


Nirgendwo in Deutschland gibt es so viele Shoppingcenter wie in Berlin / Für ihre Kunden lassen sie sich immer etwas Neues einfallen
Berlin. Hunderttausende Kunden zieht es täglich in die knapp 60 Shoppingcenter der Hauptstadt. Der 31. August und 5. Oktober sind wieder verkaufsoffene Sonntage: Shoppingzeit von 13 bis 20 Uhr. Wie viele dieser Einkaufstempel die Stadt tatsächlich verträgt, und ob sie noch Perspektiven haben, muss die Zukunft zeigen.
Die 17-jährige Michaela aus Rudow liebt es, sich so oft wie möglich in den Neuköllner Gropius Passagen mit ihren Freundinnen zu treffen. „Shopping gehen“ ist ihre Leidenschaft – auch wenn dieses Shopping oft nur aus einem Schaufensterbummel besteht. „Es macht einfach Spaß, da zusammen durchzulaufen und zu gucken“, schwärmt die Abiturientin. Und für ein Spaghetti-Eis, so Michaela, reiche das Taschengeld immer. Mit ihren weißen Hosen, dem fliederfarbenen, eng anliegenden T-Shirt und den hochgesteckten Haaren gibt sie sich modebewusst; ebenso wie ihre zwei besten Freundinnen, die gerade etwas abgelenkt sind, weil sie mobil telefonieren.
Verwirrende Vielfalt
Den meisten Kunden ist bewusst, dass sie sich im größten innerstädtischen Einkaufscenter Berlins befinden. Die ältere Frau auf der Bank mit ihrer Einkaufstüte in der Hand hat glatt die Orientierung verloren. Wo war denn nun noch mal der Ausgang zur U-Bahn? „Das ist alles ziemlich verwirrend mit den vielen Gängen und Geschäften hier“, stöhnt sie und wartet lieber auf ihren Sohn. Der sieht sich gerade ausgiebig im Hertha BSC-Fanshop um. Die beiden kommen selten in das Center – zu groß für ihren Geschmack. Ganz im Gegensatz zu Stammgästen wie Rentner Wilhelm (67), der sogar mit der Bedienung hinter seinem Lieblingstresen per du ist. Der Witwer lässt es sich nicht nehmen, dort täglich Kaffee zu trinken.
Weniger groß als in den centern in der City ist das Gedränge zum Beispiel im Schloss-Strassen-Center oder im Forum Steglitz. Aber auch, wenn die Berliner Shoppingcenter nicht immer rappelvoll sind – die meisten Centermanager sind optimistisch. In den kleinen Neukölln Arcaden mit ihren 60 Geschäften steigt laut Centermanager Michael Schüller der Kundenandrang stetig und der Wachdienst habe die „Centerkids“ im Griff. Einige Jugendliche hatten früher die Neukölln Arcaden am Rathaus Neukölln als ihr persönliches Freizeitzentrum angesehen, hingen dort rum und pöbelten. „Wir sind als Kiezcenter inzwischen auch ein urbaner Mittelpunkt“, ist sich Schüller sicher. „Zu uns kommen immer öfter komplette Familien shoppen, und die bringen noch ihre Freunde mit.“ Auch das Programm vom „Karli“-Multiplexkino – zum Teil mit türkischsprachigen Filmen – und die Bezirksbibliothek in den oberen Stockwerken sorgen laut Schüller für immer mehr Publikum.
"Das braucht kein Mensch"
Peter Schmidt sind die vielen Shoppingcenter jedoch ein Gräuel. Der 59-jährige Ingenieur aus Tempelhof outet sich geradezu als „Shoppingcenterhasser“. „Da gehe ich doch lieber am Tempelhofer Damm in die einzelnen Fachgeschäfte und genieße den Spaziergang“, sagt der Familienvater. Er meint, dass es bereits viel zu viele dieser Center in der Stadt gibt. So wie Schmidt geht es anderen Berlinern. Ihre Kritik: „Die sehen doch innen alle gleich aus mit den Läden in den einzelnen Etagen, dem offenen Blick nach unten und dem Warenangebot von Mode, Lebensmitteln, Büchern und etwas Service“, regt sich Bauarbeiter Manfred (45) auf. „Das braucht kein Mensch“, meint der Weddinger.
„Berlin ist die Hauptstadt der innerstädtischen Shoppingcenter“, weiß auch Nils Busch-Petersen, Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands Berlin-Brandenburg. Er spricht gar von einem Kannibalisierungseffekt: „Jede Shoppingcenter-Neueröffnung merken zuerst die anderen Center der Umgebung.“ Für die benachbarten Einzelhändler falle das seiner Erfahrung nach nicht so ins Gewicht. Aber durch die große Konkurrenz müsste jedes Center für sich unverwechselbar sein und praktisch zu einer eigenen Marke im Bewusstsein der Kunden werden.
Reiner Nagel ist Abteilungsleiter für Stadtplanung bei der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. Für ihn ist es selbstverständlich, dass die Shoppingcenter sich ständig verändern und neue Strukturen entwickeln – so könne das Format auch weiter erfolgreich sein und gute Renditen abwerfen. Der Experte weiß: „Nur einkaufen reicht einfach nicht mehr. Die Aufenthaltsqualität muss steigen; bei den großen Centern ebenso wie bei den kleinen Stadtteilzentren, die sich noch gewaltig entwickeln müssen.“
Außerdem prognostiziert Nagel eine verstärkte Wandlung der Einkaufsstraßen hin zu attraktiven Quartieren mit vielfältigem Angebot von Einzelhandel bis Kultur. Als Beispiele dafür nennt er die Friedrichstadt und Friedrichstraße, Kurfürstendamm, Alexanderplatz und Schlossstraße. An der Schlossstraße sieht Nagel vor seinem geistigen Auge bereits das neue Wertheim unter dem Stichwort „Erlebniskauf“ in Kombination mit Schloss-Strassen-Center, Forum Steglitz und dem „Schloss“. Nach Meinung der Fachleute wird sich das Alexa-Center am Alexanderplatz schnell zum Mekka des Ostens entwickeln und für das Quartier eine Bereicherung sein.
Offen bis Mitternacht
Dem Erlebniskauf haben sich die meisten Shoppingcenter schon jetzt verschrieben. Allen voran die Gropius Passagen, die jeden Sonnabend zum Einkaufsmarathon bis Mitternacht einladen und das mit Sonderaktionen zum Besuchermagnet machen. „Da gibt es zum Beispiel unter dem Motto ,Sexy Mitternachtsshopping’ eine Flirtschule, Speeddating und Unterwäschemodenschauen“, kündigt Centermanager André Rückert fröhlich an. Oder beim „magischen Mitternachtsshopping“ stehen Zaubereien auf dem Programm.
Der Center-Chef ist jedenfalls zufrieden: „Rund 30 Prozent der sonnabendlichen Spontanbesucher kommen abends wegen der Veranstaltungen rein.“ Sehr beliebt sei auch die Kofferversteigerung, die ein- oder zweimal pro Jahr organisiert wird. „Dabei haben alle riesigen Spaß und die Spannung ist groß.“ Gleiches gilt für die jährlichen Wahlen von Miss und Mister Neukölln. Die Sonnabendevents und Sonntagsöffnungen sieht Rückert auch als Service für Touristen und für Berlin. „Das macht Sinn, wenn wie bei uns zum Beispiel noch Kinos, Fitnesscenter und eine lange geöffnete Theaterkasse dazu kommen.“
Auch Thomas Sänger, Chef der Potsdamer Platz Arkaden, kreiert nach eigenen Angaben Erlebnisshopping. Bei ihm sind dank der „begnadeten Lage“ 50 Prozent der Besucher Touristen. Der Zirkus Roncalli war zu Besuch, an der Theaterkasse werden die heiß begehrten Berlinale-Tickets verkauft und Kunstausstellungen zieren das Haus. „Im September lassen wir es so richtig mit Gewinnspielen krachen“, verspricht Sänger mit Blick auf das zehnjährige Bestehen seines Centers. Ob Jazzmusik-Brunch, Modenschauen, Brake-Dance, Ausstellungen, eine Ferrari-Schau, Autogrammstunden, Kochstudio, Buchmesse oder Tangotanz – die ShoppingCenter versuchen mit immer mehr Kultur und Sonderaktionen den Spaßfaktor für die Kunden zu erhöhen. Denn die entscheiden, wo sie einkaufen.
Gabi Zylla
| Handelsflächen weiter nachgefragt |
| Nach Erkenntnis des Handelsverbandes Berlin-Brandenburg gibt es in Berlin insgesamt 56 Shoppingcenter – von den großen Gropius Passagen mit 180 Geschäften auf 85 000 Quadratmetern bis hin zu kleinen lokalen Kiezcentern wie die Neukölln Arcaden. Insgesamt ist die Verkaufsfläche im Berliner Einzelhandel 2007 überdurchschnittlich angewachsen – um 215 000 Quadratmeter auf insgesamt rund 4,56 Millionen Quadratmeter. Etwa die Hälfte (110 000 Quadratmeter) entfallen dabei laut Handelsverband auf Shoppingcenter. Der Berliner Einzelhandel hatte 2007 einen geschätzten Umsatz von 15,6 Milliarden Euro. Im Jahr 2000 waren es noch 16,1 Milliarden Euro. Die Beschäftigtenzahl sank in dieser Zeit von 94 000 auf 82 000. Trotz abnehmender Kaufkraft besteht an einigen Standorten wie am Kurfürstendamm, Tauentzienstraße und Spandauer Vorstadt noch eine wachsende Nachfrage an Einzelhandelsflächen. Der Senat favorisiert eine Stärkung innerstädtischer Zentren mit entsprechenden Potenzialen zum Beispiel in Charlottenburg-Wilmersdorf, Mitte, Tempelhof-Schöneberg, Lichtenberg und Pankow. So soll die innerstädtische Verkaufsfläche bis 2010 noch um weitere 20 Prozent anwachsen. zy |