Natürliche Wasserspeicher wie der Halensee in Grunewald gewinnen künftig an Bedeutung für das Klima in Berlin. Foto: Augen-Blick
Natürliche Wasserspeicher wie der Halensee in Grunewald gewinnen künftig an Bedeutung für das Klima in Berlin. Foto: Augen-Blick

Klimawandel – was können wir tun?

Stadtentwickler wollen Wasserspeicher anlegen und Grünschneisen schaffen – Wohnungsbaugesellschaften lassen Häuser isolieren.

Berlin. In der Hauptstadt wird’s heißer. Mehrere Tage mit tropischen Temperaturen von über 35 Grad Celsius im Juli – ist das bereits Klimaerwärmung? Experten bejahen dies. Künftig soll es solche außergewöhnlich heißen Sommertage in Berlin häufiger geben.

Für ein Klima wie am Mittelmeer ist Berlin aber nicht gebaut. Stadtplaner entdecken alte Vorschläge neu und entwickeln Strategien für ein erträgliches Klima. Die Zeit drängt. Der Klimawandel führt bereits zu Änderungen in der Tier- und Pflanzenwelt. Eine neue Bewohnerin der Stadt ist zum Beispiel die Italienische Schönschrecke. „Diese Heuschreckenart ist erst seit Kurzem in Berlin heimisch“, sagt Bernd Machatzki, Artenschutzexperte der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. Er hat die Insekten auf dem ehemaligen Flugfeld Johannisthal und auf dem Gelände des früheren Güterbahnhofs Adlershof in Treptow beobachtet.

„Diese Art profitiert offensichtlich davon, dass es in Berlin wärmer geworden ist“, sagt der Artenschützer. Vier von 40 Heuschrecken- und Grillenarten zählen zu den neuen, Wärme liebenden Einwanderern in der Hauptstadt.

Die Temperaturen sind in Berlin in den vergangenen 100 Jahren etwa um ein Grad gestiegen. Bis 2050 wird ein weiterer Anstieg um ein Grad erwartet. Nach dem jüngsten Bericht zum Klimawandel in Berlin, der unter anderem von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung in Auftrag gegeben worden war, zählen Berlin und Brandenburg innerhalb Deutschlands zu den Gebieten mit den höchsten zu erwartenden Temperaturanstiegen. „Mehr darf es nicht werden“, warnt Reiner Nagel, Leiter der Abteilung Stadt- und Raumplanung bei der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. Die Behörde arbeitet an einem „Stadtentwicklungsplan Klima“. Künftig ist mit wesentlich wärmeren und trockneren Sommermonaten zu rechnen. Im Winter soll es nicht mehr so viele Frosttage geben, dafür aber mehr Regen.

Mehr Regen im Winter


„Dieses Mehr an Wasser müssen wir künftig speichern, um damit die Trockenperioden im Sommer besser zu überstehen“, so Nagel. Überall in der Stadt sollen Wasserspeicher angelegt werden. Ein solcher ist beispielsweise der Halensee in Grunewald. Jahrzehntelang gelangte das Schmutzwasser von den Straßen bei starkem Regen über die Mischkanalisation in den See. Die Folge: Seit einigen Jahren ist das Baden wegen der Wasserverunreinigung nicht mehr möglich. Solche Regenrückhaltebecken gibt es überall in der Stadt. Damit künftig dieses Wasser auch genutzt werden kann, soll in Zusammenarbeit mit den Berliner Wasserbetrieben der gemeinsame Abfluss von Abwasser aus Häusern und von Straßen getrennte Wege gehen. Das im Winter gestaute Regenwasser kann dann zum Beispiel zum Sprengen von Grünflächen genutzt werden.

Den Grün- und Erholungsflächen in der Stadt wird künftig eine größere Bedeutung als Klimainseln und Kältereservoirs beigemessen. Denn Flächen mit viel Grün und Bäumen speichern Wärme nicht so stark wie Hausfassaden.
„Deshalb ist es notwendig, große Flächen wie beispielsweise den ehemaligen Flughafen Tempelhof als Freiflächen zu erhalten und nicht zu bebauen. Solche Areale können im Sommer für niedrigere Temperaturen sorgen“, so Nagel.

Dies trifft auch für Erholungsflächen wie etwa Kleingartenkolonien zu. Gab es Ende des Jahres 2007 noch 947 Laubenkolonien in Berlin, hat sich deren Zahl bis Ende Dezember 2008 auf 934 reduziert. Auch gibt es Pläne, einzelne Parks in der Stadt miteinander zu verbinden, sogenannte Grünschneisen zu schaffen und damit die Luftzirkulation anzukurbeln.

Kritik von Naturschützern


Dass diese Trassen nicht abgesichert werden, bemängelt jedoch der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). „Es ist bisher nicht geplant, auf diesen Schneisen keine Neubauten mehr zuzulassen“, so BUND-Klimaexperte Ulf Sieberg. Er vermisst zudem eine Beteiligung der Verbände und Vereine an dem „Stadtentwicklungsplan Klima“. Diese seien bisher nicht in die Arbeit eingebunden. „Es wäre wichtig, alle an einen Tisch zu rufen, um langfristige Ziele zu vereinbaren, an die sich alle halten können.“

Herbert Lohner, Naturschutzexperte beim BUND, kritisiert zudem: „Viele Straßenbäume, Park- und Grünanlagen sind in einem schlechten Zustand, weil für ihre Pflege nicht genügend Geld und Personal zur Verfügung stehen. Freiflächen werden verkauft, um Haushaltslöcher zu stopfen. Insgesamt fehlt in Berlin noch immer ein grundlegendes Konzept, wie mit den Natur- und Grünflächen vor allem unter den Bedingungen des Klimawandels umgegangen werden sollte.“

So seien im vergangenen Jahr 2000 Straßenbäume mehr gefällt als neu gepflanzt worden. „Um einen alten Baum zu ersetzen, müssten drei junge gepflanzt werden“, so Sieberg. „Bis ein junger Baum genauso viel Sauerstoff produziert oder Kohlendioxid bindet wie ein alter Baum, vergehen zudem zehn bis 20 Jahre.“

Um künftig die Hitze von den Häusern abzuhalten, bieten sich auch Fassadenbegrünung und Dachgärten an, nennt Sieberg zwei Maßnahmen. Ebenfalls nicht neu, aber durchaus wirkungsvoll: Hofbegrünung oder Vorgartenerneuerung. Dafür fehlt es derzeit jedoch an Geld.
Dennoch: Grün und Weiß heißt das Schutzkonzept für die Stadt. „Weiße Fassaden bieten mehr Schutz gegen Sonneneinstrahlung als farbige, weil sie die Strahlen stärker reflektieren“, beschreibt Nagel den „Albino-Effekt“. Außerdem biete eine bessere Wärmedämmung der Häuser nicht nur Schutz vor Kälte, sondern auch vor Hitze.

Komplett erneuert wird derzeit die Hochhaussiedlung im Märkischen Viertel. Die Häuser werden saniert und mit neuer Heizung, neuen Fenstern sowie einer Wärmeisolierung ausgestattet. 440 Millionen Euro sind bis 2015 für die 13.000 Wohnungen eingeplant. „Durch die Sanierung sparen wir künftig die Hälfte der Energiekosten ein“, sagt Gesobau-Sprecherin Kirsten Huthmann.
Die Gesobau ist nicht die einzige Wohnungsgesellschaft, die kräftig in die Reduzierung des Energieverbrauchs investiert. Nach Schätzungen des Verbandes Berlin-Brandenburgischer Wohnungsunternehmen (BBU) wären die Kosten für Heizung und Warmwasser ohne umfangreiche Modernisierungen inzwischen doppelt so hoch, wie sie tatsächlich sind.

Ein weiterer positiver Effekt ist eine drastische Reduzierung des Treibhausgases Kohlendioxid. „Den Ausstoß haben wir um 30 Prozent gesenkt“, so BBU-Sprecher David Eberhart.

Marianne Rittner



Straßenbäume in Berlin
434.371 Straßenbäume wurden 2009 in der Hauptstadt gezählt. Den größten Anteil bilden Linden (154.450) sowie Ahornbäume (85.692). Weiterhin gibt es 37.181 Eichen und 25.519 Platanen. Die meisten Straßenbäume stehen in Steglitz-Zehlendorf (62.786), die wenigsten hat Friedrichshain-Kreuzberg (15.556). Nach den Angaben des Bundes für Umwelt und Naturschutz (BUND) wurden im vergangenen Jahr in Pankow die meisten Bäume gefällt (754), aber nur 294 neu gepflanzt. Treptow-Köpenick hat 707 Bäume gefällt und nur 386 neue gepflanzt. Auch Steglitz-Zehlendorf weist eine Minusbilanz von 331 Straßenbäumen auf. 431 Fällungen stehen nur 100 Neupflanzungen gegenüber. Eine positive Bilanz hat dagegen Friedrichshain-Kreuzberg vorzuweisen. Dort gab es keine Fällungen, dafür kamen 303 neue Bäume ins Erdreich. Mitte kann ebenfalls mit einem Plus von 32 Bäumen aufwarten.

 

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