


Junge Fahrschüler lernen schneller und fallen seltener durch. Außerdem verursachen Jugendliche im Straßenverkehr weniger Unfälle.
Berlin. Seit gut zwei Jahren können auch Berliner Jugendliche schon mit 17 Jahren ihren Führerschein machen. Das Modellprojekt „Begleitetes Fahren ab 17“ läuft in der Hauptstadt bis 2010. Schon jetzt bezeichnen Landespolitiker und Verkehrsexperten das Experiment als vollen Erfolg.
Hochkonzentriert steuert Martin Menzel den schwarzen Golf über den stark befahrenen Kaiserdamm. Die innere Anspannung lässt er sich zwischen den Blechkolonnen auch nicht anmerken, als ein Laster beim Spurwechsel dem Fahrschulwagen bedrohlich nahe kommt. „Ist dir etwas aufgefallen?“, fragt Fahrlehrer Jens Kuttnik gelassen. „Der hatte schon lange geblinkt, und du hast ihm keine Lücke freigemacht“. Der junge Mann im roten Lacoste-Hemd nickt zerknirscht.
Martin ist gerade 17 geworden und macht seinen Führerschein. Der Gymnasiast ist Teilnehmer des Modellversuchs „Begleitetes Fahren ab 17“ (BF 17), der in Berlin seit Februar 2006 läuft. Auf Antrag können junge Leute die Fahrerlaubnis Klasse B (Pkw) und BE (Pkw mit Anhänger) ein Jahr früher als gesetzlich vorgesehen erhalten – unter der Bedingung, dass sie bis zu ihrem 18. Lebensjahr einen erfahrenen Erwachsenen als ständigen Beifahrer mitnehmen. Die Begleiter sollen dafür sorgen, dass die Jugendlichen typische Anfängerfehler wie überhöhte Geschwindigkeit vermeiden und so die Unfallzahlen senken: Auch 2007 waren Autokutscher unter 25 Jahre überproportional an den rund 125 000 Verkehrsunfällen in Berlin beteiligt.
Eltern als Beifahrer
An den Fahrstunden müssen die künftigen Begleiter der Fahranfänger aber nicht teilnehmen. „Wir empfehlen jedoch, dass sie mindestens einmal mitkommen und sich einweisen lassen“, betont Fahrlehrer Kuttnik. Doch die eingetragenen Begleiter würden selten davon Gebrauch machen.
Auch Martin Menzel will sich später von seinen Eltern begleiten lassen. Für den jungen Charlottenburger ist es die achte Fahrstunde. Etwas irritiert reagiert der Führerscheinanwärter, als auf der Spandauer Heerstraße unvermittelt ein Polizist die Kelle hebt und den Fahrschulwagen aus der Kolonne winkt. Doch der Schreck ist schnell vorüber: Die Beamten der Mausefalle bedeuten Martin Menzel weiterzufahren, als sie schließlich das Fahrschulschild erkennen. Ausbilder Kuttnik schmunzelt: „Das ist leider immer so. Dabei wäre es für die Fahrschüler eine interessante Erfahrung.“ Der 40-Jährige ist die Ausgeglichenheit in Person, verliert nicht die Ruhe, wenn er seinem Schüler an einer unübersichtlichen Abzweigung korrigierend ins Lenkrad greifen muss und erst recht nicht, wenn Martin von Zeit zu Zeit den Motor abwürgt: „Er fährt sonst im Polo“, entschuldigt Kuttnik seinen Schützling.
Seit 2001 bildet der frühere Baufachmann Fahranfänger aus. Zum Jahresbeginn hat Kuttnik die Charlottenburger Fahrschule Bungs von den Schwiegereltern übernommen, die im Oktober ihr 80-jähriges Bestehen feiert und damit die wohl älteste unter den rund 650 Fahrschulen in Berlin ist. Seine heutige Ehefrau Susanne – Enkelin des Firmengründers – hat Jens Kuttnik kennengelernt, als er im zarten Alter von 16 Jahren bei Bungs seinen Mopedführerschein machte.
Die jungen Fahrschüler würden schneller lernen und bei der Prüfung seltener durchfallen, sagt Kuttnik über die bisher gut 30 BF-17-Anwärter, die in seinem Betrieb ihre Prüfung abgelegt haben. Auch Peter Glowalla, Vorsitzender des Berliner Fahrlehrerverbands, hält den Modellversuch für einen „Riesenerfolg“. Im Schnitt schon nach einem Vierteljahr – doppelt so schnell wie Ältere – hätten die 17-Jährigen ihre Fahrerlaubnis. Nicht einmal jeder fünfte BF-17-Absolvent fällt im ersten Anlauf bei der Prüfung durch, im Berliner Durchschnitt aller Prüflinge ist es jeder Dritte. Der Funktionär erklärt dies mit dem günstigeren Hintergrund: Sie kämen meist aus gesichertem sozialem Umfeld und hätten die volle Unterstützung der Eltern – auch finanziell.
Daraus erklärt sich für Glowalla auch, dass die jugendlichen Autofahrer überdurchschnittlich schnell zur Prüfung kommen. Nur selten müssten die jungen Leute das Geld für ihre Fahrstunden mühsam sparen und die Unterrichtszeiten entsprechend strecken, wie das bei anderen Führerscheinanwärtern inzwischen gang und gäbe sei. Auch Bungs-Schüler Martin Menzel kam über seine Eltern zur vorzeitigen Fahrausbildung: „Sie fanden es besser, wenn ich jetzt den Führerschein mache, als nachher mitten in den Abiturvorbereitungen“, so der Schüler des katholischen Canisius-Kollegs in Tiergarten.
Weniger Unfälle
„Begleitetes Fahren“ ist inzwischen in allen Bundesländern möglich, nachdem sich Anfang 2008 auch Baden-Württemberg zu einem Versuch entschlossen hat. Nach einer Studie der Universität Gießen über den Modellversuch „Begleitetes Fahren“ in Niedersachsen, das als erstes Bundesland schon 2004 17-Jährige Autos lenken ließ, verstoßen Teilnehmer des Projekts in den ersten 18 Monaten des selbstständigen Fahrens seltener gegen Verkehrsregeln (minus 22,7 Prozent) und verursachen weniger Unfälle (minus 28,5 Prozent) als andere Führerscheinneulinge.
In Berlin stößt das Modell auf zunehmendes Interesse. 2007 waren gut zwölf Prozent der knapp 36 000 Fahrschüler minderjährig, zwei Prozent mehr als im Startjahr des Modells. Zwar gibt es nach Auskunft der Senatsverwaltung für Verkehr keine gesonderte Statistik über Verkehrsverstöße oder Unfälle der 17-jährigen Autofahrer. Auch eine deutschlandweite Untersuchung der Bundesanstalt für Straßenwesen ist noch nicht abgeschlossen. Von 4574 Berliner Jugendlichen, die bis April 2008 die Prüfbescheinigung „Begleitetes Fahren“ erhalten haben, mussten jedoch nur drei die Fahrerlaubnis wieder abgeben. Grund: sie saßen ohne Begleitperson am Steuer.
Erst wenn die bundesweite Studie vorliegt, will sich das Land Berlin auf eine dauerhafte Einführung des begleiteten Fahrens festlegen. Peter Glowalla vom Berliner Fahrlehrerverband ist jedoch überzeugt, dass in Berlin der Versuch über 2010 hinaus weitergehen wird: „Wenn ein Modellprojekt so gut läuft, wird es irgendwann Gesetz.“
Mit Martin Menzel ist Fahrschulchef Kuttnik jedenfalls sehr zufrieden. „Für den Stand seiner Ausbildung macht er das gut“, lobt der Ausbilder seinen Schüler. Beim Einparken – sonst Horror aller Fahranfänger – „stellt er sich sogar sehr gut an“, betont Kuttnik, nachdem der 17-Jährige den Wagen nach einem Wendemanöver schnurgerade an der Bordsteinkante vor der Fahrschule an der Charlottenburger Leibnizstraße abgestellt hat.
Helga Labenski
| Fahren mit 17: die Voraussetzungen |
| Im Rahmen des Modellversuchs „Begleitetes Fahren ab 17“ darf eine Fahrerlaubnis der Klasse B oder BE bereits ab dem 17. Geburtstag erteilt werden. Solange sie nicht 18 sind, dürfen die jungen Fahrer jedoch nur in Begleitung einer erwachsenen und erfahrenen Person ein Fahrzeug steuern. Diese Begleitperson muss namentlich in die Prüfungsbescheinigung eingetragen sein. Es ist auch möglich, mehrere Begleiter einzutragen. Die Fahrbegleiter müssen mindestens 30 Jahre alt sein, mindestens fünf Jahre einen Pkw-Führerschein besitzen und dürfen maximal drei Punkte in der Verkehrssünderkartei haben. Die Fahrerlaubnis mit 17 gilt nur in Deutschland. Der Antrag auf Teilnahme am Modellversuch kann frühestens ein halbes Jahr nach dem 16. Geburtstag und nur mit schriftlicher Zustimmung der Erziehungsberechtigten in den Berliner Bürgerämtern gestellt werden. Die Genehmigung kostet für den Fahrschüler 51,10 Euro und für jede eingetragene Begleitperson zusätzlich 5,10 Euro. |