


Azubis fällt es oft schwer, sich an ein geordnetes Arbeitsleben zu gewöhnen. Ausbilder klagen: Zahl qualifizierter Bewerber geht zurück.
Berlin. Die Situation auf dem Berliner Ausbildungsmarkt entspannt sich – Folge der zuletzt günstigen Konjunktur und sinkender Schülerzahlen. Rechnerisch soll jeder der rund 31 000 Schulabgänger in diesem Herbst eine Lehrstelle bekommen. Schon warnen Unternehmen vor Nachwuchsmangel. Doch beim Gerangel um eine fundierte Ausbildung bleiben viele Hauptschüler noch immer auf der Strecke.
Durch das Ökologische Bildungszentrum Lasker Höfe in Friedrichshain schallen Hammerschläge und das Quietschen einer Säge. Junge Männer in zünftiger Zimmermannskluft werkeln an einer Holzkonstruktion, die zwei Werkhallen miteinander verbinden wird. „Fass doch hier mal mit an“, ruft einer, und Jürgen Pagel (Name von Redaktion geändert) ergreift einen dicken Dachbalken.
60 junge Leute bildet die Gesellschaft für berufsbildende Maßnahmen im Qualifizierungszentrum Lasker Höfe in Kooperation mit der Industrie- und Handelskammer (IHK) in gewerblich-technischen Berufen aus – überwiegend Hauptschüler mit und ohne Abschluss, die auf dem ersten Arbeitsmarkt kaum eine Anstellungschance hätten. Für viele sei das erste Lernziel, sich an einen geordneten Arbeitstag zu gewöhnen, so Projektleiter Matthias Opahla. „Manche müssen erst wieder lernen, jeden Morgen pünktlich aufzustehen“, sagt der Ausbilder über die 21 angehenden Maurer und Zimmerleute in Jürgen Pagels Gruppe. Auch Hauptschüler Pagel hat schon zweimal eine Tischlerlehre abgebrochen: Einmal ging die Firma nach kurzer Zeit pleite, das andere Mal hatte der heute 25-Jährige Differenzen mit dem Chef.
Höherer Schulabschluss gefordert
Hans-Günter Hagelgans kennt junge Leute wie den Zehlendorfer gut. „Viele von Ihnen brauchen nur einen kleinen Kick, dann läuft es auch.“ Der Inhaber der gleichnamigen Sanitär- und Heizungsfirma in Rudow bildet seit Jahrzehnten Nachwuchs aus. Als Obermeister der Innung „Sanitär – Heizung – Klempner – Klima“ (SHK) weiß Hagelgans jedoch, dass die Zahl qualifizierter Bewerber seit Jahren zurückgeht. Im überbetrieblichen Ausbildungszentrum der SHK an der Grüntaler Straße in Wedding, das jährlich schon bis zu 3000 Fachkräfte fit gemacht hat, sind deshalb nur noch 1300 Plätze besetzt. Die Firma HG Hagelgans ist auf Wärmepumpen und Klimatechnik spezialisiert. „Das ist Hightech. Mit dem alten Klempnerberuf hat das nichts mehr zu tun“, sagt Hagelgans. Ein guter Realschulabschluss werde deshalb inzwischen von potenziellen Azubis verlangt. Viele Bewerber aber würden nicht einmal die Grundrechenarten beherrschen.
Der Chef von 17 Mitarbeitern beschäftigt derzeit einen Auszubildenden – einen 29 Jahre alten Späteinsteiger, wie Hagelgans schmunzelnd berichtet. Auch im September wird der Sanitärbetrieb wieder zwei Azubis einstellen. Das Auswahlverfahren war für den Inhaber des Traditionsbetriebes dennoch unkompliziert, weil das SHK-Ausbildungszentrum die Vorauswahl übernommen hat. „Initiativbewerbungen“, so der Unternehmer, „habe ich schon seit ein zwei Jahren nicht mehr bekommen.“
Mehr Lehrstellen als 2007
Jürgen Wittke, Hauptgeschäftsführer der Berliner Handwerkskammer bestätigt die Eindrücke des Heizungsbauers. „Wir haben eine echte Vollversorgung und müssen uns in den kommenden Jahren auf Nachwuchsmangel einstellen“, fürchtet Wittke. Er geht davon aus, dass nach dem Rekord-Ausbildungsjahr 2007 mit rund 6000 Plätzen das Lehrstellenangebot der rund 33 000 Handwerksbetriebe der Hauptstadt dieses Jahr nochmals um etwa zehn Prozent steigen wird.
Auch die IHK, in deren Bereich 2007 10 000 betriebliche Ausbildungsplätze geschaffen wurden, schlägt Alarm. Im ersten Halbjahr 2008 waren im Verbandsbereich schon 4400 Lehrstellen neu besetzt worden, 230 mehr als im Vergleichszeitraum des Vorjahres. Sinkende Schülerzahlen könnten jedoch schon in den kommenden drei Jahren zu akutem Nachwuchs- und späterem Fachkräftemangel führen. Die Kammer beruft sich auf Senatsprognosen, nach denen schon 2011 nur noch 26 680 Jugendliche die Schulen der Hauptstadt verlassen werden – rund 3500 weniger als in diesem Jahr. IHK-Präsident Eric Schweitzer schätzt gleichzeitig, dass 25 Prozent der Berliner Schulabgänger wegen mangelnder Grundkenntnisse nicht auf Anhieb ausbildungsfähig sind.
Ohne Ausbildungsplatz
Noch spiegeln die Daten der Arbeitsagenturen keinen Bewerbermangel wider. Im ersten Halbjahr 2008 waren bei den Berliner Arbeitsagenturen rund 22 598 Jugendliche gemeldet, die einen Ausbildungsplatz suchten. Dem gegenüber waren nur 13 112 offene Lehrstellen registriert. Dies ist nach Angaben von Arbeitsagenturchefin Margit Haupt-Koopmann aber nur eine Momentaufnahme und wenig repräsentativ. Einerseits meldeten sich nicht alle Bewerber und Ausbildungsbetriebe bei der Arbeitsagentur, andererseits seien verlässliche Zahlen über das Lehrstellenangebot erst im Spätherbst verfügbar, wenn die Unternehmen ihre Ausbildungsverträge den Kammern übersandt haben, betont die Vorsitzende der Geschäftsführung der Regionaldirektion Berlin-Brandenburg. Etwa 3500 unversorgte Bewerber werde es in Berlin wie schon 2007 auch in diesem Jahr wieder geben, prognostiziert Margit Haupt-Koopmann.
Arbeitssenatorin Heidi Knake-Werner (Die Linke) will von Nachwuchsmangel jedenfalls nicht sprechen, solange noch eine erhebliche Zahl Altbewerber ohne Ausbildung ist. Die Zahl junger Leute, die nicht auf Anhieb einen Ausbildungsplatz gefunden haben und teils schon seit Jahren in berufsvorbereitenden Lehrgängen, Aushilfejobs oder als Hartz-IV-Empfänger Warteschleifen drehen, ist in Berlin besonders hoch: 80 Prozent der gemeldeten Bewerber für einen Ausbildungsplatz sind nach Angaben der Arbeitsagentur sogenannte Altnachfrager – Jugendliche also, deren Schulabschluss schon längere Zeit zurückliegt. Zum Vergleich: Im Nachbarland Brandenburg sind nur die Hälfte der Nachwuchskräfte, die eine Lehrstelle suchen, Altnachfrager. Knake-Werner warnt Berlins Unternehmer vor zu hohen Ansprüchen: „Sie wollen den perfekten Azubi“.
Auch Jürgen Pagel war einer dieser Altbewerber, bevor er im Bildungszentrum Lasker Höfe einen Neubeginn versuchen konnte. Dieses Mal will er durchhalten. „Hier wird man ernst genommen“, sagt er lächelnd. „Alles, was wir machen, wird vorher besprochen. Das macht echt Spaß“.
Helga Labenski
| So fördert Berlin den Nachwuchs |
| Um auch schwer vermittelbaren Jugendlichen einen Start ins Berufsleben zu ermöglichen, fördert der Staat verschiedene Ausbildungsangebote. So wird das Land Berlin zum Berufsjahr 2008/2009 das „Bund-Länder-Programm Ost“ mit 977 außerbetrieblichen Ausbildungsplätzen für unvermittelte Bewerber auf 2500 Plätze aufstocken. Die berufsbildenden Schulen der Stadt werden 4500 jungen Leuten eine Ausbildung geben. 1000 Plätze sind speziell für die Qualifizierung benachteiligter Jugendlicher vorgesehen. Darüber hinaus finanziert die Arbeitsagentur Berlin-Brandenburg 3100 außerbetriebliche Ausbildungsplätze, um benachteiligte Jugendliche zu qualifizieren. Außerdem gibt es für unvermittelbare Jugendliche unterschiedliche berufsvorbereitende Lehrgänge und Möglichkeiten, den erweiterten Hauptschulabschluss nachzuholen. Darüber hinaus gibt es in der Stadt diverse Wirtschaftsinitiativen. So hat die „Berliner Handwerkerinnung Sanitär – Heizung – Klempner – Klima“ die Stiftung „Handwerk stiftet Zukunft“ gegründet. Ihre Vertreter unterstützen ausbildungswillige Betriebe, informieren in den Schulen über Berufsbilder der Branche und werben zusätzlich Ausbildungsplätze an. Industrie und Handel wollen nachziehen. Die IHK hat mit dem Deutschen Gewerkschaftsbund Berlin ein Mentoring-Programm verabredet, wonach Unternehmensvertreter ebenfalls in die Schulen gehen wollen, um Schüler über Chancen und Anforderungen der Berufe zu informieren. |