


Junge Leute aus Aussiedler- und vietnamesischen Familien gelten als besonders integrationswillig. Wer mit ihnen spricht, weiß warum.
Berlin. Sie bemühen sich um gute Noten und einen ordentlichen Schulabschluss. Sie halten die Traditionen ihrer eingewanderten Eltern hoch, aber sie wissen auch: Deutschland bietet ihnen weit mehr Chancen als ihr Herkunftsland. Und die wollen sie nutzen.
Das vergangene Weihnachtsfest gestaltete sich für Helene Der etwas anders als für ihre in Deutschland geborenen Bekannten. Natürlich gab es Geschenke, sogar pünktlich an Heiligabend, ohne die nach dem russischen Kalender übliche Verzögerung von 14 Tagen und obwohl nach russischem Brauch Neujahr eigentlich das größere Ereignis ist. Allerdings verzichtete man auf den in Berlin üblichen Kartoffelsalat mit Würstchen und Bier dazu. Stattdessen kamen Pelmeni, Kartoffelpüree und Hähnchen auf den Tisch.
Der Abend gestaltete sich, kurzum, ein wenig russisch und ein wenig deutsch, er verströmte viel Wohlgefühl der neuen Heimat und zugleich einen kräftigen Hauch der verlassenen. Die Familie hätte einfach, erzählt die 24-Jährige, die im Alter von elf Jahren in dieses Land kam, die deutsche Weihnacht „auf Russisch gefeiert“. Dennoch weiß die Reinickendorferin sehr genau, wohin sie gehört. „Meine Heimat ist Deutschland.“ Ohne Wenn und ohne Aber.
Helene Der hat es geschafft, hier in Berlin. Sie ist in Sibirien geboren und in Kasachstan aufgewachsen. 1995 kam sie als Kind russlanddeutscher Eltern mit ihrer Familie nach Deutschland. Sie erinnert sich noch an die ersten Süßigkeiten, die der verheißungsvolle Westen für sie bereithielt. Und an die Schulzeit, in der die Eltern „von Anfang an Druck gemacht“ hätten, damit das Kind Deutsch lernt und anständige Noten mit nach Hause bringt.
Traumjob gefunden
Die Devise der Eltern war eindeutig: Helene sollte es einmal besser haben als sie selbst. „Deinetwegen“, erklären sie dem Kind, „sind wir ja weggezogen.“ Das prägt. Helene schaffte die mittlere Reife, danach fand sie einen Ausbildungsplatz und eine Stelle als Kauffrau für Bürokommunikation, ihr Traumberuf. Schon als Teenager hat sie sich vorgenommen: „Jetzt machst du was aus dir!“ Sie hat erkannt, dass es für sie in Deutschland Chancen gibt. Und sie hat diese Chancen genutzt.
Sprache und Bildung
Integration ist kein Zufall. Sie ist, dies unterstreicht noch einmal eine jüngst veröffentlichte wissenschaftliche Untersuchung des Berlin-Instituts, ganz wesentlich von Faktoren wie Deutschkenntnissen und Bildung, aber auch von der Bereitschaft zur Assimilation und dem beruflichen Engagement abhängig. Dabei schnitten junge Leute aus türkischen Familien besonders schlecht ab, vorderhand überraschend gute Erfolge bescheinigten die Forscher den Einwanderern aus Vietnam und den Aussiedlern aus der ehemaligen Sowjetunion. Wirklich überraschend? Kaum, wenn man mit den Betroffenen redet. Wenn man ihre Geschichten hört. Wie die von Kim und Nuynh, Duc und Baly.
Die vier Jugendlichen leben in Marzahn-Hellersdorf und Lichtenberg. Ihre Eltern sind aus Vietnam nach Deutschland gekommen. Alle vier gehen auf die Oberschule. Sie sind selbstbewusste Berliner Teenager, ganz wie ihre deutschen Mitschüler – und doch ein bisschen anders. Ein erster, positiver Eindruck: Sie sind ausgesprochen höflich.
Die beiden Mädchen sagen: Ein Freund komme jetzt nicht infrage. Erst müsse die Schule abgeschlossen sein, bis dahin könne die Liebe warten. Das sagten die Eltern, das sagen die Mädchen, ohne offenen Widerspruch. Freizeit, sagen auch die Jungs, sei rar. Denn die Noten müssten stimmen, „sonst kommt man nicht weit“, ahnt der 16-jährige Duc. Die Eltern predigen Ehrgeiz – und die Kinder beugen sich. Manchmal berichten die Eltern noch von dem schweren Leben in Vietnam. Das wirkt.
Ein „Befriedigend“ gilt für die 15-jährige Nuynh bereits als ein schnell wettzumachender Ausrutscher. Die jungen Vietnamesen haben Ziele. Duc etwa will sich eine Zukunft aufbauen, hier in Deutschland. Nuynh will Hotelmanagerin werden, Baly Lehrer für die Fächer Deutsch, Englisch und Sport. Der 18-Jährige sagt es ungerührt, als sei es das Selbstverständlichste von der Welt. Manch einer habe darauf allerdings etwas skeptisch reagiert.
Natürlich gibt es manchmal Irritation und Missverständnisse zwischen der Minderheit der Eingewanderten und der Mehrheit der Eingesessenen. Aber dann, sagt Kim, müsse man die Dinge eben erklären. Miteinander reden, sagt sie, sei wichtig. Und man hat nicht den Eindruck, dass sie diese Auseinandersetzung scheuen würde. Für Duc ist der familiäre Zusammenhalt ganz wichtig. Er spricht von der „Pflicht“, später für die Eltern zu sorgen, „so wie sie heute für uns sorgen“. Die vietnamesischen Feste feiert man natürlich gemeinsam. Wichtig sei, sagt Baly, „sich zu integrieren, aber dabei die Wurzeln nicht zu verlieren“.
Fleiß und Disziplin
Die Jugendlichen grenzen sich ab gegen die deutschstämmige Majorität, aber auf eine fast lautlose Weise, unaggressiv, mit einem Lächeln. Sie behalten ihren vietnamesischen Kern, aber das hindert sie nicht daran, sich geschmeidig den neuen Umständen anzupassen. Sie wissen, was sie wollen – und das ist vor allem der soziale Aufstieg. Das Rüstzeug dafür – Fleiß und Disziplin – liefert ihnen glücklicherweise das Elternhaus, freilich nur so lange, wie die Bindung zwischen den Generationen in der Gesellschaft des Westens nichts an ihrer Stärke einbüßt.
Auch Viktoria Malon und Niklaus Walter tragen noch ein Stück der alten Heimat in ihren Herzen. Die alten Gerichte, die alten Feiertage, die alten Märchen, Lieder und Gedichte und auch die russische Sprache – mit allem soll ihre Tochter aufwachsen. Aber die Eltern wissen auch, dass sie sich „wegentwickelt“ haben von jener Ukraine, jenem Kasachstan, aus dem sie mit ihren deutsch-russischen Eltern übergesiedelt sind. Diese Vergangenheit rückt in eine immer weitere Ferne. Sie trauern dem nicht nach, sie sind froh, dies hinter sich gelassen zu haben. Dort, sagt Viktoria Malon, „gehöre ich nicht mehr hin“. Als sie herkam, war Deutschland für sie ein „Märchenland“, ein Barbiepuppen-Land. Heute ist es für die Potsdamer Lehramtsstudentin ein Land, in dem sie sich engagieren möchte, wo sie etwas verändern will, spätestens in ihrem künftigen Beruf.
Die Kinder jener Eltern, mit denen sie nach Deutschland gekommen sind, wollen ihre russische, ihre vietnamesische Herkunft nicht verleugnen. Aber genauso gut wissen diese jungen Leute auch: Was immer das Leben für sie bereithält, die beste Ausgangsposition schaffen sie sich jetzt und hier, nicht ohne die alteingesessenen Deutschen, nicht gegen sie, nicht parallel zu ihnen. Nur in ihrer Mitte, nur mit ihnen zusammen.
Kai Ritzmann
| Keine homogene Gruppe |
| Die Studie des Berlin-Instituts kommt zu dem deprimierenden Ergebnis, dass „Zugewanderte im Durchschnitt schlechter gebildet, häufiger arbeitslos“ sind und „weniger am öffentlichen Leben“ teilnehmen als die Einheimischen. Während den türkischstämmigen Bürgern bescheinigt wird, sie seien „schon lange im Land – und noch immer nicht angekommen“, heißt es über die deutsch-russischen Aussiedler, sie seien „auf dem Weg zur Normalität“. Auch Immigranten aus dem Fernen Osten schnitten im Vergleich „überraschend gut“ ab, attestiert wird ihnen ein ausgesprochener „Bildungshunger“. Jüngst kam eine Untersuchung des Sinus-Instituts zu der Erkenntnis, dass Menschen mit Migrationshintergrund „keine sozio-kulturell homogene Gruppe“ bildeten. Für das eigene Selbstverständnis seien „Wertvorstellungen, Lebensstile und ästhetische Vorlieben“ wichtiger als Herkunft und sozialer Status. Kurzum: „Die“ Ausländer gibt es nicht. |
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