


Ob Krebs oder chronische Gelenkentzündung: In der Haustierklinik der Freien Universität werden auch schwierige Fälle versorgt.
Berlin. Für die einen ist sie die erste Hilfe, für die anderen die letzte Rettung: Den Ärzten in Dahlem ist kein Beschwernis, keine Krankheit fremd. Behandelt wird mit hohem medizinischen Anspruch und modernster Technik. Denn aus dem Hoftier ist das Kuscheltier geworden, für das kaum ein Aufwand zu gering scheint.
Es ist eine normale Frühkonferenz, kurz nach 8 Uhr. Es ist von CT die Rede, von Ultraschall, Infusionen, Frakturen, Geschwülsten, Prellungen. Einer aus der Runde klemmt rasch ein Röntgenbild nach dem anderen an den Leuchtkasten. Die Mannschaft sitzt um einen großen Tisch herum, aus dem Kollegenkreis werden einige Nachfragen gestellt, die Antworten sind knapp und präzise. Profis unter sich. Dann geht es auf Visite. Die Chefs vorneweg, das Fußvolk hinterher. Am Ende des Durchgangs ein kurzer Halt vor einer großen Tafel, auf der die Operationstermine des Tages aufgeschrieben sind. 18 sind es heute. Ein strammes Programm, doch auch Routine.
Ernste Fürsorge
Es könnte ein Krankenhaus sein wie jedes andere. Die Atmosphäre ist freundlich, den Patienten wird wie selbstverständlich eine ernste Fürsorge zuteil. Aber die Patienten sind keine Menschen. Es sind Tiere.
Bei dem morgendlichen Rundgang durch die Dahlemer Klinik und Poliklinik für kleine Haustiere der Freien Universität zeigen sie sich in unterschiedlicher Verfassung. In den Abteilungen für Katzen und Hunde liegen die einen beunruhigend apathisch in den Käfigen, andere sind aufgeregt, sie zittern, japsen und hecheln, als habe ihre letzte Stunde geschlagen. Dabei erhalten sie eine Hilfe, die ihresgleichen sucht. Für sie werden Blutbilder angeordnet, ihnen werden Antibiotika verschrieben, Heizsonden sind im Einsatz. Nur leider ist es nicht immer ganz einfach, eine exakte Diagnose zu erstellen. Die Tiere können sich ja nur höchst unzureichend artikulieren.
Dino zum Beispiel. Der zwei Jahre alte Hund will kein Essen mehr anrühren. In großer Sorge ist sein Besitzer mit ihm zur Notaufnahme gefahren. „Er ist nicht gut drauf“, klärt er ahnungsvoll über den Gesundheitszustand des Vierbeiners auf. Vielleicht als Folge seiner angespannten Seelenlage zeigt Dino sich nicht besonders willig, an sich herumlaborieren zu lassen. Vier starke Arme werden benötigt, um das große Tier auf dem Behandlungstisch zu bändigen. „Der müsste eigentlich“, klagt Oberarzt Hans Werner nicht eben amüsiert, „erst mal in die Hundeschule.“
Timmy ist schon Stammgast in der Klinik. Seit Wochen wird der Siamkater wegen seines Lymphdrüsenkrebses behandelt. Etwa ein Jahr lang erhält er eine Chemotherapie, die ihm, so sein Besitzer Rainer Rose, eine „gute Überlebenschance“ sichere. Timmy erhält bei seinen Terminen eine Spritze und, gegen die Gefahr eines Blutgerinsels, eine Infusion mit einer Kochsalzlösung. Ein langwieriges Prozedere, das am Ende mehr als 1000 Euro kosten wird. „Warum“, fragt Rainer Rose, „soll es ihm schlechter gehen als einem kranken Menschen?“ Er sagt, das Tier spüre die „Zuneigung“ und gebe diese an ihn zurück. In seiner Stimme schwingt Rührung mit. Ohne die ärztliche Betreuung müsste Timmy sterben. Das wäre für Rainer Rose völlig inakzeptabel.
Da hat sich etwas geändert im Verhältnis zwischen Mensch und Tier. Das Tier ist dem Menschen näher ans Herz gerückt. Aus dem Nutztier ist in vielen Fällen das Schmusetier geworden, ein Familienmitglied. Wird ein Tier krank, wird ihm eine medizinische Versorgung zuteil, auf die in manchen Ländern der Welt nicht einmal Menschen zu hoffen wagen.
Tierische Blutspende
Während an diesem Vormittag in der Notaufnahme Dinos Essstörungen und Timmys Krebs therapiert werden, Dasko, der Golden Retriever, unter heftiger Anteilnahme seiner Besitzer Blut spendet, dem Terrier Evita Fäden gezogen werden, und Labrador-Mischling DJ von seiner Besitzerin zum Abschied noch einen Kuss auf die feuchte Schnauze abbekommt, bevor es zur Magenspülung weitergeht, greift Professor Leo Brunnberg nur einige Flure entfernt beherzt zur Säge. Der kräftige Rhodesian Ridgeback hat starke Schmerzen im Knie des rechten Hinterbeins. Er ist Privatpatient, der eine Chefarztbehandlung erwarten darf – auch das gibt es hier. Weil die Kniescheibe keinen Halt mehr findet, kugelt sie immer wieder aus. Ein Fall für den Operationssaal und für den Klinik-Direktor. Leo Brunnberg macht sich an dem betäubten und mit Bändern arretierten Hund derart zu schaffen, dass dessen ganzer schwerer Körper wackelt. Zum Einsatz kommt sogar ein im eigenen Labor gezüchtetes Knorpelgewebe, das, so der Professor, eine „sensationell neue“ Methode sei.
Kurz bevor sich Brunnberg mit frisch gesäuberten Händen an die Arbeit macht, sagt er noch: „Wir handeln hier nicht nach der Devise ,Ist doch nur ein Tier‘.“ Nein, das wird man ihm und seinen Kollegen nicht vorhalten können. Einige von ihnen hegen jedoch durchaus Zweifel, ob nicht die eine oder andere lebenserhaltende Maßnahme übertrieben wird. Denn medizinisch ist heute fast alles möglich.
Das allerdings hat seinen Preis. Eine Wiederherstellung des Knies, wie sie etwa bei dem Rhodesian Ridgeback durchgeführt wurde, schlägt mit 500 bis 900 Euro zu Buche. Man halte sich, sagt Brunnberg, „strikt an die Gebührenordnung“ und berechne in der Regel den einfachen Satz. Durch die Dienstleistungen der Klinik flössen der Fakultät Einnahmen von rund einer Million Euro im Jahr zu.
In einem zweiten OP-Raum beobachtet Michael Burger mittels einer ins Fleisch eingeführten Kamera auf dem Monitor, wie er mit seinen Instrumenten überflüssiges Gewebe abtrennt. Der Polizeihund, der unter sterilen Tüchern auf dem Tisch liegt, hat eine schwere Entzündung im Schultergelenk, nun muss die Bizepssehne abgelöst werden. Ein minimal-invasiver Eingriff, das Feinste vom Feinen. Gelassen beginnt der Operateur, rund um den Knochen herum „ein wenig aufzuräumen“.
Nach gut einer halben Stunde ist das Werk vollbracht. Zum Schluss tönt ein frohgemutes „Okey-dokey“ durch den Operationssaal. Noch ein wenig Reha, und der Schäferhund kann wieder seinen Einsatz fürs Ordnung und Sicherheit leisten. „Die Erwartungshaltung ist groß“, sagt Burger, noch in Operationsmontur. „Die Leute möchten, dass wir Humanmedizin auf Tiere übertragen.“ Das Team um Brunnberg steht jedenfalls bereit, diese Herausforderung anzunehmen.
Kai Ritzmann
| Neue Gebührenordnung |
| Erst vor wenigen Wochen ist eine neue Gebührenordnung für Tierärzte in Kraft getreten. Eine allgemeine Untersuchung des kranken Tiers einschließlich Beratung kostet danach bei einem Hund 12,03, bei einer Katze 8,02 und bei einem Fisch 13,74 Euro. Eilbesuche werden mit 22,90 Euro berechnet, die stationäre Unterbringung (ohne Behandlung und Futterkosten) schlägt beim Hund mit 14,31 Euro zu Buche, eine Geburtshilfe mit 34,36 Euro (jeweils einfacher Satz). |
| Der Bundesverband praktizierender Tierärzte zählt für Berlin 78 Adressen auf; in Notfällen stehen zum Beispiel die „Mobile Tierambulanz“ (Notruf: Tel. 0151 11 00 93 72) oder der „Notruf Tierrettungsdienst“ (Tel. 0800 668 84 37) bereit. Die Klinik und Poliklinik für kleine Haustiere der Freien Universität am Oertzenweg 19b hält ihre allgemeinen Sprechstunden montags, dienstags, donnerstags und freitags von 10 bis 11.30 Uhr ab (Tel. 838-624 22/623 56). |
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