

Artikel vom 22. Februar 2012
Der Widerstand gegen den Weiterbau der A 100 gibt sich ungebrochen – ein Besuch vor Ort.
Berlin. Seit SPD und CDU in Berlin regieren, scheint das umstrittene Autobahnprojekt politisch kaum noch zu kippen zu sein. Doch die Betroffenen wollen nicht weichen.
Es sind da offenbar gerade, an diesem eisigen Nachmittag, sehr finstere Mächte am Werk. Es ist eine Randlage mitten in der Stadt, ein Areal, das seit jeher überwiegend der Land- und Forstwirtschaft dient. Es könnte in dem Laubenpieperidyll „Stadtbär“ alles sehr friedlich sein.
Bagger wühlen sich durch Gärten
Doch aufmerksamen Besuchern fällt bereits an den frisch geteerten Wegen und dem neu errichteten Metallzaun auf, dass hier etwas im Gange ist, etwas, das hier nicht hingehört. Und noch weniger gehören in die Kleingartenkolonie unweit der Straße Am Treptower Park die beiden gelben Bagger, die sich brachial durch die Parzellen wühlen.
Sie sind die ersten Vorboten eines riesigen Projekts, das mit 420 Millionen Euro veranschlagt ist, an dem nach der Abgeordnetenhauswahl vom vergangenen September die Koalition von Sozialdemokraten und Grünen gescheitert ist und das mittlerweile in Berlin zu einer Glaubensfrage geworden ist.
Noch befindet sich die geplante Fortführung der A 100 vom Autobahndreieck Neukölln bis zum Treptower Park in der Planungsphase. Noch scheint die Stimmung in der Stadt dem Bauvorhaben gegenüber eher wohlwollend zu sein. Für so etwas hat der Regierende Bürgermeister und Befürworter des Ausbaus, Klaus Wowereit (SPD), ein feines Gespür. Noch ruht das Unternehmen nach außen hin. Wenn da nur nicht die Bagger wären.
Wütende Bürger
Andrea Gerbode und Michael Freerix sind ziemlich aufgeregt. Sie sind Gegner des Projekts. Die Bagger machen sie wütend. Sie würden, sagt Freerix, „verbrannte Erde“ hinterlassen. Die Maschinen machen das Baufeld frei für den späteren Autobahntiefbau. Sie kommen für die Aktivisten von der Bürgerinitiative Stadtring Süd (BISS) überraschend. Die beiden fühlen sich überrumpelt.
„Wie in einer Bananenrepublik!“ schimpft Freerix. „Wenn sie das hier machen, machen sie auch noch ganz andere Sachen“, sagt Gerbode. Die beiden trauen den A 100-Betreibern so ziemlich jede Schandtat zu. Keine Frage: Die Fronten in der Auseinandersetzung um Sinn und Notwendigkeit der Fortführung des Stadtrings sind verhärtet.
Eigentlich will sie es ja gar nicht laut sagen, aber dann sagt sie es sogar zweimal. „Nur mit den Füßen voran“ will Erika Gutwirt aus ihrer Wohnung in der Beermannstraße 16 getragen werden. Sie und ihr Mann leben seit 67 Jahren in dieser Straße in Alt-Treptow. Mit viel Heimatgefühl zu vergleichsweise moderaten Preisen. Wenn die Autobahn gebaut würde, fielen drei Mietshäuser, unter ihnen auch das, in dem das Ehepaar Gutwirt wohnt, der Streckenführung zum Opfer.
Doppelt betroffen
Die Gutwirts sind gleich doppelt betroffen. Auch ihre Kleingartenparzelle mit kleiner Laube würde die A 100 nicht überleben, genauso wenig wie 350 weitere Paradiese für Hobbygärtner, die der Trasse im Wege stehen. Sie werde, sagt Erika Gutwirt, „kämpfen, solange ich kann“, um das zu verhindern. Sie ist jetzt 70 Jahre alt und hat im Alter noch einmal eine Lebensaufgabe gefunden. Die A?100 weckt ganz unvorhergesehene Kräfte.
Oder sie zermürbt. Wilfried Krämer steht in der Kälte. Eine dünne, weitgehend unberührte Schneeschicht bedeckt sein Grundstück. Der Charlottenburger hatte sich nach der Wende an der Kiefholzstraße Grund und Boden gekauft, auf ihm stehen ein bescheidenes Mietshaus und Schuppen für Kleingewerbe. Es ist alles nicht sehr ansehnlich, es ist eine Gegend mit Billigmärkten und Autoschraubern, aber es sollte reichen, um dem 73-Jährigen die Rente zu sichern.
Eine gestrichelte Linie
Solch eine Kfz-Verwertung war auch bei ihm untergekommen, sie hat Ende des vergangenen Jahres gekündigt, weil auch diese Fläche von dem neuen Straßenbau betroffen ist, weil auch diese 2784 Quadratmeter keine Zukunft haben. „Ich bin ruiniert“, sagt Krämer. Die verbliebenen Mieteinnahmen deckten nicht einmal die Abgaben, die noch laufend für das Grundstück zu entrichten wären. Vor zehn Jahren hat er eher zufällig auf einem Stadtplan eine gestrichelte Linie gesehen. Die Linie lief genau über seine Immobilie. Heute gibt es niemanden, der sich ernsthaft noch hier einquartieren möchte. „Der müsste ja verrückt sein“, sagt Krämer. Die Verkaufsverhandlungen mit dem Land ziehen sich hin, die Preisvorstellungen liegen weit auseinander. Krämer weiß nicht mehr weiter.
Die von der A?100 Betroffenen organisieren sich im Protest. Es gibt neben der BISS noch die Initiative „A 100 stoppen“. Unterstützung gewähren auch noch der BUND, Die Linke und die Grünen. Man trifft sich zu Demonstrationen und auf Versammlungen im Kiez. Man will den „stadtzerstörerischen Weiterbau“ verhindern, das „Autobahn-Betonmonster“ aufhalten. Beim Bundesverwaltungsgericht in Leipzig hängt eine Klage gegen den Planfeststellungsbeschluss des Senats an, einem entsprechenden Eilantrag gegen dessen sofortige Umsetzung gaben die Richter erst einmal statt. Zur Begründung fügten sie an, dass ein „baulicher Vollzug (des Beschlusses) nicht vor März 2012 vorgesehen“ sei. Eine Atempause also für die Gegner.
Widerstandsgeist gestärkt
Beschlossen sei ja „noch nichts“, versucht sich Erika Gutwirt Mut zu machen. Ihre Nachbarin aus Nummer 22 gibt aber zu, den Schwenk der SPD von den A?100-kritischen Grünen hin zur ausbaufreundlichen CDU als „deprimierend“ empfunden zu haben. Dennoch denkt Roswita Hollnack nicht daran, nun „den Kopf in den Sand zu stecken“. Einen Zuschuss von 750 Euro habe man ihr für einen Umzug geboten – oder gar nichts, wenn sie weiter abwarte. Es sollte wohl wie ein Vorschlag klingen, den man nicht ablehnen kann. Ein solcher Druck stärkt aber nur den Widerstandsgeist.
Die Baggerfahrten in der Stadtbär-Kolonie blieben nicht ohne Wirkung. Andrea Gerbode und Michael Freerix haben tief verstört eine Pressemitteilung veröffentlicht, die den Frevel brandmarkt. Schließlich gibt es ja den aufschiebenden Richterspruch aus Leipzig. Und es gibt alte, schützenswerte Bäume auf dem Gelände.
Auch Vögel, Käfer, Insekten und Kleintiere, die das Modrige und Feuchte schätzen, könnten unter den Planierarbeiten leiden. Die Bagger, da sind sich die beiden Ökofreunde einig, sind nur der Anfang. Denn erst stirbt die Stechimme, dann stirbt die Stadt.
Kai Ritzmann

73 Prozent der Leser für Verlängerung der Stadtautobahn.
Berlin. Wowereit ist dafür, SPD und CDU sind dafür, und auch unsere Leser sprechen sich mehrheitlich dafür aus.
73 Prozent unterstützen den Weiterbau der A100 bis Treptow. Kein leichter Stand für die vom Ausbau betroffenen Anwohner. Ihnen versichert der Senat, dass sie immerhin „Maßnahmen wie Lärmschutz oder auch Entschädigungszahlungen“ erwarten dürfen. Die entstehenden „Belastungen von Bürgerinnen und Bürgern“ sollen „so weit wie möglich abgemildert“ werden. Trotz Zusagen bleibt der Senat in der Sache standfest. Das Autobahnprojekt sei für Berlin „das wichtigste Verkehrsvorhaben in den kommenden Jahren“.
Die Vorteile lägen auf der Hand: „Die Gebiete im Osten der Stadt werden besser angeschlossen und viele Wohngebiete und die Innenstadt vom Verkehr entlastet.“ Auch wirtschaftlich brächte die Verlängerung einen enormen Gewinn. Sie sei „eine riesige Investition des Bundes“ und werde damit „viele Tausend Arbeitsplätze schaffen“. „Deshalb“, so ein Sprecher der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt, „brauchen wir die A100 für Berlin!“
| Ringschluss |
| Der Neubau der Bundesautobahn A 100 zwischen dem Autobahndreieck Neukölln und der Anschlussstelle Am Treptower Park in den Bezirken Neukölln und Treptow-Köpenick umfasst 3,2 Kilometer. Die Strecke weist einen 385 Meter langen Tunnel an der Grenzallee, 2,3 Kilometer Trogstrecke und drei Anschlussstellen auf. Der Bau soll nach Senatsauffassung „einen wesentlichen Beitrag für die Verbesserung der Verkehrsbeziehungen im Südostraum der Stadt“ leisten. Gleichzeitig soll er eine „Entlastungswirkung für die Innenstadt“ und damit „eine Aufwertung der historischen Mitte und des Citybereichs West“ zeitigen. Langfristig ist eine Fortführung über die Frankfurter Allee bis zur Landsberger Allee vorgesehen. Und eines fernen Tages soll an der Seestraße (Wedding) der Ring geschlossen werden. |