Eberhard Graef vom Verein „Bürger für den Lietzensee“ säubert eine Statue. Foto: Augen-Blick
Eberhard Graef vom Verein „Bürger für den Lietzensee“ säubert eine Statue. Foto: Augen-Blick

Hilfe zur Selbsthilfe

Die Selbsthilfe Kontakt- und Informationsstelle (Sekis) fördert seit mehr als 25 Jahren Gruppen und Initiativen in ganz Berlin.

Berlin. „Nur Du allein schaffst es, aber Du schaffst es nicht allein.“ Der von dem Medizinpsychologen und Förderer von Selbsthilfegruppen Michael Lukas Möller (gest. 2002) geprägte Satz kann als Motto der Arbeit von Sekis dienen.
Die Selbsthilfe Kontakt- und Informationsstelle fördert und unterstützt seit mehr als 25 Jahren Selbsthilfegruppen, Initiativen und engagierte Bürger dabei, ihre Anliegen zu verwirklichen. In allen Bezirken gibt es Selbsthilfe-, Kontakt- und Beratungsstellen.

Am 27. Juni präsentiert sich Sekis mit seinen Stadtteilzentren beim zentralen Info-Markt für Selbsthilfe und Freiwilligenarbeit auf dem Breitscheidplatz an der Gedächtniskirche bei der dort gleichzeitig stattfindenden Auftaktveranstaltung zur Berliner Seniorenwoche. Am darauf folgenden Wochenende (4./5. Juli) öffnen die Stadtteilzentren bei Aktionstagen ihre Türen mit Themen rund um Nachbarschaft, Selbsthilfe, Engagement und Seniorenarbeit.

Suchtgruppen gehören zu den gefragtesten. Dies sind nicht nur Gruppen Alkohol-, Drogen- oder Medikamentenabhängiger, sondern auch für die Angehörigen von Alkohol- und Drogenabhängigen, für Kauf-, Spiel- und Sammelsüchtige (Messies). Erst danach rangieren die Selbsthilfegruppen für psychische Erkrankungen und körperliche Leiden wie Krebs oder soziale Notsituationen wie Scheidung, Trennung oder Tod naher Angehöriger.

„Für Menschen mit Sorgen und Problemen ist es ein großer und schwieriger Schritt, zu professionellen Fachleuten zu gehen. Bei uns treffen sie Leute, die das gleiche Schicksal teilen. Das fällt leichter. Das ist ein Angebot mit einer niedrigen Hemmschwelle“, erklärt Heide Borschel von der „Mauerritze“ in der Spandauer Altstadt die wachsende Zahl der Selbsthilfegruppen. Sie verfolgt mit großem Interesse, dass sich in ihrem Treff derzeit eine Senioren-Selbsthilfegruppe gründet, wie es sie in anderen Stadtteilen bereits gibt. Heide Borschel: „Dabei geht es nicht nur um Treffen und Freizeitgestaltung, sondern auch um gegenseitige Hilfe in allen Lebenslagen und auch Notsituationen.“

Etwa zwei Drittel der Gruppen befassen sich mit den Themen Gesundheit und Krankheit. „Wir bieten an, was an uns herangetragen wird. Wir unterstützen und fördern die Gruppen, die uns mit ihren Anliegen und Wünschen um Hilfe bitten, stellen Räume zur Verfügung und helfen, wo wir können“, sagt die Sekis-Leiterin und Landes-Patientenbeauftragte des Berliner Senats, Karin Stötzner. Die Diplom-Soziologin sitzt in ihrem Büro an der Albert-Achilles-Straße, unweit des Lehniner Platzes und des Ku’damms. Bei Sekis ist sie fast von Anfang an dabei. „Hier in den Zentrale haben wird auch Gruppenräume, aber viel mehr Möglichkeiten gibt es in den Beratungsstellen in den Bezirken“, sagt Stötzner.

Aufräumen im Kiez

Im Lietzenseepark in Charlottenburg sind an diesem Sonnabendvormittag mehrere Männer mit Hacken unterwegs. Auf dem Rasen liegen andere Gartengeräte, daneben steht eine Schubkarre. Erwin Tetzlaff erklärt: „Wir jäten heute Unkraut. Das ist relativ mühsam, weil man auf den Knien arbeiten muss. Deshalb sind nur wenige gekommen.“ Die Männer tragen grüne Latzhosen, beige abgesetzt. Auf der Brusttasche ist eingestickt „Bürger für den Lietzensee e. V.“

„Im Herbst, wenn wir Laub fegen, kommen dagegen sehr viele. Das ist leichte Arbeit, und in der Gemeinschaft macht es Spaß“, ergänzt der Kassierer des Vereins, der vor fünf Jahren mit Hilfe von Sekis gegründet wurde. Am 4. Juli wird nachmittags im Park gegenüber dem Sekis-Treffs an der Herbartstraße 25 mit einem Kinderfest Geburtstag gefeiert. Der Verein kümmert sich um die Pflege des Parks, legt Pflanzungen an, repariert defekte Bänke und beseitigt Graffiti. „Wir leisten Hilfe zur Selbsthilfe bei Vereinsgründungen“, sagt Brigitte Meier-Obi, die in der Sekis-Zentrale seit vielen Jahren Vereinsberatungen macht, bei der Gründung der „Bürger für den Lietzensee“ beriet und bei der Vereinsgründung mitwirkte.

Sie schränkt jedoch ein: „Nicht für jede Initiative oder Selbsthilfegruppe ist es sinnvoll, einen Verein zu gründen. Das sollte genau abgewogen werden.“ Man berate Initiatoren auch über andere Möglichkeiten, an Geld zu kommen: durch staatliche Fördermittel oder Stiftungen. Außerdem könne man mit Büro-Infrastruktur helfen, etwa Briefe kopieren, Flyer erstellen, bei der Öffentlichkeitsarbeit helfen oder Kontakte zu ähnlich Interessierten herstellen. Es werden Schulungen angeboten, wie man eine Selbsthilfegruppe organisiert und moderiert.

Feste Grundsätze


Denn für die Gruppenarbeit gibt es feste Grundsätze und Regeln, die in jahrzehntelanger Praxis entwickelt wurden und sich bewährt haben. Zu den Grundsätzen etwa zählt, dass alle Mitglieder freiwillig und aus eigener Betroffenheit an der Gruppe teilnehmen. Auch sind alle Mitglieder gleichberechtigt und bestimmen die Gruppenarbeit gemeinsam. In der Gruppe Besprochenes soll nicht an Außenstehende weitergegeben werden. Jedes Mitglied ist in der Gruppe, um in erster Linie etwas für sich zu tun und nicht für andere.

Zu den Regeln zählt unter anderem, dass Beginn und Ende der Sitzungen genau festgelegt sind. Jeder spricht nur über sich selbst und nicht über andere. Die erste Frage bei jedem Treffen lautet generell: „Wie geht es heute?“
Der Gedanke der Selbsthilfe und Selbstorganisation hat sich in Deutschland in den 60er- und 70er-Jahren entwickelt – gleichzeitig und vergleichbar mit der Bürgerinitiativen-Bewegung. Seit 1983 fördert der Senat die Selbsthilfe und das bürgerschaftliche Engagement und baute seither stadtweit ein Netz von Selbsthilfe-Kontaktstellen auf. Zusätzlich zu Gruppenberatung und –betreuung wird als Service auch Rechts-, Miet- und Sozialberatung beziehungsweise Beratung für Hartz IV-Empfänger angeboten. In allen Zentren gibt es „Tauschbörsen“, bei denen jeder seine Fähigkeiten anbieten und gegen Leistungen anderer Anbieter kostenlos eintauschen kann. In Spandau betreuen Ehrenamtliche der Gruppe „Ella“ Ratsuchende in allen Behördenfragen und in besonderen Lebenslagen. „Es ist wichtig, zusätzliche Angebote zu machen, bei denen es nicht um Probleme geht, sondern die für positive Ablenkung sorgen“, sagt Angelika Vahrenbruck von der Sekis-Kontaktstelle Mitte an der Perleberger Straße.

Matthias Berner





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