

Die Hauptstadt hat sich zum Schmelztiegel der Religionen entwickelt. Am 22. September besucht der Papst die Metropole.
Berlin. Wenn Papst Benedikt XVI., geistliches Oberhaupt von geschätzt 1,181 Milliarden Gläubigen weltweit, Berlin besucht, dann kommt er in eine christliche und insbesondere römisch-katholische Diaspora, denn 60 Prozent der Berliner sagen, konfessionell nicht gebunden zu sein.
Von den rund eine Million Christen in der Stadt bekennen sich nur rund 317.000 zur römisch-katholischen Kirche, der Kirche des Papstes. Das geht aus Zahlen des Senatsbeauftragten für Kirchen, Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften hervor. Trotzdem gibt es in der Hauptstadt ein vielfältiges religiöses Leben diesseits und auch jenseits der großen Weltreligionen.
Nichts, was es nicht gibt
„In Berlin gibt es nichts, was es nicht gibt“, sagt der Senatsbeauftragte Hartmut Rhein. Jede der multikulturellen Gruppen, die in der Stadt lebe, bringe auch die eigenen Religionen mit ihren Sitten und Bräuchen mit. Dabei hat der Beauftragte einen Trend ausgemacht. Hartmut Rhein: „Das Bedürfnis nach Religion nimmt in letzter Zeit zu.“
Ein farbenfrohes Tor im ostasiatischen Stil weist den Weg auf das Grundstück in Gatow. Dahinter ein von Marmorplatten eingefasstes Karree mit weißen Kieseln. Darauf thront ein sitzender Buddha mit erhobener Hand. Zur Begrüßung verneigt sich der Meister der fünf thailändischen Mönche, die hier am Breitehornweg 1a den Sommer über leben und meditieren.
Neuer Tempel in Gatow
„Im vergangenen Jahr haben wir mit der Gründung des Klosters Wat Pah Bodhi-Dhamm begonnen“, sagt Phramaha Chaovana Hgamsanguanprapa, der von den Gläubigen Meister genannt wird. Es werden Spenden gesammelt, schon bald soll mit dem Bau eines zweistöckigen Tempels begonnen werden. Im Erdgeschoss ist ein Versammlungsraum geplant, im Obergeschoss Zellen und Wirtschaftsräume für die Mönche. „Wir wollen offen sein für alle, nicht nur für unsere Gläubigen“, sagt der Meister. Man wolle nicht nur religiöse Feiern für die Gläubigen ausrichten, sondern auch Meditationskurse für jeden anbieten und über thailändische Kultur und Lebensart informieren.
„Wir sind nicht nur ein Ort des Glaubens, sondern für unsere Mitglieder auch ein Stück Heimat, ein Ort der Pflege von Sitten und Gebräuchen“, sagt Mönchpriester Clement Lodroman von der rumänisch-orthodoxen Gemeinde. Auch auf dem Grundstück an der Heerstraße entsteht ein Neubau. Während es sich beim Thaikloster in Gatow um eine Neugründung handelt, ist die Gemeinde Erzengel Michael und Gabriel alteingesessen, besteht seit den 1940er-Jahren. Im Untergeschoss ist die Kapelle für die abendlichen Andachten bereits fertig, darüber wächst die Basilika an der Ortelsburger Allee, soweit es die Spenden der rund 800 Gemeindemitglieder ermöglichen. Sonntags nach der Heiligen Messe in der provisorischen Kappelle neben dem Neubau sitzen die Gläubigen in Zelten beieinander und essen gemeinsam.
500 Kirchen und religiöse Gruppen
Nach Schätzung des Senatsbeauftragten für Religionsfragen gibt es in Berlin rund 250 Kirchen und Religionsgemeinschaften im engeren Sinne. Thomas Gandow, der kürzlich aus dem Amt geschiedene Sektenbeauftragte der evangelischen Kirche, nennt eine Zahl von rund 500 Kirchen und religiösen Gruppen im weiteren Sinne, von denen er rund 20 als Sekten einstuft. Auf diese Zahl in etwa kommen auch Forscher der Freien Universität, die das religiöse Leben in der Stadt untersucht und die Ergebnisse veröffentlicht haben („Religion in Berlin“, Weißensee Verlag 2003, 649 Seiten, 32 Euro).
Nach offiziellen Zahlen gibt es in der Stadt 317.000 Katholiken, 627.000 Protestanten und 210.000 Muslime. 90.000 Berliner gehören anderen christlichen Gruppen an. Die jüdische Gemeinde zählt 11.200 Mitglieder, die zweite – orthodoxe – Gemeinde Adass Jisroel hat 1000 Gläubige. Die Zahl der Buddhisten wird mit 6500 angegeben. Dabei ist die Vielfalt der Gemeinden überwältigend.
Bei den Protestanten gibt es außer der Amtskirche die reformierten Kirchen und Gemeinden, Anglikaner, historische Freikirchen, evangelische Gemeinschaften, Pfingstliches Christentum/Pentecostale, charismatische Gemeinden (Neopentecostale), ferner transkonfessionelle Gemeinden und Missionsprojekte.
Die orthodoxen Gemeinden sind meist nach Nationalitäten ausgerichtet, außerdem gibt es altorientalische orthodoxe Kirchen. Der Islam ist in allen großen Richtungen in einer ganzen Reihe von Gemeinden vertreten. Buddhismus und die indischen Religionen ebenfalls. Bei den Anhängern des Papstes ist die Lage hingegen übersichtlich: Neben der Amtskirche gibt es die ukrainisch griechisch-katholische, die melkitisch griechisch-katholische und die unierte syro-malabarische Kirche sowie eine alt-katholische Gemeinschaft und die Priesterbruderschaft St. Pius X.
Gepanzerte Limousine
Während seines Aufenthalts in Berlin wird der Papst ausschließlich in einer gepanzerten Limousine in der Stadt unterwegs sein. Die einzige Chance für die Berliner, Papst Benedikt XVI. zu sehen, besteht deshalb beim Gottesdienst im Olympiastadion, in das der Papst mit dem „Papamobil“ einfahren wird. „Sollte die Zahl der Interessenten deutlich über dem Platzangebot im Stadion liegen, werden wir ein Public Viewing anbieten und den Gottesdienst live übertragen“, sagt Stefan Förner, Sprecher des Berliner Erzbistums.
Die Kosten der Berlin-Visite nur für die katholische Kirche werden auf rund 3,5 Millionen Euro beziffert. Allein der Altar im Olympiastadion schlägt mit rund 400.000 Euro zu Buche. Offiziell handelt es sich um einen Staatsbesuch des Papstes, denn Benedikt XVI. ist zugleich Staatsoberhaupt der nur 0,44 Quadratkilometer großen, aber souveränen Vatikanstadt, die im Herzen der italienischen Hauptstadt Rom liegt.
Matthias Berner

Leser wünschen besseres Miteinander der Religionen.
Berlin. Als nicht zufriedenstellend beurteilen 70 Prozent unserer Leser das Zusammenleben der Religionen in Berlin. Nur 30 Prozent halten das religiöse Miteinander für beispielhaft.
Eine Verbesserung des Verständnisses zwischen den Konfessionen und Glaubensrichtungen war auch eines der Anliegen des Papstes bei seinem viertägigen Deutschland-Besuch. „Papst Benedikt XVI. hat sehr genau die deutsche Situation berücksichtigt und Gespräche mit Juden, Muslimen und der evangelischen Kirche wie selbstverständlich auf dem Terminplan gesetzt. Er bestärkt uns, de eingeschlagenen Weg des Dialogs fortzusetzen und aufeinander zuzugehen“, so Stefan Förner vom Erzbistum Berlin.
Auch der Senat hält den Austausch zwischen den Weltanschauungen offensichtlich für verbesserungswürdig. Kürzlich fand die erste Konferenz des „Berliner Dialogs der Religionen“ mit 150 Teilnehmern im Roten Rathaus statt. Es wurde auch die Frage diskutiert, wie aus Unkenntnis eine gewisse Neugier füreinander werden könne. Auf einem sogenannten Marktplatz wurden 20 Projektideen vorgestellt. mab
| Das Berlin-Programm des Papstes |
| Donnerstag, 22. September, 10 Uhr: Ankunft des Papstes auf dem Flughafen Tegel; 11.15 Uhr: Bundespräsident Christian Wulff empfängt den Papst im Park von Schloss Bellevue; 12.50 Uhr: Begegnung mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) am Sitz der Deutschen Bischofskonferenz an der Hannoverschen Straße in Mitte; 16.15 Uhr: Besuch im Deutschen Bundestag mit einer Rede des Papstes; 17.15 Uhr: Begegnung mit Vertretern der Jüdischen Gemeinde im Deutschen Bundestag; 18 Uhr: Begegnung mit dem Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) im Olympiastadion und Eintragung ins Goldene Buch der Stadt; 18.30 Uhr: Eucharistiefeier im Olympiastadion bis gegen 20.30 Uhr; anschließend Rückfahrt in die Apostolische Nuntiatur in der Lilienthalstraße 3a in Neukölln, wo der Papst übernachtet. Freitag, 23. September, 7.30 Uhr: Privatmesse in der Kapelle der Apostolischen Nuntiatur für die Mitarbeiter des Hauses; 9 Uhr: Treffen mit Vertretern des Islam in der Apostolischen Nuntiatur; 10 Uhr: Abflug vom Flughafen Tegel.ch viele Brandenburger. Eine endgültige Entscheidung über die Flugrouten soll am 26. Januar 2012 fallen. |