Besonders auf Bahnhofsvorplätzen – wie hier in Rahnsdorf – ist es manchmal schwer, einen Fahrradstellplatz zu finden. An solchen Orten sind Diebe häufig unterwegs. Foto: Moritz
Besonders auf Bahnhofsvorplätzen – wie hier in Rahnsdorf – ist es manchmal schwer, einen Fahrradstellplatz zu finden. An solchen Orten sind Diebe häufig unterwegs. Foto: Moritz

„Kein Schloss ist hundertprozentig sicher“

20 246 Räder wurden 2007 in Berlin gestohlen, Tendenz steigend. Am unsichersten sind Plätze vor Bahnhöfen und Einkaufszentren.

Berlin. Nach Rechnung des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC) hat fast jeder Berliner ein Fahrrad – macht für die Hauptstadt rund drei Millionen Zweiräder. Radeln liegt im Trend, und so hat sich die Zahl der Fahrer in den vergangenen zehn Jahren verdoppelt. Aufwärtstrend herrscht auch beim Fahrradklau – auch von Einzelteilen.

Die Studenten Marion und Norbert aus Kreuzberg fahren gern und oft Rad. Zum Velothon, dem ersten Radmarathon der Stadt im vergangenen Mai, hatten sie sich extra zwei gebrauchte Räder gekauft: „Bis zum Ziel war alles super. Dann sind wir mit Freunden noch in einen Biergarten in Prenzlauer Berg gefahren, und zwei Stunden später waren unsere Räder trotz Bügelschloss weg“, erinnert sich Marion und schluckt. Wenn sie daran denkt, ist sie immer noch wütend. Auch Norbert, der sonst so beherrschte Psychologiestudent, muss sich zusammenreißen, um nicht loszupoltern. Beide kauften sich beim Fahrradhändler im Kiez neue Zweiräder – samt teurer Schlösser.

Sauer ist auch Rentner Peter Golitz. Der 67-Jährige wohnt in Steglitz und fährt von dort mit dem Rad regelmäßig seine Tochter an der Friedrichstraße besuchen. Aber auch sein alter Drahtesel war nicht sicher vor Dieben. Die hatten ihm doch glatt über Nacht das Vorderrad abmontiert, als das Gefährt an eine Laterne gekettet war. „Ich habe den Schrott dann einfach da stehen lassen“, gesteht der ehemalige Verkäufer trotzig, aber mit schlechtem Gewissen.
Rein theoretisch muss Golitz für diese „nichtverkehrsrechtliche Ordnungswidrigkeit“ 20 bis 35 Euro berappen – als Bußgeld für seinen Verstoß gegen das Straßenreinigungsgesetz. Aber in der Praxis wird er wohl dafür kaum zur Rechenschaft gezogen werden. „Unsere Mitarbeiter sind mit Bolzenschneidern unterwegs, um die Rudimente der Räder ohne Lenker, Pedalen oder Vorderrad zu entsorgen“, sagt der stellvertretende Leiter des Ordnungsamtes Mitte, Harri Poetzsch. Dabei werde gut mit dem Tiefbauamt zusammengearbeitet. Am Ende jedoch seien die Mitarbeiter einfach froh, wenn „die Dinger weg sind“, da die Verursacher kaum noch aufgespürt werden können. Und für die Kiezstreifen gebe es zudem reichlich andere Arbeit. Aber auch, wenn es von der Zahl her gar nicht so viele herumliegende Räder-Ruinen sind – „gefühlt“ gibt es nach Poetzschs Meinung unheimlich viel Fahrradschrott auf den Straßen. Er selbst sehe das zum Beispiel regelmäßig auf seinem Weg vom S-Bahnhof Yorckstraße bis zum Rathaus Kreuzberg und ärgere sich immer wieder darüber.

Tipp: Räder codieren

20 246 Räder wurden im vergangenen Jahr laut Statistik der Polizei in Berlin gestohlen. Dem allgegenwärtigen Fahrradklau kann nach Feststellung von ADFC, Polizei und Stiftung Warentest nur durch erhöhte Aufmerksamkeit der Besitzer entgegengesteuert werden. Denn: „Kein Schloss ist 100-prozentig sicher. Wenn ein Dieb ein Fahrrad haben will, dann kriegt er es“, warnt die Stiftung Warentest im Internet. Genauso sieht das die Polizei. „Das Rad möglichst immer im Blick behalten“, rät Heike Nagora von der Polizeipressestelle. Abschreckende Wirkung auf die Langfinger haben ihrer Erfahrung nach eingestanzte Codierungen. Um das öffentlich kundzutun, gibt es bei der Polizei den Aufkleber „Finger weg! Mein Rad ist codiert“. Und mit dem Sticker „Vorsicht! Wachsamer Nachbar“ wird auf Nachbarschaftshilfe verwiesen. Anwohner, die Diebe beobachten, sollten schnell die Polizei rufen und sich Aussehen und Kleidung für die Zeugenaussage merken. „Hilfreich ist natürlich auch ein gutes Fahrradschloss“, sagt Heike Nagora, „auch wenn es den Diebstahl nicht immer verhindern kann.“

Um Zweiradbesitzer mehr für dieses Problem zu sensibilisieren, heißt es derzeit beim ADFC „Meins bleibt meins“. Die Kampagne gegen Fahrraddiebstahl läuft in mehreren deutschen Städten als Bühnenshow. „Die Motive der Fahrraddiebe sind sehr unterschiedlich: Beschaffungskriminalität zum Kauf von Drogen, organisierter Diebstahl oder auch spontan, einfach nur, um nach der Kneipe schneller nach Hause zu kommen“, sagt David Greve vom ADFC. Seine Forderung: „Es müssten viel mehr Fahrradständer auf öffentlichem Straßenland aufgestellt werden. Die reichen bei diesem Boom weder vorn noch hinten.“ Ob Deutsche Bahn, Cafés oder Geschäftsinhaber, jeder könne mit mehr Anschlussmöglichkeiten für die Räder helfen.

Besonders in den Städten gibt es kaum noch eine Hemmschwelle für Fahrraddiebe: „Das wird ja fast nur noch als eine Art Kavaliersdelikt oder Hobby angesehen“, meint Evelyn Czywitzky. Der jungen Arzthelferin aus Friedrichshain wurden in den vergangenen fünf Jahren sechs Räder gestohlen. Mit „nur“ drei Rädern, die vor der Haustür entwendet wurden, kam Leonore Locklear in Schöneberg davon. „Ich habe das Gefühl, dass immer der ganze Straßenzug abgeräumt und die Beute mit dem Lkw weggefahren wurde“, empört sich die gebürtige Engländerin. Zwangsweise hat sie daraufhin für sich eine neue Strategie entwickelt: „Ich habe meinen Radrahmen ganz grell und bunt angesprüht.“ Sie lacht und sagt: „Das Rad ist jetzt so auffällig, dass sich keiner rantraut und wahrscheinlich auch kein Käufer dafür zu finden ist.“ Seit drei Jahren funktioniert es. Diebe ließen das bunte Gefährt links liegen.

Obacht vor Bahnhöfen


Mit Codierung erhöhen sich zwar die Chancen, ein gestohlenes Rad wiederzubekommen, aber insgesamt konnten 2007 von den mehr als 20 .000 Fällen nur 5,1 Prozent aufgeklärt werden. Für die Polizei immer wieder eine Sisyphusarbeit. „Beliebt sind bei Fahrraddieben auch die Bereiche vor den Bahnhöfen“, sagt ein Polizeisprecher. „Das ist doch dort wie in einem Einkaufszentrum und lädt förmlich zur Selbstbedienung ein.“ 2448-mal bedienten sich auch im vergangenen Jahr die Diebe auf S- und U-Bahnhofvorplätzen zum Leidwesen der Besitzer. Besonders vorsichtig sollten die Radler in Prenzlauer Berg sein. Dieser Ortsteil steht nach Erkenntnissen der Polizei an der Spitze beim Fahrradklau.

Gabi Zylla


Prenzlauer Berg ist Spitzenreiter
Am häufigsten wurden 2007 Räder in Prenzlauer Berg entwendet. Mit einigem Abstand folgen Mitte, Friedrichshain-Kreuzberg und Charlottenburg. Ein Zuwachs an Diebstählen im Vergleich zu 2006 ist besonders in Weißensee (55,1 Prozent), Mariendorf (46,6 Prozent) und Friedenau (40,4 Prozent) zu verzeichnen. Experten raten, die Zweiräder mit einem guten Schloss an einem feststehenden Gegenstand wie Laternen und Gittern oder Fahrradständern zu befestigen. Beim Sitzen im Park oder Café sollten die Räder möglichst im Auge behalten werden. Ausführliches Informationsmaterial zum Diebstahlschutz ist in den Broschüren von Polizei, Allgemeinem Deutschen Fahrrad-Club (ADFC, G.448.47.24) und Senatsverwaltung für Stadtentwicklung zu finden – über Fahrradcodierung und -pass bis hin zu geeigneten Schlössern und Versicherungen. Wer seinen persönlichen Code anbringen lassen will, kann das zum Beispiel für zehn Euro unter Vorlage von Personalausweis und Kaufbeleg beim ADFC machen lassen.

 

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