


Aus finanzieller Not bringen wieder mehr Berliner ihre Wertsachen zum Pfandleiher – die Wirtschaftskrise ist dort schon spürbar.
Berlin. In Zeiten schlechter Konjunktur erleben Pfandleihhäuser eine Renaissance. Während ein Großteil der Bevölkerung von der Rezession noch nicht viel bemerkt, spiegelt sich die schlechte wirtschaftliche Lage bei den Leihhäusern bereits wider.
Sie registrieren wie Seismografen das Auf und Ab gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Entwicklungen. Derzeit haben sie mehr zu tun als in vergangenen Jahren. Wenn die Bank keinen Kredit mehr bewilligt, bleibt denjenigen, die knapp bei Kasse sind, nur noch der Weg zum Pfandleiher. Dort bekommen Kunden schnell Bargeld. Das klassische Leihobjekt ist Gold, meist in Form vom Schmuck. Aber auch Autos und Boote können beliehen werden.
„Die Wirtschaftskrise macht sich bemerkbar“, sagt Arkadij Rochberg vom Pfandleihhaus „Eldorado“ an der Hermannstraße 91. Mitten im Neuköllner Kiez zählen zu seinen Kunden Rentner und Hartz-IV-Empfänger sowie Handwerker und Mittelständler. Schmuck beleiht er gerne. Technische Geräte wie Computer sind dagegen bei Pfandleihern im Allgemeinen nicht so beliebt. „Wir nehmen auch Technik. Aber wegen des starken Preisverfalls ist der Kreditbetrag entsprechend niedriger“, sagt Rochberg.
Kein Bankkredit
Handwerker, Mittelständler und Freiberufler kommen jetzt häufiger ins Leihhaus Leopold an der Meinekestraße 4. „Zurzeit habe ich etwa 20 Prozent mehr Kunden“, schätzt Leopold Gawartin. Seit mehr als 20 Jahren betreibt der Juwelier sein Leihhaus. Der Pfandleiher hat sich auf Schmuck und Juwelen spezialisiert. „Viele meiner Kunden beklagen, dass sie von ihrer Banken keinen Kredit mehr bekommen.“
Handwerker hätten zunehmend Probleme, weil Rechnungen nicht rechtzeitig beglichen würden. „Maler legen oft einen Teil der Materialkosten aus. Zahlt der Kunde nicht pünktlich, kommen sie in Schwierigkeiten.“ Um kurzfristige Engpässe beispielsweise bei Lohnzahlungen für ihre Mitarbeiter zu überbrücken, kämen zunehmend Selbstständige zu ihm. „Bei mir gibt es im Gegensatz zur Bank schnell Geld“, so Gawartin. Dazu seien keine umständlichen Anträge mit Bilanzen oder Firmenkonzepten nötig, sondern nur Wertgegenstände.
Gold hat Marco F. nicht, dafür eine Profikameraausrüstung. Der Malermeister arbeitet nebenberuflich als Fotograf. „Ich fotografiere beispielsweise bei Hochzeiten oder Familienfeiern“, erzählt er. Seine Kameraausrüstung hat er gerade für ein paar Hundert Euro verpfändet. „Ich bin in Schwierigkeiten“, erklärt der Firmenchef und hofft, sein erster Gang ins Leihhaus bleibt auch sein letzter. „Die Kunden zahlen zu spät.“ Er hofft, seine Kamera bald auslösen zu können, wenn die offenen Rechnungen beglichen worden sind.
Nach Statistiken des Zentralverbandes des deutschen Pfandkreditgewerbes besuchten im vergangenen Jahr eine Million Bürger eins der 200 Pfandleihhäuser in der Bundesrepublik. In Berlin gibt es 27 Geschäfte, die in der „Vereinigung Mitteldeutschland“ organisiert sind.
Dazu gehört auch das Pfandkredithaus Neukölln an der Karl-Marx-Straße 51. Bereits am frühen Vormittag strömen die Kunden in den Laden. Hinter dicken Panzerglasscheiben erkundigen sich Mitarbeiter nach den Wünschen der Kunden. So erwägt eine Frau den Kauf einer Goldkette, hat aber nicht genügend Geld dabei. Sie will es sich überlegen und gegebenenfalls später wiederkommen. Ein junger Mann gibt notgedrungen seinen Computer ab. Ein dritter verhandelt über den Wert einer goldenen Uhr.
Trotz des guten Zulaufs will Daniel Eichner nichts von einer Hochkonjunktur der Pfandleiher wissen. Der Juniorchef des Pfandkredithauses Neukölln in der dritten Generation weiß: „Seit etwa 15 Jahren nutzen Mittelständler das Pfandleihhaus als Ausweichmöglichkeit, um finanzielle Engpässe zu überbrücken.“ Banken benötigten zwei Wochen, um zu prüfen und einen Kredit zu bewilligen. Der wiederum habe meist eine Laufzeit von einem Jahr. „Wer aber nur ein oder zwei Monate eine größere Summe benötigt, ist beim uns besser aufgehoben“, sagt Eichner. Er räumt aber ein, dass sich Krisen in seinem Gewerbe durchaus widerspiegeln. „Wir bekommen es deutlich mit, wenn weltweit neue Konfliktherde entstehen. Nach Ausbruch des Bosnien-Kriegs kamen verstärkt Flüchtlinge zu uns“, sagt Eichner.
Die Steigerung des Umsatzes im vergangenen Jahr von bundesweit 470 auf 510 Millionen Euro schreibt Eichner nicht unbedingt der Wirtschaftskrise zu. „Ein Großteil ist darauf zurückzuführen, dass der Goldpreis gestiegen ist“, meint der Junior. „Derzeit kann ich Kunden beispielsweise für Gold wesentlich mehr geben als vor zwölf Monaten.“ Bei einer Goldkette, die vor einem Jahr 100 Euro Kredit wert war, gäbe es jetzt etwa 150 Euro, nennt Eichner ein Beispiel. Das Pfandhaus beleiht auch Werkzeuge und Musikinstrumente.
Gebrauchstechnik wie Computer oder Spielekonsolen nimmt Eichner ungern in Zahlung. „Manchmal prüfen wir einen Computer eine halbe Stunde lang auf seine Funktionen“, berichtet er. „Aber bei einem Laptop der Spitzenklasse reicht diese Zeit bei weitem nicht aus, alles zu checken.“ Sollte der Eigentümer sein Pfand nicht auslösen, gibt der Pfandleiher das Gerät nach sechs Monaten in eine Versteigerung. Da der Preisverfall gerade bei technischen Geräten groß sei, könne es passieren, dass nicht genügend Geld geboten wird. „Auf manchen Pfändern bleiben wir dann sitzen“, verweist er auf sein Risiko. Die meisten Kunden lösen ihre Wertsachen jedoch rechtzeitig wieder aus. „Etwa 90 Prozent der Pfänder werden wieder abgeholt.“
Porsche als Pfand
Ulado Jovanovski verzeichnet seit Beginn des Jahres vermehrten Zulauf. Bei der Maxx-Auto-Pfandleihe am Kurfürstendamm 120 beleihen zurzeit bis zu zwölf Wagenbesitzer im Monat ihr Auto. „Tendenz steigend“, resümiert Jovanovski. „Unsere Kunden nehmen diesen Service als kurzfristigen Überbrückungskredit in Anspruch.“ Das beste Stück in seinem Autosalon ist derzeit ein Porsche mit Sonderausstattung. Wert: mehrere Zehntausend Euro. Normalerweise laufen Pfandkredite über drei Monate. „Wer will, kann seinen Wagen auch früher auslösen“, sagt Jovanovski. Eine Verlängerung um drei weitere Monate ist auch möglich. Spätestens nach sechs Monaten gelangen die Pfandautos aber dann zur Versteigerung.
Marianne Rittner
| Gängige Pfandstücke |
| Gold, Juwelen, Brillanten und Uhren zählen zu den gängigsten Pfandstücken. Die Wertgegenstände werden vom Pfandleiher geschätzt. Für Gold gibt es je nach Qualität etwa 80 Prozent des derzeitigen Goldwertes. Dabei ist in den meisten Fällen allein das Goldgewicht ausschlaggebend, nicht das Design oder der einstige Kaufpreis. Hat ein Ring beispielsweise einen Wert von 100 Euro, gibt es vom Pfandleiher dafür etwa 80 Euro Kredit. Wie bei einer Bank fallen für den Kredit Zinsen an, bei Leihhäusern ein Prozent pro Monat. Dazu kommen Gebühren für Versicherung und Lagerung. Ein Beispiel: Bei einer Darlehnssumme von 250 Euro betragen die Zinsen für einen Monat 2,50 Euro, die Gebühren 5,50 Euro. |
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