Schon heute sehr stauanfällig: die Stadtautobahn A 100 in Höhe Hohenzollerndamm. Foto: de Weert
Schon heute sehr stauanfällig: die Stadtautobahn A 100 in Höhe Hohenzollerndamm. Foto: de Weert

Im Schneckentempo über den Stadtring

Am 23. Mai wird der Schönefeld-Zubringer freigegeben. Kommt es dann auf der A 100 zum Verkehrsinfarkt?

Berlin. Der westliche Stadtring gilt schon heute als die am stärksten befahrene Autobahn Deutschlands. Etwa 190 000 Fahrzeuge passieren täglich das Dreieck am Funkturm. Staus sind fast täglich die Folge. Mit der Freigabe der Autobahn A 113 nach Schönefeld wird ein weiteres Einfallstor für  Blechlawinen geöffnet.

Der Morgen beginnt mit Stau. Nicht immer, aber immer öfter. Wer sich vom Süden Berlins auf den Weg zur Arbeit in die Innenstadt macht und den Stadtring nutzt, muss inzwischen mit schöner Regelmäßigkeit spätestens am Innsbrucker Platz auf Schrittgeschwindigkeit runtergehen. Oft beginnt der Stau aber schon an der Grenzallee in Neukölln. Polizisten sperren dann dort und an der Buschkrugallee die Auffahrten, was mittlerweile schon fast normal ist.

Abends freie Fahrt

„Ich fahre immer öfter wieder über Stadtstraßen zur Arbeit, denn ein verstauter Stadtring kostet mich mindestens 15 Minuten Fahrzeit mehr“, sagt Rolf Götze. Wenn er nach 7.20 Uhr, so die Erfahrung des Bauingenieurs, von seinem Haus in Johannisthal abfährt, ist es für ein zügiges Durchkommen schon zu spät und er kommt nicht pünktlich zur Arbeit. Abends sehe es dagegen viel entspannter aus, denn der Verkehr fließe stadtauswärts besser ab.

Damit könnte es aber schon am 23. Mai vorbei sein, wenn die neue Autobahn A 113 nach Schönefeld offiziell unter die Räder kommt. Ob die neue Verbindung zwischen Stadtring (A 100) und Berliner Ring (A 10) einen Sogeffekt entwickeln wird, ist umstritten. Kritische Stimmen warnen, das die A 113 das Einfalltor für überregionalen Verkehr aus Sachsen und Tschechien zur Ost- und Nordsee werden könnte. Es gibt aber auch Verkehrsexperten, die meinen, dass sich nicht viel ändern werde.

„Mögliche neue Durchfahrer, die vorher den Berliner Ring benutzt haben, werden schnell merken, dass sie spätestens auf dem Stadtring so langsam vorankommen, dass sie beim nächsten Mal wieder die Umfahrung wählen“, glaubt Eckart Thoms, bei der Senatsverwaltung zuständig für den Entwurf von Ingenieurbauwerken. Das werde sich in der Berufsfahrerszene schnell herumsprechen.

Den Bündnisgrünen war das Thema im vergangenen September eine kleine Anfrage im Abgeordnetenhaus wert. Die Abgeordnete Claudia Hämmerling konfrontrierte den Senat mit der Einschätzung, dass nach der Eröffnung sowohl Privatfahrzeuge als auch der Güterverkehr aus oder in Richtung Dresden und Cottbus beziehungsweise Rostock und Hamburg die Stadtautobahn verstärkt nutzen würden, weil diese Strecke sowohl zeitlich als auch finanziell deutlich günstiger sei als die Nutzung der A 10. Was, so die Frage, gedenke der Senat gegen diesen in Kürze zu erwartenden massenhaften Durchgangsverkehr zu unternehmen?

„Gar nichts“, lautete zusammengefasst die Antwort von Verkehrsstaatssekretärin Maria Krautzberger. Eigene Untersuchungen hätten gezeigt, dass für die Stadtdurchfahrt tagsüber 25 Prozent mehr Zeit benötigt werde als für die Umfahrung, deshalb sei mit einem um höchstens ein Prozent höheren Verkehrsaufkommen zu rechnen.

Vorsichtige und befristete Entwarnung kommt von unerwarteter Seite. Zwar warnt auch Martin Schlegel vom Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) vor möglichem städtischen Transitverkehr, doch rechnet er damit erst mit Eröffnung des Großflughafens Berlin Brandenburg International, also frühestens 2012. Allerdings könnte es dann am Dreieck Funkturm sogar entspannter zugehen als jetzt, denn der Zufluss nach Tegel würde bei der Schließung des bisherigen Flughafens versiegen. Würde es dennoch vermehrt zu Staus kommen, sollte eine Maut oder sogar Durchfahrtsverbote für Lkw in Erwägung gezogen werden.

Stephan von Dassel als Verkehrssprecher der Bündnisgrünen blickt über die Frage nach Stau oder Nichtstau hinaus. Statt der neuen Autobahn hätte es auch eine Ertüchtigung des Adlergestells getan. Dann wären nicht wertvolle Flächen für Wohnhäuser im Grünen verloren gegangen. Auch stehe nach wie vor eine entlastende Schnellbahnverbindung zum Flughafen in den Sternen.

Das alles ficht Verkehrssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) nicht an. „Ich hätte es zwar nie gedacht, aber ich beginne diese Autobahn zu lieben“, sagte sie kürzlich bei der ersten Präsentation der A 113.

Entlastung in Adlershof

Zu Gelassenheit rät auch der Adlershofer Jörg Lautenbach. Er setzt auf die regionale Entlastung, die die neue Autobahn bringen wird. „Wohn- und örtliche Durchgangsstraßen wie das Adlergestell in Treptow-Köpenick und die Rudower Straße in Neukölln werden deutlich entlastet.“ Besonders die Kreuzung Köpenicker Straße/Glienicker Weg könnte profitieren.
 
Das deckt sich mit den Intentionen der Senatsverwaltung für Verkehr. „Vordringlich wird die Autobahn ja nicht gebaut, um neue Verkehre zu befördern, sondern um die durchquerten Stadtteile vom Verkehr zu entlasten“, sagt Bereichsleiterin Katrin Vietzke.

Einen Vorteil hat die neue Autobahn auf jeden Fall: Wenn der Verkehr tatsächlich ungehindert fließt, sind die Berliner schneller im Grünen, in Dresden, Prag – und natürlich am neuen Flughafen. Eine Vision, die auch die Augen von Uwe Gawehn von der Taxi-Innung leuchten lässt: „Bisher mussten wir uns durch Riesenstaus zum Flughafen quälen. Wir rechnen jetzt mit Fahrzeitverkürzungen von bis zu 20 Minuten.“

Doch das vielleicht größte Problem lauert weiter östlich in der Stadt – jedenfalls nach Meinung der örtlichen Anti-Autobahn-Bürgerinitiative „Biss“ und dem BUND. Der geplante Weiterbau des Stadtrings bis zum Treptower Park werde massive Verkehrsströme dorthin leiten, ohne dass ausreichende Stadtstraßen zum Abfluss vorhanden seien. „Hier gibt es in jedem Fall mehr Be- als Entlastung“, ist sich Martin Schlegel vom BUND sicher.

Außerdem sei die Trasse mit prognostizierten mehr als 400 Millionen Euro viel zu teuer. „Die teuerste Straße Deutschlands mit bis zu 150 Millionen Euro pro Kilometer“, nennt der Bündnisgrüne Stephan von Dassel die Verlängerung. Selbst in der Verkehrsverwaltung räumt man hinter vorgehaltener Hand ein, dass der nach Osten verlängerte Stadtring erst dann sinnvoll ist, wenn er bis zur Frankfurter Allee geführt wird. Doch die Planung dieser Trasse steht sozusagen noch ganz tief im Stau: Frühestens 2020 werden hier Autos rollen können.

Rainer Stache


A 113: bis zu 143 000 Autos täglich
20,3 Kilometer wird die neue A 113 als Verbindung des äußeren und inneren Autobahnrings lang sein, 10,5 Kilometer davon verlaufen auf Berliner Territorium. Gerechnet wird mit 119 000 bis 143 000 Fahrzeugen pro Tag. Der Bau begann im September 1999. Finanziert wurde die neue Autobahn aus Bundesmitteln und war im Berliner Bereich mit 294 Millionen Euro um mehr als 100 Millionen billiger als geplant. 30 Brückenbauwerke und zwei Tunnel (904 und 304 Meter lang) gehören zu der Strecke. Allein in Berlin wurden auf 20 Kilometern bis zu sechs Meter hohe Lärmschutzwände errichtet.

 

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