


Brandstifter wollen die soziale Verdrängung in den Kiezen verhindern – doch die Gewinner stehen längst fest.
Berlin. In einigen Ecken von Friedrichshain wirkt ein Luxuswagen immer noch wie eine Provokation. Manchmal wird er auch abgefackelt. Auf Seiten der Sympathisanten ist die Häme groß, auf Seiten der Opfer siegt der Trotz. Und die Polizei bleibt hilflos.
Nur eine Querstraße weiter sind Sätze zu lesen, die nichts Gutes verheißen. Es sind Chiffren, die nicht schwer zu entschlüsseln sind. Doch die, an die sie adressiert sind, nehmen sie entweder nicht wahr oder nicht ernst. Und zahlen dafür einen hohen Preis. Auf hektographierten, an die Bretterwand einer Wagenburg in der Rigaer Straße geklebten Zetteln wird für eine „Unterstützung“ gedankt, die in Form von „Freudenfeuern“ gewährt worden sei. Es ist eine Mitteilung von Hausbesetzern, und das Wohlwollen darüber, dass in der näheren Umgegend „nicht nur die Luft“ gebrannt habe, ist unverhohlen. Es soll ein bisschen nach Klassen- und Straßenkampf riechen in Friedrichshain. Keine gute Nachbarschaft für Porsches.
Der Porsche von Harald-Fritz Goile ist Ende Januar in Flammen aufgegangen. Der Cayenne stand auf der Eldenaer Straße, nahe der Wohnung der Familie. Es war ein einfacher Brandsatz, wie sie jetzt „en vogue“ sind in Mitte, Friedrichshain und Kreuzberg: nicht schwer herzustellen – ein Fetzen Stoff und etwas Benzin reichen, kinderleicht auszulösen, doch beachtlich in der Wirkung. Der Täter ist, wenn das Feuer lodert, längst über alle Berge. Es war ein Schock für Familie Goile. Noch heute rumort es in dem Immobilienhändler. Zu tief sitzt das Gefühl der, wie er sagt, „Hilflosigkeit“, der Eindruck, „einem Akt der Willkür ausgeliefert“ gewesen zu sein. Zwar wolle er in seinem Kiez „keinen Krieg“ führen, es sei schließlich „nur ein Auto“ gewesen, das da abgefackelt worden ist. Nur ein Auto, gewiss, aber es war auch mehr. Es war ein Statement.
Wenn der Friedrichshainer Neubürger Goile in der Nacht ein verdächtiges Geräusch hört, schreckt er hoch, doch nicht etwa aus Furcht vor einem weiteren Angriff auf sein Eigentum, sondern „um die Jungs zu kriegen“.
Konsequenterweise habe er zwischenzeitlich sogar „überlegt“, einen Waffenschein zu beantragen. Er räumt ein, damit nicht unbedingt politisch korrekt zu denken. Es klingt tatsächlich nicht gut. Es klingt nach Eskalation.
Es sind seit Anfang des Jahres nach Angabe der Polizei bei 26 vermutlich politisch motivierten Anschlägen 42 Autos direkt zerstört worden, zehn weitere Fahrzeuge wurden dabei in Mitleidenschaft gezogen. Stets sind es Modelle aus dem hoch- und höchstpreisigen Segment. Kein Täter konnte je gefasst und überführt werden. Nur eines steht wirklich fest: Die Polizei macht in dieser Sache keine glückliche Figur. Und nicht nur Goile fragt sich selbst: „Wie weit soll das noch gehen?“
Polizei ermittelt verdeckt
Man tue, heißt es in einer Stellungnahme für die Berliner Woche aus dem Präsidium, „alles, was sinnvoll“ sei. Es klingt ein wenig hilflos. Die Taten seien „nicht durch sichtbare polizeiliche Aktionen, sondern nur durch Prävention und Ausschöpfung der Möglichkeiten des Einsatzes nicht erkennbarer Kräfte und Mittel zu verhindern beziehungsweise aufzuklären“. Soll heißen: durch verdeckte Ermittlungen. Es gibt die Mutmaßung, dass die Polizei Autos präpariere, um sie als Lockmittel zu benutzen. Zu vorzeigbaren Resultaten ist man damit offenbar noch nicht gekommen. Wo es Festnahmen gab, konnte ein hinreichender Tatverdacht nicht erhärtet werden. Man tappt wohl noch ziemlich im Dunkeln.
Über die Motive gibt es geteilte Meinungen. Oft nur „annähernd verlässlich“, so die Ermittler, ließe sich eine politische Motivation erkennen. Die Selbstbezichtigungsschreiben würden „Rückschlüsse“ auf eine Zuordnung zu „linksextremen Szene“ nahelegen, doch nichts Genaues weiß man nicht.
Goile hat da seine eigene Theorie. „Reine Zerstörungswut“ treibe die jungen Leute an; einen politischen Hintergrund könne er da nicht erkennen. Es sei in einer bestimmten Subkultur derzeit schick, sich durch solche heißen Einsätze zu profilieren. „Die wollen dazugehören und in die Zeitung.“ Die wollen vor allem die Porsche-, Mercedes-, BMW- und Audi-Fahrer aus Quartieren drängen, die sie noch immer als die ihren betrachten. In Gebieten wie etwa um die Rigaer Straße wird derzeit in Scharmützeln ein Konflikt um die soziale und kulturelle Vorherrschaft ausgetragen. Wo dieser Prozess noch nicht zu einem völligen Sieg des neuen Wohlstands über die einst bescheidenen Lebensverhältnisse gelangt ist, wo es noch Nischen für ein alternatives, autonomes, preiswertes Dasein gibt, die aber immer enger werden, kommt es zu Auseinandersetzungen auf der Straße. Es ist ein letztes Aufbäumen gegen die Kommerzialisierung des Wohn- und Lebensraums, gegen die Verdrängung. Es ist jedoch ein Kampf, bei dem die Sieger und Besiegten längst feststehen.
„Kollektiv, offensiv, subversiv“ kündet ein Plakat an der Liebigstraße. Und: „The City belongs to us“. Die Stadt gehört uns. Ein Traum, eine wilde Fantasie, von der Wirklichkeit längst eingeholt. Immer mehr edle Townhouses werden gebaut, Wohnungen aufwendig saniert. Die Mieten steigen, weniger wohlhabende Bewohner des Kiezes drohen, auf der Strecke zu bleiben. Einige Radikale ziehen daraus die Schlussfolgerung, jetzt die Autos der Hinzugezogenen anzünden zu müssen. Wirklich etwas ausrichten gegen die Spirale Richtung Luxus können sie nicht. Aber dazu, nachts Autos zu entflammen, reicht es noch.
Eine Sonderkommission mag die Polizei auch nach den fast drei Dutzend Attacken auf die Wagen nicht einsetzen. Die „zuständige Organisationseinheit im Landeskriminalamt“ sei durchaus „personell so ausgestattet“, dass sie die Strafverfolgung „jederzeit erfüllen kann“, heißt es im Präsidium. Rückendeckung für diese Auffassung gibt es, natürlich, vom Innensenator. Die Opposition fordert, selbstredend, mehr Engagement.
Mulmiges Gefühl
Und Harald-Fritz Goile? „Ich stelle mich der Welt“, sagt er. Er will nicht klein beigeben. Er zieht nicht weg, er würde es als Flucht empfinden. Sich mit der kriminellen Szene auseinandersetzen, will er auch nicht. Mit dem, der Autos anzündet, sagt er, könne man nicht diskutieren. Er hat sich ein neues Auto gekauft. Einen BMW aus der X-Serie. Nun erst recht. Und dennoch: Wenn er morgens zu seinem Wagen geht, ist er froh, ihn so unversehrt vorzufinden, wie er ihn abends abgestellt hat. Es bleibt ein mulmiges Gefühl.
Kai Ritzmann
| Polizei ändert ihr Vorgehen |
| Die Serie von Brandanschlägen auf Autos bewegt die Polizei zu einer anderen Vorgehensweise. Ab sofort soll jedes angezündete Fahrzeug automatisch ein Fall für den Staatsschutz des Landeskriminalamts werden, egal ob politische Motive des Täters erkennbar seien. Handlungsbedarf ergab sich nicht zuletzt durch die dramatische Fortsetzung der Brandserie. Allein an einem Wochenende Mitte März waren sieben Wagen beschädigt worden. Zu den brennenden Autos kommen (offenbar auch aus der linksautonomen Szene heraus verübt) die Beschädigung eines luxuriösen Kreuzberger Stadthauses und Buttersäure-Anschläge auf feine Lokale in Friedrichshain hinzu. |
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