

Immer mehr Studierende zieht es in die Hauptstadt. Preiswerte Zimmer und Studentenjobs sind zum Semesterstart knapp.
Berlin. Studienplätze, Studentenjobs und Zimmer in Studentenheimen sind rar in Berlin. Zu Beginn des jetzt startenden Wintersemesters 2011/2012 sind nach Berechnungen der Senatsbildungsverwaltung mehrere Tausend Studienanfänger mehr als im vergangenen Jahr in der Hauptstadt. Viele von ihnen haben derzeit weder eine passende Bleibe, noch einen Job, der es ihnen ermöglicht, das Studium zu finanzieren.
Mitte September, kurz vor Semesterstart, ist es an der Humboldt-Universität in Mitte noch vergleichsweise ruhig. Im Immatrikulationsbüro Unter den Linden sieht es ein wenig aus wie auf einem Flughafen. Absperrbänder regeln den Zugang zum Counter. Sergio Martén, José Cascante und Valery Zuñiga kommen gerade mit ihren Immatrikulationsunterlagen aus dem Büro. Erst einen Tag zuvor sind sie aus Costa Rica angekommen. Jetzt müssen sie alles gleichzeitig erledigen: Wohnung suchen, nach Jobs Ausschau halten und das Studium vorbereiten. „Wir studieren Physik“, sagt Martén in perfektem Deutsch. Die deutsche Sprache haben die drei an der Humboldt-Schule in ihrem Heimatland gelernt. Eine erste Unterkunft haben sie in einer Jugendherberge gefunden. Jetzt hoffen sie, eine Wohnung zu finden. „Es hat uns überrascht, dass es in Berlin kaum bezahlbare Wohnungen gibt“, sagt Martén. Die drei müssen sich nun etwas einfallen lassen. Denn auch ihr Budget ist begrenzt. „Wir haben kein Stipendium“, sagt Cascante. Nun hoffen sie, mit Spanisch-Übersetzungen etwas dazu verdienen zu können.
Schwierige Wohnungs- und Jobsuche
Was vor einigen Jahren noch vergleichsweise einfach war, nämlich eine preiswerte, studentengerechte Unterkunft in der Stadt zu finden, ist derzeit so gut wie aussichtslos. Auf der Internetseite des Studentenwerks gibt es derzeit kein Angebot für ein Apartment oder ein Zimmer in einer Wohngemeinschaft. „Auf unserer Warteliste sind 500 Studenten eingetragen“, berichtet Jürgen Morgenstern, Sprecher des Berliner Studentenwerks. „Wer bis jetzt keine Bleibe hat, wird es schwer haben, noch etwas zu finden.“ Berlin habe generell zu wenige Studentenwohnheimplätze. Nur für sieben Prozent der etwa 147.000 Studierenden gebe es Apartments. Morgenstern rechnet auch damit, dass Studierende in diesem Semester längere Wartezeiten bei der Bearbeitung ihrer BAföG-Anträge in Kauf nehmen müssen. „Noch schlechter sieht es mit Jobs aus“, berichtet der Studentenwerkssprecher. Die studentische Arbeitsvermittlung „Heinzelmännchen“ kann immer weniger Arbeit anbieten. Vor zehn Jahren gab es 35000 Jobs im Jahr. Inzwischen sei die Zahl auf 20.000 gesunken. „Hinzukommt eine sich mindernde Qualität der Arbeitsangebote“, so Morgenstern. Häufig ginge es um kurzfristige Arbeiten wie Möbeltragen oder Babysitten. „Damit kann aber kein Student seinen Lebensunterhalt bestreiten.“ Darauf sei aber jeder zweite Studierende in Berlin angewiesen. Mehr als 70 Prozent der Studenten verdienen sich durch Arbeit etwas dazu.
Mehr Studienanfänger
In diesem Semester erwarten die Universitäten erheblich mehr Studienanfänger als 2010. Denn zum einen ist die Wehrpflicht weggefallen. Allein aus Berlin ist mit 1500 zusätzlichen Abiturienten zu rechnen, die nicht erst „zum Bund“ gehen, schätzt die Bildungsverwaltung. Zum anderen kommen erheblich mehr Studienanfänger aus den beiden flächengrößten Bundesländern Niedersachsen und Bayern. Dort verließen im Sommer sowohl die Abiturienten mit zwölf als auch mit 13 Schuljahren die Schulen. Jetzt drängen sie an die Universitäten. Für die Niedersachsen und Bayern ist Berlin besonders attraktiv, weil hier – anders als im eigenen Bundesland – keine Studiengebühren entrichtet werden müssen.
Hochschulen zuversichtlich
„Die Berliner Hochschulen sind recht zuversichtlich, dass sie den zusätzlichen Andrang ganz gut verkraften können“, sagt der Sprecher der Senatsbildungsverwaltung, Christian Walther. Für die Erhöhung der Zahl der Studienplätze hat der Senat insgesamt 7,9 Millionen Euro bereitgestellt.
An der Technischen Universität (TU) werden im beginnenden Wintersemester rund 4800 Studenten mit dem Studium starten. „Das sind etwa 500 mehr als im Wintersemester 2009/2010“, sagt Stefanie Terp, Sprecherin der TU. „Insgesamt gibt es eine deutliche Steigerung bei der Zahl der Studienplätze. Uns sind für die Aufstockung von der Senatsbildungsverwaltung zusätzliche Mittel in Höhe von bis zu 2,69 Millionen Euro in Aussicht gestellt worden.“ Den größten Andrang von Studienanfängern erwartet die Hauptstadt im kommenden Jahr, wenn es in Berlin zwei Abiturjahrgänge gibt. Nach Berechnungen der Bildungsverwaltung schließen im Jahr 2012 insgesamt 6700 Abiturienten ihre Schulausbildung ab.
Bessere Chancen für Berliner
„Dieser Doppeljahrgang stellt die Hochschulen vor große Herausforderungen“, so Christian Walther. Schon mit den Hochschulverträgen von 2010 vereinbarte die Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung mit Berlins staatlichen Hochschulen, die Zahl von 21.500 Studienanfängerplätzen im Jahr 2008 bis zum Jahr 2012 um 6000 zu erhöhen. Durch die zusätzlichen Plätze haben inzwischen auch Berliner wieder bessere Chancen, in ihrer Heimatstadt zu studieren. Trotz der Vielzahl von Studienbewerbern aus dem In- und Ausland hat sich die Zahl von Berlinern, die in der Stadt ihre Hochschulzugangsberechtigung erworben haben und auch in Berlin einen Studienplatz erhalten, erheblich erhöht. 2006 wurde fast jeder zweite Berliner Bewerber nicht in Berlin angenommen und musste auf eine Hochschule im Bundesgebiet ausweichen. Inzwischen trifft es nur jeden dritten Berliner Bewerber. 66 Prozent der Hauptstädter können inzwischen wieder in ihrer Heimatstadt studieren.
Marianne Rittner

Knappe Mehrheit der Leser stimmt für Studiengebühren.
Berlin. Eine knappe Mehrheit unserer Leser spricht sich für die Einführung von Studiengebühren an den Hochschulen der Hauptstadt aus.
Rund 58 Prozent befürworten das kostenpflichtige Lernen, während sich 42 Prozent für den freien Zugang zu dem Bildungsangebot starkmachen. Neben der Attraktivität Berlins als Stadt lockt Studenten vor allem auch die Tatsache, dass in der Hauptstadt – anders als beispielsweise in den Bundesländern Bayern und Niedersachsen – keine Studiengebühren erhoben werden.
Allein aus Berlin ist in diesem Jahr mit 1500 zusätzlichen Studienbewerbern zu rechnen, wie die Senatsbildungsverwaltung schätzt. Allerdings ist sie nicht in der Lage, zu den aktuellen Bewerberzahlen an den Berliner Hoch- und Fachhochschulen Stellung zu nehmen. Die Auswirkungen des Studentenandrangs zeigen sich auch beim Studentenwerk. „Wir haben einen historischen Höchststand bei den Bewerbungen für Wohnungen. Inzwischen stehen 850 Suchende auf der Warteliste. So etwas gab es noch nie“, sagt Jürgen Morgenstern, Sprecher des Studentenwerks. mab
| Studenten in Berlin |
| Berlin hat wieder mehr Studenten. Insgesamt studieren 147.030 Frauen und Männer an Berliner Hochschulen. 16 Prozent davon stammten aus dem Ausland. Bei den Herkunftsländern liegt die Türkei vor China, Polen und Russland. In diesem Jahr hat sich die Zahl der Studienanfänger deutlich erhöht. 2010 schrieben sich 28.850 an Berliner Hochschulen ein. In diesem Jahr rechnet die Senatsbildungsverwaltung mit mehr als 30.000. „Die Kapazitäten wurden stärker ausgenutzt“, so der Sprecher der Senatsbildungsverwaltung, Christian Walther. „Dadurch gibt es an den Universitäten etwas mehr Studenten als Plätze.“ In den vergangenen fünf Jahren hätte sich die Zahl der Studienanfänger insgesamt um rund 40 Prozent erhöht. Nach den neuesten Erhebungen des Statistischen Bundesamtes für 2010 kamen 10.209 Erstsemester aus anderen Bundesländern in die Hauptstadt. Das ist gegenüber dem Jahr 2009 ein Plus von 650. Besonders stark stieg die Zahl der neuen Studierenden aus dem Ausland, um 1300 auf jetzt 8851. |