


Bis zu 3000 Mahlzeiten am Tag und ein verwöhntes Publikum: Kein leichter Job für Köche und Küchenpersonal im Reichstag.
Berlin. Die deutschen Volksvertreter machen mächtig viel Politik. Und wer tüchtig arbeitet, muss auch gut essen. Doch die kulinarischen Vorlieben einzelner Abgeordneter bleiben ein wohlgehütetes Geheimnis.
Pläne, Pläne, nichts als Pläne, auch in der Mitte dieser Sitzungswoche. Auch dieser graue Parlamentstag beginnt um 8 Uhr – mit Ausschüssen, Kommissionen, Beiräten, Arbeitsgruppen. Spät am Abend werden 40 Sitzungen bewältigt worden sein. Ab 13 Uhr tagt zusätzlich das Plenum, 17 Tagesordnungspunkte müssen in dem blaubestuhlten hohen Haus durchgestanden werden, der letzte wird um 0.55 Uhr aufgerufen. Am hinteren Ausgang des Saals stapeln sich die Anträge, Beschlussempfehlungen, Gesetzentwürfe kiloweise. Doch im Herzen der Demokratie gibt es auch eine wirklich erbauliche Aufstellung. Eine Liste, die quer durch das politische Spektrum auf große Aufmerksamkeit stößt.
Auch sie ist mit Zahlen und Rubriken angereichert. Die Speisekarte des Kasinos des Deutschen Bundestags kennt Terrinen, Tagessuppen, vegetarische Gerichte, Stammessen, Aktionsgerichte, Pastagerichte, Speisen vom Buffet, wechselnde Grillgerichte, Desserts, zu Preisen von 0,70 bis 3,60 Euro. Da kann man nicht meckern. An Sitzungstagen stemmt die Gastronomie 3000 Mahlzeiten für Mitarbeiter, Abgeordnete, Journalisten, Gäste, für alle, die eine Akkreditierung haben oder eingeladen sind. Der Berliner Parlamentarismus, keine Frage, ist ein hungriger Betrieb.
Fotografieren verboten
Wer aber isst was? Folgt der Geschmack dem Parteiprogramm? An diesem parlamentarischen Arbeitstag stehen Speisen auf dem Plan, die zu Spekulationen Anlass bieten. Greifen die Grünen zu Bio-Kartoffeln mit Spinatauflauf? Die bodenständigen CSUler zu geschmortem Rinderfiletspitz? Die Besseresser von den Liberalen zu gebratenem Steinbeißer an Gemüserisotto? Fraglich, aber auch nicht ausgeschlossen. Die Essgewohnheiten der Abgeordneten in den Restaurants und der Kantine des Bundestags sind noch gänzlich unerforscht, und wären sie erwiesen, die Ergebnisse würden wohl gehütet wie ein Staatsgeheimnis. Die Bundestagsverwaltung jedenfalls hüllt sich in tiefes Schweigen. Auch Fotos von speisenden Politikern verstoßen gegen den guten Ton. Die gastronomischen Örtlichkeiten unterliegen einem strikten Ablichtungsverbot.
Zutritt zu den auf vier Gebäude verteilten Lokalitäten haben im Prinzip alle Hungrigen mit einer gültigen Bundestagsakkreditierung. In den Sitzungswochen sind theoretisch 614 Abgeordnete, rund 2500 Bedienste der Bundestagsverwaltung, die Mitarbeiter der Fraktionen und der Abgeordneten zu versorgen, alles in allem etwa 7000 Menschen – Besucher nicht mitgerechnet.
Betrieben werden die Restaurants, Cafeterien und das Kasino von den Unternehmen Käfer und Dussmann. Ein elektronisches Kartensystem erleichtert die Abrechnung und erspart peinliche Momente: Ein Finanzminister etwa, der gerade kein Kleingeld in der Tasche hat, wäre schon ein irritierender Anblick. Nur das Abgeordnetenrestaurant im Reichstag bleibt den Mitgliedern des Bundestags und ihren persönlichen Gästen vorbehalten. Der Blick geht über den Platz der Republik. Hier tafelt man, an weiß gedeckten Tischen und mit sparsamem Blumenschmuck, sehr staatstragend. Und herunterschlingen muss man auch nichts: An feste Schließzeiten wagt keiner zu denken. Das letzte Mahl wird erst abgeräumt, wenn im Plenarsaal wieder einmal alle Schlachten geschlagen und die Mikrofone abgestellt sind. Das kann bis weit nach Mitternacht dauern.
Pizza „Quattro Fraktioni“
Gelegentlich erlaubt sich Küchenchef Leander Roerdink-Veldboom einen kleinen Scherz. Dann setzt er „Pizza Quattro Fraktioni“ auf die Speisekarte, eine Spezialität des hohen Hauses mit rotem Parmaschinken, schwarzen Oliven, grünem Rucola und gelben Zucchini.
Derlei humoristische Ausfälle sind für die Küchenmannschaft auch bitter notwendig, denn ihr Alltag gestaltet sich beschwerlich genug. Bei spannenden Plenarsitzungen oder bei namentlichen Abstimmungen, so Roerdink-Veldboom, sei die Stätte seines Wirkens „über Stunden leer. Dann kommt der Signalton zur Pause, und plötzlich wollen alle zugleich essen.“ Eigentlich aber mag der Küchenchef über seine ausgesuchte Kundschaft nicht plaudern: Die jeweiligen Lieblingsspeisen der Abgeordneten gibt er partout nicht preis.
Die Bundestagsrestauration ist am Ende ein Teil des Hamsterrads, in dem die Mitglieder des Bundestages vom Morgen bis in den späten Abend strampeln. Sie hat effizient zu funktionieren. Zeit ist Macht, wer Zeit verschleudern kann, ist offensichtlich nicht mehr mächtig. Wer bei Lammragout „Provencale“ oder Cannelloni „Classico“ ostentativ zur Ruhe kommt, riskiert den Ruf, bereits auf dem absteigenden Ast zu sitzen.
Wer über die halbe Stadt schauen möchte, wählt einen Tisch im Restaurant neben der Kuppel. Nicht nur Touristen, auch Politiker wissen diesen Speiseplatz zu schätzen. Doch das kulinarische Epizentrum bleibt das Kasino. Dort herrscht ein ausgesucht freundlicher Ton. Man redet über Dienstliches, meist aber über Privates. Das Kasino ist eine Kantine wie viele andere auch. Es geht in dem großen, lichten Raum hemdsärmlig zu, selbst der Vizepräsident erscheint ohne Jackett. Eine Oase jenseits des Protokolls. Es ist, auf beruhigende Weise, der Spiegel einer ziemlich egalitären Gesellschaft. So ist der Bauch des Bundestags vor allem eines: sehr deutsch.
Kai Ritzmann
| Drei Kantinen ausgezeichnet |
| Wer in Berlin zur Mittagszeit hungrig ist – und sich, wenigstens im Büroalltag, nicht zum Gourmet berufen fühlt – kann zwischen Dutzenden von Kantinen wählen. Ob Großküchen wie bei Bayer in Wedding oder mittlere gastronomische Einheiten wie die der Biologischen Bundesanstalt oder in den Rathäusern, ob die Kantine im Bildungswerk Kreuzberg oder das Senatskasino Fehrbelliner Platz, ob die Mensen der Universitäten oder die Kantine der Charité, ob der gastronomische Betrieb des OSZ Versorgungstechnik oder das Catering im Flughafen Tempelhof – in dieser Stadt öffnen Tag für Tag auf Massenabfertigung eingestellte Essensausgabestellen. Auch jenseits der Spitzenküche werden Sterne verteilt. Das Internetportal „diekantinen“ hat 2007 drei Berliner Kantinen ausgezeichnet. Die Tester prämierten die kulinarische Versorgungseinheit des Abgeordnetenhauses, des Arbeitsamts Mitte sowie die „Aromaoffensive“ am Hauptbahnhof. Bewertet wurden Auswahl, Frische und Geschmack, Service, Ambiente, Sauberkeit und Preise. Im Abgeordnetenhaus gefiel den Kritikern besonders die Verwendung von Produkten aus biologischem Anbau. |
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