

Das „Jahrgangsübergreifende Lernen“ spaltet in Berlin Lehrer und Eltern in feindliche Lager – nachgeben will niemand.
Berlin. Um das richtige Konzept für die Grundschule ist ein Grundsatzstreit entbrannt: Wie lernen unsere Kinder am besten? Es gibt Schulen, in denen „Jahrgangsübergreifendes Lernen“ – kurz JÜL – zum Erfolgsmodell wurde, andere jedoch wollen beim bewährten Klassen- und Frontalunterricht bleiben.
Inzwischen nicht mehr wegzudenken
An der Pettenkofer Grundschule in Friedrichshain ist JÜL inzwischen nicht mehr wegzudenken. Zwar waren die Anfänge, viel Überzeugungsarbeit war nötig, wie sich Schulleiter Hans-Jürgen Hesse erinnert. Auch für Rektorin Erika Babbe von der Erika-Mann-Grundschule in Wedding ist eine Rückkehr zum traditionellen Unterricht nicht mehr denkbar: „Alle Schüler arbeiten intensiv im Unterricht mit, weil jeder auf seinem Wissensstand abgeholt wird.“ Zu den Kritikern gehört unter anderen die Hermann-Sander-Grundschule in Neukölln, die erst im vergangenen Jahr JÜL eingeführt hat und jetzt wieder zum althergebrachten Unterricht zurückkehren will. „Lehrer und Eltern sind zum überwiegenden Teil für die alten Jahrgangsklassen“, sagt Rektorin Rita Schlegel.
Pettenkofer Grundschule, vierter Stock: Alles dreht sich, alles bewegt sich. Es wird gebohrt, gesägt, geleimt, montiert. Der Klassenraum gleicht einer Tischlerei. Auf dem Teppichboden liegen Sägespäne und Holzabfälle, in der Mitte des Raumes steht einsatzbereit ein Staubsauger. Der wird auch gebraucht. „Wir haben ein fächerübergreifendes Projekt zum Thema ‚Transmission‘“, sagt die Lehrerin Anne Sperling. Die Kinder haben selbstständig „Maschinen“ konstruiert, nach dem Motto: An einem Ende kurbeln, Wellen, Rollen und Übertragungsriemen in Bewegung setzen, und am anderen Ende des Gerätes bewegt sich etwas. Sei es ein Propeller, ein Fliehkraftrotor oder eine von den Schülern kreierte Figur.
„Lernstoffe unterschiedlicher Fächer werden bei der Unterrichtseinheit vermittelt“, sagt die Klassenlehrerin. Klassenlehrerin? Die Pädagogin betreut die Klasse 4/5/6c, so steht es jedenfalls auf dem Türschild. Die Pettenkofer Grundschule ist eine der wenigen Schulen in Berlin, die schon jetzt JÜL für die gesamte Grundschulzeit bis zur sechsten Klasse bietet. Und dies in Verbindung mit der Montessori-Reformpädagogik.
Umzug wegen der Schule
„Viele Familien ziehen wegen unserer Schule in diese Gegend“, sagt Anne Sperling. Ausgerechnet dieser Erfolg könnte aber das Konzept gefährden. „Bei zu vielen Neuzugängen kommt die Jahrgangsbalance durcheinander, außerdem fehlen uns die Gruppenräume“, erläutert Schulleiter Hans-Jürgen Hesse. JÜL könne nicht verordnet werden, das müsse im Kollegium „gelebt“ werden, sagt der Schulleiter. Rund die Hälfte der Lehrerschaft wollte dem Konzept nicht folgen und hat sich „wegbeworben“. Dafür kamen überzeugte Pädagogen neu dazu.
„Schon die Erstklässer sind sehr unterschiedlich in ihren Leistungen und Fähigkeiten. Kommen dann noch Zweitklässer hinzu, potenziert sich das Problem“, begründet Rita Schlegel die Ablehnung von JÜL in der Hermann-Sander-Grundschule. Die „Initiative Schule in sozialen Brennpunkten“ votiert ebenfalls gegen JÜL.
Reformwütige Kollegen
Sprecherin Renate Lauzenius kritisiert, dass die Kinder es nicht schaffen würden, selbstständig zu lernen. „Viele Eltern und Lehrer sind der ständigen Reformen überdrüssig und wollen, dass Ruhe und Verlässlichkeit im alltäglichen Schulbetrieb einkehrt“, sagt ein Rektor, der nicht genannt werden möchte. „Reformwütige Kollegen in Schulen und Schulverwaltung wollen sich mit Neuerungen für ihre eigene Karriere profilieren und tun dies auf dem Rücken von Lehrern, Schülern und Eltern.“ Grundfähigkeiten wie Lesen, Schreiben und Rechnen blieben dabei oftmals auf der Strecke. Zu den Kritikern zählt auch eine berlinweite Elterninitiative, die eine entsprechende Petition ans Abgeordnetenhaus gestellt hat.
Allein seit Veröffentlichung der europaweiten Pisa-Bildungsstudie mit schlechten Ergebnissen für Deutschland Anfang des vergangenen Jahrzehnts, gab es in Berlin 23 Reformen. Bei der JÜL-Einführung sei nicht alles glücklich gelaufen, räumt die GEW-Referentin Sabine Dübbers ein. Eltern seien nicht ausreichend informiert worden und deshalb skeptisch. Lehrer seien festgefahren im Frontalunterricht vor der Klasse und mit bürokratischen Zusatzaufgaben überfordert. „Ohne entsprechende Ausstattung ist auch das beste Konzept zum Scheitern verurteilt.“
Kleine Grüppchen
Von fehlenden Ressourcen ist an der Erika-Mann-Grundschule nichts zu spüren. „Bei uns ist nicht der Ausländeranteil von 82 Prozent das Problem, sondern die Bildungsferne von Familien – deutschen wie ausländischen“, sagt Rektorin Karin Babbe. 24 Kinder sitzen in ihrer Klasse in kleinen Grüppchen zusammen. Mit Bär und Tiger und Kinderbuchautor Janosch geht es auf die Reise nach Panama. Zwei Lehrerinnen und eine Erzieherin sind die „Reiseleitung“. Oft wird über zu große Klassen und Lehrermangel geklagt. Hier nicht. „Durch Zusatzmittel für Sprachförderung und für behinderte Schüler können wir die Lerngruppen gut ausstatten“, sagt Karin Babbe. In der Nebenklasse steht Rechnen mit Geld auf dem Stundenplan. Eine Lehrerin hat sich mit drei Kindern auf den Flur zurückgezogen. Auf bunten Rechenunterlagen werden Chips hin- und hergeschoben und die Aufgaben gelöst.
Hintertüren offen
JÜL spaltet Lehrer und Eltern gleichermaßen. Schon ab 2004 sollte das neue Konzept verbindlich für alle Schulen sein, ab dem kommenden Schuljahr ist es endlich so weit. Doch noch bis 2011/2012 können unwillige Schulen ihre eigenen Vorstellungen vorlegen. Den Kritikern bleibt also eine Hintertür offen. Alles dreht sich, alles bewegt sich, wie beim Projektunterricht der Pettenkofer Grundschule. Und was nicht hält, wird geklebt und geleimt.
Matthias Berner

Mehrheit lehnt „Jahrgangsübergreifendes Lernen“ ab.
Berlin. Eine überwältigende Mehrheit von 84 Prozent der Leser sprach sich gegen das „Jahrgangsübergreifende Lernen“ an Grundschulen aus.
Nach einem guten Jahrzehnt der Erprobung und Einführung scheinen die Befürworter deutlich in der Minderheit. „Wir müssen weiter Überzeugungsarbeit leisten“, sagt Sabine Dübbers, Schulreferentin beim Landesverband der Gewerkschaft GEW, die die Einführung des „Jahrgangsübergreifenden Lernens“ (JÜL) zusammen mit der Senatsschulverwaltung forciert hat.
„Das eindeutige Votum zeigt, daß Eltern, aber auch Lehrer die Nase voll haben von den ewigen Schulreformen. Sie wollen eine solide und zuverlässige Grundschule“, sagt eine Grundschullehrerin, die nicht genannt werden möchte. Nach dem JÜL-Konzept lernen Erst- bis Drittklässer gemeinsam in jahrgangsgemischten Gruppen. Zum kommenden Schuljahr sollte JÜL eigentlich endgültig Pflicht werden. Doch viele Eltern und Lehrer leisten hartnäckig Widerstand, auch die Reaktion der Leser zeigt erneut die großen Vorbehalte. Zum wiederholten Male musste die Senatsverwaltung der hartnäckigen Kritik nachgeben. In begründeten Einzelfällen können Schulen von JÜL abweichen, besagt die kürzlich verabschiedete Sonderregelung. mab
| JÜL – eine schwierige Geburt |
| In den 90er-Jahren startete die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) eine Initiative für das „Jahrgangsübergreifende Lernen“ in der Schulanfangsphase, der sich die Berliner Schulverwaltung anschloss. Danach sollten Erst- und Zweitklässer gemeinsam in jahrgangsgemischten Gruppen lernen. Im Schuljahr 1999/2000 begann dann ein Modellversuch, an dem sich neun der rund 370 öffentlichen Berliner Grundschulen beteiligten. Einige Schulen arbeiteten nach Auskunft der GEW zu diesem Zeitpunkt bereits seit mehreren Jahren mit JÜL. Nach der Erprobung sollte JÜL mit dem neuen Schulgesetz 2004 verbindlich werden. Die Zusammenlegung der ersten und zweiten Klassen – später auch der dritten Klasse – und die Aufteilung in altersgemischte Lerngruppen bildete das Kernstück der Grundschulreform. Diese sollte von allen Grundschulen bis zum Schuljahr 2007/2008 umgesetzt werden. Doch es gab Widerstand aus Kollegien und Elternschaft. Die Schulverwaltung gewährte Aufschub. Zum kommenden Schuljahr sollte JÜL nun endgültig Pflicht werden. Aktuell arbeiten rund 90 Prozent der Grundschulen mit JÜL, 35 unterrichten in Jahrgangsklassen. Doch erneut musste die Senatsverwaltung der hartnäckigen Kritik nachgeben. In begründeten Einzelfällen und mit einem schlüssigen pädagogischen Konzept können Schulen von der jahrgangsübergreifenden Schuleingangsphase abweichen, besagt die kürzlich verabschiedete Sonderregelung. Mehrere Grundschulen haben daraufhin angekündigt, JÜL wieder aufgeben und zu den traditionellen Jahrgangsklassen zurückzukehren. |