



Der harte Winter hat Berlins Straßen stark zugesetzt. Senat legt Reparatur-Sonderprogramm in Höhe von 25 Millionen Euro auf.
Berlin. Berlins Fahrbahnen scheinen der Kraterlandschaft des Mondes Konkurrenz zu machen. Der harte Winter hat dem etwa 5600 Kilometer langen Straßennetz arg zugesetzt.
Schlaglochpisten setzen den Autos derzeit fast überall in der Stadt zu. Tauwetter hat viele, lange vom Schnee versteckte Risse und Löcher freigelegt. Was bisher zu Tage kam, geht weit über das hinaus, was in den vergangenen Winterperioden zu reparieren war. Tagtäglich können Autofahrer dem Asphaltschwund zusehen. Am Lützowufer kurz vor dem Hotel Esplanade in Tiergarten schützte eine Absperrung ein Schlagloch in der Straßenmitte vor weiterem Verfall. Derweil vergrößerten sich jedoch die Löcher auf der benachbarten Fahrbahn.
Tempo 10 angeordnet
„Täglich entdecken wir zehn bis zwölf neue Schlaglöcher“, berichtet Baustadträtin Jutta Kalepky (für Bündnis 90/Die Grünen) aus Friedrichshain-Kreuzberg. In Tempelhof darf auf der Arnulfstraße auch nur noch mit Tempo 10 geschlichen werden, weil die Fahrbahn völlig ramponiert ist. Baustadtrat Oliver Schworck (SPD) sieht sich in der Zwickmühle. „Die Straße sollte in diesem Jahr für 2,1 Millionen Euro saniert werden.“ Wegen eines befürchteten Haushaltslochs hat die Bezirksverordnetenversammlung das Geld jedoch auf Eis gelegt und will im Sommer erneut entscheiden. „Einerseits ist es nicht sinnvoll, im Frühjahr noch einige Tausend Euro für notdürftige Reparaturen auszugeben, wenn im Herbst die Bagger anrollen“, sagt Schworck. Anderseits sei er verpflichtet, die Verkehrssicherheit zu gewährleisten. Diese Doppelkosten gingen zulasten des Landes Berlin.
Fast alle Tiefbauämter haben für Gefahrenbeseitigung in den ersten sechs Wochen so viel Geld ausgegeben, wie sonst in neun Monaten. Die Jahresetats sind fast aufgebraucht. In Reinickendorf waren es bereits 150.000 Euro. „Besonders schlimm sieht es an der Oranienburger Chaussee und Straße aus, am Waidmannsluster Damm und der Berliner Straße“, beginnt Baustadtrat Martin Lambert (CDU) mit der Aufzählung. „Die Liste lässt sich beliebig fortsetzen. Denn das ist erst der Anfang.“ Noch lägen nicht alle Löcher frei. In den kleinen Nebenstraßen der Einfamilienhausgebiete bedeckt immer noch eine Eisdecke die Fahrbahnen.
„Was wir derzeit sehen, ist nur die Spitze des Eisbergs“, befürchtet auch Neuköllns Baudezernent Thomas Blesing (SPD). Gift für den Asphalt sei der ständige Wechsel zwischen Minus- und Plusgraden. „Wasser dringt in die Fahrbahn ein und sprengt sie bei Frost auseinander.“ Ähnlich sieht es in Steglitz-Zehlendorf mit 635 Kilometern Straßenland aus. Baustadtrat Uwe Stäglin (SPD): „Zur Gefahrenabwehr waren bis jetzt 150.000 Euro nötig.“ Größere Schäden seien bei fast allen Hauptverkehrsstraßen aufgetreten. Er zeigte sich erleichtert, dass der Senat zusätzliches Geld zur Beseitigung der Winterschäden locker gemacht hat. „Wir haben die ersten Ausschreibungen für Sanierungen auf den Weg gebracht.“
Füllung aus Kalt-Asphalt
Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) kündigte ein Sonderprogramm im Umfang von 25 Millionen Euro an. Davon bekommen die zwölf Bezirke 15 Millionen Euro. Welche Straßen mit den restlichen zehn Millionen Euro repariert werden, will der Senat noch entscheiden.
Baustadtrat Klaus-Dieter Gröhler (CDU) schätzt, dass die zusätzlichen 1,4 Millionen Euro für Charlottenburg-Wilmersdorf wieder nur für Reparaturen reichen. „Weitere Löcher und Risse auf Geh- und Radwegen können wir erst im Frühjahr ermitteln.“ Die Ankündigung des Senats, die übrigen zehn Millionen Euro aus dem Schlagloch-Programm nach Dringlichkeit zu verteilen, stößt bei Gröhler auf Kritik: „Das ist ein unnötiger Bürokratieaufwand.“ Besser wäre es gewesen, das Geld den Bezirken zur Verfügung zu stellen. Schon jetzt gäbe es allein in Charlottenburg-Wilmersdorf einen Sanierungsstau von 100 Millionen Euro. „Es wurden zudem alle Tiefbaumaßnahmen aus der Investitionsplanung gestrichen“, so Gröhler.
Kontinuierlichen Straßenneubau hält sein Pankower Amtskollege Jens-Holger Kirchner (Bündnis 90/Die Grünen) für nachhaltiger. „Seitdem die Wisbyer Straße saniert ist, haben wir dort keinen Ärger mehr“, freut sich Kirchner. Sanierte Straßen hielten in der Regel zehn Jahre lang. Anders bei Berliner und Buschallee sowie Wollankstraße, denen der harte Winter spürbar anzusehen ist. Oft seien Löcher zu flicken, obwohl die Fahrbahn nicht mehr auszubessern sei.
Baustadtrat Christian Gräff (CDU) hat in Marzahn-Hellersdorf noch ein anderes Problem: „Bei uns bestehen viele Straßen aus Betonplatten. Bei größeren Löchern müssen wir die komplette Platte austauschen und das ist teuer.“ Seine Sorgenkinder sind derzeit Märkische und Landsberger Allee sowie die Bundesstraße B1/B5.
Wegen des starken Frosts kommt derzeit sowieso nur eine provisorische Füllung mit Kalt-Asphalt infrage. So nutzte das Tiefbauamt die erste Tauphase, um ein Schlagloch in der Mitte der Fahrbahn am Lützowufer in Tiergarten zu füllen und die seit Wochen dort befindlichen Absperrbalken zu entfernen. Die Löcher in den beiden Fahrbahnen daneben bleiben jedoch weiterhin offen. Erst wenn der Boden wieder aufgetaut ist, können etwas haltbarere Überzüge gegossen werden. Lützow- und Schöneberger Ufer sind aber so marode, dass eine Generalüberholung nötig wäre. Denn auch in Höhe des Jugendhotels an der Kluckstraße ist seit November wegen eines Schlaglochs eine Fahrbahn komplett gesperrt.
„Stopfen ist sinnlos“
Der Allgemeine Deutsche Automobil Club (ADAC) fordert seit Jahren eine grundlegende Sanierung der Berliner Straßen. ADAC-Verkehrsexperte Jörg Becker: „Es ist nicht sinnvoll, die Löcher jedes Jahr erneut zu stopfen. Die Straßen müssen instand gesetzt werden.“ Becker verweist auf einen Bericht des Landesrechnungshofes. Der hatte bereits vor einiger Zeit mangelnde Instandhaltung als unberechenbaren Kostenfaktor für die Zukunft kritisiert.
Marianne Rittner
| Die größten Schäden zuerst |
| Der Senat hat einen Sonderetat in Höhe von 25 Millionen Euro beschlossen. Damit sollen die enormen Winterschäden am 5600 Kilometer langen Berliner Straßennetz behoben werden. 15 Millionen bekommen die zwölf Bezirke zusätzlich zu den bereits eingeplanten 33 Millionen Euro. Die restlichen zehn Millionen Euro will der Senat auf Antrag verteilen. „Vorrang haben die Straßen mit den größten Schäden“, erläutert die Sprecherin der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Petra Rohland. Außerdem soll das Geld möglichst dafür verwendet werden, „größere Teilstücke zu sanieren“. Rohland weiter: „Bei den knappen Kassen im Land Berlin ist es ein großer Erfolg, dass wir jetzt zusätzliches Geld für die Beseitigung von Winterschäden bereitstellen können.“ Denn diese Summe müsse woanders eingespart werden. |
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