


Gerade in der Adventszeit sollte man vor Taschendieben besonders auf der Hut sein.
Berlin. Sie sind hochprofessionell, blitzschnell und gut organisiert: Handtaschendiebe wittern vor Weihnachten ein gutes Geschäft. Aber die Polizei schläft nicht. Mit einer Spezialeinheit macht sie den Tätern das Leben schwer.
Fast hätte er, so scheint es, selbst Lust, sich an die ahnungslosen Opfer ranzumachen. Nicht um sie zu beklauen, Gott bewahre. Um ihnen zu demonstrieren, wie einfach es wäre, sich ihrer Wertgegenstände zu bemächtigen. Die drei Frauen stehen auf dem Weihnachtsmarkt im Schatten der Gedächtniskirche vor einem Stand mit Schmuck und Kunsthandwerk. Jede von ihnen trägt, leicht nach hinten geschoben, eine Umhängetasche über der Schulter. Polizeihauptkommissar Bernd Zirzlaff arbeitet beim Landeskriminalamt und kennt alle Tricks der Taschendiebe.
Und was er vor dem Verkaufsstand inmitten des adventlichen Trubels beobachtet, ist beinahe eine Einladung zum kriminellen Akt. Geradezu klassisch wäre jetzt eine grundsolide Arbeitsteilung: Einer beobachtet, einer deckt gegen unerwünschte Zuschauer ab. Ein Dritter zwängt sich zwischen die Damen, rempelt sie vielleicht ein wenig an, zieht dabei einer von ihnen die Geldbörse aus der umgehängten Tasche, lässt sie in die Hand einer der Helfer gleiten, der sich mit der Beute längst aus dem Staub gemacht hat, sollte das Opfer doch Verdacht schöpfen.
Ein heißes Pflaster
Doch ist es nicht Glück allein, dass den drei Marktbesucherinnen das erspart bleibt. Es ist auch dem Einsatz von Zirzlaff und seinen Kollegen zu verdanken, die versuchen, den Berlinern und Berlintouristen die Langfinger vom Leib zu halten – mit einigem Erfolg. Die Hauptstadt ist für die gar nicht feine Gesellschaft der Taschendiebe zu einem ziemlich heißen Pflaster geworden. Nach der Maueröffnung wurde Berlin zunächst zu einem Eldorado für die aufs eilige Entwenden von Portemonnaies trainierten Experten. Sie kamen und kommen noch immer zumeist aus dem ehemaligen Jugoslawien, Algerien und Rumänien. Südamerikaner, die als die ungekrönten Könige der Branche gelten, Polen und Russen haben sich hingegen weitgehend zurückgezogen. Auch deutsche Taschendiebe sucht man weitgehend vergebens. „Zu ungeschickt“, urteilt Zirzlaff, „und nicht abgebrüht genug.“ Die Polen etwa waren da einst anders aufgestellt. Ein Dieb von jenseits der Oder, erinnert sich der Kripo-Mann, wies ungerührt ein offizielles Diplom einer Warschauer Diebesschule vor. Da blieb selbst Zirzlaff die Spucke weg.
Groteskes Schauspiel
Zirzlaff steht an der Bushaltestelle Wittenbergplatz, gleich neben dem Eingang zum KaDeWe, und denkt zurück an eine wilde Zeit. Anfang der 90er Jahre bot sich den Zivilfahndern an Orten wie diesem ein beinahe groteskes Schauspiel. Wenn ein Doppeldecker hielt, mischten sich die Diebe unter das Knäuel der Hineindrängenden. „Wir mussten uns hier nur hinstellen und die Augen offen halten“, sagt der 54-Jährige. Wenn die übereifrigen Täter mit ihrem Diebesgut am Hinterausgang des Busses wieder herauskamen, wurden sie festgenommen. „Wir hatten zunächst gar nicht genug Handfesseln“, erinnert sich Zirzlaff.
Die Invasion der Taschendiebe wurde gestoppt, durch einen beträchtlichen Fahndungsdruck. Seit drei Jahren macht eine neu gegründete operative Einheit der Polizei den Dieben das Leben schwer. Auch die Videoüberwachung auf Bahnhöfen und in Geschäften wirkt nachhaltig zermürbend auf die Kriminellen. Viele haben daraus die Konsequenzen gezogen und die Stadt verlassen.
Seit einigen Jahren sinkt die die Zahl der registrierten Taschendiebstähle. 2007 wurden 13.563 Fälle registriert, 14,4 Prozent beziehungsweise 2287 Fälle weniger als 2006. Jedoch lag die Aufklärungsquote nur bei mageren 7,3 Prozent.
Die Täter, die bleiben, müssen mit intensiver Beobachtung rechnen, auch Staatsanwälte und Richter betrachten die Vergehen nicht als Kavaliersdelikte, sondern als Teil einer organisierten Kriminalität und als Taten, die weitere schwerere Varianten der Kriminalität nach sich ziehen, vor allem internationalen Kreditkartenbetrug. Daher wandern die Überführten in der Regel gleich in Untersuchungshaft. Auch dies schreckt inzwischen viele ab. Auf zirka 50 Intensivtäter wird die Berliner Szene der Handtaschendiebe geschätzt. Ihre Lieblingsorte sind belebte Plätze, denn die Profis tendieren zu einer äußerst rationellen Arbeitsweise. Sie wollen sehr schnell sehr viel verdienen. Besonders begehrte Arbeitsplätze seien laut Zirzlaff alle Bahn- und Buslinien, „die durch die Mitte gehen“.
Auf der anderen Seite der unsichtbaren Front stehen etwa 30 gut gerüstete und spezialisierte Beamte. Sie brauchen Jahre, um einen Riecher für ihre ausgebuffte kriminelle Kundschaft zu entwickeln. Sie eignen sich eine geschulte Sicht auf ihre Umwelt an. Sie haben Raster im Kopf, mit denen sie die Passanten quasi scannen, um Verdächtige herauszufiltern. Dabei spielen Herkunft, mitgeführte Gegenstände wie zum Beispiel Stadtpläne, die als Requisiten für den Kontakt zum Opfer dienen, auffälliges Verhalten, etwa das Anstehen stets hinten in einer Warteschlange, das aber im entscheidenden Moment in ein Herandrängen an das Opfer umschlägt, eine Rolle. Die Polizisten müssen die Diebe erkennen – freilich ohne von ihnen als Polizisten erkannt zu werden.
Bernd Zizlaff geht weiter über den Weihnachtsmarkt, den Kurfürstendamm und Tauentzien hinauf, hinunter in den U-Bahnhof Zoo. So viele Rucksäcke, Umhängebeutel, Handtaschen, die das kriminelle Handeln geradezu herauszufordern scheinen. So viel Leichtsinn. Besonders bei Frauen lädt eine Kleidung ein, die zwar modisch ausfällt, aber den Körper doch so umhüllt, dass noch genügend Spielraum für flinke Finger bleibt. Der Kommissar rät zu einer Garderobe mit Innentaschen, zu Brustbeuteln, Verstecken im Gürtel, dazu, Geld und Papiere an mehreren Stellen der Bekleidung aufzuteilen. Wer das ungute Gefühl hat, einer Klauattacke ausgeliefert zu sein, soll von den Tätern einige Schritte zurückweichen und Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Das mögen die Herren gar nicht.
Andere Tipps vom Fachmann sind mit einer gewissen urbanen Höflichkeit nicht leicht in Übereinstimmung zu bringen. Oder soll man tatsächlich auf die höfliche Bitte, den richtigen Weg zu weisen, Geld zu wechseln, im Supermarkt zu helfen, und andere harmlose Gefälligkeiten spontan mit präventivem Misstrauen und Abwehr reagieren? Das fällt den meisten doch sehr schwer.
Kai Ritzmann
| Die Tricks der Diebe |
| Rempeltrick: Im Gedränge oder beim Ein- und Aussteigen in Bus und Bahn rempelt der Dieb sein Opfer an, oder es wird auf der Rolltreppe von zwei Tätern einfach in die Zange genommen. |
| Blumentrick: Ein Fremder überreicht dem Opfer eine Blume, umarmt es freundlich – und beklaut es dabei. |
| Restauranttrick: Der Dieb entwendet Wertsachen aus der über die Lehne gehängten Jacke oder der unter dem Tisch abgestellten Tasche. |
| Beschmutzertrick: Der Dieb beschmutzt die Jacke des Opfers, bietet seine Hilfe beim Reinigen an und nutzt die Gelegenheit zum Diebstahl. |
| Stadtplan- und Supermarkttrick: Der Täter fragt nach dem Weg oder nach einer bestimmten Ware und bestiehlt den Auskunftgebenden. |
|
Weitere Online-Angebote der Axel Springer AG: AUDIO VIDEO FOTO BILD | BERLINER MORGENPOST | BILD | BILD am SONNTAG | BILD der FRAU | B.Z. | COMPUTER BILD | COMPUTER BILD SPIELE | DIE WELT | WELT am SONNTAG | €URO | EURO am SONNTAG | FAMILIE & CO | HAMBURGER ABENDBLATT | HAMBURGER WOCHENBLATT | HÖRZU | JOLIE | MÄDCHEN | METAL HAMMER | MUSIKEXPRESS | POPCORN | ROLLING STONE | SPORT BILD | STARFLASH | TV DIGITAL | YAM! | www.autobild.de | www.immonet.de | www.stepstone.de | www.arbeiten.de | www.idealo.de | www.dvd-idealo.de | www.spiele-idealo.de | buch-idealo.de | www.axel-springer-akademie.de www.axelspringer.de |
© 2004-2010 Berliner Wochenblatt Verlag GmbH - Alle Rechte vorbehalten. Impressum Datenschutz
Berliner, wochenblatt, woche, redaktion, anzeigen, kleinanzeigen, download, beilagen, zeitung, anzeigenblatt, wochenzeitung, kostenlos, gratis, Marktführer, Nr. 1, lokalzeitung, lokal, Berlin, Hallo, Spandau, Spandauer, Volksblatt, Reichweite, Leserreisen, Leser, Reportage, Motorradtouren, Stellenmarkt, Ausgaben, Werben, Themenplan, Leseranalyse, Referenzen, Werbeprospekte, Direktverteilung, Centerzeitungen, Prospektanzeigen, Autorenwettbewerb, Durchblick, Berliner Helfen, Leseraktionen, Ostpool, Zustellqualität, Halfcover, Flying Page, Jobs, Vertriebsqualität, Einkaufscenter