



Fabelhafte Weihnachtswelten und verkaufsoffene Sonntage: Händler hoffen im Advent auf volle Kassen.
Berlin. Nicht nur große Einkaufszentren und Kaufhäuser öffnen an den Adventssonntagen ihre Pforten, auch viele Nobelboutiquen sind in diesem Jahr erstmals mit dabei. Berliner Gewerbetreibende setzen vor allem auf die Kauflust der Touristen.
Wird es auch regnen oder schneien in dieser schönsten Zeit des Jahres, mild sein oder frostkalt, wird es aus der Wirtschaft und von den Börsen gute Nachrichten geben oder die Welt mal wieder Kopf stehen, drinnen in den großen Einkaufszentren und Warenhäusern der Stadt wird Weihnachten sein, perfekt inszeniert, wattedick gepolstert gegen die Fährnisse des Lebens da draußen. Drinnen wird nichts dem Zufall überlassen. Drinnen läuft die Adventszeit ab wie ein gut geöltes Uhrwerk.
Budenzauber überall
Seit dem 2. November wurde in den Potsdamer Platz Arkaden gehämmert, gezimmert und getackert. Entstanden ist wieder einmal eine Wunderwelt, die Groß und Klein verzaubern will. Auch die Kollegen vom „Schloss“ sind nicht untätig geblieben. Eine amerikanische Weihnachtsanmutung soll dieses Jahr in das Steglitzer Center einziehen. Und im Lichthof des KaDeWe wird unter einem leuchtenden Firmament aus Sternen, Sonnen und Monden eine „fabelhafte Weihnachtswelt“ aufscheinen, mit Karussell, Spiegelkabinett und fliegenden Schwänen. Weihnachten kann kommen.
Es wird kommen, ganz gewaltig. Die Hauptstadt gilt mittlerweile im Umland, in Deutschland, aber auch im Ausland als ausgesprochene Weihnachtsmetropole. „Auf allen Kanälen“ habe man die adventlichen Großstadtamüsements international kommuniziert, freut sich Christian Tänzler, Sprecher der Berlin Tourismus Marketing. Die Angebote unter dem Namen „Winterzauber“ brächten „richtig viele Gäste“ in die Stadt, seit dem Start der Aktion 2004 seien 6,5 Millionen Gäste zusätzlich angereist und hätten für einen geschätzten Bruttoumsatz von 1,3 Milliarden Euro gesorgt.
Weihnachten in Berlin, da ist sich der Werbefachmann sicher, ist „eine Marke geworden“. Nicht unwesentlich zu dieser Erfolgsgeschichte beigetragen hat ohne Zweifel die enge Verzahnung der Fremdenverkehrskampagne mit der Offerte, an den verkaufsoffenen Adventswochenenden Geschenke und Mitbringsel besorgen zu können. Die Besucher kommen, weil sie zwanglos einkaufen können. Und die Geschäfte öffnen und verdienen, weil die Besucher kommen. Die Erfolge bedingen sich gegenseitig. Eine richtig gute Planung.
Bereits zum dritten Mal dürfen nun die Läden an den Sonntagen im Dezember auch zwischen 13 und 20 Uhr öffnen. Wo Fremde und Einheimische in Massen zusammenfinden, hat diese zusätzliche Konsummöglichkeit besonders starke Effekte. In den von Touristen hauptsächlich frequentierten Einkaufszonen wie dem Kurfürstendamm, der Friedrichstraße oder dem Alexanderplatz würden, schätzt die Industrie- und Handelkammer, allein von den Auswärtigen 40 bis 50 Prozent der Umsätze geleistet. Kein Wunder also, dass etwa Galeria Kaufhof am Alexanderplatz, die Quartiere an der Friedrichstraße und Geschäfte am Kurfürstendamm und Tauentzien die Möglichkeit nicht verstreichen lassen, auch an den Sonntagen vor Weihnachten die Registrierkassen in Gang zu setzen.
Zwischen Wittenberg- und Olivaer Platz beteiligen sich neben dem KaDeWe große Filialketten wie Nike, Peek & Cloppenburg, H&M oder Adidas. Zum ersten Mal nehmen auch die meisten der noblen Boutiquen teil, darunter Yves Saint Laurent und Gucci, Jil Sander und Hermès, Louis Vuitton und Cartier, Bulgari und Chopard. Andere bekannte Namen allerdings wie Bogner oder Budapester Schuhe fehlen auf der Liste. Dort ist man zu der Erkenntnis gelangt, dass gerade das eher touristische Publikum nicht viel zum zusätzlichen Umsatz beitrage. Vor allem in den schicken Seitenstraßen hält sich die Begeisterung dafür, auch an den Adventssonntagen verkaufen zu dürfen, in Grenzen. Für „Brandenburger, die hier lang ziehen und nur gucken wollen“, lohne sich aus ihrer Sicht die Öffnung „überhaupt nicht“, sagt Hosta Müller, Inhaberin von „Oggi“ in der Bleibtreustraße.
Über den Erfolg des fast ununterbrochenen Einkaufsvergnügens entscheidet aber nicht allein die Lage. Auch das Konzept trägt viel dazu bei, ob die Saat aufgeht. Zwar signalisiert Ingo Herpolsheimer von der Arbeitsgemeinschaft Schloßstraße eine „hohe Beteiligung“ des dortigen Einzelhandels an der Sonntagsaktion, doch zu einer einheitlichen Straßenbeleuchtung wie in den vergangenen Jahren konnte man sich nicht durchringen.
Nicht zuletzt wegen der Straßenarbeiten und des leer stehenden ehemaligen Wertheim-Hauses fehlt im Augenblick ein wenig der Zug unter den Geschäftsleuten. Herpolsheimer selbst, Besitzer eines Spielzeugladens, hat Zweifel am geschäftlichen Sinn der liberalen Sonntagsregelung. Ob es sich auszahlt? „Mal sehen“, sagt er.
Und er fragt sich auch leise, ob die Menschen die Adventssonntage mit Einkaufen verbringen möchten. „Wollen die das wirklich, oder wollen sie nicht lieber zu Hause backen, sich treffen, mit der Familie basteln?“ Nicht jeder Händler stellt, anders als mancher Einzelhandelsfunktionär, den Umsatz über alles.
Es geht auch anders als derzeit an der Schloßstraße, mit einer Idee zum Beispiel. Zu neuen Ufern aufbrechen möchte die Wilmersdorfer Straße. Mit dem „1. Kulturweihnachtsmarkt“ will man weg vom „Bratwurst- und Glühwein-Image“, wie Thomas Bong von der AG Wilmersdorfer Straße sagt. Gemeinsam sei man stark, gemeinsam wolle man die Chancen der Sonntagsöffnung ergreifen und „neue Kundschaft“ locken. „Es lohnt“ sich, gibt sich der Apotheker zuversichtlich.
Wann, wenn nicht jetzt
Lohnen würde es sich auch für den Spielwarenfachhändler Konrad von Kloeden. Wann, wenn nicht in der Vorweihnachtszeit, müsste der Laden brummen. Tut er auch, 60 bis 70 Prozent des jährlichen Umsatzes macht er im November und Dezember. Und dennoch: An den Sonntagen wird sich in dem Traditionsgeschäft nichts rühren. Die adventlichen Feiertage, sagt von Kloeden, „sind für uns ganz wichtig“ – doch „mit uns“ meint er nicht das Geschäft. Vielmehr spricht er von seiner Familie. Wenn andere satte Gewinne machen, treffen die Kloedens sich zum Kirchgang, zum gemeinsamen Essen, zum Reden. Die Spielsachen bleiben dann unter sich. Das darf man eine Haltung nennen.
Kai Ritzmann
| Zehnmal im Jahr |
| Nach der aktuellen Regelung des Landes Berlin dürfen Geschäfte an zehn Sonn- und Feiertagen im Jahr von 13 bis 20 Uhr öffnen, also auch an allen vier Adventssonntagen. Für den Chef des Handelsverbandes Berlin-Brandenburg, Nils Busch-Petersen, handelt es sich bei dieser Dezember-Regelung um eine „bewährte Tradition“ und um einen „Familieneinkaufstag“, an dem sich familiäre Adventsgestaltung, einschließlich des Kirchgangs, und Einkaufslust durchaus vereinen ließen. Dem widersprechen die Kirchen, die sich auf die im Grundgesetz verbürgte sonntägliche „Arbeitsruhe“ samt „seelischer Erbauung“ berufen. Die evangelischen und katholischen Landeskirchen klagen derzeit vor dem Bundesverfassungsgericht. Die Gewerkschaften ihrerseits befürchten eine Aushöhlung der tariflichen Arbeitsverträge. |
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