Der Direktor der Topographie des Terrors, Andreas Nachama, möchte, dass aus der Gedenkstätte in Kreuzberg ein „Lernort“ wird. Foto: Augen-Blick
Der Direktor der Topographie des Terrors, Andreas Nachama, möchte, dass aus der Gedenkstätte in Kreuzberg ein „Lernort“ wird. Foto: Augen-Blick
Das Holocaustmahnmal in Mitte ist zu einem Besuchermagneten geworden. Nach fünf Jahren zeigen jedoch etwa 1900 der 2711 Betonstelen Risse. Foto: Augen-Blick
Das Holocaustmahnmal in Mitte ist zu einem Besuchermagneten geworden. Nach fünf Jahren zeigen jedoch etwa 1900 der 2711 Betonstelen Risse. Foto: Augen-Blick

Erinnern als Erfolgsgeschichte

Fünf Jahre Holocaust-Mahnmal und Eröffnung der neuen Topographie des Terrors: Berlin glänzt mit seiner Gedenkkultur.

Berlin. Orte, an denen die Untaten nicht vergessen werden und der Opfer gedacht wird, gibt es viele in Berlin. Sie machen die Stadt einzigartig. Touristen aus aller Welt kommen auch deswegen hierher.

Zielsicher geht Andreas Nachama in die Mitte des Raums. Der Direktor der Topographie des Terrors weiß um die Wirkung dieses Punktes. Von ihm aus geht der Blick durch Panoramascheiben nach draußen, auf den überdachten Graben, der die Fundamente und Teile des Kellers des längst abgetragenen Hauptquartiers der Geheimen Staatspolizei, der SS und des Reichssicherheitsamts sichtbar macht, auf die westliche Seite der Mauer, die einst die Stadt teilte, auf das frühere Luftfahrtministerium, das dem wahnhaften Machtanspruch der Nationalsozialisten Gestalt verlieh.

Es ist eine Art Podest, auf dem man im Foyer des neuen Dokumentationszentrums der Topographie des Terrors steht, und vor dem Betrachter liegen tief gestaffelt die baulichen Zeugnisse der deutschen Geschichte. Nachama spricht von einer „extremen Schichtung“, in der sich vor dem Besucher die Vergangenheit präsentiere. Mehr Geschichte geht nicht.

Mehr Besucher auch nicht. Hier an der Wilhelmstraße kreuzt die damalige Regierungsachse des preußischen und später nationalsozialistischen Staates die alte Grenze zwischen Ost und West. Mehr als 500.000 Besucher pro Jahr zählt die Topographie. Der Checkpoint Charlie und das Holocaust-Mahnmal sind nicht weit, der Potsdamer Platz zum Greifen nah. Hier strömen die Touristen entlang, allesamt hungrig nach authentischen Plätzen, hier geht jeder Schritt über historisches Terrain. Hier kann man gar nicht anders als ins Grübeln zu geraten.

In keiner anderen deutschen Stadt finden sich so viele Erinnerungsorte aus verschiedenen Epochen auf so kleinem Raum wie in Berlin. Es ist, durchaus zu Fuß zu bewältigen, eine Achterbahnfahrt der Gefühle und Reflexionen, der Ergänzungen und Brüche, der Schnittpunkte und kaum zu ertragenden Gegensätze. Nun bekommt diese zerklüftete Geschichtslandschaft in ihrer Mitte ein Haus, das nicht auftrumpfen will, das sich einfügt in das historische Gelände, das „über ihm schwebt“, wie Nachama erklärt, „ohne es zu überstrahlen“. Nein, strahlen tut es wirklich nicht. Grau der Sichtbeton, grau der Boden und die Wände, grau der Schotter. Ein Kammerspiel der Grauabstufungen. „Angemessen“, sagt der Direktor.

Ein „Lernort“ soll es sein. Mit Dauerausstellung, Konferenz- und Seminarräumen, einer großzügigen Präsenzbibliothek. Die Sicht auf das Gelände, von wo aus die Verfolgung der NS-Gegner und der Juden geplant wurde, ist von jedem Punkt des Gebäudes aus gesichert. „Das Gelände ist das Hauptexponat“, sagt Nachama, der Bau nur eine (notwendige) Ergänzung. Wenn die Topographie der „Lernort“ sei, so Nachama, dann sei das Holocaust-Mahnmal der dramatisch inszenierte „Kulissenort“. Dort allerdings hat man im Augenblick ein paar Probleme.

Nach wie vor strömen die Menschen herbei, um zwischen den Stelen ihren Weg zu suchen, sich zu verlieren. Das dunkelgraue Feld ist zu einem Magneten geworden, zu einer Marke, einem Wahrzeichen für Berlin. Es ist ein Wunder.

Eigentlich könnte Stiftungsdirektor Uwe Neumärker nicht klagen. Wenn da nur nicht diese hässlichen Risse wären. Auch der jüngste Winter hat, wie schon die vorangegangenen, Spuren im Beton hinterlassen, manchmal haarfeine, manchmal so massive, dass an den scharfen Kanten, auf die man doch so stolz ist, schon kleine Stücke heraus gebrochen sind. „Nicht schön“, sagt Neumärker, und man nehme das „Problem ernst“. Rund 1900 von 2711 Stelen seien betroffen, man könne aber auch „nicht erwarten, dass alle von ihnen noch so aussehen wie am ersten Tag“. Jetzt soll die Angelegenheit vor Gericht geklärt werden. 470.000 Gäste seien im vergangenen Jahr in den unterirdischen „Ort der Information“ gekommen, mehr sei, sagt der Chef, gar nicht zu verkraften. Das Mahnmal ist akzeptiert, so gibt es also guten Grund, das fünfte Jubiläum zu begehen.

Eng geknüpftes Netzwerk

Das Netzwerk des Gedenkens ist eng geknüpft in dieser Stadt. Da, wo es noch verbürgte Stätten der Verfolgung und des Unrechts gibt, die zum Sprechen gebracht worden sind, neben der Topographie etwa das Gleis 17 am Bahnhof Grunewald, von wo mehr als 50.000 Juden in die Konzentrationslager gebracht wurden, etwa das Andenken an die Rosenstraße, das an den stillen Widerstand gegen den Nazi-Terror gemahnt, etwa die „Gedenkstätte Deutscher Widerstand“ im Bendlerblock, der des 20. Juli 1944 gedenkt. Aber auch da, wo Denkmäler die Erinnerungsarbeit unterstützen, neben dem Holocaust-Mahnmal etwa das benachbarte Mahnmal für die Verfolgung der Homosexuellen, das Kunstwerk von Richard Serra vor der Philharmonie für die Opfer der Euthanasie, das künftige Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma gegenüber dem Reichstag, das noch in diesem Jahr eingeweiht werden soll.

All dies sind Versuche, die Vergangenheit nicht ruhen zu lassen, aufzuklären und aufzurütteln. Die Frage, ob es ein zentrales Mahnmal, gar noch für alle Opfergruppen zusammen, gebraucht hätte, beantwortet diese Vielfalt der Erinnerung von selbst. Und dann gibt es noch die Villa der Wannsee-Konferenz. Dort, am Großen Wannsee 56, wurde der Holocaust an den europäischen Juden amtlich beschlossen. Wer in der Topographie für die Unmenschlichkeit der NS-Zeit sensibilisiert, im Holocaust-Mahnmal verstört und zu Tränen gerührt wurde, am Gleis 17 nur geschwiegen hat, findet an diesem Ort der Täter den ganzen Schrecken noch einmal wie unter einem Brennglas wieder. Berlin hat viel zu bieten. Oft tut Berlin gut. Manchmal tut es weh. Aber auch dieser Schmerz ist eine Erfolgsgeschichte.

Kai Ritzmann



Am 6. Mai feierlich eröffnet
Zur festlichen Eröffnung des Dokumentationszentrums Topographie des Terrors am 6. Mai wird Bundespräsident Horst Köhler erwartet, auch der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) und Kulturstaatssekretär Bernd Neumann (CDU) werden Grußworte sprechen. Ab 7. Mai ist das Gelände in der Niederkirchnerstraße 8 täglich von 10 bis 20 Uhr zugänglich. Der Eintritt ist frei. Infos unter Tel. 25450950. Bereits am 5. Mai feiert die „Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas“ das fünfjährige Bestehen des Holocaust-Mahnmals mit einer Diskussion in der Akademie der Künste am Pariser Platz. Der Architekt Peter Eisenman, Verleger Michael Naumann und Denkmal-Initiatorin Lea Rosh haben ihre Teilnahme zugesagt (Beginn 20 Uhr). Der unterirdische „Ort der Information“ ist bei freiem Eintritt dienstags bis sonntags von 10 bis 20 Uhr geöffnet. Weitere Infos unter Tel. 2007660.


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