

Auch fast vier Jahre nach Einführung der Plakettenpflicht für die Innenstadt reißt die Kritik nicht ab.
Berlin. Während der Senat die Umweltzone als notwendig und sinnvoll erachtet, bleiben die Skeptiker bei ihrer Ablehnung. Immerhin können sich beide Seiten auf einen Hauptschuldigen für schlechte Werte einigen: das Wetter.
Draußen ist es an diesem Novembernachmittag bereits empfindlich kalt, drinnen leisten bei angenehmen 22 Grad der FH 62-1-R und sein Kollege lautlos ihren Dienst. Die beiden grauen Automaten arbeiten in einem kleinen Container wenige Meter abseits der Jannowitzbrücke. Sie brauchen die konstante Wärme. Denn den sensiblen Messinstrumenten wären größere Temperaturschwankungen nicht zuträglich. Ihr Versagen wäre peinlich, werden hier doch Daten erhoben, über deren Bedeutung der Streit seit Jahren nicht abreißt. Es ist nur ein schlichter Raum, aber er hat es in sich.
Hauchdünner Belag
Unsichtbar im Innern der schuhkartongroßen Apparate trifft ein Laserstrahl auf jene Partikel, die durch ein auf dem Dach montiertes Rohr angesaugt werden und sich als hauchdünner Belag auf einem weißen Band niederschlagen. Diese winzigen, kleiner als zehn Mikrometer großen Teilchen, auch Feinstaub oder PM 10 genannt, haben je nach Form und Zusammensetzung einen mehr oder weniger schädlichen Einfluss auf die menschliche Gesundheit. Auch darüber gehen bei den Experten die Meinungen auseinander. Es gibt um den Feinstaub sehr viele Kontroversen.
All das Für und Wider reduziert sich auf dem weißen Band auf ein etwa pfenniggroßes, hellgraues Rund, gebildet aus den Dreckpartikeln. Je mehr von diesen Elementen sich auf der Fläche befinden, desto schwerer kann der Laser sie durchdringen. Die Differenz von Eintritts- und Austrittsstärke des gebündelten Lichts wird alle drei Stunden an die Senatsumweltverwaltung gesendet, wo in einem nächsten Schritt der Anteil der Partikel in einem Kubikmeter Luft errechnet wird. Es sind nur Daten, doch die einen leiten daraus den Nutzen der Umweltzone ab, für die anderen sind sie der Beleg für deren Sinnlosigkeit. Die Werte wandern in unüberschaubar viele Tabellen, Kurven, Parameter, Datentorten und -balken. Es ist ein verwirrendes Jonglieren mit Zahlen, das in Stationen wie der in Mitte an der Jannowitzbrücke seinen stillen Anfang nimmt.
Genau arbeitende Geräte
Verwirrend sind allein die Anzeigen, die der FH 62-1-R und sein Partner liefern. Der linke Automat signalisiert gerade einen Wert von 33, der rechte von 34 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft. Es seien eben, sagt Diplomingenieur Rainer Nothard, Leiter der Berliner Messstationen, genau arbeitende Geräte, da seien winzige Unterschiede entschuldbar. Nicht ganz so tolerant sind hingegen jene, denen die gewonnenen Daten die Munition für ihren anhaltenden Widerstand gegen die Umweltzone liefern. Ihr Erfolg sei, sagt Ralf Wittkowski, Vorstandsmitglied des ADAC Berlin-Brandenburg, „nicht nachweisbar“. Die Messungen hätten ergeben, dass die Werte seit Einführung der Umweltzone „konstant“ geblieben seien. Die Interessenvertreter der Automobilisten waren vor vier Jahren entschieden gegen die Umweltzone, sie sind es heute noch. Auch Gerichtsurteile, die dem Gesetzgeber recht gegeben haben, mindern ihre ablehnende Wut nicht. Bis 2014 sinke der Anteil der Fahrzeuge, denen die Fahrt in die grüne Zone verboten sei, auf unter fünf Prozent. Dafür der ganze Aufwand? Nichts als „Wahlkampfmittel“ für den Senat, ereifert sich der Lobbyist. Auch nach Jahren sind die Positionen unversöhnt. Die Kritik reißt nicht ab, auch wenn etwa, wie der Umweltfachmann der Berliner Handwerkskammer eingestehen muss, die Untergangsgesänge auf die kleinen und mittelständischen Betriebe sich als verfrüht erwiesen. Keine Firma habe wegen der geforderten Plaketten aufgeben müssen, man habe sich, so Martin Peters, mit den neuen Regelungen „arrangiert“.
Verbesserungen „eher zufällig“
Unter denen, die den Nutzen der Umweltzone bestreiten, ist Detlev Möller einer der Eifrigsten. Der 64-Jährige hat den Lehrstuhl für Luftchemie und Luftreinhaltung an der Brandenburgischen Technischen Universität inne. Die Verbesserung der PM-10-Werte um ein bis zwei Mikrogramm im gesamten Stadtgebiet bewege sich in einem Bereich, erklärt der Chemiker, der im Grunde nichts anderes als „das durch Ungenauigkeiten verursachte Rauschen der Messwerte“ sei. Mit anderen Worten: Die Verbesserungen seien nicht wirklich auf die Umweltzone zurückzuführen und „eher zufällig“.
Es ist ein diesiger kalter Vormittag draußen in Adlershof, dem Arbeitsplatz von Möller. Kaum Wind, kaum Austausch der Luft, eigentlich Smog-Alarm-Wetter. Aber davon redet niemand mehr. Auch heute hält Möller die Verbesserung der Luft durch Zufahrtsbeschränkungen in die Innenstadt für ausgereizt. Entscheidend für die Qualität der Luft sei der Wind, der die Luftverschmutzung aus dem Umland, aus Deutschland und Europa in die Stadt hineinträgt, verursacht maßgeblich von Kohlekraftwerken und der Landwirtschaft. „Der Hebel Umweltzone“, so das Fazit des Wissenschaftlers, „ist zu klein.“
Klein, aber notwendig
Klein, aber notwendig, entgegnet die Umweltverwaltung. „Das Machbare wurde erreicht“, bilanziert Annette Rauterberg-Wulff, Expertin im Referat Immissionsschutz Luftreinhaltung, von allen erdenklichen Maßnahmen zur Luftverbesserung sei die Umweltzone „noch die wirkungsvollste“. Auch Rauterberg-Wulff kann auf Dutzende von Grafiken zurückgreifen. Aus ihnen geht hervor, dass der Anteil des Straßenverkehrs am Feinstaub 52 Prozent beträgt, dass die Anzahl der Anwohner, die von der Überschreitung des PM-10-Grenzwertes betroffen sind, von gut 40.000 auf gut 30.000 zurückgegangen ist, aber auch dass die Zahl der schlimmen PM-10-Partikel seit Einführung der Umweltzone an drei Messstationen in der Innenstadt von 23 auf 26 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft gestiegen ist. Auch nahm von 2009 bis 2010 die Feinstaubbelastung an den verkehrsreichen Straßen im Durchschnitt um 1,1 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft zu. Als Grund werden vor allem ungünstige meteorologische Verhältnisse genannt. Wer das Spiel mit Zahlen liebt, kommt voll auf seine Kosten, wer die Wahrheit finden möchte, hat es schwer.
„Mit Statistiken Politik wird gemacht“
Vielleicht ist es wirklich so, dass hier „mit Statistiken Politik gemacht wird“, wie der Kritiker Detlev Möller vermutet. Vielleicht ist es auch so, dass die Festlegung von 50 Mikrogramm Feinstaub in einem Kubikmeter Luft als Grenzwert „völlig unwissenschaftlich“ und allein „politisch motiviert“ sei. Aber vielleicht hat die Schaffung von Umweltzonen in Berlin und anderen deutschen und europäischen Städten ja den Druck auf die Autoindustrie erhöht, schadstoffärmere Motoren zu entwickeln. Doch dieser technische Fortschritt ist wohl zunächst an sein Ende gelangt. Wenn fast alle alten Motoren umgerüstet oder durch modernere ersetzt sind, also in, wie Fachleute schätzen, zwei bis drei Jahren, könnte die Umweltzone aufgehoben werden. Dann könnte es heißen: Mission erfüllt.
Kai Ritzmann

Weniger Herz-Kreislauferkrankungen dank sauberer Luft.
Berlin. Mit Nachdruck verteidigt der Senat die Umweltzone in Berlin.
Zwar haben unsere Leser mit 84 Prozent für deren Abschaffung gestimmt, doch die Sprecherin der Senatsverwaltung für Gesundheit, Umwelt und Verbraucherschutz hält an den Beweggründen für die Einführung der grünen Plakette fest. „Eine Aufhebung der Umweltzone wäre rechtswidrig“, sagt Marie-Luise Dittmar. „Denn Berlin ist – wie andere Städte auch – dazu verpflichtet, Maßnahmen zur Luftreinhaltung zu ergreifen.“ Langzeitstudien in Nordrhein-Westfalen hätten gezeigt, wie gefährlich es sei, nahe an einer Hauptverkehrsstraße zu wohnen. Die zusätzliche Luftbelastung durch Autoabgase, besonders durch Dieselruß, führe dort dazu, dass das Risiko, an einer Herz-Kreislauf- oder Atemwegserkrankungen zu sterben, 77 Prozent höher sei als bei Menschen, die mehr als 200 Meter von einer Hauptverkehrsstraße entfernt wohnen. Mit der Umweltzone habe speziell diese Zusatzbelastung durch Rußpartikel um bis zu 50 Prozent gesenkt werden können. „Wer“, so Dittmar, „wollte auf diesen Beitrag zum Gesundheitsschutz verzichten?“
| Nach der Grünen die Blaue |
| Berlin richtete ab Anfang 2008 als erstes Bundesland eine Umweltzone ein. Nach einer Übergangszeit wird seit 2010 nur noch Fahrzeugen mit grüner Plakette die Fahrt in den durch den S-Bahn-Ring markierten Innenstadtbereich erlaubt. In der Umweltzone besitzen diese Plakette 97 Prozent aller Pkw und 75 Prozent aller Nutzfahrzeuge. Für Lkw mit Sondernutzung werden auch weiterhin noch jeweils ein Jahr gültige Ausnahmegenehmigungen erteilt. Soll die gegenwärtige Regelung vor allem zur Verminderung des Feinstaubs beitragen, so rückt in Zukunft die Reduktion der schädlichen Stickstoffdioxide in den Fokus. Noch sind nur wenige Automodelle, die die Stickstoffdioxid-Werte nach der aktuellen Euro-5-Grenze einhalten, auf dem Markt, noch sind diese Grenzen nicht entscheidend für den Zugang zur Umweltzone. Doch ist die Einführung einer neuen, die Stickoxidemissionen berücksichtigenden – vielleicht blauen – Plakette wohl nur noch eine Frage der Zeit. |