

Achtung, Jungs: Man kann kicken und dennoch cool bleiben – aber der Weg dahin war steinig.
Berlin. Nur noch wenige Tage bis zur Fußballweltmeisterschaft der Frauen. Grund genug, mal bei den jungen Spielerinnen von Tennis Borussia vorbeizuschauen und auf eine Veteranin zu treffen, die sich noch heute darüber ärgert, wie sie vor 30 Jahren auf den Schotterplatz abgeschoben wurde.
Manchmal hat Gaby Wahnschaffe ein recht merkwürdiges Erlebnis. Dann sieht sie im Fernsehen Fußball und fragt sich, ob sie nicht gerade in eine Aufzeichnung aus den 70er-Jahren hineingeraten sei. Spielen auf dem Feld ja alle recht gemächlich, denkt sie in solchen Augenblicken, als hätten sie einen Gang heruntergeschaltet, kann eigentlich, denkt sie weiter, nicht sein. Kann doch sein. Denn Frau Wahnschaffe betrachtet, wenn sie sich also derart wundert, Frauenfußball.
Frauenfußball ist anders
Frauenfußball ist anders. „Nicht so dynamisch, nicht so körperbetont“, sagt Wahnschaffe, dafür gespickt mit „Kabinettsstückchen“. Eines aber hätten die Frauen mit den Männern gemeinsam: „Wenn man auf dem Platz ist, will man siegen.“ Die 49-Jährige ist eine Vorkämpferin des Frauenfußballs. Sie spielt Fußball, seitdem sie denken kann. Ihr Onkel hat sie als Kind regelmäßig zu Hertha-Spielen mitgenommen. In der Schule hat sie sich durch die Jungsmannschaften gedribbelt. Sie stand in den Achtzigern mit ihren Kameradinnen im DFB-Halbfinale. Sie wurde fünfmal Berliner Meister und genauso oft Pokalsiegerin, später Trainerin. Heute sitzt sie in ihrem Verein, dem guten alten, in jüngster Vergangenheit in Turbulenzen geratenen Tennis Borussia Berlin (Tebe), in dem sie sportlich groß und erfolgreich geworden ist, im Vorstand.
Damals, als sie zu Tebe wollte, gab es für die unter 14-jährigen Mädchen nicht mal eine Mannschaft. Wahnschaffe war erst 13. Sie musste ein Jahr warten. In diesem Alter hatte mancher Junge schon mehrere Jahre Vereinstraining hinter sich: ein uneinholbarer Vorsprung. Die besten jungen Spieler durften von der Profi-Laufbahn träumen. Mädchen wie Wahnschaffe mussten sich nach einer Ausbildung umsehen. Nein, gleich war da nichts und ist noch heute wenig.
Wahnschaffe und die Ihren musste auf Schotter spielen. Die Jungs spielten quasi naturgegeben auf Rasen. Es war, sagt sie, am Anfang „ein Kampf um Gerechtigkeit“, nicht selten auch „gegen Windmühlen“. Frauen wie sie haben Pionierarbeit geleistet und den Weg geebnet. Heute gibt es bei den Borussen vier Mädchen- und drei Frauenmannschaften. Bis vergangene Saison haben die TeBe-Frauen in der zweiten Liga gespielt.
Erst einmal Spielpause
Jetzt aber ist erst einmal Spielpause. Jetzt sind alle ganz gespannt auf den Beginn der Weltmeisterschaft der Frauen im eigenen Land. Die Eröffnungsfeier mit dem anschließenden Spiel Deutschland gegen Kanada findet am 26. Juni im Olympiastadion statt.
Eine Veranstaltung wie die WM steigert die Aufmerksamkeit für den Frauenfußball beträchtlich. Die Popularität dieses Sports nimmt zu. Nationalspielerinnen wie Inka Grings, Alexandra Popp, Birgit Prinz oder Kim Kulig sind nicht mehr nur Experten geläufig. Vielleicht ist es für das Vergnügen eines Kanzlerinbesuchs in der Mannschaftskabine noch zu früh, für recht eindeutige Aufnahmen von Fußballerinnen für den „Playboy“ aber ist die öffentliche Neugierde schon beträchtlich. Dass diese Weltmeisterschaft aber ein zweites „Sommermärchen“ wird, darf man bezweifeln. Ein gelungenes Sommerfest jedoch wäre schon eine ganz famose Sache. 73 Frauenmannschaften betreut Jörg Halfter, Frauenreferent des Berliner Fußballverbands. Er beobachtet bei den Mädchen gerade einen massiven Drang in die Vereine. Er registriert „einen wahren Boom“. Wenn die Jungs „auf der Straße die Cola-Dose hin und her schießen, wollten die Mädchen nicht mehr abseits stehen“.
Qualifizierte Trainerinnen fehlen
Leider fehle es an allen Enden an qualifizierten Trainerinnen. Die Förderung des weiblichen Nachwuchses befinde sich erst „im Aufbau“. Fünf Berliner Frauenmannschaften haben es 2010/2011 in die Regionalliga geschafft. Zu den erfolgreichsten Vereinen zählen neben Tennis Borussia noch Blau-Weiß Hohen Neuendorf, der 1. FC Lübars und der 1. FC Union.
Um ihre Rolle im Verein müssen die jungen Frauen im Gegensatz zu Gaby Wahnschaffe heute nicht mehr kämpfen. Katharina Wenk und Anne-Rose Lindner, beide 21, beide in der ehemaligen Zweitliga-Mannschaft von TeBe, können sich über mangelndes Engagement ihres Clubs nicht beklagen. Wenk hat als junger Teenager mit ihren Cousins gekickt, auch Lindner hat es zunächst mit den Jungs aus der Nachbarschaft probiert, „aus reiner Langeweile“. Sie wollte nicht in der Stube hocken, sie wollte raus und sich bewegen. Sie ging auf die Sportschule, trainierte so ziemlich jeden Tag, auch an den Wochenenden. Sie hielt das für „völlig normal“. Sie war ein wenig stolz darauf, etwas zu machen, „was nicht jede Frau macht“. Lindner hat nur positive Reaktionen erfahren. Wer Bemerkungen wie „Fußball ist Männersache“ macht, erntet von ihr nur ein lässiges Achselzucken. Da ist eben jemand nicht mehr auf der Höhe der Zeit.
Fußball oder Beruf
Wenn Lindner ein Junge gewesen wäre, hätte mit etwas Glück bereits in der Sportschule ein Talentscout vorbeigeschaut. Und der Junge hätte dann vielleicht vor der Frage gestanden, ob er bereit sei, alles dem Berufsziel Fußballer unterzuordnen. Nicht so bei den Mädchen. Auch Lindner hätte sich vorstellen können, eine Profikarriere einzuschlagen. „Ich hätte es“, sagt sie, „gewagt.“ Aber nur unter der Bedingung, parallel eine Ausbildung machen zu können. Frauen dürfen nicht alles auf eine Karte setzen. Denn diese eine Karte ist von bescheidener Qualität, um ein Leben abzusichern. Männer können mit Fußball Geld verdienen, viel Geld, Frauen nicht. Frauen bekommen während ihrer aktiven Zeit eine bessere Aufwandsentschädigung, danach brauchen sie einen bürgerlichen Job. Von gleicher Augenhöhe zwischen den Geschlechtern kann im Fußball keine Rede sein.
Katharina Wenk und Anne-Rose Lindner haben die Konsequenz gezogen. Sie wissen, dass der Termin für die Entscheidung, mit Fußball den Lebensunterhalt zu bestreiten, längst an ihnen vorbeigezogen ist. Wenn sich die Frage überhaupt jemals gestellt hat. Wenk steckt in der Ausbildung zur Polizistin, Lindner wird Erzieherin. Beide machen nicht den Eindruck, darunter zu leiden. Sie gehen mit dem Thema locker um. Der unbedingte, profitgelenkte Ehrgeiz, das kraftstrotzende Selbstbewusstsein der kickenden Männer haben von ihnen nicht Besitz ergriffen. Als Stürmerin hat Lindner in der vergangenen Saison acht Tore geschossen, Wenk, nun ja, keines. Sie gibt es etwas verlegen zu, aber mit einem Lächeln. Diese Unverkrampftheit steht ihnen gut. Jungs, aufgepasst, die Mädchen zeigen es euch: Man kann fußballbegeistert sein, schön spielen und cool bleiben.
Kai Ritzmann

Leser haben große Erwartungen an die deutsche Auswahl.
Berlin. Die Wetten stehen gut für den Titelgewinn der deutschen Spielerinnen bei der jetzt gestarteten Fußball-Weltmeisterschaft.
Schon vor dem ersten Spiel im Olympiastadion verzeichneten die großen Sportwettbüros einen klaren Vorsprung der deutschen Nationalmannschaft, auf den Plätzen zwei bis vier lagen Brasilien, die USA und Schweden. Unsere Leser liegen also ganz im Trend, wenn auch sie auf den dritten Titelgewinn hintereinander tippen. Bei unserer Frage, ob die deutschen Frauen die WM gewinnen, stimmten 82 Prozent mit Ja.
Die Begeisterung für den Wettbewerb hat deutlich an Fahrt gewonnen. Für die 32 Spiele sind bereits mehr als 700.000 Eintrittskarten verkauft worden, damit sind nun fast 80 Prozent der verfügbaren Tickets vergriffen. Nur bei der Popularität der Kickerinnen hapert es noch etwas: 52 Prozent der Befragten einer repräsentativen Umfrage gaben an, keines der Mitglieder der deutschen Frauennationalmannschaft namentlich zu kennen. Mit Sicherheit wird sich daran bis zum Ende der WM noch etwas ändern.
| WM-Karten noch zu haben |
| Die Fifa Frauen-Weltmeisterschaft Deutschland 2011 findet vom 26. Juni bis 17. Juli statt. In 32 Spielen treten 16 Mannschaften gegeneinander an. Das erste Spiel tragen Nigeria und Frankreich in Sinsheim aus, offiziell beginnt das Turnier aber mit der Begegnung Deutschland gegen Kanada im Olympiastadion. Es ist das einzige Spiel in Berlin, das Finale wurde Frankfurt zugeschlagen. Eine Fanmeile wird es in Berlin nicht geben, zahlreiche Kneipen werden aber für ihre Gäste Bildschirme und Leinwände aufstellen. Für die Übertragung zeichnen abwechselnd ARD und ZDF verantwortlich. Wer live mit dabei sein will, hat noch gute Chancen: Für die meisten Begegnungen sind noch Karten erhältlich. |