Reptilienbörse im Gemeindesaal der Kirche am Hohenzollernplatz: Händlerin Manuela Kohlutz mit einer Kornnatter. Foto: Hajo Eckert
Reptilienbörse im Gemeindesaal der Kirche am Hohenzollernplatz: Händlerin Manuela Kohlutz mit einer Kornnatter. Foto: Hajo Eckert

Giftschlangen und Skorpione im Wohnzimmer

Viele Berliner halten gefährliche Exoten als Haustiere. Nicht immer sind sie einer artgerechten Pflege ihrer Schützlinge gewachsen.

Berlin. Schlangen? Igitt! Die meisten reagieren entsetzt, wenn sie nur das Wort hören. Doch die Zahl der Liebhaber solch exotischer Tiere nimmt zu.
Der Import von wild lebenden Tieren ist in Berlin in den vergangenen sieben Jahren um 30 Prozent gestiegen. Den Veterinärämtern sind etwa 400 Berliner bekannt, die gefährliche Tiere im Haus haben. Unter anderem 63 Pythonschlangen, 55 Giftschlangen, neun Skorpione, drei Warane und ein Kaiman. Das Interesse an exotischen Tieren wächst. Reptilienbörsen verzeichnen enormen Besucherandrang. Im Gemeindesaal der Kirche am Hohenzollernplatz treffen sich mehrmals im Jahr Liebhaber von Schlangen, Spinnen & Co. Etwa 50 Händler bieten neben Schlangen auch Geckos, Echsen und Frösche zum Kauf an. Die meisten Stände präsentieren auf ausgeklappten Tapeziertischen eine große Anzahl von durchsichtigen Plastikbehältern. Zirka 20 bis 50 junge Schlangen – meist Kornnattern – warten auf einen Käufer. Timo Tammen berappt gerade 25 Euro für eine schön gezeichnete Kornnatter. Seine Ehefrau Cindy, mit Baby auf dem Arm, schaut interessiert zu. Angst, dass der Filius von der Schlange gebissen wird, haben beide Eltern nicht. „Wenn Kinder im Haushalt leben, ist es wichtig, dass die Terrarien mit einem Schloss gesichert sind“, so der Spandauer Schlangenhalter. Dafür hätten sie gesorgt. „Außerdem sind Kornnattern nicht giftig.“

Unterricht für Halter

Harald Endig handelt in Prenzlauer Berg seit zehn Jahren mit Schlangen, Echsen und Fröschen. Er arbeitet auch als anerkannter Sachverständiger für die Haltung von Reptilien und gibt Sachkundeunterricht für künftige Terrarienbesitzer. „Giftschlangen und Krokodile gehören nicht in einen Privathaushalt.“ Das ist für Endig genauso klar wie für andere Schlangenexperten. Endig hält es aber für übertrieben, das Halten von Schlangen einzuschränken. Der SPD-Umweltexperte Daniele Buchholz hatte sich dafür starkgemacht, die Schlangenhaltung in Miethäusern zu verbieten. Endig: „Boas oder Pythons sind Würgeschlangen. Sie töten ihre Beute nicht mit Gift, sondern durch Erwürgen. Wichtig ist vielmehr, dass die Halter die nötigen Kenntnisse haben und sich mit dem Lebensbedürfnissen der Exoten auskennen.“ Wer über die entsprechende Kenntnis verfügte und die nötigen Räumlichkeiten habe, sollte auch exotische Tiere halten dürfen. Denn es gäbe auch viele Hunde- oder Katzenbesitzer, die ihre Vierbeiner nicht artgerecht halten.

Meldepflicht für Exoten

Endig ist eher dafür, den Erwerb von Exoten zu registrieren. „Die Käufer solcher Tiere sind zwar verpflichtet, ihre Tiere anzumelden. Ob sie es tun, ist eine andere Frage.“ Er plädiert dafür, die Meldepflicht auf den Verkäufer zu übertragen. „Dann ist sichergestellt, dass alle exotischen Tiere, die verkauft werden, auch registriert und vom Veterinäramt überwacht werden. Wer exotische Schlangen halten will, muss dann in Kauf nehmen, dass das Veterinäramt vorbeischaut und prüft, ob die Tiere artgerecht leben.“

Bisher gibt es zwei Hürden, die den Besitz von exotischen Tieren einschränken. Einmal ist es untersagt, Tiere zu importieren, die dem Washingtoner Artenschutzabkommen unterliegen. Des Weiteren beschränkt die „Verordnung über das Halten gefährlicher Tiere wild lebender Art“ den privaten Tierpark. Danach dürfen Privatpersonen Affen, viele Würge- und Giftschlangen, Echsen, Frösche, giftige Spinnen, Skorpione oder Bären nur halten, wenn aus behördlicher Sicht keine Bedenken bestehen: Neben der nötigen Sachkunde muss ein Tierhalter die artgerechte Haltung sicherstellen sowie dafür sorgen, dass die öffentliche Sicherheit und Ordnung nicht gefährdet werden. So sind alle giftigen Tiere unter Verschluss zu halten. Verstöße gegen die Verordnung werden mit bis zu 50000 Euro Bußgeld geahndet.

Auslöser für eine Diskussion über eine Verschärfung der bestehenden Regelung war ein Bericht über einen Reptilienliebhaber. Er hält 200 Schlangen in einem Bucher Hochhaus – jedoch mit allen nötigen Genehmigungen. „Viele Nachbarn haben Angst, wenn sie erfahren, dass in ihrem Haus Schlangen leben“, so Buchholz. Deshalb hatte er den Senat aufgefordert, zu prüfen, ob die Haltung von gefährlichen Tieren wie Schlangen in Mietshäusern verboten werden kann. „Denn Unkundige können gefährliche Tiere nicht von harmlosen unterscheiden.“ So gab es beispielsweise Schlangenalarm in einem Pankower Seniorenwohnheim. Eine Schwester entdeckte in Umkleideraum im Keller des Hauses eine rot-schwarz gefärbte Schlange. Es handelte sich nur um eine harmlose Milchschlange, wie Experten später feststellten. Doch das konnte die Schwester nicht wissen. Denn es gibt auch Korallenschlangen, die fast genauso aussehen, aber gefährliche Giftzähne haben. Im vergangenen Jahr rückte die Feuerwehr immerhin zehnmal aus, um Schlangen einzufangen.

Dass immer mehr Berlinern ihre exotischen Haustiere über den Kopf wachsen, bekommt auch das Tierheim Berlin zu spüren. In diesem Jahr ist auf dem Areal am Hausvaterweg die Eröffnung eines Exotenhauses geplant. Die Bausumme von mehr als einer Million Euro muss über Spenden aufgebracht werden. „Wir bekommen immer mehr Exoten“, sagt Evamarie König vom Tierheim. Neben Graupapageien sind es vor allem Schildkröten, die von Haltern abgegeben werden, weil sie zu groß sind. Im Zooladen sind beispielsweise die Rotwangenwasserschildkröten nicht größer als ein altes Fünfmarkstück. Ausgewachsene Tiere erreichen dagegen leicht 30 Zentimeter Körperlänge und sprengen damit jedes normale Aquarium. Weil die Panzertiere ihren Haltern zu groß geworden sind, hat das Tierheim mehrere ausgewachsene Exemplare in Pflege. „Schlangen konnten wir bisher immer noch an Zoos weitervermitteln“, so Evamaria König. „Aber das wird zunehmend schwieriger, weil die Zoos genügend eigene Tiere haben.“ Schlangen könne man zudem nicht zu mehreren in einem Terrarium halten. Zunehmend landen im Tierheim aber auch Geckos, Bartagamen und Warane. „Reptilien sind jedoch Modetiere“, so König. Viele Halter merkten schnell, dass sie mit der Pflege überfordert seien und wollen die Tiere loswerden. „Wir hatten bereits einen Karton mit 30 Schlangen sowie Geckos vor der Tür zu stehen“, erzählt sie. Der Tierschutzverein plädiere weiterhin dafür, die Haltung von Exoten zu begrenzen. „Halter sollten zumindest einen Sachkundenachweis erbringen.“

Nach den jüngsten Mitteilungen des Senats ist jedoch nicht mehr mit einem generellen Exotenverbot zu rechnen. „Der Senat vertritt die Auffassung, dass das Halten von Schlangen in Mietwohnungen rechtlich nicht generell verboten werden kann“, so SPD-Umweltexperte Buchholz.

Marianne Rittner


Nicht alle Exoten darf man halten
Die Haltung von exotischen Tieren wie Affen, Bären, Wildhunde, Hyänen und Raubkatzen ist nach der Berliner Verordnung über das Halten gefährlicher Tiere verboten. Nur in seltenen Ausnahmen kann das Veterinäramt die Haltung dieser Tiere genehmigen. Bei Reptilien gilt das Verbot für Krokodile, Alligatoren und Kaimane sowie Schnapp- und Geierschildkröten. Ebenfalls nicht erlaubt ist die Haltung von giftigen Krustenechsen, Waranen, Kuba-, Nashorn- und grünen Leguanen. Zu den verbotenen Schlangenarten zählen hingegen Giftnattern, Vipern, Seeschlangen, Trugnattern sowie Pythons und Boas, deren Körpergröße mehr als 1,80 Meter beträgt. Ebenso fallen Arten wie Pfeilgiftfrösche, Skorpione, giftige Spinnen und Hundertfüßler unter das Verbot.


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