Ohne Alkohol geht nichts: Gerade unter Jugendlichen gehören Bier, Alkopops und Schnaps zum Freizeitvergnügen – oft ohne Rücksicht auf mögliche Folgen des Alkoholmissbrauchs. Foto: Christian Hahn
Ohne Alkohol geht nichts: Gerade unter Jugendlichen gehören Bier, Alkopops und Schnaps zum Freizeitvergnügen – oft ohne Rücksicht auf mögliche Folgen des Alkoholmissbrauchs. Foto: Christian Hahn

Immer eine Flasche Bier in der Hand

Politiker und Gesundheitsexperten sind beunruhigt: Jugendliche trinken immer mehr und häufig, bis der Notarzt kommt.

Berlin. Alarmierende Statistiken über Jugendliche, die im Vollrausch ins Krankenhaus eingeliefert werden müssen, hat eine alte Diskussion neu entfacht. Die Berliner CDU fordert: Alkoholkonsum in der Öffentlichkeit muss verboten werden. Denn gegen das haltlose Trinken müsse endlich ein Zeichen gesetzt werden.

„Uns den Alkohol verbieten? Das wäre ja noch schöner!“ tönen Herbert und seine Kumpels an der mobilen Bar und nehmen einen kräftigen Schluck. Sie sind auf der EM-Fanmeile, wo öffentliches Trinken durchaus erwünscht ist. „Bier macht den Fußball erst richtig schön“, sagt Herbert. Unter freiem Himmel finden die sechs Männer im Alter von 16 bis 22 Jahre das Trinken richtig toll. Auch die Gruppe argentinischer Touristen fühlt sich auf der Fanmeile pudelwohl: Der 20-jährige Guillermo von Borowski und seine Freunde schwärmen für deutsches Bier.

So wie diese Fußballfans tranken viele Jugendliche und Erwachsene ausgelassen auf dem EM-Jubelabschnitt 2008. Und obwohl dessen Sponsor auf der Straße des 17. Juni Coca-Cola hieß, war viel Bier mit im Spiel. Die wunderschönen Tore von Poldi, Schweini & Co. ließen den Sprit in Strömen fließen. Auf den Erfolg! Zur Beruhigung der Nerven! Auf den Sieg! In der Nacht nach dem Halbfinal-Krimi Deutschland gegen die Türkei mit dem Ergebnis 3:2 ist es in Berlin zum Glück nicht zu Auseinandersetzungen gekommen. 80 Personen mussten dennoch festgenommen worden, unter anderem wegen Sachbeschädigung oder Körperverletzung. Viele dieser Delikte führte die Polizei auf übermäßigen Alkoholkonsum zurück.

Mehr und haltloser

Politiker, Sucht- und Drogenbeauftragte werden seit Monaten durch eine beunruhigende Statistik aufgeschreckt. Danach trinken Heranwachsende immer mehr und haltloser Schnaps und andere alkoholische Getränke. Laut dem aktuellen Bericht der Bundesregierung hat sich die Zahl der Krankenhauseinweisungen von Zehn- bis 20-Jährigen wegen Alkoholmissbrauchs seit 2000 auf 19 500 Fälle jährlich verdoppelt. Auch die Verantwortlichen der Techniker-Krankenkasse (TK) halten diesen Trend für „beängstigend“ – und kostspielig: 2007 brauchten bundesweit 1822 TK-Versicherte unter 20 Jahren im Vollrausch einen Notarzt. Die Entgiftungs- und Ausnüchterungsbehandlung schlug mit 540 Euro pro Klient zu Buche.

Komasaufen im Trend


Komasaufen liegt offenbar im Trend: Regelmäßig an Wochenenden müssen Berliner Jugendliche nach Trinkorgien ins Krankenhaus. So mancher bringt sich dadurch in Lebensgefahr. Und langsam scheint es auch chic zu sein, mit einer Flasche Bier in der Hand durch die Straßen zu laufen oder in öffentlichen Verkehrsmitteln zu sitzen. So verändert sich das Bild von Alkohol in der Öffentlichkeit: Längst belegen nicht mehr nur ältere, grölende Alkoholiker städtische Parkbänke oder Sitzecken. Mehr Kopfzerbrechen bereiten Politikern und Behörden trinkende Jugendliche.

Alkoholfreie Zonen


Zumindest konnten bisher neun der zwölf Berliner Bezirke ihre öffentlichen Spielplätze zu alkohol- und nikotinfreien Zonen erklären. Friedrichshain-Kreuzberg setzt zudem noch auf ein Werbeverbot für Nikotin und Alkohol auf bezirkseigenen Grundstücken.

Auf der Fanmeile gab es jetzt einen gemeinsamen Stand der Fachstelle für Suchtprävention, des Landessportbundes und Lotto Berlin, an dem über Gefahren im Umgang mit Alkohol, Nikotin und Glücksspiel aufgeklärt wurde. Geworben wurde dort mit Broschüren und Postkarten für den verantwortungsvollen Umgang mit suchtgefährdenden Produkten. Angesichts der alarmierenden Zahlen hat die SPD jetzt auf ihrem Landesparteitag beschlossen, sich in Bundestag und -rat für ein striktes Alkoholverbot für unter 18-Jährige einzusetzen. Das soll auch für Bier, Wein und Sekt gelten, die bisher bereits von 16-Jährigen erworben und konsumiert werden dürfen.

Oder soll das Trinken in der Öffentlichkeit ganz verboten werden? Beispiele aus dem Ausland – wie in den USA – haben gezeigt, dass ein Trinkverbot in der Öffentlichkeit den Alkoholkonsum nicht eindämmen konnte. Ungeachtet dessen fordert der Berliner CDU-Generalsekretär Frank Henkel: „Alkoholkonsum auf öffentlichen Plätzen, Straßen und in Bussen und Bahnen sollte grundsätzlich verboten werden!“ Dabei wolle er keinesfalls „Bier oder Wein beim Grillen oder beim Picknick“ verbieten. Doch mit einer Pulle über den Ku’damm zu flanieren, dürfe angesichts der steigenden Zahl von Alkoholvergiftungen Jugendlicher nicht sein. Es sei ein Skandal, dass das Personal der Ordnungsämter noch immer nicht aufgestockt worden ist. Denn nur mit mehr Kontrolle könne ein solches Verbot durchgesetzt werden.

Debatte statt Verbote


„Wir brauchen eine gesellschaftliche Debatte über Jugend und Alkohol, aber keine neuen Verbote“, sagt dagegen Marie-Luise Dittmar, Sprecherin von Gesundheitssenatorin Katrin Lompscher (Die Linke). Nach ihrer Meinung reicht die strikte Anwendung der bestehenden Gesetze aus, um Heranwachsende zu schützen. „Jede Flasche Alkohol, die ein Kind trinkt, haben zuvor Erwachsene in der Hand gehabt“, sagt Dittmar. „Sie sind es, die die Verantwortung tragen und in die Pflicht genommen werden müssen.“ Ob es sich nun um Supermarkt-Kassiererinnen, Kiosk-Betreiber, Eltern oder Freunde handele.

Ela Dobrinkat


Die Rechtslage
In der Bundesrepublik dürfen Erwachsene in der Öffentlichkeit Alkohol trinken, wenn sie dabei niemanden belästigen. Im Berliner Straßengesetz von 1999 gab es noch einen Passus, der Bürgern „das Lagern und Niederlassen zum Zwecke des Alkoholkonsums“ in der Öffentlichkeit untersagte. Im Straßengesetz von 2006 wurde diese Formulierung jedoch gestrichen. Heute dürfen nur noch Erwachsene belangt werden, die durch ihren Alkoholgenuss in Parks, auf Plätzen oder auf Bürgersteigen lärmen, pöbeln oder ihre Mitbürger nötigen. Kindern und Jugendlichen ist der Erwerb und Konsum von Alkohol grundsätzlich verboten. Kauf und Genuss von Bier, Wein und Sekt ist erst ab 16 Jahren erlaubt. Spirituosen und sogenannte spirituosenhaltige Limonaden, sogenannte Alkopops, dürfen erst ab 18 Jahre erworben und konsumiert werden. Die personelle Unterbesetzung der Berliner Ordnungsämter macht die Kontrolle dieser Anordnungen und die Ahndung bei Überschreitung besonders schwer. In Berlin warten die Mitarbeiter der Ordnungsämter auf Unterstützung. Bisher dauert die Schicht der Ordnungshüter nur bis 22 Uhr.

 

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