


Kein Geld für Miete, Gas und Strom: Oft hilft nur eine professionelle Beratung aus der finanziellen Misere.
Berlin. Jeder siebte Berliner ist überschuldet. Kostenlose Schuldnerberatungen helfen aus der persönlichen Krise. Die Zahl der Ratsuchenden steigt, obgleich die Hemmschwelle, zur Beratung zu gehen, hoch ist. Auch lange Wartelisten schrecken ab.
Sie ist 35 Jahre alt, hat 15 Jahre lang als Fleischverkäuferin in Neukölln gearbeitet: Jutta Guhrick ist es peinlich, darüber zu sprechen: „Seit gut einem Jahr bin ich arbeitslos und habe inzwischen 15.000 Euro Schulden.“ Die alleinerziehende Mutter hat sich nach ihrer Scheidung vor drei Jahren mit den zwei Töchtern eine neue Wohnung gesucht. „Und den Mädchen konnte ich auch nicht jeden Wunsch abschlagen“, sagt sie. Erst als der Mietrückstand von drei Monaten vom Vermieter angemahnt wurde, wird die Frau hellhörig. Denn die Wohnung durch eine fristlose Kündigung zu verlieren, das will sie auf keinen Fall riskieren.
Ja, gehört hatte sie schon von den Schuldnerberatungen. „Aber ich hatte keine Ahnung, wie das geht und was ich machen muss.“ Eine Bekannte nahm sie daraufhin einfach zur Neuköllner Schuldnerberatung „Neue Armut“ mit. „Von allein wäre ich da nie hingegangen“, gesteht Jutta Guhrick.
Hohe Hemmschwellen
„Bei vielen überschuldeten Menschen ist die Hemmschwelle, zur Beratung zu gehen, sehr hoch“, sagt Berater Frank Wiedenhaupt von der „Neuen Armut“. Ist die Schuldenfalle zugeschnappt, helfe eigentlich nur noch fachkundige Beratung und das Verbrauerinsolvenzverfahren, so der Experte. Die Privatinsolvenz garantiere nach sechs Jahren eiserner Finanzdisziplin Schuldenfreiheit. Um die 20 gemeinnützige, kostenlose Schuldnerberatungen gibt es in Berlin. Und die erleben derzeit einen verstärkten Andrang Ratsuchender. Besonders gefragt waren 2009 laut Landesarbeitsgemeinschaft Schuldner- und Insolvenzberatung Berlin (LAG) in den offenen Sprechstunden die Kurz- und Krisenberatungen. Tendenz steigend.
„Krise bedeutet zum Beispiel, den Betroffenen wurde die Wohnung gekündigt, Strom und Gas sind gesperrt, Lohnpfändung steht an, oder die Anwälte der Gläubiger ziehen vor Gericht. Auf jeden Fall drängt es dann gewaltig“, sagt Wiedenhaupt. Etwa 35.000 Berliner haben 2009 den Weg in die Beratungsstellen gefunden. „Da wir aber davon ausgehen müssen, dass insgesamt rund 360.000 Berliner überschuldet sind, sehen wir nur die Spitze des Eisbergs“, rechnet Sven Gärtner von der „Neuen Armut“. Betroffen sei, so Gärtner, jeder siebte Berliner. Aber nur knapp 14.000 befinden sich laut LAG in ständiger, fester Betreuung.
In ihrem Schuldneratlas 2009 hat die Wirtschafts- und Unternehmensberatung „Creditreform“ die Verschuldungssituation der Deutschen unter die Lupe genommen. Für Berlin wird festgestellt: Die Spitzenreiter im Verschulden leben zum Beispiel in Wedding. Dort sind 19,32 Prozent aller Personen ab 18 Jahren verschuldet. Die meisten Schuldner Neuköllns leben im Norden des Bezirks mit bis zu 30 Prozent, wobei der Neukölln-Durchschnitt bei 17,46 Prozent liegt. Mit 16,39 Prozent ist Tiergarten dabei. Die Zehlendorfer sind mit 6,80 Prozent am geringsten verschuldet. Es folgen Steglitz und Köpenick.
Nach den Erkenntnissen der LAG liegen die Ursachen der Verschuldung zuallererst in Arbeitslosigkeit, gefolgt von Trennungen, Niedrigeinkommen, Krankheit und gescheiterter Selbstständigkeit. „Gespart“ wird dann in den meisten Haushalten oft zuerst bei der Miete. In solchen Fällen besteht bei den Beratern sofortiger Handlungsbedarf, um die Zwangsräumung zu verhindern. „So ist es mir auch gegangen“, erzählt ein Klient im Wartezimmer der „Neuen Armut“. „Als mein Job gekündigt wurde, habe ich statt der Miete die Kredit-Raten an die Bank gezahlt, weil ich dachte, das ist wichtiger.“ Dann kamen die Albträume und die Angst vor einem Leben als Obdachloser auf der Straße. Nun will sich der 40-Jährige helfen lassen, um aus dem „Schlamassel“ wieder herauszukommen. Neben den Mietschulden steigen nach Erfahrung der Berater meist auch die Energieschulden.
Claus Richter ist Sprecher der LAG Berlin und macht eine horrende Rechnung auf: „Mitte 2009 lag die Gesamtverschuldung aller Klienten unserer Beratungsstellen bei 452.776.734 Euro – also fast eine halbe Milliarde Euro.“ Das ergebe eine durchschnittliche Verschuldung von 32.731 Euro pro Person.
Zum Teil stamme dieser hohe Durchschnittswert von insolventen Häuslebauern und Selbstständigen. So wie von dem Handwerker aus Wedding, der seine Firma mit 50.000 Euro Schulden dichtmachen musste. Experten rechnen in den kommenden Monaten wegen der Wirtschaftskrise mit einem Rekordhoch bei Beratungen und Privatinsolvenzen. Betroffen seien, so Richter, fast alle Berufsgruppen – Lehrer und Ärzte ebenso wie Gastronomen, Künstler, Büroangestellte und Fabrikarbeiter.
Aber schon jetzt sind die Wartelisten in den Schuldnerberatungen lang: In Neukölln dauert es zum Beispiel gute neun Monate bis zum Gesprächstermin, in Pankow muss rund sechs Monate gewartet werden. „Das gilt natürlich nicht für die extremen Fälle“, sagt Wilfried Jahn von der Caritas-Schuldnerberatung an der Schönhauser Allee. Da werde sofort reagiert. Ärgerlich sei aber, dass er seit Oktober drei Mitarbeiter weniger habe, da Pankow die Förderung für die Beratung um 100.000 Euro gekürzt habe. Dadurch würde weniger Kunden geholfen.
Gegen massive Kürzungen bei der Finanzierung der Beratungsstellen hatte sich 2009 auch die damalige Justizministerin Brigitte Zypries (SPD) ausgesprochen. Das sei „unverantwortlich“, da erfolgreiche Beratungen dem Staat auch Folgekosten ersparten. Allein in Berlin, so Zypries, führe jeder Euro für eine Schuldnerberatung zu einer Einsparung von zwei Euro im Landeshaushalt.
Massive Kürzungen
Besonders Jugendliche und junge Erwachsene häufen Schulden an – nach der Volljährigkeit wird richtig reingehauen bei der Wohnung, Computern und Internet, Handys, Reisen und Mode, sagt Richter. Der Haken: „Ihnen fehlt die finanzielle Allgemeinbildung.“ Das heißt, sie können nicht mit Geld umgehen, wissen nichts über Kredite oder fixe Kosten und die langfristigen Folgen von Überschuldung. Daher gehen die Mitarbeiter der „Neuen Armut“ vorbeugend auch regelmäßig in die Schulen und klären zum Beispiel in Rollensspielen wie „Hausbesitzer kontra Mietschuldner“ auf.
Gabi Zylla
| Das Verbraucherinsolvenzverfahren |
| Als überschuldet gelten Privatpersonen, wenn ihre Zinsen und Kosten höher sind, als sie zur Tilgung ihrer Schulden aufbringen können. Für das Verbrauerinsolvenzverfahren müssen die Schuldner erst ihr Vermögen und dann sechs Jahre lang das pfändbare Einkommen an einen Treuhänder abgeben. Diese Beträge werden an die Gläubiger verteilt. Der Treuhänder wird vom Gericht bestellt. Hält sich der Schuldner an seine gesetzlich geregelten Verhaltenspflichten, erfolgt nach Ablauf der Zeit eine Restschuldbefreiung, und die noch offenen Verbindlichkeiten werden erlassen. Vor den Verfahren müssen sich Schuldner um eine außergerichtliche Einigung mit ihren Gläubigern bemühen, zum Beispiel mithilfe eines Schuldnerberaters. 2009 hat es in Berlin rund 4600 Privatinsolvenzen gegeben. Tipp der Schuldnerberater: Während des Insolvenzverfahrens ist eine Stellungnahme der Schuldnerberatung für die Jobsuche hilfreich. Der eventuelle Arbeitgeber sieht dadurch, dass der Bewerber seine Situation unbedingt verbessern will. |
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