


Jenseits der Berlinale: Eine Reise durch die unverwüstliche Landschaft der Berliner Programmkinos.
Berlin. Die Internationalen Filmfestspiele locken elf Tage lang mit Millionenproduktionen, rotem Teppich, Stars und Partys. Die kleinen Kiez- und Kunstfilmkinos aber finden das ganze Jahr über ein treues Publikum, das den cineastischen Anspruch zu schätzen weiß.
An diesem Sonntagvormittag swingt sich im etwas abgelegenen Südwesten der Stadt das Trio „Rolf Römer & Friends“ durch die Filmmusik der vergangenen Jahrzehnte. Das Zehlendorfer Bali (Teltower Damm 33, Tel. 8114678) hat zu einer Matinee geladen, im Publikum sind viele treue Kunden. Man kennt sich, man ist zusammen mit diesem Kino älter geworden. Ein Gast spricht von der „Aura“ des Ortes, ein anderer von Wunschfilmen und Kinoträumen, die hier erfüllt würden, kurzum: vom Glück des Filmfans, der sich ernst genommen fühlt. Eigentlich hätte in diesen Tagen im Bali ein Film laufen sollen, der dem Kino schöne Einnahmen hätte sichern können. Viele Programmkinos zeigen ihn mit einigem Erfolg, nicht aber das Bali. „Ich fände es falsch, ‚Waltz with Bashir‘ in der gegenwärtigen politischen Situation zu spielen“, sagt Bali-Chefin Helgard Gammert. Es geht in dem Animationsfilm um die Erlebnisse eines israelischen Soldaten während des Libanonkriegs von 1982. Ein heikles Thema, gerade jetzt. Das Bali hat umdisponiert und gönnt sich Moral. Vielleicht liegt es auch an dieser Strenge gegen sich selbst, dass dieses Lichtspielhaus seit einem halben Jahrhundert überdauert. Haltung zahlt sich offensichtlich aus.
Ein Haus mit Seele
Das Bali ist eine mehr als 60 Jahre alte Institution. Heute ist es Kiezkino, Programmkino, Veranstaltungsraum in einem; vor allem aber ist es ein Haus mit Seele. Diese Seele trägt den Namen Gammert; seit 30 Jahren steuert die 64-Jährige das Kino durch alle Höhen und Tiefen. Sie sucht den Kontakt zum Publikum, strengt Diskussionen über die Filme an, ist offen für Anregungen und Kritik. „Ein Kino ohne Impulse von außen ist tot“, sagt sie. Unter ihrer Führung ist das Bali ein sehr lebendiges Kino geblieben.
Man kann das große Starkino pflegen, man kann auf enorme Zuschauerzahlen spekulieren oder auf bombige Werbung vertrauen. So läuft es auch bei der Berlinale mit rotem Teppich, Blitzlichtgewitter und nächtlichem Souper im Borchardt. Und die Imagefabriken der großen Studios und Verleiher arbeiten anschließend hart daran, damit von solchen Premieren viel Glanz bis in die Multiplex-Kinos rund um den Globus herüberstrahlt. Da wird ein millionenschweres Rad gedreht. Aber es geht auch anders.
Fünf Etagen nach oben
Man muss an der Kreuzberger Hasenheide bis in den dritten Hinterhof vordringen und noch fünf Etagen hochsteigen, um ins gute alte, 1984 von einem halbwegs kulturrevolutionären Kollektiv gegründete Sputnik (Kreuzberg, Hasenheide 54, Tel. 6941147) zu gelangen. Wer der kommerziellen Alltagsware entrinnen möchte, so denkt man hier offenbar noch immer, muss auch bereit sein, einige Mühsal auf sich zu nehmen.
Das Sputnik ist ein Klassiker unter den Berliner Programmkinos. Es nimmt sich liebevoll der Nischen an, die von den Erstaufführungshäusern vernachlässigt werden. Man bringt Originalfassungen und Dokumentationen, Filme aus Osteuropa, Trash und Horror. Und dann laufen im Sputnik seit Jahren Episoden des Schwarz-Weiß-TV-Straßenfegers „Raumpatrouille“. Ein recht bizarres Angebot, das aber stadtweit eine verschworene Gemeinde gefunden hat.
Nur wenige Autominuten entfernt liegt das FSK (Kreuzberg, Segitzdamm 2, Tel. 61403195), auch so ein Leuchtturm in der Berliner Off-Kino-Landschaft. Am Oranienplatz präsentiert man Filme, die einen „realistischen Blick auf die Wirklichkeit“ werfen, wie es Christian Suhren, einer von sechs Mitbesitzern, erklärt. Die Filme, so Suhren, „sollen etwas mit dem Leben zu tun haben“. Seit 20 Jahren spielen sie, wie sie hoffen, „die richtigen Filme, nicht die erfolgreichen“. Aus dieser Vorgabe ergibt sich eine Planung, die Transparenz und Kontinuität sichert, Qualitäten, die Vertrauen schaffen und von den Besuchern honoriert werden. Die nehmen sogar in einem der beiden Säle den aparten Tischspringbrunnen in Kauf.
Eckard Stüwe formuliert die Frage, die ihm offensichtlich häufiger gestellt wird: „Kann man mit diesem Kino reich werden?“ Und er gibt umgehend die knappe Antwort: „Nein“. Sein Kino heißt Tilsiter Lichtspiele (Richard-Sorge-Straße 25a, Tel. 4268129), befindet sich in Friedrichshain, in einem Quartier, das vom Schick der neuen Zeit noch einigermaßen verschont geblieben ist. Die Tilsiter Lichtspiele präsentieren bevorzugt Filme, die aus den Premierenkinos raus sind, und Filme, die einfach zu klein sind für die großen Abspielstationen. Wie einige andere Kollegen auch, sucht der Lichtspiele-Leiter den Kontakt mit Regisseuren und Produzenten. So sind bei ihm Filme zu sehen, die keinen Verleih gefunden haben. Für manche Produktion mit kleinem Budget wird hin und wieder auch eine familiäre Premierenfeier ausgerichtet. Durch solche Aktivitäten wird das Kino nebenbei zu einem wichtigen Bestandteil eines Netzwerks unabhängiger Filmemacher.
Die Tilsiter Lichtspiele verstehen sich „eindeutig als Kiezkino“, sagt Stüwe. Es gibt Filme, bunte Abende, Lesungen, neuerdings Hörspielaufführungen. Sie sind ein kleines Kulturzentrum für das Quartier. Im Foyer des 1908 gegründeten, während der DDR-Zeit 20 Jahre geschlossenen, dann 1993 wiedereröffneten Kinos hat ein Schild überdauert, das einen „Kulturbeitrag“ von „0,05 M.“ fordert. Für die vielen Stammkunden werden als kleines zusätzliches Überzeugungsargument Rabattmarken ausgegeben. Charmant.
Wenn jetzt die Berlinale in die Zielgerade geht, wenn man live miterleben kann, wie das Kino zu einer gut geölten, sehr komplexen Maschinerie wird, dann steigt Arne Grüß wie jeden Abend in den Keller – unter dem Filmcafé (Schliemannstraße 15, Tel. 81019050) unweit des Helmholtzplatzes in Prenzlauer Berg. Ein paar Stufen unter der Erde hat Grüß vor genau einem Jahr ein winziges Kino eingerichtet: vier Sitzreihen, ein elektronischer Bildwerfer, Dolby-Surround, eine Leinwand. Braucht es mehr? Das Filmcafé zeigt aktuelle kleine Filme, Filme, denen man Zeit geben muss, ein Publikum zu finden, Originalversionen. Das Programm ist auf die kreative, international denkende Nachbarschaft zugeschnitten.
Wenn die Zuschauer kommen, werden sie willkommen geheißen und mit einer kleinen Einführung zum kommenden Film versorgt. Dann tippt Grüß auf einen Schalter. Dunkelheit. Traumzeit. So einfach kann Kino sein.
Kai Ritzmann
| Berlin – Hauptstadt der Kiezkinos |
| Obwohl vor Jahren schon Programmkino-Legenden wie das Klick, das Schlüter oder Lupe 1 und 2 schließen mussten und später Traditionshäuser wie das Hollywood oder das Astor folgten, verfügt Berlin mit 37 in der Gilde deutscher Filmkunsttheater zusammengeschlossenen Mitgliedsbetrieben (zusammen 72 Leinwände) noch immer über eine dichte Programmkinolandschaft. Alle Kinos zusammengenommen, kann Berlin 98 Spielstätten und 285 Leinwände vorweisen. Damit steht die Stadt auf Rang eins in Deutschland. 2007 sorgten 9.074.552 Besucher für einen Bruttokartenumsatz von 54.871.406 Euro. Verteilt auf die Einwohnerzahl, erreicht Berlin mit 167 Besuchern auf einen Sitzplatz allerdings nur Rang 16. |
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