

Was Schüler in der Gedenkstätte Berliner Mauer an der Bernauer Straße über die Teilung der Stadt erfahren.
Berlin. 50 Jahre ist es her, als das Unglaubliche geschah. Als die Berliner zusehen mussten, wie mitten durch ihre Stadt eine Mauer gezogen wurde. Gut 20 Jahre nach Mauerfall erinnert in Berlin nur noch wenig an die alten Grenzanlagen. Doch genug, um junge Menschen in den Bann der Geschichte zu ziehen.
„Man kann sich gar nicht vorstellen, wie das alles passiert ist“, sagt Theresa Müller. Sie ist Jahrgang 1987 und Schülerin an der Ruth-Pfau-Schule in Leipzig. Die angehende Zahnarzthelferin besucht mit ihrer Berufsschulklasse Berlin. Unter anderem die Gedenkstätte Berliner Mauer an der Bernauer Straße in Mitte. Die jüngsten der gut 20 Schülerinnen sind 18 Jahre alt, die älteren Mitte zwanzig: Kinder der DDR teils, Wendekinder, Neubürger der Bundesrepublik, die das geteilte Deutland bewusst gar nicht mehr erlebt haben. Für sie stehen Teilung, Mauerbau und Mauerfall auf dem Lehrplan in Sozialkunde.
Nachempfinden, was damals geschah
Sie lernen im Unterricht, versuchen nachzuempfinden, was damals geschah. Eine Stadt wurde in der Mitte zerschnitten, auseinandergerissen, Straßen, Kieze, Familien, Liebespaare, Freunde wie mit dem Skalpell getrennt. Eingemauert – West-Berlin. Der Ostteil Berlins und ein ganzes Land, die Deutsche Demokratische Republik (DDR), ebenfalls eingemauert.
„Dieses Fehlen von Freiheit, dass man gar nicht selbst entscheiden kann, wo man hingeht und wo man lebt, das ist für mich heute undenkbar“, wird Theresa Müller nach dem Rundgang durch die Gedenkstätte resümieren. „Das ist für mich als DDR-Kind alles sehr bewegend“, ist das Fazit von Patrik Stein (25), Jahrgang 1986, dem einzigen männlichen Auszubildenden in der Berufsschulklasse.
Streifzug durch die Geschichte
Stadtführer Gerd Callenius geht währenddessen mit seinen Erläuterungen zurück zum Ende des Zweiten Weltkriegs und zu den ersten Nachkriegsjahren. Die Gruppe steht unter dem Vordach des Besucherzentrums in der Bernauer Straße 119, schräg gegenüber vom Ausgang des unterirdischen S-Bahnhofs Nordbahnhof. Konferenz von Jalta, Konferenz von Potsdam: Die alliierten Siegermächte beschließen die Aufteilung Deutschlands in Zonen und die Aufteilung Berlins in Sektoren, für die eine gemeinsame Verwaltung geplant war. „Die Russen bekamen den Ostteil der Stadt, die Amerikaner den Süden, die Franzosen den Norden und die Briten die westliche Mitte und den Westen“, zeigt Callenius an der Karte.
Die nächsten Stationen der Zeitreise: Luftbrücke, Staatsgründung von DDR und Bundesrepublik, Leben und Alltag im geteilten Deutschland. Was war das Besondere an der Bernauer Straße? Die Sektorengrenze verlief genau entlang der Hausfassaden an der östlichen Straßenseite. „Wer als DDR-Bürger aus seiner Wohnung kam und vor die Haustür ging, war schon im Westen. Das machte die Sicherheitskräfte nervös, die Fluchten verhindern mussten“, erklärt Callenius. Nach und nach seien Zugänge im östlichen Teil der Häuser geschaffen worden. Dann seien Haustüren und Erdgeschossfenster auf der Westseite von innen zugemauert worden.
Flucht in den Westen
„Wir gehen jetzt in den Osten“, lädt Gerd Callenius die Gruppe ein, die die Straße überquert. Nächste Frage an die Wendekinder: Warum Mauerbau? Prompte Antwort: Weil es so viele Fluchten gab. Die östliche Wirtschaft sei sowjetisiert worden, die westliche amerikanisiert, dies habe nicht gepasst, erklärt der Stadtführer. Währungsgefälle, drei bis vier Millionen geschätzte Flüchtlinge von Ost nach West. Meist junge, gut ausgebildete Fachkräfte, das habe die DDR-Wirtschaft nicht verkraftet.
Weiß jemand, wer Bürgermeister in West-Berlin war beim Mauerbau? Wieder eine prompte Antwort: „Willy Brandt.“ Gerd Callenius hält vergrößerte historische Aufnahmen vom dramatischen Fluchtgeschehen an der Bernauer Straße hoch. Menschen seilen sich an Bettlaken aus den Obergeschossen ab, stürzen sich aus den Fenstern in die Sprungtücher der West-Berliner Feuerwehr.
Die Stationen des Mauerbaus und Ausbaus passieren Revue. Erst Stacheldrahtrollen als Sperren, dann Stein auf Stein gemauert. Häuser werden gesprengt, ein Grenzstreifen entsteht. Hinterlandmauer, davor Signalzäune, Nagelbretter, Postenweg, Wachtürme. Dann die 3,20 Meter hohe „Feindmauer“ aus Beton, die „moderne Grenze“ des „antiimperialistischen Schutzwalls“ aus den 70er und 80er Jahren.
Bilder von der Versöhnungskirche im Todesstreifen werden gezeigt und von deren Sprengung in den 80er-Jahren. Und vom Sophienfriedhof, der ebenfalls im Grenzstreifen lag und der nur mit sogenannten Grabkarten besucht werden durfte, die peinlich genau kontrolliert wurden. 1000 Gräber wurden umgebettet, um die Grenze zu räumen. Die moderne Versöhnungskapelle, in der werktags um 12 Uhr bei einer Andacht der Maueropfer gedacht wird, erinnert daran. 1,8 Kilometer war die Mauer an der Bernauer Straße lang, 168 Kilometer insgesamt, davon 41 Kilometer in Berlin. „136 Menschen starben nachweislich an der Berliner Mauer“, sagt Callenius.
Erinnerung an die Opfer
Die Gruppe steht betroffen am „Fenster des Gedenkens“ mit den Bildern der Opfer. In den einzelnen Fenstern liegen teils Blumen, in den meisten Steine, nach jüdischer Tradition des Totengedenkens. „Was ist mit diesen Kindern da passiert?“, fragt eine Schülerin. Sie waren in Kreuzberg in die Spree gestürzt und konnten nicht gerettet werden, da die Spree in ganzer Breite zu Ost-Berlin gehörte.
Nach einer guten Stunde bedanken sich die Schüler für die Führung, die in Höhe des Dokumentationszentrums Bernauer Straße 111 endet. „Können Sie uns einen guten Film empfehlen“, fragt eine der Schülerinnen. Eine andere will wissen, ob es gute Dokumentationen über die Tunnelfluchten gebe. Die finde sie spannend. „Ich finde es total interessant, was so alles vor meiner Zeit passiert ist“, sagt Anna Lehmann nach dem Rundgang. Die nach dem Mauerfall im Jahr der Deutschen Einheit 1990 geborene Leipzigerin ist von der Hauptstadt fasziniert: „Berlin ist sehr groß, sehr schön und sehr geschichtsträchtig.“
Matthias Berner

Senat plant Ausstellung am Checkpoint Charlie.
Berlin. Das Ergebnis unserer Leserfrage überrascht. Zu der Reportage über die Gedenkstätte Berliner Mauer an der Bernauer Straße hatten wir gefragt, ob „mehr getan werden müsste, um an die Maueropfer zu erinnern“.
Die Meinung der Leser der Berliner Woche und des Spandauer Volksblatts dazu ist gespalten. 39 Prozent bejahen die Frage, 61 Prozent meinen, in Berlin sei ein intensiveres Erinnern an die Todesopfer der Teilung nicht nötig. Ganz anders sieht dies der Senat. Seit Jahren versucht man dort, ein Konzept voranzubringen, das am Checkpoint Charlie für eine angemessene Erinnerung an die Mauer und ihre Opfer sorgen soll. Rainer Klemke, Gedenkstättenbeauftragter des Senats, setzt sich dafür ein, dort eine wissenschaftlich korrekte Ausstellung einzurichten. Seine Abteilung, so Klemke, habe einen Plan und die Absicht, sich zwei Geschosse des künftigen Neubaus unmittelbar am Checkpoint für die Umsetzung zu sichern. Der weitere Fortgang allerdings hängt von der Realisierung des Bauprojekts ab. Der irische Investor ist noch auf der Suche nach weiteren Nutzern und Finanziers.
| Veranstaltungen zum Jahrestag |
| Zum 50. Jahrestag des Mauerbaus finden am 13. August an der Mauergedenkstätte Bernauer Straße zahlreiche Veranstaltungen statt. Hier eine Auswahl: |
| 0 bis 6 Uhr: Lesung der Biografien von Mauertoten in der Kapelle der Versöhnung in der Bernauer Straße 4 |
| 10 bis 12 Uhr: Offizielle Gedenkveranstaltung mit Rundgang, Andacht und Kranzniederlegung |
| 12.15 bis 19 Uhr: Bühnenprogramm mit Gesprächsrunden und musikalisch-künstlerischem Programm auf der Openair-Bühne Ackerstraße |
| 12.20 Uhr: „Between the Bricks“, Tanzprojekt mit Kindern auf dem Gelände der Gedenkstätte Berliner Mauer |
| 14 bis 18 Uhr: Kinderprogramm im Mauercafé, Bernauer Straße 118 |
| 15 bis 19 Uhr: Zeitzeugencafé im Garten des Hotels Grenzfall, Ackerstraße 136 |
| 19 bis 20 Uhr: Filmprojekt „Mauerhaft“ mit Originalaufnahmen von Amateuren |
| 20.30 Uhr: „Geteilte Stadt – geteilte Welt“ – Openair-Kino mit Gästen zum Thema „Das Ganze halt! Geschichten jener Nacht“ auf der Openair-Bühne Ackerstraße |