum Osterfest ein, am 29. Mai zum Tag der offenen Tür ebenfalls 11 bis 16 Uhr. Das Tierheim Berlin ist montags bis freitags von 11 bis 17 Uhr geöffnet, am Wochenende jeweils von 11 bis 16 Uhr. Weitere Infos unter Tel. 768880. Der Tierschutzverein hat heute rund 15.000 Mitglieder. Ein Tag Tierheimbetrieb kostet circa 12.000 Euro. Das Tierheim finanziert sich fast ausschließlich über Spenden: Spendenkonto: 35600105, Postbank Berlin, BLZ 10010010.

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