Mit 42 Hektar ist der jüdische Friedhof Berlin-Weißensee der größte seiner Art in Europa. Foto: Augen-Blick
Mit 42 Hektar ist der jüdische Friedhof Berlin-Weißensee der größte seiner Art in Europa. Foto: Augen-Blick

Friedhöfe im Wandel der Zeit

Artikel vom 18. Januar 2012

Prunkvolle Gräber neben Gemeinschaftsfeldern: Immer mehr Berliner entscheiden sich für alternative Bestattungsformen.

Berlin. Berlins Friedhöfe haben erhebliche Überkapazitäten. In der Gründer- und Kaiserzeit für eine Bevölkerung von mehr als fünf Millionen Menschen im Großraum Berlin angelegt, sind sie heute überdimensioniert. Auch gibt es neben klassischen Sarg- und Urnenstellen neue Begräbnisformen, die den Platzbedarf weiter schrumpfen lassen.

Beerdigungen sind, wie alle Kulturleistungen, stark vom Zeitgeist geprägt. „Der Trend geht zu pflegefreien Gräbern einerseits und andererseits aber auch zu einer sehr individuellen Grabgestaltung“, sagt Petra Roland von der für Friedhöfe zuständigen Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. Dies bestätigt Fabian Lenzen, Sprecher der Berliner Bestatter-Innung: „Bei den anonymen Beisetzungen gibt es seit Jahren eine Stagnation. Im Aufwärtstrend sind jedoch individuell gestaltete Grabmale auf einem Gemeinschaftsgrabfeld oder auch Gemeinschaftsgräber, die von der Friedhofsgärtnerei gepflegt werden.“ Viele Menschen wollen ihren Angehörigen nicht zur Last fallen, insbesondere dann nicht, wenn diese nicht vor Ort wohnten.

Kleine Platte am Stamm

Neben den klassischen Einzel- oder Familiengrabstellen gibt es beispielsweise heute Gemeinschaftsgräber oder landschaftsgärtnerisch gestaltete Memoriam-Gärten „mit namentlicher Kennzeichnung der Erinnerungsstelle für die Angehörigen“, wie Lenzen sagt. Das sind mit Blumen oder anderer Bepflanzung gestaltete Flächen, auf denen ein eigener Grabstein auf den jeweiligen Beigesetzten hinweist. Oder aber es sind größere Reihengräber, und auf einem gemeinsamen Grabstein gibt es Namensschilder. Auf einem Baumgrabfeld weist eine kleine Platte am Stamm auf den Verstorbenen hin.

Die Kosten für eine Grabstelle auf den städtischen Friedhöfen liegen laut Gebührenordnung für eine Erdbestattung bei 1050 Euro, für eine Urnenstelle bei 800 Euro. Bei Gemeinschaftsgräbern sind die Kosten etwas höher, je nach Pflegeaufwand der Gemeinschaftsanlage. In Berlin gilt eine Befristung auf 20 Jahre. Bei den kirchlichen Friedhöfen gibt es unterschiedliche Preise. Fabian Lenzen: „Der Erwerb einer Grabstelle ist hier in der Regel etwas teurer. Erfolgt aber dann eine Nachbelegung auf einem Familiengrab, wird es kostengünstiger.“

Gräber von Prominenten

Allgegenwärtig ist das Rauschen des Verkehrs von Zossener Straße und Mehringdamm auf dem ummauerten Areal der „Friedhöfe vor dem Halleschen Tor“ in Kreuzberg. Heute ein typischer Innenstadt-Friedhof, der bei seiner Anlage Anfang des 19. Jahrhunderts vor der Berliner Zollmauer lag und einer Reihe von Gemeinden als Kirchhof diente und dient.

Gemeinsam ist vielen der alten innerstädtischen Friedhöfe, dass sie wegen zahlreicher Ehrengräber prominenter Berliner und prächtiger Grabmale unter Denkmalschutz stehen. In Kreuzberg liegen beispielsweise die Dichter Adalbert von Chamisso und E. T. A. Hoffmann, der Komponist Felix Mendelssohn-Bartholdy und die Industriellen Ernst Schering und Karl von Siemens. An der Friedhofsmauer stehen kleinere und größere Mausoleen. „Wer es möchte, kann sich finanziell bei der Sanierung engagieren und erwirbt damit das Recht, dort später bestattet zu werden“, sagt Bestatter Fabian Lenzen und verweist auf die Steuervorteile beim Denkmalschutz. Der Friedhof an der Bergstraße in Steglitz ist vergleichsweise großzügiger angelegt. Dort werden ebenfalls Gemeinschaftsgräber angeboten, bei denen die Pflege der Anlagen vom Friedhof geleistet wird.

In den Hang gebaut

Ein ganz anderes Bild bietet sich dem Besucher auf dem „Friedhof an der Heerstraße“ an der Trakehner Allee gegenüber dem Olympiastadion. Man wähnt sich in einem Landschaftspark. Schroff fällt das Gelände zum Sausuhlensee ab, die Wege schlängeln sich entlang der Grabreihen. Die Trauerhalle ist wie eine Kapelle in den Hang gebaut. Dort sind unter anderen der Schriftsteller Joachim Ringelnatz, die Schauspieler Horst Buchholz und Viktor de Kowa und der ehemalige Hertha-Fußballtrainer Helmut „Fiffi“ Kronsbein bestattet. Zusammen mit den Waldfriedhöfen in Dahlem (unter anderen Schauspieler Harald Juhnke und Luftfahrtpionierin Elly Beinhorn) und Zehlendorf (unter anderen Alt-Kanzler Willy Brandt) zählt er zu den populärsten Prominenten-Friedhöfen.

In der Weißenseer Herbert-Baum-Straße steht man vor einem beeindruckenden Flügelbau aus gelbem Backstein, gekrönt von einer großen Kuppel über der Trauerhalle: der jüdische Friedhof Berlin-Weißensee. Vor dem repräsentativen Prachtbau eine Rotunde – Gedenkstätte für die von den Nazis ermordeten Juden. Auf schweren Basaltquadern, die kreisrund angeordnet sind, die Namen der Vernichtungslager.

Auf 42 Hektar

An der Innenseite der Umgrenzungsmauer teils prächtig ausladende Familiengrabstellen und Mausoleen – Zeitgeschmack der Gründerjahre. 1880 wurde die großzügige Anlage eingeweiht, weil im nahen Berlin die jüdischen Friedhöfe nicht mehr ausreichten. Mit 42 Hektar und mehr als 115.000 Bestattungen ist er der flächenmäßig größte erhaltene jüdische Friedhof Europas.

Dicht an dicht stehen die schwarzen, schmalen und hohen Grabsteine im ältesten Teil, beschriftet in Deutsch und Hebräisch. Kleinere und größere Steine liegen nach alt-jüdischer Sitte auf den Grabmalen. Im mittleren Bereich der weiten Anlage leuchten helle Grabsteine, die flach auf dem Boden liegen. Üppiger Blumenschmuck ziert das neu belegte Gräberfeld – untypisch für jüdische Friedhöfe. Die Steine sind kyrillisch und hebräisch beschriftet.

„Bei den neuen Gräbern wird der Einfluss der osteuropäischen Juden deutlich, die nach Berlin zugezogen sind“, sagt Reinhard Minne vom Förderverein jüdischer Friedhof Berlin-Weißensee. Wie stark die Bestattungskultur vom Zeitgeist geprägt sei, werde auch bei den Grabfeldern deutlich, die während der Kaiserzeit belegt worden seien. Minne: „Die Grabstellen unterscheiden sich kaum von denen auf christlichen Friedhöfen und zeigen die starke Assimilation der damaligen Generationen.“ Gräber im Wandel des Zeitgeistes.

Matthias Berner

 

Keine Parks auf Friedhöfen

Knappe Mehrheit der Leser ist gegen Umwidmung.

Berlin. Eine knappe Mehrheit von 56 Prozent unserer Leser spricht sich dagegen aus, dass nicht mehr benötigte Friedhofsflächen in Parks oder Grünanlagen umgewandelt werden.

Offensichtlich aus Gründen der Pietät wird die Umnutzung von Friedhofsgelände abgelehnt. „Es könnte schlimmer kommen, als überzählige Grabfelder in Grünanlagen umzuwandeln“, kommentiert Beate Profé von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung das Votum. Denn andere nicht mehr benötigte Grundstücke werden an Investoren zur Bebauung verkauft.

„Es ist erklärter Wille des Senats, wohnortnahe Friedhöfe zu erhalten“, sagt Profé. Da die Friedhofspflege sehr aufwendig und teuer sei, gliedere man nicht mehr benötige Flächen aus, gestalte sie als Grünanlagen, die weniger Pflege erforderten.
Ist die gesetzliche Liegezeit von 20 Jahren für das letzte Grab abgelaufen, warte man weitere zehn Jahre bis zur Umgestaltung der Areale. Bei Familiengräbern komme es auch zu Umbettungen. Profé: „Mit diesen zusätzlichen zehn Jahren soll auf die Gefühle der Angehörigen Rücksicht genommen werden.“


Ein Blick in die Geschichte
Seit der Christianisierung wurden im Berliner Raum die Toten zumeist auf den Kirchhöfen bestattet. Grabpflege und Grabsteine im heutigen Sinne gab es nicht. Da es in den dicht besiedelten Städten oft die einzigen Freiflächen waren, fanden dort auch Märkte und Feste statt.
Dies änderte sich erst in der Zeit der Aufklärung mit der aufkommenden Hygienediskussion um die gesundheitsschädliche Wirkung von Verwesungsgeruch. Das „Allgemeine Landrecht für die preußischen Staaten“ von 1794 regelte, dass Tote weder in Kirchen noch in bewohnten Gebieten bestattet werden durften.
In dieser Zeit entwickelte sich auch die Kunstform der Garten- und Landschaftsgestaltung. Bis auf wenige Anstaltsfriedhöfe (Invaliden- und Garnisonsfriedhof, beide 1951 geschlossen) gab es nur kirchliche Begräbnisstätten. Während der Industrialisierung nahm die Bevölkerung stark zu. Die vorhandenen Kapazitäten reichten nicht mehr aus.
Die erste kommunale Einrichtung war der Zentralfriedhof Friedrichsfelde (1881 eröffnet), der zunächst als Armenfriedhof diente. Weit vor der Stadt entstanden weitere kommunale und kirchliche Großfriedhöfe wie In den Kisseln in Spandau (1885) und der Parkfriedhof Lichterfelde (1908). Heute gibt es in Berlin ein Überangebot an Friedhöfen. Mit dem Friedhofsentwicklungsplan des Senats sollen überschüssige Kapazitäten abgebaut und beispielsweise in Parks oder andere Erholungsflächen umgewandelt werden.

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