Heiko Wegner (gelber Helm) und Burkhard Kohlschmidt untersuchen die Bäume in der Hasenheide.
Heiko Wegner (gelber Helm) und Burkhard Kohlschmidt untersuchen die Bäume in der Hasenheide.
Dieser Baum muss gefällt werden. Heiko Wegner setzt die Kettensäge an.
Dieser Baum muss gefällt werden. Heiko Wegner setzt die Kettensäge an.
Arbeit in luftiger Höhe: Burkhard Kohlschmidt befreit eine Baumkrone von Totholz. Fotos: Eckert
Arbeit in luftiger Höhe: Burkhard Kohlschmidt befreit eine Baumkrone von Totholz. Fotos: Eckert

Frühjahrsputz in allen Wipfeln

Hundekot, Pilze und Schädlinge bedrohen das Leben der mehr als 400 000 Straßen- und Parkbäume in Berlin.

Berlin. Noch bis zum 29. Februar dürfen die Mitarbeiter der Grünflächenämter Äste stutzen und kranke Bäume fällen. Ab März verhindert dann die Vogelschutzverordnung solche Arbeiten, um brütende Vögel zu schützen. Bis dahin werden die Arbeiter noch in so manchem Wipfel in luftiger Höhe und bei Fällarbeiten gesichtet werden.

Ob in Neukölln, Mitte, Schöneberg oder Treptow – überall in Berlin nutzen die Bezirksämter die noch verbleibende Zeit, um kranke Bäume abzuholzen und Baumkronen zu pflegen. Gefahrenabwehr und Standsicherheit sind Ziele der Aktion. Die Berliner lieben ihre Bäume und kämpfen, wenn es drauf ankommt, um den Erhalt jedes einzelnen Exemplars. So wie Angelika Neune, die ihr Joggingprogramm im Volkspark Hasenheide unterbricht und misstrauisch mehrere Männer mit Kettensägen beäugt. „Hallo, was machen Sie denn da?“ will die 45jährige Bürokauffrau wissen. Gleichzeitig zückt sie ihr Handy, um die Polizei zu rufen, falls da „was Illegales“ passiert. Seit morgens um 7.30 Uhr sind die Arbeiter mit ihren orangefarbigen Warnwesten, den dunkelgrünen Hosen, Schutzhelmen mit Visier und Kettensäge im Volkspark Hasenheide unterwegs. Gerade kümmern sich zwei Kollegen um Baum Nummer 3517 in der Nähe des Freiluftkinos. „Die Eiche soll vom Totholz in der Baumkrone befreit werden“, erklärt Rainer Sodeikat vom Neuköllner Grünflächenamt.

Gespannt blickt der Fachmann zum Baumwipfel hoch und beobachtet genau, was dort passiert. „Ich muss doch wissen, was die mit ,meinen‘ Bäumen machen“, lacht Sodeikat und zieht sich die Mütze tiefer über die Ohren. Einige andere Bäume, wie die Buche daneben, sind so stark von Pilzen befallen, dass sie gefällt werden müssen. Bis 16 Uhr soll die Aktion abgeschlossen sein.

„Jeder Baum ist mit einer Nummer versehen und bei uns im Computer erfasst – insgesamt 5000 Bäume allein im Volkspark Hasenheide“, rechnet Baumexperte Sodeikat vor. Einmal pro Jahr werde jeder Baum kontrolliert. Ergibt der „Gesundheitscheck“ Handlungsbedarf, wird eine Gartenbaufirma eingeschaltet. Straßenbäume, die nicht so viel Platz haben, werden laut Sodeikat sogar alle halbe Jahr begutachtet.

Vögel nicht stören

Ab März gilt wegen der Vogelschutzverordnung ein Fällverbot. Dann darf nur noch in absoluten Notfällen zur Säge gegriffen werden. Zum Beispiel, wenn die Standsicherheit nach einem Sturm nicht mehr gegeben ist und der Baum umfallen könnte. „Brütende Vögel dürfen nicht gestört werden“, betont Burkhard Kohlschmidt. Er kümmert sich gerade mit seinen Kollegen in 25 Metern Höhe um die Baumkronen in der Hasenheide. Der Experte der Garten- und Landschaftsbaufirma Hartmann Ingenieure ist seit 15 Jahren in Sachen Baumschnitt in der Stadt unterwegs. Einen schöneren Arbeitsplatz kann sich Kohlschmidt nicht vorstellen. „Die Aussicht ist einfach fantastisch“, schwärmt der 48-jährige, natürlich schwindelfreie Familienvater. Er und seine Kollegen sind forstwirtschaftlich ausgebildet und kennen sich aus.

„Ob Weißfäule in den Eichenwurzeln, Spinnmilben an Linden oder Schäden an der Baumrinde, alles wird registriert“, betont Firmengeschäftsführer Martin Erdmann stolz. Bevor gefällt wird, suchen die Gartenarbeiter den Baum nach brütenden Vögeln ab. „In zu warmen Wintern wie diesem fliegen uns dabei auch öfter mal Fledermäuse um die Ohren, die unter der Baumrinde oder in Spechthöhlen ihren Winterschlaf halten wollten“, erzählt Sodeikat.

Straßenbäume gefährdet

Die Berliner Bäume haben es schwer zu überleben. „Speziell die Straßenbäume haben nur einen sehr engen Wurzelbereich und werden ständig beschädigt“, sagt Experte Sodeikat. Bau- und Leitungsarbeiten seien dafür ebenso verantwortlich wie der viele Hundekot und -urin. Aber auch ein in die Rinde geritztes Herz mit Amors Pfeil verletzt den Baum. „Das ist wie ein Tattoo. An der Stelle ist der Baum ungeschützt, und es besteht Gefahr von Pilzkrankheiten“, warnt Sodeikat vor überschwänglichen Ritzattacken frisch Verliebter. Auch nicht entfernte Schnüre (zum Beispiel von Plakaten) schaden dem Baum. Die Schnur wächst ein und führt zu Verdickungen und Wucherungen an dieser Stelle; ähnlich wie bei eingewachsenen Granatsplittern und Gewehrkugeln in älteren Bäumen. „Trifft dann beim Fällen die Kettensäge auf Metall, ist sie kaputt“, weiß Kohlschmidt aus eigener Erfahrung. Da seien dann Vorsicht und Geschick nötig. Hilfreich ist die spezielle Schutzhose, die die Kollegen beim Arbeiten in den Wipfeln und am Boden anhaben. „Rutscht die Säge zum Beispiel auf das Bein ab, wickelt sich der in die Hose eingearbeitete Nylonfaden um die Säge und blockiert die Maschine. Da passiert dann nichts“, erklärt Kohlschmidt die raffinierte Schutzkleidung.


Beim Berliner Pflanzenschutzamt ist bekannt, dass sich rund ein Drittel der Stadtbäume in einem „deutlich geschädigten Zustand“ befinden. Spezialistin Barbara Jäckel vom Pflanzenschutzamt hat inzwischen nicht mehr nur Miniermotte, Blattläuse, den Eichenprozessionsspinner und die Wollige Napfschildlaus im Visier, sondern muss sich auch um die neu aufgetauchte Massaria-Krankheit kümmern. „Diese Platanen-Pilzkrankheit findet sich nicht mehr nur auf den kleinen dünnen Ästen, sondern befällt jetzt die Oberseite von Stark-Ästen.“ Das führe, so Jäckel, zum Absterben des Holzes. Für Massaria gibt es laut Jäckel leider noch kein Gegenmittel. „Derzeit läuft eine Erhebung über das Ausmaß der Massaria-Schäden, die sich über die ganze Stadt ziehen. Und in der Forschung wird fieberhaft nach Bekämpfungsmöglichkeiten gesucht.“

In Berlin hat es zum Beispiel besonders stark 50 Platanen auf dem Garnisonfriedhof am Columbiadamm sowie in Treptow die Bäume auf der Puschkinallee getroffen. Eifrig betont Barbara Jäckel aber, dass es auch gute Nachrichten für die Bäume gebe. So freue sie sich total über den Einzug des asiatischen Marienkäfers: „Der verbreitet sich hier seit zwei Jahren und frisst fleißig Blattläuse von den Straßenbäumen.“ Von Naturschützern dagegen werde der kleine eingewanderte Käfer mit seinen bis zu 19 Punkten eher skeptisch gesehen, weil damit auch eine Verdrängung einheimischer Arten verbunden sei.

Gabi Zylla


Linden, Platanen und Kastanien säumen Berlins Strassen
In Berlin gibt es rund 416 700 Straßenbäume. Die meisten davon stehen in Steglitz-Zehlendorf, Charlottenburg-Wilmersdorf, Reinickendorf und Pankow. Besonders verbreitet sind Linden, Ahornbäume, Eichen, Platanen sowie Kastanien. Dazu kommen die Bäume in Grünanlagen, Parks und Wäldern.
In der Berliner Innenstadt ist nach Untersuchungen der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung nur die Hälfte der Bäume gesund. Gründe sind der eingeschränkte und versiegelte Wurzelbereich, mechanische Verletzungen, Streusalz, Erdgas und Hunde-Urin. Die häufigsten Baumschädlinge und -krankheiten sind Spinnmilben, Blattläuse, Blattbräune durch Pilzbefall, die Kastanien-Miniermotte, die Wollige Napfschildlaus, deren Larven den Pflanzensaft aus Blättern und Zweigen saugen, und die Massaria-Pilzkrankheit. Nicht vermeidbare Fällungen von geschützten Bäumen (alle Laubbäume und Nadelgehölze mit einem Stammumfang ab 80 Zentimetern) sollen laut Baumschutzverordnung möglichst durch Neupflanzungen ausgeglichen werden.
Wegen der defizitären Haushaltslage Berlins kann die Stadt jedoch nicht mehr alle nötigen Ersatzpflanzungen finanzieren. Daher werden verstärkt Sponsoren für neue Straßenbäume oder auch Baumpaten zur Pflege vorhandener Bäume gesucht. Interessenten können sich direkt an die bezirklichen Grünflächenämter oder die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung wenden. zy

 

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