


Zwar ist Berlin für Hochleistungssport gut ausgestattet, Breitensportler sehen ihre Interessen aber nur mangelhaft vertreten.
Berlin. Rad fahren, schwimmen, joggen – so halten sich drei von vier Berlinern laut einer neuen Studie der Senatssportverwaltung in ihrer Freizeit fit.
Etwa 13 Prozent der Berliner, also etwa 440000 Hauptstädter, sind Mitglied in einem Sportverein. Die Opposition im Abgeordnetenhaus kritisiert, dass der Senat vorrangig den Leistungssport fördert. „Nur zehn Prozent des Sportetats kommt dem Breitensport zugute“, kritisiert die sportpolitische Sprecherin der Grünen im Abgeordnetenhaus, Felicitas Kubala. „Der Löwenanteil dient der Förderung des Leistungssports.“ So erhalten die Vereine Zuschüsse, deren Mannschaften in der ersten Bundesliga spielen oder deren Athleten an internationalen Wettkämpfen wie den Olympischen Spielen teilnehmen. Die meisten Vereinsmitglieder zählen jedoch nicht zu den Spitzensportlern. Nach Ansicht der drei Oppositionsparteien CDU, FDP und Grüne soll genau für diese Hobbysportler mehr getan werden. Sie fordern ein Gremium, in dem die Breitensportler ihre Interessen besser vertreten können. Sie bemängeln zudem den desolaten Zustand vieler Sportanlagen. Angesicht knapper Kassen strebt Andreas Statzkowski, Sportexperte der CDU, eine kurzfristige Aufstockung des Reparaturetats um zehn Millionen Euro aus dem Konjunkturförderprogramm an. „Damit ließen sich viele Sportstätten in Ordnung bringen.“ An eine Umverteilung des Sportetats von 6,5 Millionen Euro pro Jahr zugunsten der Breitensportler sei jedoch nicht zu denken, so Statzkowski.
Auch für Nicht-Mitglieder
Vereine wie der SV Siemensstadt, Pro Sport 24 oder TVS GutsMuths unterbreiten seit Jahren Breitensportangebote – mit Erfolg. „Wir haben 5600 Mitglieder“, sagt Hartmut Neumann stolz. Der Geschäftsführer des Vereins mit modernem Sportzentrum inklusive Schwimmhalle am Rohrdamm meint: Das sei viel in dieser Stadt. Denn Berliner scheuen oft eine Vereinsmitgliedschaft, joggen oder schwimmen lieber auf eigene Rechnung. Mit einem umfangreichen Trainingsprogramm von Aerobic bis Yoga auch für Nicht-Mitglieder fährt der SV Siemensstadt seit Jahrzehnten einen erfolgreichen Kurs. „2000 Besucher, die nicht Mitglieder sind, nutzen jährlich unser Trainingszentrum“, sagt Neumann. In dieser Hinwendung zu Vereinsfremden sieht er die Zukunft der Sportvereine. Beim Landessportbund fände der Breitensport aber nicht genügend Gehör.
„Das ist falsch“, sagt dagegen Dietmar Bothe, Sprecher des Landessportbundes (LSB). „Der LSB leistet viel für den Breitensport.“ Bothe verweist auf das große Beratungsangebot. „Wir fordern zudem schon seit Langem die Erhöhung der Aufwandspauschale für Übungsleiter.“ Die Förderung der Spitzensportler zähle aber genauso zu den Aufgaben des LSB. So erreiche man Höchstleistungen nur durch Einsatz von Berufstrainern, die beim LSB arbeiten. „Im Breitensport organisieren sich die Sportler selbst, arbeiten ehrenamtlich“, so Bothe. „Uns ärgert daher, dass dieses vielfältige ehrenamtliche Engagement nicht genügend gewürdigt wird.“
Vereinsgeschäftsführer Michael Schenk von Pro Sport 24 sieht die Situation ähnlich wie sein Siemensstädter Kollege. Um die Attraktivität für die mehr als 6000 Mitglieder zu steigern, bemühen sich die Wilmersdorfer um ein Schwimmbad. „Die Verhandlungen mit den Berliner Bäder-Betrieben sind nach drei Jahren gescheitert“, resümiert Schenk. „Deshalb wollen wir auf unserem Vereinsgelände an der Forckenbeckstraße ein neues Bad bauen.“ So benötige der Verein keine wettkampfgerechte 50-Meter-Bahn mit Tribüne, sondern eher mehrere kleine Becken für Aquagymnastik und Babyschwimmen. Für Kurse wie Pilates oder Yoga seien keine großen Sporthallen nötig. „Wir brauchen Mehrzweckräume, die sich je nach Bedarf unterteilen lassen. Und dies möglichst rund um die Uhr.“ Auch Schenk wünscht sich mehr Gehör im Senat, damit nicht nur Wettkampfarenen entstehen, sondern vielseitig nutzbare Sportanlagen. Da derzeit nicht mehr Geld ausgegeben werden kann, schlagen die Oppositionsparteien vor, bei der Sanierung von Sportanlagen die Belange des Breiten- und Freizeitsports besser zu berücksichtigen – beispielsweise durch Umbau zu Mehrzweckhallen. Sportstaatssekretär Thomas Härtel (SPD) weist die Kritik zurück. „Keine Stadt in der Bundesrepublik tut so viel für den Sport wie Berlin. Auch in der neuen Sportstätten-Nutzungsordnung garantieren wir die kostenlose Nutzung für Vereine“, so Härtel. Wegen der knappen Kassen kann aber auch er keine größeren Sprünge machen. So wird der Etat der Sportinvestitionsförderung weiterhin 1,6 Millionen Euro pro Jahr betragen. „Mit diesem Budget lässt sich jedoch kein neues Bad finanzieren, wie Pro Sport es wünscht“, zeigt Härtel die Grenzen auf. Zumindest für die Sanierung der 37 Bäder stünden jetzt 68 Millionen Euro bereit. „Wir wollen diese Bäder erhalten.“
Dessen ungeachtet verweist Härtel auf mehrere Projekte, die in den kommenden Jahren das Angebot für Breitensportler erweitern. Bei der Neugestaltung des Poststadions und des Fritz-Schloß-Parks in Tiergarten sowie des Gleisdreiecks sollen vor allem Freizeitsportler zum Zuge kommen. Die Sportplätze des Poststadions werden saniert. „Wir planen ein elektronisches Buchungssystem, so können Freizeitsportler die Plätze nutzen, wenn sie frei sind“, sagt Stephan Lange, Leiter des Stadtumbaus in Mitte. Weitere Planungen sehen eine überdachte Hockey-Skater-Halle vor sowie ein neues Freibad. „Im Park sind Aktionsgeräte vorgesehen“, sagt Lang. Die Arbeiten sollen bis Ende des Jahres erfolgen. Auf der Brache Gleisdreieck haben endlich die Vorarbeiten für die Umgestaltung zum Park begonnen. Entsprechend dem Trend sind dort Wege für Radler, Skater und Jogger geplant.
Hallennutzer gesucht
Marzahn-Hellerdorf hat derzeit ein ganz anderes Problem. Durch den extremen Schülerrückgang will der Bezirk insgesamt 20 Sporthallen schließen. „1995 gab es bei uns 60000 Schüler, heute sind es nur noch 20000“, so Bildungsstadtrat Stefan Komoß (SPD). In den vergangenen 14 Jahren wurden 60 Schulen geschlossen. „Wir müssen uns nun auch von Hallen trennen“, so Komoß. Insgesamt 20 Schließungen sind vorgesehen und im Sport- und Schulentwicklungsplan aufgelistet. Komoß sucht daher Interessenten, die Sporthallen übernehmen wollen. „Der SCC Charlottenburg hat sich bereits bei uns einquartiert.“ Eine andere Halle wird nun für Beachvolleyball genutzt.
Marianne Rittner
| Die Berliner sind sehr sportlich |
| 72 Prozent treiben Sport, 61,4 Prozent davon regelmäßig. Das geht aus einer Studie der Senatssportverwaltung zum Sportverhalten hervor. An erster Stelle der Aktivitäten steht Radfahren mit knapp 14 Prozent. Den zweiten Platz in der Rangliste belegt Schwimmen mit 10,8 Prozent. Knapp dahinter folgen die Läufer und Jogger mit 10,7 Prozent. Fitness betreiben 8,7 Prozent. Erst an fünfter Stelle liegt Fußball mit 5,2 Prozent. Danach folgt Wandern, Gymnastik, Spazierengehen und Tanzen. Unter einem Prozent liegen Sportarten wie Reiten, Squash, Segeln, Bowling, Golf oder Kampf- und Kraftsport. |
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