Der U-Bahnhof Hansaplatz ist einer von drei Berliner Bahnhöfen, die bei Frost auch nachts für Obdachlose geöffnet sind. Foto: Augen-Blick
Der U-Bahnhof Hansaplatz ist einer von drei Berliner Bahnhöfen, die bei Frost auch nachts für Obdachlose geöffnet sind. Foto: Augen-Blick

„Kältetote müssen nicht sein“

Runter von der Straße, rein ins Warme: Bei winterlichen Temperaturen nutzen viele Obdachlose die Notunterkünfte und Nachtcafés.

Berlin. Die frostigen Nächte haben in Berlin schon mehrere Kälteopfer gefordert. 4000 bis 10.000 Obdachlose leben in der Stadt, viele Hilfseinrichtungen sind derzeit überbelegt.

Die Schlange am Eingang zur Notunterkunft der Berliner Stadtmission in der Lehrter Straße 68 ist lang. Um 23 Uhr haben an diesem Tag bereits mehr als 100 Besucher Einlass begehrt; am Ende sind es in dieser Nacht 154. Da es aber nur 60 Schlafplätze gibt, campieren die anderen auf dem Flur und im Speisesaal. Dort stehen Tische und Bänke; an der Essenausgabe gibt es diesmal Rosenkohleintopf und Kartoffelsuppe, aber auch Quarkspeise und Stollen sind zu haben. Es wird gegessen und geredet, ein älterer bärtiger Mann stöhnt im Schlaf und wälzt sich in einer Ecke. Seine Hosen sind dreckig, mit Suppe bekleckert. In einem Nebenraum darf geraucht werden, aber es herrscht Alkoholverbot.

Krank und verschuldet


Der 51 Jahre alte Rainer will weg von der Straße. „Ich bin seit 18 Monaten unterwegs“, erzählt er. Es sei seine eigene Schuld, sagt der Hartz-IV-Empfänger. Die Strickmütze tief in die Stirn gezogen, hält er beim Sprechen die Hand vor den Mund, um die fehlenden Zähne zu verbergen. „Der Alkohol, der Alkohol.“ Vorher, vor der Straße, hat Rainer auf einem Viehhof gearbeitet und in einem Gruppenwohnprojekt gelebt. Jetzt hat er 4000 Euro Schulden, dazu Mietschulden, Pfändungsstress, und der Körper spielt nicht mehr mit. Der Arzt hat im Krankenblatt vermerkt: obdachlos, kreislaufkrank, Alkoholiker. Jetzt baut er auf die Hilfe der Stadtmission. Der Leiter der Notunterkunft, Sozialpädagoge Thomas Winistädt, nimmt sich seiner an. „Wir gehen morgen früh zusammen zur Caritas und reden dort in Ruhe“, so Winistädt. Das hat sich gelohnt für Rainer – nun macht er eine Entgiftung und soll dann im betreuten Einzelwohnen untergebracht werden.

Einer, der die Straße schon seit zwölf Jahren hinter sich gelassen hat, ist Torsten Ramlow. Der gelernte Maurer aus Brandenburg landete nach seiner Scheidung ebenfalls an der Lehrter Straße und fand dort Hilfe. „Ich habe mit den Mitarbeitern guten Kontakt gehabt und kam dann hier ins Übergangshaus, wo ich erst mal wohnen konnte“, erzählt der quirlige 44-Jährige. Inzwischen hat er eine Ausbildung als Rettungssanitäter, einen Job, drei Kinder und ist glücklich verheiratet. Aus alter Verbundenheit und aufgrund seiner Erfahrungen als Obdachloser lässt es sich Ramlow nicht nehmen, ehrenamtlich bei der Essenausgabe zu helfen. Chef Winistädt ist froh über jeden, der in seine Einrichtung kommt. „Jede einzelne Nacht mit einem Dach über dem Kopf zählt und ist ein kleiner Schritt nach vorn“, davon ist der Vater zweier Kinder überzeugt. Wenn es zu spät wird im Dienst, schlägt Winistädt sein Lager im Büro auf. Das spart Zeit, wohnt er doch in Cottbus und pendelt täglich.

„Keiner will mich“

Zurzeit, so Winistädt, sind besonders viele Osteuropäer auf der Straße. „Russen, Ukrainer, Polen, Tschechen, Bulgaren.“ So wie Vidol Indzov aus Plovdiv in Bulgarien. Der Bauarbeiter ist seit November 2009 in Berlin. „Weil Bulgarien jetzt zur EU gehört“, sagt er. Gern würde der 44-Jährige arbeiten, am liebsten als Lkw-Fahrer. „Aber keiner will mich, dabei habe ich alle nötigen Papiere.“ So zieht er durch die Straßen, zum Ostbahnhof, Alexanderplatz und Zoo. Und hofft ebenfalls auf einen Sozialarbeiter der Caritas, mit dem er einen Termin vereinbaren will. „Hier die Lehrter Straße, das ist wie ein Zuhause.“ Zurück nach Bulgarien will er nicht, die Mutter kann kaum von der Rente leben, Arbeit gibt es dort für ihn nicht, und „in Berlin ist es immer noch viel besser als da“.

Für die 4000 bis 10.000 Wohnungslosen in Berlin gibt es im Winter ein Netz von Hilfseinrichtungen privater und kirchlicher Träger, die zum Teil vom Senat gefördert werden. „Wir arbeiten mit rund 70 Organisationen, dazu kommen weitere kirchliche Gemeinden mit ihren Angeboten“, so Robert Veltmann. Er ist einer der Geschäftsführer der Gesellschaft zur Betreuung Wohnungsloser (Gebewo), die die Berliner Kältehilfe mit koordiniert. Neben den 14 Notübernachtungsstätten gibt es zum Beispiel noch 17 Nachtcafés sowie Tagesstätten, Suppenküchen, Bahnhofsmissionen, Beratungsstellen der Treberhilfe und die Kältebusse von Stadtmission und DRK. Trotzdem erfroren bereits mehrere Obdachlose. Warum sich die Männer nicht aufraffen konnten, zu einer Notübernachtung zu gehen oder ein anderes Angebot der Kältehilfe zu nutzen, ist schwer zu erklären. „Zu krank, betrunken, verwirrt, überfordert“, vermutet Gebewo-Chef Veltmann.

Zur Not bieten sich auch die von den Berliner Verkehrsbetrieben BVG nachts geöffneten U-Bahnhöfe Südstern (U7), Schillingstraße (U5) und Hansaplatz (U9) an. Aber dort, so BVG-Sprecherin Petra Reetz, seien trotz der Kälte zurzeit kaum Obdachlose zu finden. „Wenn die Bahnen nicht mehr fahren, ist es da sehr kalt, obwohl wir die Bahnhöfe schon so ausgesucht haben, dass so wenig wie möglich Durchzug herrscht.“ Immer wieder schaut in den Nächten Sicherheitspersonal in den Bahnhöfen vorbei. „Aber Ärger gab es dort noch nie“, weiß Reetz. Trotzdem müsse das sein, da die BVG für diese Bereiche verantwortlich sei. Mehr Bahnhöfe sollen nicht geöffnet werden. „Baulich gesehen sind die drei offenen noch am ,wärmsten‘, und sie sind schon in der Szene bekannt“, so Reetz. Notübernachtungsleiter Winistädt plädiert dafür, auch den U-Bahnhof Kurfürstendamm zu öffnen. Er weiß, „dort sammeln sich abends viele Wohnungslose“.

Die Tipps für die Wohnungslosen von der Polizei sind einfach: „Das Angebot an Unterkünften, die Kältebusse und Bahnhofsmissionen unbedingt nutzen“, so eine Polizeisprecherin. Winistädt ergänzt: „Mit der U- oder S-Bahn fahren und bei Krankheit die Ambulanzen aufsuchen oder in den Unterkünften nach einem Arzt fragen.“ Kältetote müssen nicht sein, meint auch Sozialsenatorin Carola Bluhm (Die Linke). Da die Unterkunft Lehrter Straße derzeit überbelegt sei, prüfe ihre Verwaltung, wie die Situation entspannt werden könne. Winistädt denkt an ein neues Nachtcafé mit 30 Plätzen für die letzten zwei Wintermonate. „Aber das kostet rund 30000 Euro“, sagt er. Spenden seien daher willkommen.

Gabi Zylla

 


Spenden für die Kältehilfe
In Berlin gibt es insgesamt drei Bahnhofsmissionen: am Hauptbahnhof, Europaplatz 1, Tel. 22 60 58 05, geöffnet täglich von 8 bis 18 Uhr, am Bahnhof Zoologischer Garten, Jebensstraße, Tel. 313 80 88, geöffnet täglich 24 Stunden, sowie am Ostbahnhof, Erich-Steinfurth-Straße, S-Bahn-Bogen 8, Tel. 29 72 01 75, geöffnet täglich von 8 bis 17 Uhr. Für die Kältehilfe kann Geld auf folgende Spendenkonten überwiesen werden: Gesellschaft zur Betreuung Wohnungsloser Gebewo: Bank für Sozialwirtschaft, Kontonummer 3360102, BLZ 100 205 00, Verwendungszweck „Kältehilfe“. DRK-Spendenkonto: Bank für Sozialwirtschaft, Kontonummer 3249000, BLZ 100 205 00, Verwendungszweck „Kältehilfe“. Berliner Stadtmission: Bank für Sozialwirtschaft, Kontonummer 3155500, BLZ 100 205 00, Verwendungszweck „Kältehilfe“. Berliner helfen e.V.: Bank für Sozialwirtschaft, Kontonummer 55, BLZ 100 205 00.


Weitere Online-Angebote der Axel Springer AG:
AUDIO VIDEO FOTO BILD | BERLINER MORGENPOST | BILD | BILD am SONNTAG | BILD der FRAU | B.Z. | COMPUTER BILD | COMPUTER BILD SPIELE | DIE WELT | WELT am SONNTAG | €URO | EURO am SONNTAG | FAMILIE & CO | HAMBURGER ABENDBLATT | HAMBURGER WOCHENBLATT | HÖRZU | JOLIE | MÄDCHEN | METAL HAMMER | MUSIKEXPRESS | POPCORN | ROLLING STONE | SPORT BILD | STARFLASH | TV DIGITAL | YAM! | www.autobild.de | www.immonet.de | www.stepstone.de | www.arbeiten.de | www.idealo.de | www.dvd-idealo.de | www.spiele-idealo.de | buch-idealo.de | www.axel-springer-akademie.de 
www.axelspringer.de

© 2004-2010 Berliner Wochenblatt Verlag GmbH - Alle Rechte vorbehalten. Impressum Datenschutz
Berliner, wochenblatt, woche, redaktion, anzeigen, kleinanzeigen, download, beilagen, zeitung, anzeigenblatt, wochenzeitung, kostenlos, gratis, Marktführer, Nr. 1, lokalzeitung, lokal, Berlin, Hallo, Spandau, Spandauer, Volksblatt, Reichweite, Leserreisen, Leser, Reportage, Motorradtouren, Stellenmarkt, Ausgaben, Werben, Themenplan, Leseranalyse, Referenzen, Werbeprospekte, Direktverteilung, Centerzeitungen, Prospektanzeigen, Autorenwettbewerb, Durchblick, Berliner Helfen, Leseraktionen, Ostpool, Zustellqualität, Halfcover, Flying Page, Jobs, Vertriebsqualität, Einkaufscenter

 

LESERAKTIONEN



Frage der Woche

 

 

Sollte es besondere Verkehrsregeln für Radfahrer geben?


ja
nein

Vor Abstimmung bitte Zeichenfolge eingeben.
Captcha-Code



Ergebnis der Vorwoche

Halten Sie die Maßnahmen gegen Ambrosia für ausreichend?
 
ja: 17%
 
nein: 83%
 

100 Stimmen gesamt