In der Alba-Sortieranlage am Hultschiner Damm in Mahlsdorf landen die Leichtverpackungen aus der gelben Tonne. Foto: Alba
In der Alba-Sortieranlage am Hultschiner Damm in Mahlsdorf landen die Leichtverpackungen aus der gelben Tonne. Foto: Alba

Mülltrennung: Für viele ein lästiges Übel

Besonders die braune Bio-Tonne stößt vielerorts auf Ablehnung. BSR und Alba wollen Recycling weiter ausbauen.

Berlin. Die privaten Haushalte produzieren den meisten Müll. Jeder Berliner wirft im Jahr 350 Kilogramm Abfall weg. Insgesamt müssen knapp eine Million Tonnen beseitigt werden. Fast 80 Prozent davon ist Hausmüll.

Knapp ein Viertel wird bisher weiter verwertet. Seitdem Berlin seinen Müll nicht mehr in Brandenburg deponieren darf, sind Alternativen gefragt. Ein Weg ist die Trennung und Wiederverwertung der Abfälle. Damit tun sich die Berliner teilweise jedoch schwer. Gelb, grün, blau und braun sind die Farben der Abfallbehälter. Seit Jahren wird in vielen Haushalten brav getrennt. Pappe in die blaue Abfalltonne, Plastik in die gelbe, Glas je nach Farbe in weiße oder grüne Container, Blumen, Gemüse- und Obstschalen in die braune Tonne und der Restmüll in die graue. Wer ökologisch denkt, sammelt zudem Kork, Batterien und CDs extra. Doch den meisten ist die Müllsortierung auch lästig.

Mülltüten im Fahrstuhl


„Neuerdings fahren Mülltüten im Fahrstuhl hoch und runter und wieder zurück.“ Mieterin Gundel Wichmann versteht Nachbarn nicht, die ihren Müll einfach im Lift abstellen, anstatt ihn in die Tonne zu werfen. Die 68-Jährige lebt seit zehn Jahren im Märkischen Viertel in Reinickendorf. Seitdem sammelt sie getrennt Pappe, Papier, Flaschen und Verpackungen. „Die Wertstoffe kommen in die Behälter auf dem Hof“, sagt die Mieterbeirätin des Seniorenhauses am Eichhorster Weg. Bis zur Sanierung Mitte 2008 wurde normaler Hausmüll in den Müllschluckern auf den einzelnen Etagen des Seniorenhauses entsorgt. Die Wohnungsbaugesellschaft Gesobau Mitte ließ diese jedoch im Zuge der Bauarbeiten schließen. Seitdem beobachtet Gundel Wichmann nicht nur herrenlose Mülltüten im Fahrstuhl, sondern auch Marmeladengläser im Flur. „Manche stellen ihre leeren Gläser einfach vor die Tür und warten darauf, dass sie jemand wegräumt“, ärgert sich die Seniorin.

Mieter sparen Geld


Allein im Märkischen Viertel verwaltet die städtische Gesellschaft 15000 Wohnungen. In anderen Hochhäusern steht die Schließung der Abfallschächte kurz bevor. „In Häusern mit Müllschluckern ist die Trennquote geringer als in Häusern ohne“, resümiert Kirsten Huthmann, Sprecherin der Gesobau. Deshalb sei geplant, die Schächte zu schließen. Ordentliches Trennen bringe den Mietern zudem Vorteile, da die gelben Tonnen kostenlos sind. Huthmann: „So sparen wir rund 60 bis 110 Euro pro Wohnung im Jahr an Gebühren.“

Auf 80 bis 90 Euro schätzt auch die Wohnungsbaugesellschaft Degewo die Einsparungen durch Mülltrennung. Die Degewo verwaltet etwa 30000 Wohnungen und Gewerbeeinheiten, davon 18000 in Marzahn. Sie macht ähnliche Erfahrungen wie die Gesobau. „Dort, wo es Müllabwurfanlagen gibt, ist die Trennquote befriedigend“, sagt Birgit Hoplitschek, Sprecherin der Degewo. Teilweise setzte die Gesellschaft professionelle Mülltrenner ein. „Das kostet natürlich Geld, wenn der Hausmüll nachträglich sortiert wird.“ Daher reduziere sich die Ersparnis auf etwa 30 Euro pro Haushalt. „Da wir in Marzahn seit Jahren den Abfall getrennt sammeln, konnten wir einige Gebührenerhöhungen auffangen“, so Birgit Hoplitschek. Weitere Einsparungen seien derzeit jedoch nicht mehr zu erzielen.

Dafür hat die Degewo eine Müllpartnerschaft mit dem Berliner Entsorgungsunternehmen Alba geschlossen. „Mitarbeiter von Alba treffen sich regelmäßig mit Hausmeistern. Gemeinsam besprechen sie Verbesserungen bei Abfuhr und Sortierung. Das klappt gut“, betont die Degewo-Sprecherin.

Alba betreibt sogenanntes Müllmanagement und arbeitet mit den großen Wohnungsbaugesellschaften der Stadt zusammen. 400000 Haushalte entsorgen ihre Verpackungen durch Alba. Das bringt für die Mieter Vorteile. Denn sie werden in den gelben Containern nicht nur Plastik los, sondern auch Kleinelektrogeräte wie Rasierer oder Kaffeemaschinen. Daneben sammelt die Berliner Stadtreinigung (BSR) in der Siedlung der Degewo auch Biomüll. Das wird es im Märkischen Viertel nicht geben. Dagegen haben sich die Mieter schon vor Jahren ausgesprochen. Denn viele Berliner ekeln sich vor den braunen Tonnen.

Dem Bestreben der Gesobau, die Wertstoffquote im Märkischen Viertel zu erhöhen, stehen viele Mieter mit gemischten Gefühlen gegenüber. Mieterbeirat Werner Müller: „Bei uns am Senftenberger Ring sollen die Müllschlucker ebenfalls geschlossen werden. Die Mieter sind dagegen. Und wer bisher seinen Müll nicht trennt, wird es voraussichtlich auch künftig nicht tun.“ Durch die Schließung der Müllschlucker gehe viel Komfort verloren. „Wenn meine Frau Fisch brät und ich die Abfälle herunterbringen soll, muss ich mir erst Jacke und Schuhe anziehen, dann zwölf Stockwerke mit dem Fahrstuhl nach unten fahren und danach wieder hoch“, so Müller. Abgesehen von diesen Unannehmlichkeiten, gäbe es viele ältere Menschen, die die Deckel der Container gar nicht aufbekommen. Dass nicht jeder in der Lage ist, seinen Müll ordentlich zu entsorgen, weiß auch die Senatsumweltverwaltung. „Um die Müllmenge weiter zu reduzieren, ist es wichtig, Müll zu trennen“, so Mitarbeiter Carlo Zandonella.

Berlin auf gutem Weg

Deshalb orientiere man sich am Durchschnitt der Bevölkerung, und der käme mit den Containern gut klar. Er weiß aber auch: „Leider stößt die Vorsortierung des Hausmülls in der Bevölkerung zunehmend auf Widerstand.“ Nach seiner Einschätzung könnten noch mehr Wertstoffe aus dem Müll geborgen werden. So landen jährlich immer noch 520000 Tonnen in der Verbrennungsanlage. Mit zwei weiteren Anlagen, die Müll aussortieren und trocknen, sei Berlin auf einem guten Weg, den Wiederverwertungsanteil zu erhöhen. Zandonella: „Das gelingt jedoch nicht ohne vorherige Sortierung durch die Haushalte.“

Trotz vieler Trenngegner sind BSR und Alba mit der Disziplin der Berliner in puncto Mülltrennung zufrieden. Alba-Sprecher Axel Bahr: „Nur etwa zehn Prozent des Abfalls, den wir sammeln, gehört nicht in unsere Tonnen.“ Auch die BSR hat keinen wirklichen Grund zum Klagen. Sprecherin Sabine Thümler: „Sicher gibt es Unterschiede in den Ortsteilen. Haushalte in Einfamilienhausgebieten trennen beispielsweise konsequenter.“ Die BSR setzt trotz Ekelfaktor künftig auf noch mehr Bioabfälle. Eine Vergärungsanlage mit einer Kapazität von 60000 Tonnen pro Jahr soll Ende 2010 im Gewerbegebiet An der Freiheit in Ruhleben in Betrieb gehen. „Mit dem Gas aus der Anlage wollen wir unsere Wagen betanken“, sagt Sabine Thümler von der BSR.

Marianne Rittner



Keine neue Erfindung
Mülltrennung ist keine neue Erfindung. Bereits Ende des 19. Jahrhunderts bestückte die damals vor den Toren Berlins liegende Stadt Charlottenburg die Hinterhöfe mit jeweils drei Abfallbehältern. Eine Tonne war für Asche und Kehricht vorgesehen, eine andere für Küchenabfälle und die dritte für Papier, Pappe, Scherben, Lumpen, Metall und Holz. Ziel des sogenannten Charlottenburger Dreiteilungssystems war es, Abfälle zu verwerten und damit finanziellen Gewinn zu erzielen. So fielen im Jahr 1909 beispielsweise 48.000 Tonnen Müll bei den 228.000 Charlottenburgern an. Es regte sich aber schnell Widerstand gegen die Mehrarbeit der Hausfrauen. Denn sie waren es, bei denen die Sortierung des Mülls hängen blieb, wie die Autorinnen Esther Hoffman und Ingrid Laude in ihrem Beitrag im Buch „Müll von gestern“ (herausgegeben von Susanne Köstering und Renate Rüb, ISBN 3-8309-1258-7, Preis 19,90 Euro) schreiben. Das System scheiterte letztendlich an der schlechten Sortierung durch die Haushalte. Rit


Weitere Online-Angebote der Axel Springer AG:
AUDIO VIDEO FOTO BILD | BERLINER MORGENPOST | BILD | BILD am SONNTAG | BILD der FRAU | B.Z. | COMPUTER BILD | COMPUTER BILD SPIELE | DIE WELT | WELT am SONNTAG | €URO | EURO am SONNTAG | FAMILIE & CO | HAMBURGER ABENDBLATT | HAMBURGER WOCHENBLATT | HÖRZU | JOLIE | MÄDCHEN | METAL HAMMER | MUSIKEXPRESS | POPCORN | ROLLING STONE | SPORT BILD | STARFLASH | TV DIGITAL | YAM! | www.autobild.de | www.immonet.de | www.stepstone.de | www.arbeiten.de | www.idealo.de | www.dvd-idealo.de | www.spiele-idealo.de | buch-idealo.de | www.axel-springer-akademie.de 
www.axelspringer.de

© 2004-2010 Berliner Wochenblatt Verlag GmbH - Alle Rechte vorbehalten. Impressum Datenschutz
Berliner, wochenblatt, woche, redaktion, anzeigen, kleinanzeigen, download, beilagen, zeitung, anzeigenblatt, wochenzeitung, kostenlos, gratis, Marktführer, Nr. 1, lokalzeitung, lokal, Berlin, Hallo, Spandau, Spandauer, Volksblatt, Reichweite, Leserreisen, Leser, Reportage, Motorradtouren, Stellenmarkt, Ausgaben, Werben, Themenplan, Leseranalyse, Referenzen, Werbeprospekte, Direktverteilung, Centerzeitungen, Prospektanzeigen, Autorenwettbewerb, Durchblick, Berliner Helfen, Leseraktionen, Ostpool, Zustellqualität, Halfcover, Flying Page, Jobs, Vertriebsqualität, Einkaufscenter

 

LESERAKTIONEN



Frage der Woche

 

 

Sollte es besondere Verkehrsregeln für Radfahrer geben?


ja
nein

Vor Abstimmung bitte Zeichenfolge eingeben.
Captcha-Code



Ergebnis der Vorwoche

Halten Sie die Maßnahmen gegen Ambrosia für ausreichend?
 
ja: 17%
 
nein: 83%
 

100 Stimmen gesamt