


Auto- und Motorradfahrer sowie Radler und Fußgänger sehen in den anderen Verkehrsteilnehmern oft nur ihre „natürlichen Feinde“.
Berlin. Verkehrsunfälle – besonders mit Radfahrern – nehmen zu, Verkehrsregeln werden ignoriert, und Polizei sowie Ordnungsämter verschärfen die Kontrollen. Der ganz normale Wahnsinn auf Berlins Straßen.
Helm auf und ab ins Verkehrsgetümmel. Radler Martin macht sich startklar für 30 Minuten „Kampffahrt“ von Kreuzberg nach Charlottenburg. Seine Devise: ganz schnell von A nach B kommen. Dafür nimmt der 53-jährige Informatiker große Risiken in Kauf: Er fährt über rote Ampeln und rast – auch gegen die Fahrtrichtung – auf den Gehwegen. Im Straßenverkehr sei jeder, der ihn am Weiterkommen hindere, sein „natürlicher Feind“, sagt er mit einem kleinen Augenzwinkern. Auch der Zehlendorfer Familienvater und Radfahrer Christian hat seinen eigenen Fahrstil. Er hat beschlossen, dass Ampeln nicht für ihn gelten: „Da es trotz der Ampeln immer wieder zu Radfahrer-Unfällen ohne deren Schuld kommt, kann ich die Ampel auch gleich ignorieren.“ Dafür hat Christian allerdings auch schon in Flensburg gepunktet.
Autofahrer Kai dagegen hat die Nase voll von Radfahrern und würde sie am liebsten würgen. „Ich komme aus einer Tiefgarage, da fährt mir auf dem Gehweg eine Radfahrerin mit hohem Tempo von rechts ins Auto.“ Und das Schärfste dabei sei: Die Versicherung sagt, er müsse den Radschaden und ein Schmerzensgeld von 230 Euro zahlen. „Da wird diese unverschämte Fahrerin noch belohnt – und ich soll blechen, nur weil ich Autofahrer bin.“
Wut auf Zweiradfahrer
Nicht nur beim Angestellten Kai sind die „Chaotenradler“ verhasst, auch Cabrio-Fahrerin Gudrun ist voller Wut: „Radfahrer radeln mit Vorliebe auf der Fahrspur nebeneinander, halten sich an keine Verkehrsregeln und kommen oft aus Richtungen, aus denen weder Autofahrer noch Fußgänger mit ihnen rechnen können.“ Die 32-jährige Gartenbauarchitektin aus Schöneberg hat aber auch einen Rochus auf Motorradfahrer. „Auch sie sind rücksichtslos, schrammen an den Autos im Millimeterabstand vorbei und fahren oft viel zu schnell.“
Mit seinem Motorrad trumpft der gelernte Koch Andreas (37) aus Prenzlauer Berg gern mal auf. „Sie ist superschnell, es gibt keinen Stau für mich, ich werde nie geblitzt und finde immer einen Parkplatz.“ An den Kreuzungen mit roter Ampel fährt Andreas bewusst an den Autos vorbei ganz nach vorn: „Wegen der Abgase, die ich sonst einatmen müsste.“ Aber, und das betont der Liebhaber schöner Motorräder, Rasen sei nicht sein Stil. Schon wegen der fehlenden Knautschzone fahre er vorsichtig – das jedoch gern auch mal auf der Busspur oder bei auf Rot schaltender Ampel. Auf dem Motorrad, so sagt er, lebe er seine „anarchischen Gelüste“ aus.
Stinkefinger und Schimpftiraden von Radfahrern hat Golf-Fahrer Peter auf dem Tempelhofer Damm erlebt. „Die sind genau auf der Fahrbahnmitte gewesen, haben die Autos bewusst blockiert und jeden Fahrer einzeln beschimpft.“ Wütend zuckt er mit den Schultern. Dagegen wünschen sich gestresste Fußgänger, dass Radler weiterhin die Fahrbahn benutzen. Denn: „Gefühlte 85 Prozent der Biker nutzen verbotenerweise die Gehwege“, glaubt Monika. Die 30-jährige Sekretärin hat ihr Auto vor zwei Jahren verschrottet und gehört seitdem zur großen Masse der Fußgänger. „Ein Unding, mit welcher Arroganz Radfahrer Gehwege in Beschlag nehmen“, so ihre leidvolle Erfahrung auch auf dem Bürgersteig an der Hasenheide. „Die sind ohne Rücksicht, und ich muss immer wieder ausweichen.“
Rücksichtslosigkeit werfen die Radfahrer allerdings auch massiv den anderen Verkehrsteilnehmern vor. „Ich wurde schon dreimal von einem abbiegenden Auto vom Fahrrad geholt“, beschwert sich Bauarbeiter Volker. Und er fahre wirklich nie bei Rot und immer auf der Straße oder auf Radwegen. „Nur an gefährlichen Stellen – wie zum Beispiel auf der Greifswalder Straße und bei Baustellen – weiche ich auf den Gehweg aus.“ Manfred (28) aus Prenzlauer Berg fährt auch gerne Rad im Sommer. „Aber in meiner Ecke herrscht richtig Anarchie. Da fahren viele Radler auf den Gehwegen“, stöhnt der Musiker. Er glaubt, dass das so ist, weil viele Radler Angst haben, auf der Straße zu fahren. Sein Vorschlag: „Am besten wären genügend Radwege am Fahrbahnrand.“ Und: Jeder sollte auf den Schwächeren Rücksicht nehmen. Dann, so Manfred, würden die Nerven aller Beteiligten auch nicht mehr so blank liegen.
Dass auch Fußgänger häufig das Ampelrot ignorieren und zum Sprint ansetzen oder aggressiv auf Radler und Autos reagieren, vervollständigt den täglichen Wahnsinn auf den Straßen. Rainer aus Neukölln ist Sprints gewohnt: „Was soll ich da lange rumstehen“, meint der Fußgänger. Ein Risiko sieht er dabei für sich nicht.
Beim Fahrradbeauftragten des Senats, Benno Koch, gibt es oft Beschwerden von Fußgängern über Radfahrer auf Gehwegen. Auch Koch bezeichnet dieses Benehmen der Radler als „großes Problem“ und plädiert ebenfalls für neue Radspuren auf der Fahrbahn. „Auf Rad- und Gehwegen gegen die Fahrtrichtung fahren, das ist auch für Radfahrer gefährlich“, mahnt der Experte. So kämen an Kreuzungen selbst verschuldete, zum Teil auch tödliche Unfälle zustande, weil kein abbiegender Autofahrer von dieser Seite mit Zweirädern rechne. Sarah Stark vom Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC) betont, dass die Verkehrsregeln für alle gelten, aber sich sehr viele nicht darum kümmern. Für die Polizei ist eins klar: „Bei Rot über die Ampel zu fahren, bedeutet Punkte in Flensburg, egal ob mit Auto oder Rad.“ Nach neustem Bußgeldkatalog kostet das für Radler zwischen 45 und 180 Euro.
Mehr Verkehrskontrollen
Um die Rambos der Straße umzuerziehen, kontrollieren Polizei und Ordnungsämter derzeit verstärkt Verkehrsteilnehmer: stadtweite Plakataktionen, persönliche Gespräche mit Radfahrern und der dringende Appell an die Eigenverantwortung aller. Ob das Werben um mehr Rücksichtnahme und die Einhaltung der Verkehrsregeln Erfolg hat, wird die Unfallstatistik der nächsten Jahre zeigen.
Gabi Zylla
| 55 Verkehrstote im Jahr 2008 |
| 2008 wurde die Polizei in Berlin alle vier Minuten zu einem Verkehrsunfall gerufen. Die Verkehrsopferbilanz registriert 2008 insgesamt 124.003 Verkehrsunfälle mit 17.833 Verunglückten, 55 davon starben – die meisten in Charlottenburg-Wilmersdorf (9), Pankow (8) und Neukölln (6). Hauptunfallursachen sind Fehler beim Abbiegen, Nichtbeachten der Vorfahrt und zu hohe Geschwindigkeit. Unfallschwerpunkte mit Personenschäden waren zum Beispiel die Kreuzung Bornholmer Straße/Schönhauser Allee/Wisbyer Straße, der Große Stern und Müller-/Seestraße. Von den 55 Toten waren 30 Fußgänger und elf Radfahrer. Die Radfahrunfälle stiegen um 11,3 Prozent im Vergleich zum Vorjahr auf 7672. In knapp 58 Prozent der Fälle waren die Radler dabei Unfallverursacher oder -mitverursacher – zumeist wegen falscher Fahrbahnbenutzung. Rotlichtverstöße wurden 2008 insgesamt 38.743 festgestellt – 16,7 Prozent mehr als 2007. Die höchste gemessene Geschwindigkeit lag bei 150 Kilometern pro Stunde auf der Autobahn A113 zwischen Tunnel Rudower Höhe und Tunnel Altglienicke – erlaubt sind 80 Kilometer pro Stunde. |
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