

Erdbeben, Tsunami, Reaktor-GAU: Japaner in Berlin bleiben gelassen und finden die Deutschen etwas merkwürdig.
Berlin. Sorgen um die Familie daheim, aber auch das Wissen um die große innere Ruhe, die Disziplin und Solidarität ihrer in Not geratenen Landsleute: Die Begegnung mit Japanern offenbart eine fremde, eine beeindruckende Mentalität. Das Heraufbeschwören der Apokalypse übernehmen derweil die Deutschen.
Es ist eine beschauliche, dem Alltagslärm abgewandte Welt. Kalligrafien hängen an den Wänden, in einem Gründerzeitzimmer steht ein alter Sekretär, an ihm hätte auch Mori Ôgai sitzen können. Der Dichter und Goethe-Übersetzer hat von April bis Juni 1887 auf dieser Etage gelebt, er gilt als großer Vermittler deutscher Kultur in Japan. Die kleine Gedenkstätte an der Luisenstraße sucht an ihn zu erinnern, die Räume vereinen deutschen Biedersinn mit japanischer Gelassenheit.
Harmonie und Ruhe wie weggeblasen
Doch die Harmonie und Ruhe dieses Ortes sind nun wie weggeblasen. Oft in Sekundenabständen erhält Ausstellungsleiterin Beate Wonde E-Mails, die von Tod und Zerstörung erzählen. Sie versucht fieberhaft, Informationen zu bündeln und weiterzuleiten, tagsüber und oft bis in die Nacht. Über zwei Bildschirme laufen ein deutsches und ein japanisches Nachrichtenprogramm. Auch dort nichts als Katastrophenmeldungen. Das alles sei, sagt Wonde, „schwer zu ertragen“. In dieser Wohnung des Geistes wirken die Nachrichten wie von einem anderen Planeten. Auch hier herrscht jetzt der Ausnahmezustand.
Wer in diesen Tagen mit Japanern und Menschen, denen Japan am Herzen liegt, spricht, erfährt viel Bewegendes, Außerordentliches, auch zunächst Unverständliches. Er hört von spontan organisierten privaten Spendenveranstaltungen in Berlin, auf denen Kraniche gegen Zuwendungen in der traditionellen Origami-Technik gefaltet werden, hört von äußerster Disziplin der Japaner, von einer Gelassenheit und Solidarität in dem fernen Land, die kaum weniger sprachlos und ergriffen macht als das Unglück selbst, aber auch von blankem Unverständnis über die Aufgeregtheit der Deutschen, die im krassen Widerspruch zu der japanischen Grundhaltung steht. Er taucht ein in einen fremden Kosmos, der nicht nur geografisch 9000 Kilometer von der deutschen Angst entfernt zu sein scheint.
„Zum Teil übertrieben“
In den stillen Räumen der Mori-Ôgai-Gedenkstätte begegnen wir Hirochi O. Er ist, wie alle Japaner, sehr zurückhaltend, nicht mal seinen vollständigen Namen will er in der Zeitung lesen. Er ist am 15. März nach Deutschland geflogen, vier Tage nach dem Beben, und ist etwas erregt. Über die Deutschen. Er spricht recht gut die deutsche Sprache, und was er hier im Fernsehen sehe und in den Zeitungen lese, finde er „zum Teil übertrieben und sehr emotional“. Er deutet eher an, als dass er Vorwürfe formulieren würde, aber am Ende sagt er doch, dass vielleicht nicht nur die Kernreaktoren in Fukushima gekühlt gehören, sondern auch die Köpfe der Deutschen.
Schlagzeilen, in denen in Riesenlettern das Wort „Verzweiflung“ stehe, würden in die Irre führen. Seine Landsleute wären nicht verzweifelt, sie würden sich darum bemühen, mit der Situation zurechtzukommen. Doch auch der 40-Jährige kann sich der aufgeheizten Berichterstattung nicht völlig entziehen.
„Unvernunft“ getadelt
Unter dem Eindruck der Reportagen hat er seine in Tokio lebenden Mutter angerufen und ihr geraten, sich in den Süden in Sicherheit zu bringen. Da hat ihm die Mutter einigermaßen verständnislos beschieden, sie wolle doch bitte erst einmal die weitere Entwicklung abwarten, – und im Übrigen die „Unvernunft“ des Sohns getadelt. Herr O. muss lächeln.
Natürlich gibt es bei den in Berlin lebenden oder hier zu Besuch sich aufhaltenden Japanern Sorgen über das Wohlergehen der Familie, der Verwandten und Freunde in der Heimat. Aber Angst zu zeigen ist nicht die japanische Art. „Man jammert nicht vor anderen Leuten“, sagt Ôgai-Expertin Beate Wonde, „um sie nicht in Verlegenheit zu bringen“. Die anderen sollen sich nicht betroffen fühlen wegen des eigenen Leids.
Und man versuche, selbst in Extremsituationen an so etwas wie Normalität festzuhalten und positiv zu denken. Wer ausraste, könne nicht für andere da sein. Die Gruppe, ob klein oder groß, ob Familie, Kollegenkreis oder eben das ganze Volk, sei die vielleicht wichtigste Bezugsgröße. Doch wer hysterisch sei, falle als Helfer in der Not aus und verhalte sich unsolidarisch gegen die Gemeinschaft. Man lernt jetzt viel über eine andere, fremde Alltagskultur. Und man beginnt, die eigene Lebensweise kritisch zu befragen.
„Weggehen ist feige“
Ein Abend im Japanisch-Deutschen Zentrum in Dahlem. Auf der Tagesordnung steht ein lange geplantes Symposium zur Manga-Literatur. Absagen? Kommt nicht in Frage. Fast trotzig hält man an der Veranstaltung fest. Der Saal ist gut gefüllt. Dort ist auch Makoto Kakchiwabara. „Je größer die Gefahr, desto ruhiger wird man“, erklärt der Medizinstudent. Auch er hat seinen Eltern angeboten, nach Berlin zu kommen. Die Antwort sei ein entgeistertes Nein gewesen. „Weggehen ist feige“, sagt der junge Mann. Wer gehe, habe „ein schlechtes Gewissen“.
Vor dem Haupteingang der japanischen Botschaft in Tiergarten liegt ein Blumenstrauß am anderen. Dazwischen Kerzen, Buddha-Figuren, Karten, auf denen Beileid ausgedrückt wird. Für viele Berliner, die hier ein Zeichen ihres Mitgefühls zurücklassen, ist dies alles ganz und gar schlimm. Eine „Tragödie“ seien die Ereignisse in Japan, sagt Kerstin Hahn aus Friedrichshain. Es erinnere sie „an Hiroshima“, an eine „Apokalypse“, ergänzt ihr Mann Lutz. Nun sei er „in seiner Skepsis“ gegenüber der Atomkraft „bestätigt“ worden. Ein „Abschalten“ der Atommeiler verlangt sie. Und er glaubt nicht daran, „dass in den Köpfen der Politiker wirklich ein Umdenken“ stattgefunden habe. Sie beide sind sehr pessimistisch und traurig – über die deutschen Verhältnisse.
„Die Maschinen beherrschen die Menschen“
Furcht hat auch Peter Brunn. Es ist regnerisch und kalt, und auch die Stimmung ziemlich grau. Der Schöneberger hat die „Gefahren der Atomenergie noch nie für überschaubar gehalten“, aber nach dem GAU in Fukushima sei seine Angst noch gewachsen. „Die Maschinen beherrschen die Menschen“, sagt Peter Brunn. Es klingt nach Weltuntergang.
Und Sabine Krüger, die mit ihm gekommen ist, wird grundsätzlich. „Der Mensch“, sagt sie, sei „nicht reif für die Atomenergie“. So viel Niedergeschlagenheit und Endzeitstimmung. Auf dem Botschaftsgelände hängt die Flagge mit dem roten Punkt auf weißem Grund auf Halbmast.
Kai Ritzmann

Greenpeace-Experte fordert aber gründliche Prüfung importierter Lebensmittel.
Berlin. Die dramatischen Ereignisse geschehen am anderen Ende der Welt, dennoch zeigen sich die Leser der Berliner Woche beunruhigt – nicht ganz zu Unrecht.
54 Prozent derer, die auf die Frage nach ihrer Angst vor den Folgen der Atomkatastrophe in Japan geantwortet haben, geben zu, beunruhigt zu sein, 46 Prozent bestreiten eine solche Furcht. Zwar zeigen die aktuellen Messwerte des Bundesamts für Strahlenschutz eine Radioaktivität in der Luft an, die bislang weit unter der natürlichen Strahlenbelastung liegt, dennoch ist eine genaue Prüfung der Werte geboten, vor allem in Lebensmitteln aus den betroffenen Gebieten.
Greenpeace-Ernährungsexperte Jürgen Knirsch fordert „regelmäßige Untersuchungen“ vor allem des Fischs, der aus Japan, China und Russland nach Deutschland kommt. Eine Vorsorge, die noch „über Jahre“ andauern könnte. „Man soll die Menschen aber nicht verrückt machen“, sagte Knirsch. Zu unsicher sei die Prognose, wie viel radioaktiver Niederschlag sich am Ende in den Tieren wiederfinden werde. Und überhaupt kämen in Deutschland von den 900000 Tonnen Fisch aus der pazifischen Region nur 60 Tonnen aus Japan selbst. Ilse Aigner (CSU), Bundesministerin für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, erklärte, dass nur Lebensmittel eingeführt werden dürften, die in Japan „streng kontrolliert“ worden seien. Greenpeace-Experte Knirsch fordert darüber hinaus zusätzliche Tests in den Bundesländern. -nn
| So können Sie helfen |
| Die Lage der Menschen im Nordosten Japans ist noch immer katastrophal. Es fehlt vor allem an Decken und Wasser, Lebensmitteln, Kerosin und Benzin. Das Land ist auf internationale Hilfe angewiesen. Spenden nimmt unter anderem das Deutsche Rote Kreuz entgegen (Bank für Gemeinwirtschaft, BLZ 37020500, Kontonummer 414141, Stichwort „Tsunami 2011“). Auch die Japanische Botschaft nimmt Spenden entgegen, die ans Japanische Rote Kreuz weitergeleitet werden (Commerzbank, BLZ 10040000, Kontonummer 268989100). |