


Die einen reagieren auf das alljährliche Silvesterfeuerwerk mit blankem Entsetzen, für andere ist es Ausdruck purer Lebensfreude.
Berlin. „Das Feuerwerk ist die perfekteste Form der Kunst, da sich das Bild im Moment seiner höchsten Vollendung dem Betrachter wieder entzieht“, schrieb der Philosoph Theodor W. Adorno. Dies mag auf spektakuläre Großfeuerwerke zu besonderen Anlässen zutreffen, nicht jedoch auf die flächendeckende Ballerorgie zum Jahresende.
Das, was sich in der Silvesternacht in Berlin abspielt, ist von Kunst weit entfernt. Es erinnert stellenweise an Bürgerkrieg und Straßenkämpfe, wenn Raketen in Richtung von Häusern abgefeuert werden oder Menschenansammlungen mit Krachern bombardiert werden. Schon vor dem massenhaften Einsatz von Feuerwerkskörpern, der mit dem Verkaufsstart von Knallern und Raketen am 29. Dezember beginnt und zum Jahreswechsel seinen Höhepunkt erreicht, entzündet sich ein politisches und moralisches Feuerwerk: Knallen oder nicht knallen, lautet die Frage. Zwischen Befürwortern des Silvesterfeuerwerks und den Gegnern sind die Fronten verhärtet.
Verhärtete Fronten
„Silvesterknallerei – wenn Brauchtum zu Missbrauch mutiert“, kritisiert unter anderem die Familie Eduard und Monika Meier auf der Internetseite der Feuerwerksgegner (www.stop-fireworks.org). Sie fragen, ob man sich die Lärmbelästigung gefallen lassen müsse, bei der Tiere und Menschen zusammenzucken. Sie prangern fehlende ökologische Standards bei der Produktion in Fernost und oft menschenverachtende Arbeitsbedingungen an, bei denen auch Kinder und Jugendliche eingesetzt würden. Feinstaub und Schwermetallemissionen belasteten beim Abbrennen zudem die Umwelt. „Ist es nicht grotesk, wenn Behörden Brauchtums-, Sonnenwend- und Osterfeuer verbieten, aber die alljährliche Silvesterknallerei dulden, obwohl die Belastung um vieles größer ist?“, fragen Familie Meier und die Mitzeichner weiter.
Auch für dieses Jahr erwarten Experten, dass rund 100 Millionen Euro für Pyrotechnik ausgegeben werden und am Silvesterhimmel verrauchen. Mit Hinweis auf die Not in der Welt rufen alljährlich die Kirchen unter dem Motto „Brot statt Böller“ zu Spenden auf. Ein Grünen-Politiker forderte kürzlich wegen der Feinstaub- und Schwermetallemissionen ein generelles Feuerwerksverbot. Auch Ärzte melden sich kritisch zu Wort. Die Gefahr von Silvesterböllern werde unterschätzt. Pro Jahr gebe es deutschlandweit 20000 bis 30000 Fälle von plötzlicher Hörminderung oder Tinitus, die auf Böller zurückgingen, wie der Chefarzt einer Tinitus-Klinik sagt.
Alljährlich startet die Feuerwehr breit angelegte Präventionskampagnen und mahnt zum verantwortungsvollen Umgang mit den Explosionsartikeln.
2858 Notrufe
Im vergangenen Jahr beispielsweise gingen bei der Berliner Feuerwehr Silvester in der Zeit von 19 bis 3 Uhr insgesamt 2858 Notrufe ein. Bei den 1342 Einsätzen in dieser Zeit galt es, 533 Brände zu löschen. In 1114 Fällen ging es um Verletzungen und andere Notlagen. Ursache vieler Einsätze sei ein übermäßiger Konsum von Alkohol gewesen, heißt es im Abschlussbericht der Silvesternacht 2007/2008 weiter. Rund 1500 Helfer und 349 Einsatzfahrzeuge waren im Einsatz.
Um 20.01 Uhr brannte die Zwischendecke einer Laube an der Nalepastraße in Oberschöneweide, um 21.15 Uhr mussten 29 Menschen in Sicherheit gebracht werden, als abgestellte Gegenstände auf einem Balkon an der Landsberger Allee in Alt-Hohenschönhausen brannten und sich das Feuer durch die Decke in das darüber liegende Stockwerk ausbreitete. 23.26 Uhr gingen eine Kfz-Werkstatt und ein Altreifenlager auf 1500 Quadratmetern am Eichborndamm in Wittenau in Flammen auf. 0.04 Uhr erlitt ein Jugendlicher schwere Verbrennungen, als in der Hobrechtstraße in Neukölln ein Kracher in seiner Tasche hochging. 0.27 Uhr brannte der Dachstuhl eines Wohnhauses an der Kochstraße in Kreuzberg. 2.01 Uhr schließlich stand Gerümpel auf einer Freifläche an der Großbeerenstraße in Mariendorf in Flammen. Ein Übergreifen des Feuers auf eine Lagerhalle konnte verhindert werden, heißt es in dem Bericht. Die jeweils vermutete Ursache: Silvesterfeuerwerk. Eine teure Nacht – völlig unnötigerweise, wie Kritiker meinen.
Doch es entstehen noch weitere Kosten: unter anderem in den Erste-Hilfe-Stationen der Berliner Krankenhäuser, die Silvester-Opfer verarzten. Und schließlich bei der Stadtreinigung, die den Knallermüll entsorgen muss. Konkrete Zahlen ließen sich nicht nennen, die Beträge seien sicherlich aber nicht unerheblich, hieß es übereinstimmend.
„Wir haben einen Hund und eine Katze, bei uns wird wegen der Tiere nicht geknallt“, sagt Sieglinde Heckel aus Lichtenrade. „Außerdem ist es uns ums Geld zu schade“, ergänzt ihr Mann Herbert. Als die Kinder noch klein waren, habe die Familie in erster Linie Bengalisches Feuer, Sonnen, Fontänen und ähnliches abgebrannt.
„Daraus sollte man keine Grundsatzfrage machen. Es ist doch einfach ein großer Spaß, besonders für Kinder und Jugendliche. Außerdem finde ich Feuerwerk schön“, sagt Karl-Heinz Mangold aus dem Märkischen Viertel. Und Sedat Kaya aus Schöneberg meint: „Silvester ohne Knallen ist uncool. Das gehört doch einfach dazu.“
„Ein schönes Feuerwerk ist ein Ausdruck der Festlichkeit und der Freude“, sagt Marco Finessi von der Berliner Niederlassung der Potsdamer Feuerwerksvertriebsgesellschaft. Ein Feuerwerk sei etwas Besonderes für besondere Anlässe. Bei sachgemäßem Umgang und Handhabung laut Gebrauchsanleitung bestehe überhaupt keine Unfallgefahr. „Die meisten Unfälle entstehen durch übermütige Jugendliche und durch illegale Böller oder Böller Marke Eigenbau“, meint der Großhändler aus Marienfelde. Bei Verbundfeuerwerken in Boxen, die auf dem Boden stehend abgebrannt werden und sich seit Jahren steigender Beliebtheit erfreuten, sei die Unfallgefahr ohnehin sehr gering.
Feuerwerk ist Kunst
Seit Jahren verzeichnet die Branche einen rückläufigen Absatz bei Böllern und einen anhaltenden Trend zu anspruchsvollerer Pyrotechnik. „Im Vergleich zu dem, was an Feuerwerkskörpern verknallt wird, ist die Zahl der Unfälle doch verschwindend gering“, ist die Ansicht von Sebastian Nerz vom Bundesverband Pyrotechnik. Es sei doch nur eine kleine Minderheit, die verantwortungslos damit umginge. Außerdem spiele Alkohol eine nicht zu unterschätzende Rolle bei diesen Unfällen. Sebastian Nerz: „Feuerwerk ist Kunst – Feuerwerk fasziniert. Niemand kann sich seinem Zauber entziehen. Genießen wir es doch einfach.“
Matthias Berner
| Vier Klassen von Feuerwerkskörpern |
| Klasse I „Kleinstfeuerzeug“: Hierzu zählen zum Beispiel Knallbonbons, Knallerbsen, Bengalisches Feuer, Wunderkerzen, Tischfeuerwerk. Das Feuerwerk ist ganzjährig verkäuflich. Kinder und Jugendliche dürfen nur Feuerwerkskörper der Klasse I kaufen und unter Aufsicht abbrennen. |
| Klasse II „Kleinfeuerwerk“: Hierzu zählen zum Beispiel Chinaböller, kleine Feuerwerksraketen, Fontänen, Kanonenschläge, sogenannte Batterie- oder Verbundfeuerwerke mit hoher Schusszahl und unterschiedlichen Effekten. Die Abgabe darf nur an Personen erfolgen, die das 18. Lebensjahr vollendet haben. Auch nur sie dürfen das Feuerwerk in den Himmel schicken. |
| Klasse III und IV „Mittelfeuerwerk“: Zum Beispiel Feuerwerksraketen mit begrenzter Steighöhe und „Großfeuerwerk/Technisches Feuerwerk“ dürfen nur zu Gewerbezwecken an Inhaber mit spezieller Erlaubnis nach dem Sprengstoffgesetz verkauft werden. |
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