

In der Justizanstalt Tegel herrscht akute Raumnot. Bald sollen Häftlinge nach Brandenburg ausquartiert werden.
Berlin. Berlin ist in vielen Bereichen „Hauptstadt“ – leider auch in Sachen Strafvollzug. Die Metropole darf sich mit rund 5000 Strafgefangenen in unterschiedlichen Anstalten die „Hauptstadt der Gefängnisse“ nennen.
Justizanstalt (JVA) Tegel, eine Stadt in der Stadt: Rund 1600 Gefangene, mehr als 900 Beamte, Werkstätten, Therapieeinrichtungen, ehrenamtliche Betreuer und Schulen. Zusammen mit Handwerkern, Lieferanten und anderen Dienstleistern wird hier fast die Einwohnerzahl einer Kleinstadt erreicht. Die größte Haftanstalt Deutschlands ist in sechs Teilanstalten untergliedert. Die Hälfte davon ist dem Regelvollzug vorbehalten. Die drei Häuser wurden 1898 gebaut und im Laufe der Jahrzehnte an die Bedürfnisse des modernen Vollzugs angepasst, wenn auch nur notdürftig. Denn die Gebäude aus der Kaiserzeit ließen nur bedingte Umbauten zu. Was damals als hochmodern galt, ist heute hoffnungslos veraltet. Die Bauten sollen in nicht zu ferner Zukunft für die Belange der modernen Sicherungsverwahrung umgerüstet werden. Die JVA hat Tradition, aber sie ist auch ständig in Bewegung.
Hoffnungslos veraltet
Auf die drei übrigen Vollzugsbereiche sind sozialtherapeutische Anstalten verteilt, in denen die Gefangenen auf ein Leben in Freiheit vorbereitet werden, zum Beispiel in Wohngruppen. Diese Gebäude stammen aus den 70er- und 80er-Jahren. Damals standen sie für moderne Vollzugs- und Therapiemethoden im Strafvollzugs.
Durch den Neubau einer Haftanstalt in der Nähe von Großbeeren (Teltow-Fläming) sollen vor allem die durchschnittlich mit mehr als 90 Prozent belegte JVA Tegel und der Gefängnisstandort Plötzensee entlastet werden. 648 Haftplätze für Männer im geschlossenen Vollzug werden an dem brandenburgischen Standort bis Ende 2012 fertiggestellt. Die entstehenden Bauten eröffnen zugleich Möglichkeiten für eine Verbesserungen der Haftbedingungen. Vor knapp zwei Monaten wurde auf der Baustelle südlich Berlins Richtfest gefeiert. „Wir sind bei den Bauarbeiten und auch bei den Kosten voll im Plan“, sagt Justizsprecher Michael Kanert. Es gebe weder Verzögerungen bei den einzelnen Bauabschnitten, noch seien die Baukosten von rund 118 Millionen Euro gegenüber der ursprünglichen Planung gestiegen.
Haft nach der Haft
„Es ist denkbar, dass wir die in Tegel freiwerdenden Plätze für die Sicherungsverwahrten nutzen“, sagt Justizsenatorin Gisela von der Aue (SPD). Nach einem Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte muss die Sicherungsverwahrung, die „Haft nach der Haft“ für Schwerstkriminelle, neu organisiert werden. Für die veränderten Anforderungen sollen die alten Räume in Tegel allerdings erst umgebaut werden. Eine Unterbringung in den acht Quadratmeter großen Zellen aus der Kaiserzeit ist nach heutigen Maßstäben nicht zu rechtfertigen. Manchmal wirkt dieses Gefängnis wie aus der Gegenwart gefallen, wie ein Koloss, der die Menschen zu erdrücken scheint. Keine Frage: Die JVA Tegel muss sich ändern. Und sie ändert sich. Bei einer neuen Therapieform, die man im Berliner Strafvollzug entwickelt hat, sind Fortschritte zu vermelden. Neben den bewährten therapeutischen Angeboten gibt es jetzt eine „Forensisch-therapeutische Ambulanz“. „Dabei werden Häftlinge nach der Haftentlassung weiter betreut“, erklärt Kanert. Diese Hilfen für die Gefangenen ergänzen die ohnehin zu leistende Arbeit der Bewährungshelfer. Sie sollen dazu beitragen, die Rückfallquote zu senken. Manchmal wird diese Anstalt auch zu einem Schrittmacher und Vorbild.
Aber nicht nur bei Therapie, Resozialisierung und innovativen Haftformen zeigten sich die Berliner stets reformfreudig. So gibt es mit der Zeitung „Lichtblick“ seit 1968 die erste unzensierte Zeitung von Häftlingen für Häftlinge in Deutschland. Die aktuelle Auflage liegt bei 6500 Heften. Ganz auf der Höhe unserer Tage ist „Planet-Tegel“, ein seit 1998 bestehender Internetauftritt unter www.planet-tegel.de, der einen virtuellen Besuch in der Haftanstalt anbietet. Doch all die Bemühungen um einen zeitgemäßen Strafvollzug sollten nicht davon ablenken, dass ein Gefängnis eben eine abgeschottete, gesicherte Anstalt zur zwangsweisen Unterbringung krimineller Menschen ist.
Hartes Leben
„Trotz aller Bemühungen, Modernisierungen und Reformen ist das Gefängnisleben eine harte Sache“, sagt ein Insider, der seinen Namen nicht nennen möchte. Als ehrenamtlicher Helfer hat der Charlottenburger jahrelang Inhaftierte betreut. „Im Knast gelten eigene Gesetze. Besonders schwer haben es Verurteilte, die beispielsweise wegen eines Verkehrsdelikts ins Gefängnis kommen und zuvor keine Verbindungen zum kriminellen Milieu hatten“, berichtet er. „Wer Geld hat, kann auch im Knast wunderbar leben. Es gibt alles, was man für Geld kaufen kann – Legales und Illegales“, weiß der ehemalige Betreuer. Mit einiger Regelmäßigkeit sorgen eingeschmuggelte Drogen oder Handys für Schlagzeilen. Eine Boulevardzeitung druckte kürzlich die aktuellen Knast-Preise für Wodka (70 Euro), Whisky (120 Euro) und Handys (ab 150 Euro). Die Stadt in der Stadt ist schwer zu regieren.
„Gefängnisse sind ein Abbild unserer Gesellschaft“, sagt der Knastkenner. Wie im wirklichen Leben gebe es auch dort eine illegale Gegenwelt. „Aber wie im normalen Dasein wollen die meisten der Strafgefangenen nach ihrer Entlassung eine bürgerliche und abgesicherte Existenz führen. Dabei muss man sie unterstützen.“
Matthias Berner

Große Mehrheit der Leser für Sicherungsverwahrung.
Berlin. Die überwiegende Mehrheit unserer Leser hält eine Beibehaltung der Sicherungsverwahrung von Schwerstkriminellen für sinnvoll.
97 Prozent sprechen sich für diese Art des Vollzuges nach der Verbüßung der eigentlichen Haftstrafe aus. Kürzlich gab es eine höchstrichterliche Entscheidung, nach der die Sicherungsverwahrung neu zu ordnen ist. Der Justizvollzug ist in Deutschland Ländersache. Voraussetzung ist, dass die Täter nach gesicherten Erkenntnissen nicht therapierbar sind. Außerdem müssen die Lebensbedingungen der Sicherungsverwahrten verbessert werden, entschied das Gericht. Die Sicherungsverwahrung müsse sich deutlicher von der eigentlichen Haft unterscheiden. So sollen die Zellen vergrößert werden. Bei der Umsetzung liege Berlin gut in der Zeit, teilte die Senatsjustizverwaltung mit. Die Bedingungen für den Umbau eines der Zellentrakte in Tegel sind derzeit günstig. Denn im Moment gibt es relativ wenige Häftlinge – unter 1500. Dadurch gebe es einen gewissen Leerstand. mab
| Von der Brandmarkung zur Einzelzelle |
| Der Strafvollzug in der heutigen Form hat seine Wurzeln in der europäischen Aufklärung. Er steht unter dem Einfluss der Erklärung individueller Menschenrechte und dem Gedanken, dass der Mensch zum Guten zu erziehen sei. Die erste, für damalige Verhältnisse moderne Haftanstalt Berlins war das Zellengefängnis an der Lehrter Straße in Moabit („Preußisches Mustergefängnis Moabit“), das in den 1840er Jahren errichtet und nach schweren Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg abgerissen wurde. Nach gleichem Vorbild wurden Ende des 19. Jahrhunderts die Anstalten in Moabit (heute Untersuchungs- und Haftgefängnis) und Tegel errichtet. Sie werden noch heute, durch Neu- und Erweiterungsbauten ergänzt, genutzt. Bahnbrechend war die Unterbringung in Einzelzellen, die das jahrhundertelang praktizierte, aus heutiger Sicht unwürdige Einsperren von Straftätern in Sammelzellen ablöste. Kleinere Delikte sollen allerdings am Schandpfahl, durch Brandmarkung, Verbannung oder Verstümmelung, also Entfernung „diebischer“ Finger und Hände, gesühnt werden. Besonders schwerer Vergehen wurden allerdings vom Richter an den Scharfrichter delegiert, wodurch sich lange Haftaufenthalte dann erübrigten. |